Ausgabe 
4.10.1913 Erstes Blatt
 
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( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 25 pfg. monatlich vierteljährlich 75 Big., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig ausgabestellen vierteljährlich 60 Pfg. Erscheint

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Mittwoche und Samstage. Redaktion: Selters. weg 83. Für Aufbewahrung oder Rüdiendung nich verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der Gießener Zeitung" G. m. b.

Nr. 80.

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1. Blatt.

Vom Balkan.

Die Rämpfe bei Prizrend dauern fort. Für operative Zwecke gegen die Albaner und die Er­haltung der Ruhe in den neuen Gegenden wurde im Bezirk Kossowo eine mazedonische Militärverwaltung mit dem Sig in Uestüb gegründet.

Trotz aller blutiger Opfer in den beiden Balkan= triegen könnten sich die Streitigkeiten über die Länder grenzen zu neuen ernsten Konflikten zuspitzen, aber der Geldmangel macht sich zu stark bemerkbar. Am meisten in Serbien, aber auch sonst zeigen die an­deren Staatstassen bedenkliche Leere. Die Griechen werden es kaum darauf ankommen lassen, gegen die Türkei bewaffnet aufzutreten, trotzdem von neuen Trup­pen- Einberufungen gemeldet wird, und ebenso werden die Bulgaren ihren Drang zügeln, die Gelegenheit zu benützen, ihren Verlust auszugleichen, denn Ru= mänien steht nach wie vor Gewehr bei Fuß

da

Politische Rundschau.

Deutschland.

am

* Der Kaiser traf, von Rominten kommend, Freitag mittag 1 Uhr mit dem Fürsten zu Dohna und den Herren des Gefolges in Königsberg i. Pr. Sauptbahnhof ein und begab sich im Automobil zu den neuen Kasernements des Grenadierregiments König Fried­rich Wilhelm 1. am Roßgärtertor. Vor der festlich ge= schmückten Kaserne hatte das Regiment Aufstellung ge­

nommen.

Erpedition: Seltersweg 83.

Samstag, den 4. Oftober 1913.

König Friedrich August von Sachsen, hat dem Reichstage 100 Einladungen zur Ein­weihung des Leipziger Völkerschlachtdenkmals zugehen lassen, die unter die Fraktionen verteilt werden sollen.

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* Berlin, 3. Okt. In der Sitzung des Bun desrates wurde die Wahl der Bundesstaaten in die Ausschüsse von 3 bis 11 vollzogen. Den zuständigen Ausschüssen wurden überwiesen ein Antrag Bayerns, Württembergs, Badens und Elsaß- Lothringens betreffend den Entwurf des Gesetzes über die Aenderung des Zoll­vereinigungsgesetzes vom 3. Juli 1867, den Entwurf des Gesetzes über die Wiederaufnahme des Disziplinar verfahrens, den Entwurf von Bestimmungen über die Herstellung von 3igarren usw. in Heimarbeit, den Entwurf der Ausführungs- Be= stimmungen zu§ 107-1 des Branntweinsteuergesetzes, den Entwurf über die Ausführungsbestimmungen über die Gewährung von Beihilfen an Kriegsteilnehmer und den Entwurf der Vorschriften zur Abänderung der Vor­schriften über den Befähigungsnachweis und die Prüf­ung der Maschinisten auf Seedampfschiffen. Zugestimmt wurde der Aenderung der Zuckersteuer und der Aus= führungsbestimmungen, dem Antrage betreffend die Aus­führungsbestimmungen zum Reichsstempelgeset vom 3. Juli 1913 und der Vorlage betreffend die Amtsdauer der gegenwärtigen nichtständigen Mitglieder des Reichs­versicherungsamts aus dem Stande der Arbeitgeber und Versicherten.

Von informierter Seite wird bestätigt, daß im Bundesrat heute irgend ein auf die Thronfolge, in Braunschweig bezüglicher Antrag noch nicht vor­lag.

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Desterreich.

Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Petitzeile für Auswärts 20 Pig Die 90 mm breite Reklame Zeile 50 Biennia Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe beredinet. Mabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs. zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder be Konture in Weqiall. Vlazzvorschriften ohne Verbindlichtei Druck der Gießener Verlaaddruckerci, Albin Stein

Telephon Nr. 362.

25 Jabru.

dem Generalkonsul Ritter von Halm. Es wurden Fra­gen angeschnitten, die in naher Zukunft Gegenstand von Verhandlungen zwischen Serbien und Desterreich- Ungarn bilden sollen: Die Frage des Handelsvertra ges und die Frage der Eisenbahnen. Bezüglich Albaniens sei durchaus der Wunsch Serbiens, daß die Bestimmungen des Londoner Vertrages, betreffend des zukünftigen Albaniens ganz ausgeführt werden. In Wiener diplomatischen Kreisen verlautet, daß der Prinz zu Wied noch im Laufe dieses Monats in Wien einen Besuch machen wird, der mit seiner a I- banischen Thronkandidatur im Zusammen­hance steht.

Wien, 3. Oft. An dem Frühstück im Mini­sterium des Aeuzern zu Ehren des Ministerpräsidenten Paschitsch, nahmen die Ministerpräsidenten Grafen Tisza und Stuergth, der serbische Gesandte Jwanowitsch. Fi­nanzminister v. Bilinski und die Sektionschefs Frhr. v. Macchio und Graf Forgach teil. 2c. Vor dem Früh stück besuchte Ministerpräsident Paschitsch den Grafen Berchtold im Ministerium des Aeußern. Paschitsch tonferierte außer mit dem Gesandten Jwanowitsch mit dem Direktor des Wiener Bankvereins, Poppen, und

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England.

Staatssekretär Dr. Solf ist am 26. Septem­ber in Lagos angekommen, wo ihm ein festlicher Em­pfang durch die englisch e Regierung bereitet wurde.

Frankreich.

Briey, 3. Olt. Die Agence Havas" meldet: Gestern früh gegen 9 Uhr überschritt ein deut­cher Hauptmann mit einer Maschinengewehrab­teilung und drei Kavalleristen in Uniform verseh= entlich die Grenze in der Nähe von Ferme- Vil­lers our Boir in der Gemeinde St. Marcel. Als sie be­reits einige Hundert Meter diesseits der Grenze waren, machten auf dem Felde arbeitende Landleute sie darauf aufmerksam, daß sie sich auf französischem Gebiete be= fänden. Der Offizier und die Reiter lehrten daraufhin sofort im Galopp über die Grenze zurück.

Schweden.

König Gustav von Schweden, bei wel­chem sich vor einigen Tagen ein Rückfall seiner Ma= genfrankheit eingestellt hatte, hütet auf ärztlichen Rat auf einige Zeit das Bett, um sich der Behandlung besser unterziehen zu können. Der Kronprinz hat die Re­gentschaft übertragen bekommen.

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Nach dem Sturm. Erzählung von Emil Frank.

( Nachdruck verboten.)

Die furze Wegestrecke vom Parktor zum Schloß wurde zu Fuß zurückgelegt. Ein Ausdruck unverhohle­ner Freude lag auf den Gesichtern der Komtessen und Slawa sagte nur immer und immer wieder: Mein lie- · bes, liebes Krzemien!" Der Graf führte seine Töchter selbst in die Zimmer, die er eigens für sie hatte möblie­ren lassen. Sie waren so wohnlich und traut, so freund­lich und anheimelnd; nichts war vergessen, was junge Damen gern um sich haben, und alles war so charakteri­stisch, dem Geschmack und dem Wesen jeder der Kom­tessen entsprechend gehalten, daß Jadwiga ihr Erstau­men darüber nicht unterdrücken konnte. Das hat auf meinen Wunsch Frau Sojka besorgt," erklärte der Graf und nun war das Rätsel gelöst.

Bald waren Jadwiga und Slawa ganz und gar zu Hause. Die größte Befriedigung empfanden sie darüber, daß man an ihrem geliebten Park teine wesentlichen Veränderungen vorgenommen hatte. Der Teil vor dent Schloß fah in seiner Blumenzier sehr korrekt aus, die abgelegenen Teile aber hatte man verschont. Jadwiga and Slawa erwählten sich alsbald ihr Lieblingsplätz­chen, das lag natürlich an der alten, großen Barfmauer.

An einem der folgenden Zuge laßen Jadwiga und Slawa bel Sofkas, Frau Sojka, die in der The etn we­mig rundlich und bequem geworden war, faß in einem orbsessel, die Komtessen hatten im Sofa

verzüglich nach Krzemien geeilt, um von seinem kleinen Wirkungskreis Besitz zu nehmen.

Einige Tage darauf hielt auch die neue Gouver­nante Einzug auf Schloß Krzemien. Slawa ging ihr ein wenig mißtrauisch entgegen. Der Gedanke war ihr von Anfang an unsympathisch gewesen, auch jetzt noch un­ter Vormundschaft zu stehen, unter Aufsicht einer Frem= den lernen zu sollen. Aber sie hatte nicht gewagt, zu op­ponteren, und jetzt mußte sie sich halt in das Unvermeid= liche fügen. Sie wollte abwarten, wie sich das Fräulein zu ihr stellte und danach ihr Benehmen einrichten. Das sprach sie auch Jadwiga gegenüber aus: Wenn das Fräulein mich wie ein Kind behandelt, benehme ich mich auch wie ein Kind und mache ihr das Leben sauer nach allen Regeln der Kunst. Ich bin nicht umsonst so lange in der Pension gewesen. Da lernt man, mtt solchen Damen umzugehen." Dabei aber lachte sie fröh­lich und ließ thre weißen Perlenzähne sehen, daß auch Jadwiga lachen mußte. Sie kannte ihr Schwesterchen zu gut, um nicht zu wissen, daß Slawa feinem Menschen etwas zu leide tat. Sie war halt noch ein halbes Kind trotz ihrer 17 Jahre.

Fräulein Maria Linromska, so hieß die neue Gou­vernante, sah nicht danach aus, als wollte sie der Kom­tesse das Leben verbittern Sie war noch sehr jung, hatte bisher in einem Institut Aushilfeftunden erteilt und war auf Empfehlung einer älteren Freundin nach Krzemien gekommen, Das fleine hübsche Fräulein blickte voll Jugendlust in die Welt, und an dem schel­mischen Aufleuchten ihrer Augen konnte man es mer­und Gemessenhett thre Würde zum Ausdruck zu brtn­

men. Slawa erzählte eben von ihrem Zuſammenſntent, daß sie weit davon entfernt war, durch Steifheit mit dem Doktor. Da tot sich die Türe auf, und mit gen. Es dauerte nicht lange, da hatte fie den lezten uinem herzlichen Guten Tag" trat der junge Arzt ins Bimmer War das ein Wurder! Dr. Sojka klärte al­Les rasch auf. Er hatte eher von seiner Stelle als As­stenzarzt freikommen können, und so war er denn un­

Rest der Befangenheit verloren und fte war die er­tlärte Freundin Slawas. Kein Mensch machte ihr Vor­schriften, wie ste thr Amt ausüben sollte, der Graf hatte fich gelegentlich geäußert, daß es ihm weniger um etn

systematisches Unterrichten seiner Tochter zu tun set, sie solle sehen, gelegentlich Slawas Wiffen zu vervoll­fommnen, thre Lektüre bestimmen, thre Fertigkeit in fremden Sprachen zu fördern. Als Slawa das erfuhr, atmete sie erleichtert auf und sagte: Also diese Angst war überflüssig; ich hatte nämlich gefürchtet, Sie wür­den sie mit mir egerzieren müssen. Das, was Papa verlangt, können wir ja allenfalls tun, ganz gelegentlich, wir er sagt!" Ste lachte schelmtsch auf, und die beiden verstanden sich von dieser Zeit ab ganz vorziiglich.

Baron Kappel kam sehr häufig nach Krzemien, das brachten schon die geschäftlichen Beziehungen zum Gra­fen mit sich. Selbstverständlich blieb er fast jedesmal zum Essen, denn der Graf wünschte dringend, daß Kap­pel an Jadrpiga Gefallen finden möchte. Er wußte felnen Mann, dem er seine Tochter lieber anvertraut hätte, als setnem Freund Kappel. Vorläufig aber schien es noch immer zu feinem guten Einvernehmen zwischer Jadwiga und dem Baron tommen zu wollen. Fast ständig fam es zu kleinen Blänkeleien zwischen den beiden, Jadwiga schien ein besonderes Gefallen daran zu finden, den Baron zu reizen, ihm zu wider­sprechen, ihn fühlen zu lassen, daß sie nicht das Kind set, für das er sie hielt. Graf Warminsti beobachtete eine Zettlang dieses seltsame Gefecht. In seinen Mte nen war deutlich genug ausgeprägt, daß ihm das Auf­treten seiner Tochter nicht behagte. Aber er war immer noch in den Glauben, Jadwigas impulsive Natur set schuld daran, und er wollte die Sache auf sich beruhen lassen. Als er aber wahrnahm, daß Jadwiga gegen andere Herren, wie beispielzeise gegen Dr. Softa, recht Itebenswürdig war, verdro 3 ihn noch mehr, und er beschloß, Jadwiga auf ihr offendes Be­nehmen aufmerksam zu machen.

Was war denn eigentlich die Ursache dieser erotgen Strettigtetten?

( Fortsetzung folgt.)