Ausgabe 
9.10.1912 Erstes Blatt
 
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Gießener Zeitung

Bezugspreis 40 pfg. monatlich

( Neueste Nachrichten)

verteljährlich 1,20 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig ausgabestellen vierteljährlich 90 Bfg.- Erscheint Mittwoche und Samstags. Redaktion: Selters­weg 83, Für Aufbewahrung oder Rüdiendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Berlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

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Nr. 81.

1. Blatt.

Zu den Balkan- Wirren.

Die Frage, die jetzt auf allen Lippen liegt, ob s nun wirklich noch gelingen werde, den Ballan Viellach prämiert mi rieg zu verhindern, oder nicht, läßt sich selbst denen Medaillen weinem bescheidenen Anspruch auf Sicherheit heute noch Ehrenpreist beantworten. Wohl aber läßt sich sagen, daß sie

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noch manche en Eigenschaften utzen verstehen. enpulver etc. über­folgende bewährte

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mersichtlicher geworden ist. Es ist sogar gelun­gen, das Einvernehmen der Mächte über ihr Vorgehen

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auf dem Balkan zur Erhaltung des Friedens herzustel­Irgend ein entscheidender Schritt ist jedoch noch mit getan. Durch den jetzigen Versuch der Türkei milfreiwilligen Reformen in Mazedonien Dem Schritte der Mächte zuvorzukommen, fönnte die Rage eine neue Komplitation erfahren. Deutsch land, darüber fann ein Zweifel nicht bestehen, unter­hitje de Aktion, die den Frieden sichern kann, and was den anderen Mächten am zweckmäßigsten er­Feint, darf auch auf seine Zustimmung rechnen. Sich in en Vordergrund zu drängen, hat es nach wie vor kei­men Anlaß. Scheinen nun so die fallerdings lechten Chancen der Friedenserhaltung sich nicht Jerade weiter verschlechtert zu haben, so darf man an= beseitig die nach dem europäischen Westen gelangenden Deldungen aus türkischen und bulgarischen Kreisen, daß man unter allen Umständen losschlagen werde, nicht alten.( Bei besonders az unbeachtet lassen. Bulgarien, so wird betont, Henkel's Bleichsodat eine ernsthafte Macht, die, was sie tut, mit vollem ten über Nacht) in Zum Schluß wird eu tsein und mit flarer Berechnung der Konsequen­tut; sie würde, wenn sie nicht entschlossen wäre, Leszuschlagen, nicht so weit gegangen sein, wie sie tat­che ist nicht nötiglich gegangen ist. Die Türkei aber, so betont man auf der anderen Seite, schreit ja geradezu nach bm Ballantrieg. Seit einem Jahre muß die vortreff

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Das Glückskind.

Roman von Frene von Hellmuth. ( Nachdruck verboten.) I. Geulend fuhr der Herbstwind durch die Straßen der Chot, er rittelte an den Fenstern, daß fie letse Eltrrten,

riß unbarmherzig die letzten gelben Blätter von Bäumen, so daß diese die völlig kahlen Aeste wie Egend emporstreckten zum nachtschwarzen Himmel, an Et feln einatger Stern sich zeigen wollte.

Wer nicht notgedrungen hinaus mußte, der blteb chillenden Hause. Jetzt hatte der wittende Sturm men lockeren Fensterladen erfaßt, und schleuderte den­Den mit solcher Gewalt gegen die Mauer des Hauses, ß der Krante drinnen im Zimmer erschrocken aus Rinem Halbschlummer erwachte und fich mühsam ein enig im Bett aufrichtete.

tauration statt und Beib, die Hände wie krampfhaft verschlungen; den

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Bor demselben lag auf den Knien ein noch junges Supf hatte sie am Bettpfosten gelehnt, und man sah es, wie ein schmerzliches Schluchzen den Körper erbeben machte.

Mathilde," fagte der Kranke mit matter Stimme, bist Du bei mir?". Eine fleine Pause entstand, die Angeredete hob ein wenig den Kopf, indes der Leidende fortfuhr: Ach, B: die Nacht schon vorüber wäre, die schreckliche, grauenvolle, wo man sich so verlassen fühlt, so einsam, oder Schlaf die brennenden Augen flieht; ich meine, & stirbt sich viel leichter an einem sonnenhellen Tage, as in solch finsterer, entsetzlicher Sturmnacht."

Sprich nicht, vom Sterben, Eduard," flehte schau­dernd die Frau, indem sie das tränengebadete Gesicht denn Gatten zukehrte, Du sollst, Du darfst nicht sterben, jeßt nicht, wo ich eingesehen habe, wie viel mir gut machen bleibt und wie vieles ich verschuldet."

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Expedition: Seltersweg 83.

Mittwoch, den 9. Oktober 1912.

liche türkische Armee einem Kriege zusehen, in dem ein gut Teil des ottomanischen Prestiges verloren geht, ohne daß fie auch nur die Möglichkeit hätte, einzugrei­fen; aber auch politisch muß der Türkei außerordentlich viel daran liegen, den Frieden mit Italien, dessen Zu­standekommen gesichert erscheint, wenn er auch noch we

nige Tage auf sich warten lassen wird, durch einen neuen

Krieg in Vergessenheit zu bringen. In den allerletzten Tagen ist mun, wie gesagt, ein gewisser Wandel zu

besserer Zuversicht eingetreten; aber irgendeine Entschei­dung ist nicht gefallen.

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Sofia. Die ins Auge gefaßte österreichisch- russische Aktion in Sofia hat hier ein gewisses Un­behagen hervorgerufen. Von sehr berufener Seite er= klärt man, daß diese Intervention, falls man durch die­selbe den Krieg zu verhindern hofft, wirkungslos fein werde und daß sie, wenn sie nach dem Kriege erfolge, dem Bestreben der Balkanvölker zuwiderlaufen werde.

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Konstantinopel, 7. Oft. Gestern hat hier ein Kriegsrat stattgefunden. In dem Kriegsrat wurde die militärische Lage besprochen. Der grie­ch is d) e Gesandte überreichte der Pforte eine Note, in der protestiert wird gegen die Beschlagnahme griechischer Dampfer. Weiter wird protestiert gegen die Besetzung von 10 griechischen Dampfern von türkischen Offizieren und Mannschaften. In der Provinz dauern und gebungen für den Krieg an.

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Paris, 7. Oktober. Der türkische Botschafter brachte heute dem Ministerpräsidenten Poincaree offiziell der von der Türkei gefaßten Beschluß zur Kenntnis, das Wilajetgesetz von 1880 in Kraft treten zu lassen.

Wien, 7. Okt. In der Desterreichischen Dele­gation erklärte der Abg. Baernreiter: Es wäre auf das Lebhafteste zu begrüßen, wenn in nächster Stunde die

( Gießener Tageblatt)

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die 44 mm breite nieratenzeile.- Die 90 mm breite Zeile im Reklameteil 50 Pfg. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größze berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs. zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Blagvorschriften ohne Berbindlichkeit. Druck der Gießener Verlagsdruckerei.

Telephon Nr.: 362.

24. Jahrg.

Erhaltung des Friedens gelänge; falls der Ausbruch des Krieges aber nicht abzuwenden ist, so wäre dessen Lokalisierung eine unbedingte Notwendigkeit. Es sei selbstverständlich, daß, wenn die Stunde der endgültigen Regelung der Verhältnisse auf dem Balkan schlage, Desterreich seine Interessen, ohne agressiv zu werden, jedoch klar und vernehmlich sprechen lassen werde. Die Delegation werde sicherlich der auf die Erhaltung des Friedens gerichteten Politik des Grafen Berchtold ohne

Rückhalt ihr volles Vertrauen aussprechen.( Lebhafter

Beifall.)

Konstantinopel, 8. Oft. Heute mittag überreichte der montenegrinische Geschäftsträger der Pforte eine Note, in der erklärt wird: Da die Tür­fei die Wünsche Montenegros, die Streitfragen zu schlich­ten, nicht erfüllen wollte, sieht sich Montenegro gezwun­gen, sich mit den Waffen Gerechtigkeit zu verschaffen." Der montenegrinische Geschäftsträger ist abgereist. Das Schild an der Gesandtschaft wurde entfernt. Der Schutz der Montenegriner in der Türkei wurde Rußland anvertraut.

In französischen diplomatischen Kreisen ist man von der Kriegserklärung Montenegros sehr überrascht. Man erwartet, daß der montenegrini­schen Kriegserklärung die der verbündeten Balkanstaa­ten folgen werden. Immerhin hofft man noch, Grie chenland aus dem Kreise der verbündeten Balkan- staaten herausziehen zu können, und Bulgarien und Serbien die Unüberlegtheit ihres Schrittes vor Au­gen zu führen.

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Wien, 8. Oft. Trotz der Erklärung Monte­negros, daß es zu den Waffen greifen müsse, wird auch in Cetinje heute noch der Schritt der Mächte

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Der bleiche Mann schüttelte traurig das Haupt: Ich fürchte, es ist zu spät- Thilde,- att spät." Du darfst nicht sterben, Eduard," wiederholte jam­mernd die der Verzweiflung nahe unglückliche Frau.

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D, hättest Du doch früher, vor Jahren schon, auf meine Bitten gehört, Mathilde, freilich, tch trage auch einen Tell der Schuld, ich ich war zu schwach, zu nach­fichtig Dir gegenüber, allein, meine Liebe war zu groß, ich konnte Dich nicht traurig sehen, und traurig wurdest Du jedesmal, wenn ich Dich bat: Schränke Deine Ausgaben ein, ich kann unmöglich so viel ver­dienen, als Du brauchst, wir müffen sparen. Du warst in Lurus aufgewachsen und hattest nie den Wert des Geldes gekannt, tch glaubte aber, Du würdest sparen Iernen, nie." Du lerntest es leider nie

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Der Kranke hielt erschöpft inne und fuhr mit der bleichen schmalen Hand über die Augen.

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Die Frau rang die Hände, eine wahnsinnige Angst sprach deutlich genug aus ihren bleichen Zügen. Aber jetzt,- jetzt werde ich es lernen, mein Edu­ard! Werde mir nur wieder gefund, und Du sollst sehen, was ich alles vermag. Ich will gar keinen einzigen Dienstboten mehr, will arbeiten Tag und Nacht, das Härteste will ich ohne Murren verrichten, nichts soll mir zu schwer sein, wir werden teine Gesellschaften mehr geben, keine besuchen, nicht Theater, nicht Konzerte Du sollst am Abend noch Bälle will ich mehr sehen, nach des Tages Mühen der wohlverdienten Ruhe pfle­gen, ein paar Stunden, so lange Du Lust hast, in Deinen Klub gehen, ich will Dich nie niemals daran hindern, gewiß nicht, Ede, und wenn wir recht sparen, werden wir bald wieder in die Höhe kommen, glaube mir, ich werde alles darau sezen, Dich zufrieden und glücklich zu sehen."

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Ein verklärtes Lächeln zog über das blasse Gesicht des Kranken be: diesen baitia bervorgesprudelten Wor­

ten. Indem er ote Hände faltete, stahl es sich letse, mte etn Gebet, von den blutleeren Lippen:

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" Dwte schön, wie wunderschön, metne Mathilde, mit solcher Aussicht- ja, da möchte ich wohl gerne wieder gesund werden, so oft ich mir früher auch ge­wünscht habe, zu sterben, well ich mir sagen mußte, daß wir dem unvermeidlichen Nutn entgegengehen." Es war, als ob plötzlich der fieche Körper dem star­ten Willen gehorchte: viel fräftiger, als man erwarten durfte, richtete sich der Mann im Bette auf, schlang die Arme um den Hals des geliebten Weibes und schmiegte zärtlich sein meltes Geficht an ihre runde, volle Wange. Thilde, meine liebe Thilde, wirst Du denn auch ge­wiß halten, was du mir eben versprachst?"

Ich schwöre es Dir, Eduard."

Das Weib hob feierlich die Hand empor. Weißt Du noch, Mathilde, wie glücklich wir waren, als vor nunmehr bald acht Jahren unsere Kinder ge boren wurden?"

Die Angeredete nickte, unter Tränen lächelnd. Der Mann aber fuhr fort: Ich war stolz auf das herzige, allerliebste Zwillingspaar, das just in der het­ligen Nacht, als die Glocken hehr und feierlich das schön­ste der Feste einläuteten, zur Welt tam. Ich hatte den Christbaum angezündet, die strahlenden Kerzen be­leuchteten hell die zarten Gesichtchen, Du aber riefft erschrocken, daß das nicht tauge für so junge, des Lichts ungewohnte Augen, und schlangst besorgt ein Tuch um die zarten Köpfchen."

Aus den Augen des Kranken brach ein warmer Strahl, aber die Stimme flang viel leiser, viel ange­strengter, als er auf's neue begann:

" Weißt Du noch, wie jedermann die Geburt der Kinder in solch feierliche. Stunde als ein gutes Zeichen pries, und den kleinen daraufhin eine glückliche Zu­tunft verhieß?- Weißt Du's noch?"