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Deutscher Reichstag.

Die elsaß- lothringische Verfassung angenommen. In der Sizung vom Dienstag wurde die elsaß- loth­ringische Verfassungsvorlage in zweiter Lesung beraten. Das Haus zeigte die Signatur des großen Tages". Der Reichskanzler erschien gleich zu Beginn der Sizung im Saal, ließ jedoch den Sprecher der Konservativen, die be= kanntlich der Reform grundsätzlich ablehnend gegenüberste= hen und bereits einen Antrag auf Streichung der Bundes­ratsstimmen eingebracht haben, den Vortritt. Abg. Wagner­Sachsen entwickelte die Gründe für die Haltung seiner Partet, die im wesentlichen befürchtet, daß die Stellung des Kaisers und die Vormachtstellung Preußens im Bundesrat eine Schwächung erfahren könnten.

Das Kaiserpaar wieder daheim.

Der Kaiser, die Kaiserin und Prinzessin Luise sind, wie gemeldet, nach mehrwöchiger Abwesenheit am Dienstag vor­mittag im Neuen Palais bei Potsdam wieder angelangt. Das Wiedersehen mit den übrigen Mitgliedern der kaiser­Itchen Familie gestaltete sich sehr herzlich. Schon eine hal­be Stunde vor Ankunft des kaiserlichen Sonderzuges setzte ein lebhafter Wagenverkehr vom Neuen Palais zur Für­stenstation Wildpark ein; er steigerte sich von Minute zu Minute. Im Fürstenzimmer und dem angrenzenden Em­pfangsraum hatten sich inzwischen die Gefolge der Mate­stäten, soweit sie an der Reise nicht teilgenommen hatten, versammelt. Im Automobil fuhren das Prinzenpaar Eitel Friedrich, sowie Prinz und Prinzessin August Wilhelm vor, während Prinz Joachim selbst sein Dogcart zum Bahnhof lenkte. Die Herrschaften begaben sich, als die Einfahrt des Buges signalisiert wurde, zum Bahnstetg, auf dem ein brei­ter Teppich ausgebreitet war. Eine Minute später, als ur­sprünglich angezeigt war, fuhr der kaiserliche Sonderzug in die Halle. Der Monarch entstieg zuerst seinem Salonwa­gen und begrüßte die Prinzen und Prinzessinnen aufs herz­lichste. Dann wandte er sich seinem Gefolge zu. Inzwi­schen hatte auch die Kaiserin mit ihrer Tochter den Zug ver­lassen. Ste umarmte ihre Söhne und Schwiegertöchter und unterhielt sich mit ihnen längere Zeit. Der Kaiser zog fast alle Herren in ein längeres Gespräch. Danach begaben sich die Majestäten zu den bereitstehenden Automobilen. Im ersten Wagen nahm das Kaiserpaar mit der Prinzessin Vik­toria Luise und Prinzessin August Wilhelm Platz. Unter dem Jubel der Menge wurde alsdann die Fahrt nach dem Neuen Palats angetreten, wohin dem Kaiserpaar die Prin­zen mit ihren Gemahlinnen folgten.

An diese Argumente knüpfte der Reichskanzler von Bethmann Hollweg an. Er ist vom ablehnenden Stand­punkte der rechtsstehenden Parteien nicht überrascht, doch das könne nicht davon abhalten, daß das Land weiter ent= wickelt und mehr und mehr mit dem Reiche verschmolzen werden müsse. Dazu wären die Bundesratsstimmen ein Weg. Preußen darf sich durch die Klausel nicht abschrecken laffen. Es habe seinen historischen Beruf in Deutschland zu erfüllen und müßte das mit großer Weitherzigkeit tun. Hier an den Bundesratsstimmen die Vorlage scheitern zu lassen, wäre ein Abweichen von der deutsch- nationalen Po­litik Preußens. Redner hält daran fest, daß die Fortbil­dung der Verfassung eine Notwendigkeit ist. Es ist kein neues Haus, das wir aufrichten wollen, sondern wir ver­suchen nur, das alte Haus wohnlicher zu gestalten. Red­ner hält es für sehr heikel, darüber zu urteilen, ob wir, ob ein Volk für dieses oder jenes Wahlrecht reif set und be= danert, daß von der konservativen Partet während der Kom­missionsberatungen eine passive Resistenz getrieben wor den sei und schließt: Elsaß- Lothringen soll sich politisch und wirtschaftlich entfalten. Das sei das sicherste Mittel für eine Verschmelzuna mit dem Reiche.

Ein Aufruf gegen die Fremdenlegion.

Verein betzutreten, der Auftlärung über das Wesen der Fremdenlegion verbreiten und sich ehemaligen. in Not ge ratenen Fremdenlegionären annehmen will.

Die Bewegung gegen die französische Fremdenlegion ist in Deutschland, seit im Reichstag bei den Etatsberatungen von dem Staatssekretär v. Kiderlen- Wächter und auch von Abgeordneten ein kräftig Wort dagegen gesprochen worden ist, wieder lebhafter geworden. Wiederholt ist auch in der Presse auf die Gefahren hingewiesen worden, denen sich der funge Deutsche aussetzt, der aus irgend welchen Gründen in die Fremdenlegion eintritt. Jetzt ist man damit einen Schritt weiter gegangen, daß man einen Verein zur Be fämpfung der Fremdenlegion gründen win, der die Aufklärungsarbeit ständig betreibt. Der von einer Anzahl bekannter Namen unterzeichnete Aufruf, der zu die­ser Gründung auffordert, lautet:

Rundschau vom Cage.

Politisches.

Gewisse Tatarennachrichten über eine angebliche Vers stimmung zwischen Kaiser Wilhelm und König Georg fa­men am Montag alsbald nach Betreten deutschen Bodens auch zur Kenntnis des Kaisers, der höchst erstaunt über solche unwahren und die wirkliche Situation völlig auf den Kopf stellenden Nachrichten wiederholt seiner Umge­bung seine völlige Befriedigung über den Aufenthalt in England ausdrückte.

Erfundene Kaiserworte. Die Norddeutsche Allge­meine Zeitung" schreibt: Ein englisches Wochenblatt hat fürzlich Mitteilungen über angeblich politische Gespräche des Kaisers mit einem englischen Künstler gebracht. Wir fönnen feststellen, daß die dem Kaiser zugeschriebenen Aeu­ßerungen erfunden sind.

Den Unterzeichneten scheint der Augenblick gekommen zu sein, entschieden und tatkräftig gegen eine Einrichtung vorzugehen, die allen Begriffen europäischer Gesittung und Bildung geradezu ins Gesicht schlägt. Es handelt sich um die Fremdenlegion, die die französische Republik in ihren Kolonien unterhält. Mindestens 45 Prozent aller Frem­denlegionäre sind Reichsdeutsche. Gegen 70 Prozent sind deutscher Sprache und deutschen Bluts. Wir haben alle Veranlassung, wenn nicht schon als Menschen, so mindestens als Deutsche, uns dagegen aufzulehnen, daß irgendwo auf der Welt ein Deutscher, und set es der Leßte, zum Sklaven erniedrigt wird. Dies aber ist tatsächlich das Schicksal etnes Jeden, der in die Fremdenlegion eintritt.

Der sozialdemokratische Redner Abg. Böhle legte dar, daß die Sozialdemokraten als die wahren Vertreter des Volkswillens dem Reichslande weitergehende Rechte und ein vollkommenes Selbstbestimmungsrecht schon jetzt ein­räumen würden. wenn sie könnten. So aber begnügten sie fich mit dem Gebotenen. Der Redner des Zentrums war der Abg. Schädler, kein Elsaß- Lothringer, da letztere augen­scheinlich eine von der offiziellen Stellungnahme des Bentrums abweichende Haltung einnehmen. Er wandte sich gegen die Konservativen, bezeichnete gerade die Gewährung der Bundesratsstimmen als das erfreulichste der kommts= stonsbeschlüsse und begrüßte, daß Elsaß- Lothringen auf dem Wege zur vollen Autonomie sich befände. Für die National­Itberalen sprach der Abg. Bassermann unter Zustimmung zu den Kommissionsbeschlüssen in allen ihren Teilen. Fret­lich hob er dabei hervor, daß die Nationalliberalen sich ihrer Verantwortung voll bewußt seien, andererseits aber die ge­schaffenen Kautelen für die Aufrechterhaltung der Stellung des Kaisers in Preußen für hinreichend hielten. Im glet­chen Sinne äußerte sich namens der fortschrittlichen Volts­partet Abg. Müller- Meiningen. Für die Reichspartei trat Abg. v. Dirksen im Interesse der Weiterbildung der Verbes= serungen der Beziehungen des Reichslandes zum Reiche für die Vorlage ein. Das Scheitern der Vorlage würde unabsehbare Folgen haben. Danach legte Graf Mielzynski die ablehnende Haltung der Polen, Abg. Graef- Weimar die der wirtschaftlichen Vereinigung dar. Hierauf kamen zwei Elfäffer zum Wort, die Abgg. Preiß und Hauß und darauf erfolgte eine Auseinandersehung zwischen dem konservati= ven Abg. v. Oldenburg- Januschau und dem Reichskanzler über die Bewertung der dret Bundesratsstimmen inbezug auf die preußische Bormachtstellung. Der Reichskanzler er­flärte, daß er ebenso preußisch empfinde, wie Herr von Oldenburg und daß er an diesem Punkte öte Vorlage nicht habe scheitern lassen wollen. Die Konservativen wollten auf dem seit 1879 herrschenden Zustande stehen bleiben, es müs= se aber ein Schritt vorwärts getan werden. Auch Staats­sekretär Delbrück verteidigte noch einmal die Vorlage in ih­rer jetzigen Gestaltung und die Nachgiebigkeit der Verbün­deten Regierungen. Die Macht und die Würde Preußens werde nicht beeinträchtigt werden. Die Abgg. Dove( frs. Vp.) und Frank( Soz.) gingen ebenfalls gegen den Abg. v. Oldenburg vor.

Der Beginn der Herbsttagung des Reichstages. Wie der Inf." mitgeteilt wird, besteht die Absicht, die Herbst­tagung des Reichstages am 4. Oktober beginnen zu lassen. Es ist ferner in Aussicht genommen, die Vertagung jetzt nicht am 2. Juni, sondern bereits am 31. Mai vorzu­nehmen.

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Die Reichsversicherungskommission erledigte am Diens­tag die zweite Lesung des Einführungsgesehes. Die Ueber­gangsbestimmungen wurden nicht wesentlich geändert. Die Sozialdemokraten beantragten eine rückwirkende Kraft der Hinterbliebenenversicherung auf den 1. Januar 1910, wäh­rend nach dem Entwurf der Anspruch auf die Hinterblie benenrente am 1. Januar 1912 beginnt. Da die bean­tragte rückwirkende Kraft eine Mehrbelastung des Reiches um 48 Millionen und der Versicherungsträger um rund 90 Millionen bedeuten würde, für welche keine Deckung vorhanden ist, wurde der Antrag abgelehnt.

Vergegenwärtigen wir uns, was die Fremdenlegion dem französischen Staate geleistet hat! Ste hat nicht nur das neue große Kolonialreich zum größten Teil erobert, sie hat auch all dte grundlegenden Arbetten geleistet, die nöttg waren, um es fruchtbar zu machen. Die Fremdenlegionäre haben die ausgedehnten Sümpfe entwässert, sie haben all dte Dämme gebaut, die Schienenstränge gelegt, und nicht nur fast jedes öffentliche Gebäude, sondern all die blühenden Städte mit ihren herrlichen Anlagen in ganz Französisch­Nordafrika sind ihr Werk.

Nach einer Reihe von persönlichen Bemerkungen wurde hierauf in namentlicher Abstimmung entgegen dem konservativen Antrage betr. die drei Bundesratsstim­men die Kommissionsfassung zu Art. 1 mit 200 gegen 112 Stimmen bei zwei Enthaltungen aufrecht erhalten, ebenso wurden die ersten Paragraphen des Art. 2 unter Ablehnung aller Abänderungsanträge angenommen. Der Antrag der Konservativen über die konfessionelle Schule wurde mit 209 gegen 105 Stimmen bet 10 Stimmenthaltungen abge= lehnt. Dafür stimmten mit den Konservativen und den Mit­gliedern der Wirtschaftlichen Vereinigung die Elsaß- Loth­ringer, Polen und einige Zentrumsabgeordnete. Der Spra chenparagraph wurde in namentlicher Abstimmung mit 220 gegen 100 Stimmen bei 5 Stimmenthaltungen angenommen. Der Rest des Verfassungsgesetzes wurde ohne Erörterung ebenfalls angenommen. Darauf vertagte sich das Haus auf Mittwoch.

3wei Kirschen an einem Stengel.

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Ueber das Befinden des Kaisers Franz Josef wird aus Wiener Hoffreisen gemeldet: Entgegen den alarmierenden Gerüchten über die Gesundheit des Kaisers fann konstatiert werden, daß zu einer Besorgnis auch nicht die geringste Veranlassung vorliegt. Der Katarrh des Kaisers ist be­deutend besser, wenn auch nicht ganz behoben.

Und was erhält der Fremsenlegionär dagegen? Vier Pfennige Lohn erhält er für den Tag! Erst nach einer fünfzehnjährigen Dienstzett hat er Versorgung zu er­warten; Entschädigungsansprüche wegen dauernder Ver­minderung oder Zerstörung seizer Arbeitskraft im Gefolge des Dienstes darf er nicht geltend machen. Dabei gibt es dort keine fachgemäße gesundheitliche Fürsorge. Außer und neben dem militärischen Dienst, der schon an sich ganz un­erhörte Anforderungen stellt, wird von den Legionären eine ungeheuerliche Arbeitsleistung gefordert und erzwungen. Eine brutales ausbeuterisches Strafsystem bezweckt, noch mehr wirtschaftliche Leistung aus den Unglücklichen ohne Entgelt herauszupressen.

Roman von A. von Lilteneron. ( Nachdruck verboten.) Scharf und hart waren die Worte gesprochen, ste em= pörten das Mädchen. Es hat mir feiner nit was vorzu­schreibe," murrte sie ,,, außer mei Mutterle, und die gönnt mir die Früd."

Na, denn adjüs ok!" Der Bursche schnitt thr damit weitere Erörterungen ab. Er wandte sich weg und nahm die Hände erst aus den Taschen, als er vor dem Schmied stand und sich von diesem sein Handwerkszeug geben ließ.

Das Wehrgesetz im ungarischen Parlament. Die Re­gierung hat dem ungarischen Abgeordnetenhause vier die gemeinsame Armee sowie die ungarische Landwehr-( Hon­ved) Truppen betreffende Gesezentwürfe vorgelegt. Dutch sie wird das Refrutenkontingent der gemeinsamen Armee von 103 000 auf 159 000 Mann und das Refrutenkontin­gent der Honvedtruppen von 12 500 auf 25 000 Mann er­höht. Die Dienstzeit wird von drei auf zwei Jahre herab­gesezt. Die Kavallerie und die reitende Artillerie behält die dreijährige Dienstzeit bei. Gleichzeitig wird ein neues Militärstrafverfahren eingeführt. Das Verfahren ist öf­fentlich und mündlich. Die Verhandlungssprache der in Ungarn tätigen Militärgerichte ist ungarisch mit Aus­nahme des Falls, daß der Angeklagte nicht ungarisch ver­steht, aber der deutschen Sprache mächtig ist.

Es ist wahr: die dort in den fremden Heeresdienst ein­treten, scheinen auf den ersten Blick das Anrecht auf unser Mitgefühl verscherzt zu haben. Und es ist auch ferner spahr, daß gar mancher nur deshalb in die Fremdenlegton eingetreten ist, um sich der Strafe für ein Vergehen gegen bte Gefeße seines Landes zu entziehen. Aber andererseits dürfen wir nicht vergessen, daß es meistens gänzlich uner­fahrene junge Leute sind, die irgend ein phantastischer Ta­tendrang hinausgetrieben hat; oder daß es sich um krank­haft Beanlagte oder solche Handelt, die infolge von Not und Elend schließlich der klaren Ueberlegung beraubt waren und dann in der Verzweiflung den falschen Vorspiegelun­gen, die ihnen gemacht wurden, Glauben geschenkt haben. Die Unterzeichneten, unter denen sich Anhänger fast aller politischen Richtungen befinden, fordern auf, einem

Kathi sah ihm mit großen, erstaunten Augen nach, dann wurde sie blutrot, drehte sich auf dem Absatz um und eilte mit flüchtigen Schritten zu den andern.

Als nun der Augenblick der Abreise richtig herange­kommen war und die Mutter noch einmal ihre Reisetasche aufmachte und die silberne Brosche, ihren Hochzeitsschmuck, hineintat, damit das Mädel sich damit fein mache und zu­gleich noch ein Andenken an den Vater selig mit habe, da Schoß Kathi das Wasser in die Augen.

Mein gut's Mutterle! Das Beste gibst mir mit, was Du habe tust!" tam es wie ein unterdrücktes Aufschluchzen von ihren Lippen, und sie füßte Frau Amrum herzhaft.

Der Einmarsch der Franzosen in Fez ist vollzogen. Die Kolonne des Generals Moinier ist am 21. Mai, abends, ohne Schwertstreich in Fez eingerüdt. Alle Europäer sind wohlauf. Werden sich nun die Franzosen in Fez festsetzen? Das ist eine Frage, deren Lösung von großer Tragweite ist.

,, Nu behüt Dich Gott und bleib brav, Kindel!" Frau Amrum umarmte die Tochter, der die Kehle wie zuge­schnürt war, und die in diesem Augenblick nichts weniger empfand als Freude an der bevorstehenden Reise.

Einzelheiten über die mexikanische Revolution. Die ,, Kölnische Zeitung" meldet über Neuyork aus Laredo, der amerikanischen Grenzstadt am Rio Grande, Einzelheiten über die Einnahme der mexikanischen Stadt Torreon durch die Aufständischen. Die Aufständischen hätten ein wahres Schreckensregiment eingeführt. Der Gasthofbesizer Ster­nau, vermutlich ein Deutscher, sei gehängt, ein chinesischer Banfier zu Tode geschleift worden. Nachrichten aus der merikanischen Grenzstadt Porfirio Diaz besagen, daß die Aufständischen in Torreon außerdem noch 70 Japaner, 12 Spanier und verschiedene Amerikaner sowie viele der Re-' gierung ergebene merikanische Bürger ermordet haben.

Doch diese wehmütige Abschiedsstimmung schwand bald unter all den neuen Eindrücken, die auf sie einstürmten, und als sie abends in Friedenau sich in dem hübschen Gast­ftübchen zu Bette legte, da fühlte sie sich wie berauscht von allem Erlebten. Die letzten Abendstunden hatten ihr schon ein Bild von dem Treiben in dem Restaurationssaale ge­geben. Ein Gesangverein feierte hier sein Stiftungsfest, zu dem der Better hatte zurück sein müssen, und Kathi hatte in aller Elle ihren Bauernanzug von der Kirmes aus der Pappschachtel geholt und angezogen, damit sie der Tante hinter dem Schenktische zur Hand gehen konnte.

Die streichelte ihr die Backen. Freilich geb ich Dir das Best mit, aber das ist nimmer das blanke Dingelche, wanns mir auch noch so lieb is, das is allweil das Bibel­buch, daraus der Vater und ich jeden Morgen und Abend unser Sprüchel gelese habe. Das kennst gut, hast es uns ja schon immer bringe mußt, weilst Du noch solch a kleiner bider Stöpsel warst, und fest- na, da liest mir ja immer braus, wanst wir schlafe gehn. Das liebe Buchel tät ich Dir neinstede, nu nimm dir all Tag ein Sprüchel draus mit und behalt Dein Herrgott im Herzel!"

Von draußen scholl Peitschenknall, und Hott!", mit dem der Kutscher die Gäule die kleine Anhöhe her­auftrieb.

Dem hübschen Mädchen, das sich so flink und freund­lich zeigte, waren etliche schöne Dinge gesagt worden, die fte nur halb verstand, die aber doch genügten, um ihr in größter Geschwindigkeit schon allerhand törichte Dinge in den Kopf zu setzen.

V.

Kleine Nachrichten.

Eine unbekannte Komposition von Richard Wagner hat soeben der Kantor der Dresdener Kreuzkirche, Professor Otto Richter, entdeckt. Das Werkchen soll zu Königs Ge­burtstag auf dem Rathausturme in Dresden geblasen werden.

Eine 400 000 Mark- Stiftung für München. Eine unge­nannte Dame hat der Stadt München 400 000 M geschenkt zur Unterstützung von Frauen aus dem Mittelstand. Eine Carnegie- Stiftung für Belgien. In der belgischen Kammer teilte der Minister des Aeußern mit, daß Carnegie

vom Dorf am meisten anstaunte, ein richtiges Ballkleid, schneeweiß, mit gerade solchen Vergißmeinnicht aufgeputzt, wie ste daheim am Bache blühten. Dieses Prachtstück von Kleid hatte sie denn auch auf einem feinen Ball in der Harmonie eingeweiht und sich da köstlich amüsiert, denn nicht nur der Better, sondern auch die anderen feinen Her ren dort hatten ihr kaum Zeit gelassen, sich auszuruhen, so viel war mit ihr getanzt worden. Hoffart muß zwang leiden, das hatte sie an dem Abende freilich auch erfahren, denn die Tante war darauf bedacht gewesen, einen Friseur tommen zu lassen, der des Mädchens reiches Haar zu einer funstvollen Frisur aufbauen mußte. Es war ihr höchst un­bequem gewesen, die Nadeln drückten, und die schweren, in Puffen aufgesteckten Haarmassen hinderten sie an den raschen, ungezwungenen Bewegungen des Kopfes, die ihr eigen waren. Aber das mußte eben ausgehalten werden, half ihr doch kein Weh und Ach, mußt es eben leiden.

Vierzehn Tage war jetzt Kathi in Friedenau und war im Fluge der ausgesprochene Liebling der Stammgäste in der Restauration geworden. Das Rechenerempel, das Vet­ter Julius aufgestellt, als er das hübsche Cousinchen kennen gelernt hatte, stimmte vollständig, denn die Zahl der Gäste, die in der Restauration verkehrten, mehrte sich zusehends. Das Käthchen vom Dorfe" war ein gefeiertes fleines Per­sönchen geworden, von der sich ein jeder gern bedienen ließ, um mit ihr zu schwazer und zu scherzen und dann ihr lustiges Lachen zu hören, das Vogelgezwitscher", wie schon der Hans es so gern nannte.

Die Tante hatte das Mädchen eingekleidet", so wie es sich nach ihrer Auffassung für die Stadt schickte. Das heißt, ste hatte ihr für die Straße ein städtisches, modernes Kleid machen lassen und dann auch was das Käthchen

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Dies fleine Opfer, das sie der Stadt brachte, war bald vergessen in dem Jubel und Trubel des Festes, wo das ,, Käthchen vom Dorf" als lebendiges Vergißmeinnicht, wie ihr an dem Abende mehr als einer versicherte, eine Eroberung nach der anderen machte.

Und doch gab es auch für das Mädchen mitten in dem Drängen und Haften des unruhigen Lebens Stunden, wo fie eine gewaltige Sehnsucht packte nach ihrem Mutterle, nach Hans und nach dem Frieden ihres stillen Heims. Konnte sie sich in solcher Zeit fret machen, dann huschte fle bis zum Eckhause der nächsten Straße zu ihrem Großonkel und Paten, dem Leberecht Kleinschmied. Die Mutter hatte es ihr auf die Seele gebunden, den alten Herrn, der immer besonders gut zu ihrem Vater gewesen set, aufzusuchen. Die ersten Tage ihres Dortseins hatte sie es vergessen, aber dann, als es ihr einfiel, war sie, erschrocken ob ihrer Ver­säumnis, sofort zum Paten Leberecht gegangen.

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