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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mt. Erscheint jeden Werktag früh.- Die Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 25.

-

Telephon: Nr. 362.

Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer

des Großherzoglichen Polizei- Amtes

Behörden Oberhessens

Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

Montag den 30. Januar 1911

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Re flame teil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Gesamtleitung: Albin Klein.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Um die Würde der Volksvertretung. sinnigen, fie müßten an einem Links liberalen fest legierte aus allen Städten des Gaugebiets erscheinen

Auch in diesen Tagen, wo allenthalben im deutschen Lande Kaisers Geburtstag gefeiert wurde und große na­tionale Gedanken anflingen, kommen wir nicht los vom gewohnten politischen Treiben. Die Parteien sind sich flar darüber, was bei den nächsten Wahlen auf dem Spiele steht. Im ganzen sind etwa 600 Kandidaturen aufgestellt, zirka 130 von den Nationalliberalen, 113 von den Sozialdemokraten und 102 von der Fortschrittlichen Volkspartei. Es folgen dann die Konservativen mit 85, das Zentrum, das es sich leisten kann, mit der Aufstell­ung in aller Ruhe vorzugehen, mit 55, Wirtsch. Vereinigung und Reformer mit etwa 50, Reichspartei mit 25, Polen mit 16 Kandidaturen, wäh­rend Welfen, Dänen und Elsässer zusammen etwa 10 Kandidaturen herausgebracht haben. In 80 Kreisen ist noch kein Kandidat aufgestellt, während in 22 Kreisen bereits mehr als drei Anwärter auf die Würde der Volksvertretung in die Arena des politischen Kampfes eingetreten sind.

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Wann die allgemeinen Neuwahlen zum Reichstage stattfinden werden, ist neuerdings wieder sehr fraglich geworden. Einesteils soll der jetzige Reichstag die wichtigen Angelegenheiten, mit denen er befaßt den ist, aufarbeiten, andernteils wünscht man auf Seiten der Rechten und wohl auch der Regierung, für die Neuwahlen einen Zeitpunkt anzusetzen, der auch der ländlichen Bevölkerung eine möglichst um= fassende Beteiligung erleichtert, und zum dritten möchte man natürlich gerne, daß die Wogen der Ver­ärgerung und der gegenseitigen Verhetzung vor den Neuwahlen sich noch etwas glätten.

Ob aber auch die gewünschte Beruhigung eintreten wird, ist sehr fraglich. Wir geben uns auf Grund der gemachten Erfahrungen keinen Illusionen hin. daß man mehr wie sonst die großen Daseinsfragen des Volkes erörtern wird. Vielmehr wird man auf den. angeblichen gegenseitigen Fehlern herumreiten, so daß der Wahlkampf diesmal noch une hrlicher, unsolider wie bisher geführt werden wird.

Wie die Wahlen zum Reichstag ausfallen mögen, so ist das eine schon mit Bestimmtheit vorauszusagen, deutsche daß ein Qualitätsparlament, an dem das Volk seine Freude haben könnte, nicht zustande kommen wird. Und doch brauchten wir mehr wie je Männer, flarblickende, großzügige Persönlich= keiten, denen die Lebensfragen des Volkes wichtiger sind, als kleinliches Parteigezänt.

Reichstagswahlvorbereitungen.

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* r Gießen, 30. Jan. In der gestern hier im Lenz'schen Felsenkeller stattgehabten gemeinsamen Ver­trauensmänner- Versammlung der deutschen und der christlich sozialen Partei, die äußerst zahl= reich besucht war aus den perschiedensten Orten des Wahl freises auch aus Gießen selbst( noch bedeutend zahlreicher als diejenige, in der Köhlers Kandidatur auf gestellt worden war), wurde nach längerer zustimmen­der Aussprache und Empfehlungen von den verschieden sten Seiten einstimmig und begeistert beschlossen, Herrn Oberlehrer Dr. Werner- Butzbach die Kandidatur der Wirtschaftlichen Vereinigung für den durch P. Köhler's Tod erledigten Reichstagssiz anzutragen. Herr Dr. Werner nahm die Kandidatur an.

== Westerburg, 26. Jan. Als Kandidat der Fortschrittlichen Volkspartei für den 5. Nassauischen Wahlkreis ist Pfarrer Freesenius in Essenheim auf gestellt worden.

Zur Reichstagsersatzwahl für Gieffen.

Der 10. März ist von der Regierung als Wah I- tag für die Reichstags- N a ch wa h I im Kreise Gie­Die Ben- Grünberg- Nidda nunmehr bestimmt worden. Wahlschlacht kann also beginnen, d. h. die Befehdung der bürgerlichen Parteien nimmt nun erst recht ihren Anfang. Eigentlich wäre ja jede Agitation überflüssig. Man könnte einfach die Stimmzettel verteilen und über­morgen wählen lassen, dann fäme im großen und gan­zen dasselbe heraus wie nach 6 Wochen. Aber es wäre feine Schlacht, es ginge ohne Verletzung ab und das ist bei dem demokratischen Wahlrecht die Hauptsache; der Kandidat, der Gewählte, das Vaterland, das Wohl des letzteren ist Nebensache. Also los. Je mehr die bür­gerlichen Agitatoren in ihrer schrecklichen Verblendung die kleinlichen Gegensätze schlecht machen, dem gegneri schen bürgerlichen Kandidat am Zeug flicken, um mehr steigen die Aussichten des Sozialdemokraten, schon im ersten Gang eine enorm hohe Stimmenzahl zu er= halten. Vorgestern erzählte uns ein Anhänger der Frei­

so

halten, sonst würde schon ein Teii ihrer Wähler gleich So im ersten Gang rot wählen. Das ist Wahrheit. siehts im Herzen der demokratischen Freisinnigen aus, sie sind republikanisch gesinnt, mögen sie es noch so laut mit dem Munde leugnen. Und unsere Beamten schaft? Sie gründet in Butzbach im Bunde mit So­zialdemokraten einen Konsumverein, sie wählte in der Stichwahl zu Friedberg teils gar nicht, teils sozialdemo­fratilch, ein höherer Beamter ist aus dem Vorstand der nationalliberalen Partei dieser Tage ausgetreten, weil ihn dieser zu weit rechts steht. Wahrlich traurige be­schämende Verhältnisse in Hessen! Nicht ein Dutzend Beamte hat mehr Mut, sich als Männer mit konserva­tiver Weltanschauung zu bekennen und offen für den Bauernstand, den Mittelstand und deren Vertreter ein­zutreten.

Lokal- Nachrichten.

Gießen, den 30. Januar.

-e Gießen, 30. Jan. Am 16. und 17. Juli 1911 hält hier der Oberh. Bienenzüchterverein seine 50. Wan­derversammlung ab. Gleichzeitig wird mit der Wan­derversammlung eine Ausstellung lebender Völk! r, bie­nenwirtschaftlicher Geräte und, falls das Jahr 1911 ein gutes Honigjahr wird, eine Honigausstellung mit Ho­nigverkauf verbunden werden.

-b- Gießen. Gestern Sonntag hielt der Verein für Sterbeunterstützung, welcher nunmehr in das 6. Geschäftsjahr eintrat, im Restaurant Sauer seine diesjährige General- Versammlung ab. Dieselbe hatte einen ziemlich guten Besuch aufzuweisen. Um 4 Uhr eröffnete der Vorsitzende, Herr Seidewand, die Sigung mit furzer Begrüßung und gab u. a. bekannt, daß im Laufe des Jahres 19 Personen gestorben sind; ferner, daß 6 Mitglieder ausschieden und 45 Neuaufnahmen er­folgten. Dem nachher vom Rechnungsführer zur Ver­lesung gebrachten Bericht ist zu entnehmen, daß der Ver­ein während seines Bestehens 101 Sterbefälle hatte und Reservefonds von 12 282,33 Mt. abgeschlossen wurde, hierfür 27 270 Mt. auszahlte, ferner, daß mit einem und daß der Verein einen Bestand von 1507 Mitglie­dern aufweist. Dem Rechnungsführer wird Decharge er­teilt. Zu Punkt 2( Festsetzung des Sterbegeldes)- gab der Vorsitzende zunächst eingehende Erläuterungen. Die anschließende längere Debatte endigte mit dem Beschlusse, das Sterbegeld bei dem bisherigen Satz, 270 Mark, zu belassen. Die im 3. Punkt vorgesehenen Neuwahlen er­gaben die Wiederwahl der alten Vorstandsmitglieder: Seidewand als 1. Vorsitzender, Bruchhäuser als Kas­sierer, Bonarius als Schriftführer und die Neuwahl des Herrn Heinrich Noll zum 2. Vorsitzenden. Zu Beisitzern wurden die seitherigen Herren Reitz, Beckmann und Diehl wiedergewählt. Der Aufsichtsrat setzt sich zusam­men aus den wiedergewählten Herren Müller, Rieß, Wißner und den neugewählten Herren Rühl und Fou­rier. Punkt 4( Verschiedenes) entfesselte eine längere Debatte über das Eintrittsgeld und endigte mit dem Beschluß, es bei dem bisherigen Satze bewenden zu lassen. Schluß der Sitzung 5.45 Uhr.

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Heuchelheim, 29. Jan. Die Tabakfirma von Rinn u. Cloos hat jetzt in Brockerode die 27. Fabrik gekauft.

Wetzlar, 30. Jan. Durch Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 28. April 1910 werden die Reichs­kassenscheine zu 50 und 20 Mark, sowie die zu 5 Mt. 1. Ausgabe, vom 1. Jan. 1911 ab nur noch von der Preuß. Kontrolle der Staatspapiere in Berlin eingelöst.

* Wetzlar, 30. Jan. Regierungsbaumeister Schof­fenhauer von Ragnit in Ostpr. ist als Nachfolger des Baurats Stiehl nach hier versetzt worden.

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Wetzlar, 29. Jan. Nach der im Hess. Regier ungsblatt Nr. 18 von 1897 veröffentlichten Konzessions­urkunde hat der hessische Staat sich ausdrücklich das Recht vorbehalten, die Biebertalbahn unter bestimmten Bedingungen zu erwerben. Die Abtretung der Bahn kann bereits nach Ablauf von 15 Jahren vom Tage der Betriebseröffnung von dem Staate gefordert werden. Die Zeitungsnachrichten, wonach es ist Hessen nicht möglich sei, die Biebertalbahn unter gewissen Voraussetzungen durch den Staat zu übernehmen, sind also unzu= treffend.

-b- Das schöne Wetter, welches uns der gest­rige Sonntag bescherte, lockte Alt und Jung ins Freie. Ueberall konnte man Spaziergänger beobachten. Einige Veranstaltungen in der Stadt hatten infolgedessen einen schwächeren Besuch aufzuweisen.

-h Wetzlar, 30. Jan. Hier findet am 5. März eine Wanderversammlung des Rhein- Main- Gaues im Verbande Deutscher Handlungsgehilfen statt, zu der De­

werden.

-n Dutenhofen, 30. Jan. Gestern nachmittag kurz vor 5 Uhr wollte der auf Bahnhof Gießen be= schäftigte Rottenführer Müller von hier, verheiratet und Vater mehrerer Kinder, seine Arbeitsstätte verlassen, wobei er von einem Rangierwagen erfaßt und fahren wurde. Er war sofort tot. Den Hinterbliebenen bringt man größte Teilnahme entgegen.

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= 0= Vom Dünsberg. Die diesjährigen Holzver­steigerungen ergaben bei den Gemeinden durchweg höh­ere Preise als im Vorjahr. Buchenscheite kosteten 11 bis 12 Mark und Buchenknüppel 10 Mt. per Raummeter. Sehr begehrt waren die Werkholzstämme für Glaser und Schreiner, welche 60 Mark per Festmeter erzielten.

= 0= Kölschhausen, 30. Jan. Durch das einge­tretene Tauwetter sind die Straßen sehr schmutzig ge= worden. Besonders befindet sich der Weg von hier nach Ehringshausen durch die schweren Lastfuhrwerke für Fuß­gänger in einem fast unpassierbarem Zustande. Ein origineller Schuhmacher kam nun auf den Gedanken, Ehringshausen per Rad über die Wiesen zu erreichen. Da aber seine Kraft nicht ganz dazu ausreichte, spannte er einen großen Hund davor, und nun ging es mit vereinten Kräften über den weichen Wiesenboden dahin. Wir konnten leider nicht in Erfahrung bringen, ob er mit diesem Stückchen die Zugkraft seines Hundes aus­probieren oder ob er gegen die schweren Lastfuhrwerke demonstrieren wollte.

Friedberg, 28. Jan. Ein Streit ist um die 1000 Mark entbrannt, die bei dem Spießgesellen des Bombenattentäter D. Wingeß gefunden worden sind. Durch mehrfache Arreste ist die Geldsumme jeder Ver= fügung entzogen, solange, bis das Gericht darüber ent­scheidet, wer Eigentümer des Geldes iſt.

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Herborn, 29. Jan. Der Feuerwehrtag für den Bezirk Wiesbaden und die damit verbundene Aus­stellung finden am 8., 9. und 10. Juli hier statt.

Friedberg, 30. Jan. Am Mittwoch fand die Entlastungsprüfung der Klasse 1b des hie­figen Lehrer- Seminars ſtatt.

diger Buchbinder hat beschlossen, die Preise der Buch= - Frankfurt. Die Freie Vereinigung selbstän­binderarbeiten um etwa 20 Prozent zu erhöhen.

* Frankfurt a. M., 29. Jan. Außer den roten, blauen, grünen und Silber- Radler- Instituten beleben seit neuerer Zeit noch die Gold- Radlerinnen" unser Stra­Benbild.

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Hungen, 27. Jan. Der Bezirksvorstand hat in Verbindung mit dem Vorstand des Kriegervereins von Trais- Horloff als Tag des in diesem Jahre in Trais­Horloff stattfindenden Bezirkskriegerfestes den 2. Juli festgesetzt.

Mainz, 29. Jan. Um 32 000 Mark war die Bezirkssparkasse Oppenheim von den Mainzer Erben Haas auf die Gewährung einer Hypothek verklagt wor­Sen. Die Bezirkssparkasse hatte s. 3. die Hypothek ge­währt und den ganzen Betrag an den verstorbenen in Konkurs geratenen Notar Hubert in Oppenheim aus­gezahlt. Hubert aber zahlte nur einen kleinen Teil des Geldes an die Erben Haas, während er den größeren Teil für sich behielt. Die Bezirkssparkasse weigerte sich nun, den übrigen Teil der Hypothek an die Erben Haas zu zahlen, da sie die volle Hypothek schon an den No­tar Hubert gezahlt hatte. Das Landgericht Mainz ver­urteilte die Bezirkssparkasse Oppenheim zur vollen Zahl­ung der Hypothek an die Erben Haas. Die Bezirks= sparkasse hat gegen das Urteil Berufung eingelegt beim Oberlandesgericht in Darmstadt, die gestern kostenfällig verworfen wurde.

-n- Griesheim, 30. Jan. Am Sonntag, den 12. Februar, nachmittags 3 Uhr findet hier eine Dele­gierten Versammlung des Mittelrheinischen Verbandes ev. Arbeitervereine statt.

Darmstadt, 30k Jan. In einer hier abge= haltenen Versammlung des Hansabundes gerieten Frei­sinn und Nationalliberale hart aneinander. Ein Rechts­anwalt aus Groß- Gerau drohte mit dem Austritt zahlreicher Freisinniger aus dem Hansabund, wenn der Bund nicht mit aller Entschiedenheit sich gegen den nationalliberalen Kandidaten und für den freisinnigen Kandidaten im Wahlkreise Darmstadt- Gr.­Gerau erkläre. Das ist ein deutlicher Beweis, daß der Hansabund nichts anderes darstellt, als eine Schutz­truppe für die Besorgung der Wahlgeschäfte des Frei­sinns. Der Hansabund wird auf diese Weise den Wahl­freis totsicher wieder der Sozialdemokratie in die Hände spielen.

-m- Alsheim, 29. Jan. Am 6. Februar begehen die Eheleute Rudolf Müller 1. das Fest der diaman­tenen Hochzeit. Der Jubilar ist 83., die Jubilarin 88 Jahre alt.