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Zwei Gerichtsurteile,

Sie mit einiger Spannung erwartet wurden, sind am Mon tag gefällt worden. Es handelt sich um das Urteil im Moabiter Krawallprozeß vor dem Schwurgericht und um dos in dem Prozeß gegen die Rektorswitwe Paula Herbe­rich, die ihren Gatten erschossen hatte.

Im Moabiter Krawallprozeß äußerte der Vorsitzende bei der Rechtsbelehrung, die Recht­mäßigkeit der Schußleute höre auf, wenn, wie im Falle des getöteten Arbeiters Hermann, ein Unbeteiligter niederge= schlagen werde. Dagegen halte er die Gegenwehr, zum Beispiel durch einen Revolverschuß, für nicht rechtswidrig. Vor der Urteilsverkündung legte der Vorsitzende die Aeußerung dahin aus, er habe nicht etwa sagen wollen, daß jeder auf exzedierende Beamte schießen dürfe, er habe nur an der Hand des Falles Hermann dartun wollen, daß, wenn ein Unbeteiligter grundlos niedergeschlagen werde, er sich mit den schärfsten Mitteln dagegen wehren könne. Die Geschworenen sprachen die Angeklagten mit Ausnahme von dreien schuldig, billigten ihnen aber mildernde Umstände zu. Der Gerichtshof sprach vier Angeklagte frei und erkann= te bei den übrigen teils auf Haftstrafe bis zu sechs Wochen, tetis auf Gefängnis bis zu einem Jahre.

Rundschau vom Cage.

Politismes.

Die am

Ostmarkenverein und Enteignungsfrage. Sonntag in Posen abgehaltene Versammlung der Pro­vinzialvertreterversammlung des Deutschen Ostmarken­vereins trat einstimmig der Entschließung des Hauptvor­standes in Sachen der Anwendung des Enteignungsge­setzes bei. Es wurde beschlossen, in eine Agitation in den Ostmarken für die Enteignungsfrage einzutreten, und zu diesem Zwecke eine Kommission von fünf Herren gebildet.

In der Urteilsbegründung heißt es: Die Angeklagten sind in Ausständige und solche, die nicht dazu gehören, zu scheiden; ersteren ist der Lohnfampf und ihr geringer Bil­dungsgrad mildernd anzurechnen, andererseits aber müssen die schweren Folgen ihrer Handlungen berücksichtigt wer= den. Für die zweite Gruppe der Angeklagten fallen die Milderungsgründe fort. Im übrigen haben die Verhand= lungen ergeben, daß die Polizei zunächst mit Besonnenheit verging; später, als infolge des Verhaltens der Tumultu= arten der Waffengebrauch freigegeben werden mußte, sind Ausschreitungen einzelner Beamten vorgekommen, für die aber die Verwaltung als solche nicht verantwortlich ge= macht werden konnte.

Gegen das Urteil im ersten Moabiter Krawallprozeß haben neun Angeklagte Revision beim Reichsgericht ein­gelegt.

Der Tod des Abg. v. Jazdzewski( Pole), der am Mon­tag vor Beginn der Plenarsizung im preußischen Abge= ordnetenhause gestorben ist, ist in wenigen Minuten ein­getreten. von Jazdzewski unterhielt sich im Fraktions­zimmer der Polen mit einem Fraktionsgenossen, als er plötzlich ein kurzes Röcheln vernehmen ließ und in einen Stuhl sank. Ein gerade anwesender Diener wollte ihm schnell ein Glas Wasser reichen, das er aber nicht mehr an die Lippen zu setzen vermochte. Nun wurde sofort von dem Diener der im Hause anwesende Heilgehilfe herbei­geholt. Seine Bemühungen waren aber erfolglos, da mittlerweile der Tod bereits eingetreten war. Der Ver­storbene hat dem Hause seit 1873 angehört. Von 1872 bis 1906 war er mit einigen Unterbrechungen auch Mitglied des Reichstages.

wobei eine Anzahl von Personen verletzt wurde. Die Po­Itaet war völlig machtlos. Zur Vorsicht beim Beschneiden der Hühnerangen mahnt foigender Vorfall. Ein Einwohner in Schernberg in Schwarzburg- Sondershausen hatte sich durch Beschneiden seiner Hühneraugen eine Blutvergiftung zugezogen, wo­rauf ihm in Halle ein Bein abgenommen werden mußte.

Der Plan einer süddeutschen Staatslotterie wird jetzt auch in Bayern ernsthaft betrieben. Die bayerische Re­gierung beschäftigt sich schon seit November vorigen Jah­res mit dem Plan einer Staatslotterie und der Beschaf= fung der Unterlagen dafür. Sie werden wahrscheinlich dem im September zusammentretenden Landtag vorgelegt werden, und der Plan wird ebenso wahrscheinlich auf eine gemeinsame Staatslotterie der drei süddeutschen Bundes­Staaten hinauslaufen.

In dem Prozeß gegen die Rektorswitwe Herberich in Nürnberg, die im April v. J. ihren Mann erschossen hotte, wurde am Montag abend das Urteil gesprochen. Es lautete wegen Totschlags unter Zubilligung mildernder Umstände auf 4% Jahre Gefängnis. Acht Monate Unter­fuchungshaft werden in Anrechnung gebracht Als der Staatsanwalt vorbrachte, daß sie ihren Gatten vorsäßlich getötet habe, schrie die Angeklage gellend auf und warf sich vor dem Richtertische zu Boden.Sie wälzte sich in konvil­fivischen Zuckungen und schlug wild nach allen Seiten um sich. Die Verhandlung mußte daher unter großer Er= regung aller Preßbeteiligten abgebrochen werden. Die Ge= richtsdiener und Aerzte trugen die Angeklagte in das ihr reservirete Zimmer. Ihr gellendes Schreien hörte man noch längere Zeit durch das ganze Gerichtsgebäude. Als sich die Angeklagte beruhigt hatte, wurde die Verhandlung wieder aufgenommen. Bei der Verkündigung des Urteils rief die Verurteilte: Das halte ich nicht aus, Ihr habt mei­nen Tod auf dem Gewissen. Ein Antrag des Verteidi­gers, die Verurteilte wegen ihres Gesundheitszustandes cus der Haft zu entlassen, wurde abgelehnt.

Ueber die Aussichten der Zuwachssteuer lassen sich die Münch. Neuesten Nachrichten" aus Berlin melden:

Das Opfer einer Gasvergiftung ist in Freiburg i. Br. ein Ghepaar geworden. Gestern früh wurden der im Ge­bäude des Postamtes in der Baselerstraße wohnende Ober­postschaffner Brunner und seine Frau tot aufgefunden. Ste waren einer Gasvergiftung crlegen; das Gas war durch einen Rohrbruch ins. Schlafzimmer eingedrungen.

Der Fluch des Alkohols. In Reinhausen bet Regens­burg hat der des nachts betrunken heimkehrende Maschi= nenreisende Gräßl seine ihn deshalb ausscheltende Mutter erstochen und sich dann selbst getötet.

In einer außerordentlichen Generalversammlung des Bundes der Bichhändler Deutschlands, die in Cöln statt­fand, wurde mitgeteilt, daß das Jahr 1911 voraussichtlich eine Fleischteuerung bringen werde, wie man sie in den letzten Jahrzehnten noch nicht gekannt habe. Der Ver­sammlung wohnten Vertreter der Cölner und Düsseldorfer Regierung bei, welche die Wünsche der Versammelten auf Einführung einer obligatorischen Reichsviehseuchenversiche­rung und inbezug auf die Maßnahmen bei Ausbruch von Viehseuchen entgegennahmen.

Im Wahnsinn durchschnitt ein auf einer Grube an der deutsch- französischen Grenze beschäftigter Maschinist sener Frau mit einem Rasiermesser den Hals und versuchte, sich selbst zu töten. Auf das Hilfegeschret der Kinder eilten Leute herbei, die ihm einen Notverband aulegten und ihn in das Krankenhaus nach Metz brachten.

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Der Revolver als Spielzeug. In Marienburg( Rhein­provinz) gab ein Junge auf einen Matrosen eines dort liegenden Schiffes, um seinen Revolver zu erproben, einen Schuß ab. Der Matrose wurde so schwer verletzt, daß er bewußtlos hinstürzte; er mußte sofort ins Hospital schafft werden.

Der technische Betrieb des Statistischen Amtes soll durch Einführung elektrischer Zählmaschinen vereinfacht werden. Die Ersparnisse sollen sich für jede zählung auf eine runde Million belaufen, da damit zugleich eine starke Zentralisierung verbunden ist. Eine solche wurde im Reichstage seit 1895 bisher immer vergeblich angeregt, weil die Bundesstaaten für die Selbständigkeit ihrer sta­tistischen Aemter fürchteten. Jetzt sind die Schwierigkei­ten endlich überwunden worden.

Wissenschaft, Kunst und Literatur.

Lebende Wesen auf der Venus? Zwei amerikanische Presessoren, die Herren William Pickering von der Harvard Universität und Dr. See von dem Observatorium auf Mare Island. sind zu der Ueberzeugung gefommen, daß auf der Venus lebende Wesen existieren. Dr. See sprach die Ueber­zeugung zuerst aus, und Professor Pickering hat sich nach­träglich dieser Meinung angeschlossen und seine Zustim mung zu den Ansichten des falifornischen Astronomen auß­gesprochen. Der Professor sagt in einer eben veröffentlich­ten Erklärung, es gebe eine ganze Anzahl von physikalischen Gründen für die Annahme, daß, wenn überhaupt auf einem Planeten neben der Erde Leben vorhanden sei, dies auf der Venus der Fall sein müsse. Der genannte Planet sei un­gefähr ebenso groß wie die Erde, seine Tichtigkeit sei auch rugefähr dieselbe. Der Atmosphäre auf der Ober­fläche der Venus sei nur ganz gering weniger als auf der Erde. Wenn man alles zusammenrechne, was man wisse, dann müsse man jedenfalls zu der Ueberzeugung kommen, daß neben der Erde kein Planet so in der Lage sei, lebende Wesen zu erhalten, wie die Venus. Die Wärme auf der Oberfläche der Venus dürfte ungefähr dieselbe sein wie in den Tropen der Erde.

Die türkische Flotte soll mit drahtloser Telegraphie ausgerüstet werden. Zehn Offiziere der Kriegsmarine sind nach England abgereist, um sich mit der Handhabung der drahtlosen Telegraphie vertraut zu machen. Nach ihrer Rückkehr soll auf sämtlichen Schiffen der türkischen Flotte die drahtlose Telegraphie eingerichtet werden.

Die zweite Lesung der Zuwachssteuervorlage hat ein derartiges Turcheinander von Anträgen ergeben, daß die Freunde der Vorlage und des großen sozialen Gedankens, der ihr zu Grunde liegt, gegenüber dieser Fülle der Wün­sche und Interessen wohl etwas bange werden könnten. Dazu liegt aber nach unserer Auffassung bis jetzt kein Grund vor. Nach all dem Auf und Ab der Anträge, in denen die Aussichten bisweilen zusammenzuschrumpfen scheinen, muß doch festgestellt werden, daß die schlimmsten Beeinträchtigungsversuche bisher abgewehrt worden sind. Mit den weniger grundsätzlichen Aenderungen wird man sich abfinden müssen und umsomehr abfinden können, als eine große Zahl der gesetzlichen Bestimmungen überhaupt erst in der Praxis erprobt werden muß. Bei aller Schärfe der Gegensätze hat sich doch gezeigt, daß der Reichstag in seiner Mehrheit, oder richtiger gesagt, in seinen bei den einzelnen Fragen wechselnden Mehrheiten ge= willt ist, das Gesez zustande zu bringen. Das entspricht auch dem Empfinden der Nation. Der Partei oder den Parteien, die an einem Scheitern der Vorlage die Schuld tragen würden, würde eine solche Verschuldung bitter angerechnet werden. Wenn man an die Nähe der allgemeinen Wahlen denkt, so tut man auch dem Parlament wohl kein Unrecht, indem man annimmt und ausspricht, daß es fast auf allen Seiten davor zurückschenen wird, in den Wahlkampf zu gehen, belastet mit dem Odium, diese Vorlage aus Rücksicht auf Interessentenwünsche zu Fall ge­bracht zu haben, belastet mit einem neuen Zeugnis für die gesetzgeberische Unfruchtbarkeit des Reichstags, belastet schließlich mit dem Vorwurf daß das einzige sozial ver= föhnlich wirkende aller Steuergesetze, außer der Erb­schaftssteuer, die diesem Reichstage vorgelegen haben, auch noch das Schicksal der Erbschaftssteuer geteilt hätte.

Der Familienschmuck der Wallutjeffs.

Kriminalroman von Freifrau G. v. Schlippenbach. ( Nachdruck verboten.)

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Kleine Nachrichten.

Kein Vortrag Professor Ehrlichs vor dem Kaiser. Ein Berliner Blatt hatte gemeldet, daß Professor Ehrlich am Montag nachmittag vor dem Kaiser im föniglichen Schloß einen Vortrag über das von ihm erfundene Syphilisheil mittel Ehrlich- Hata 606 gehalten habe. Die Meldung ent­spricht, wie das Wolffsche Telegraphenbureau ermächtigt ist, mitzuteilen, nicht den Tatsachen.

Eine Masern- und Scharlachepidemie hat in dem west­fälischen Städtchen Bocholt unter den Kindern im verflosse­nen Monat 71 Opfer gefordert. Auch liegen noch zahlreiche Kinder schwer frank darnieder.

Aus dem Reiche der Technik.

Der Stand der Arbeiten am Panamatanat ist nach einem Bericht, den Georg von Stal im neuesten Heft der Umschau veröffentlicht, außerordentlich günstig, so daß die Eröffnung, die jetzt bereits auf den 1. Januar 1915 festgesezt ist, vielleicht sogar erheblich früher stattfinden kann. Die Arbeiten sind den Voranschlägen voraus, und es ist in jedem Jahr mehr geleistet worden als in dem vor­hergehenden. In 25 Jahren haben die beiden französischen Gesellschaften wenn auch mit Unterbrechungen, 81 Millio­nen Kubikmeter Erde ausgehoben, während die Amerika­ner vom Mai 1904 bis Ende 1910 über 110 Millionen ausschachteten. Die Baukosten werden auf 325 Millionen Dollars geschätzt, die Kosten der ausgedehnten Befestig ungen an beiden Enden des Kanals auf mindestens 100 Millionen. Auch die gewaltigen Doppelschleusen bei Gat­tun, die die Schiffe vom Niveau des Meeresspiegels etwa 28 Meter in drei Absätzen auf die Höhe des Gattunseeg heben, sind bereits weit vorgeschritten. Die ganze Kanal­fahrt soll nicht mehr als 10 bis 20 Stunden erfordern; man will täglich 48 Durchschleusungen vornehmen können, so daß die Leistungsfähigkeit des Kanals für eine Flotte von 48 Millionen Tonnen ausreichen würde, während der Suezkanal nur 21 Millionen Tonnen zu befördern vermag.

Mit erdbebenartigem: Getöse zusammengestürzt ist ge= stern der sogenannte Bergluftschacht( Steinkohlenschacht) im Plauenschen Grunde bei Dresden. Die Bewohner in der Nähe eilten aus ihren Häusern und sahen mächtige Rauch­wolfen sich zum Himmel erheben. Die entstandene Ceff­nung wurde einer Messung unterzogen und ergab eine Tiefe von 130 Metern bei 54 Meter Wasserstand. Menschen sind nicht zu Schaden gekommen.

Jch gewinne dadurch kostbare Zeit, um mich mit einem Detektiv in Neuyork in Verbindung zu setzen, der mit der Riesenstadt vertraut ist, mix treulich Rapport brin­gen und nach meinen Bestimmungen handeln soll. Es bleibt mir nur übrig, Ihnen noch einma Izu versichern, daß ich mit allen Kräften für Ihr Interesse einstehe. Aus Neuyork erfahren Sie so schnell als möglich alles über den bewußten Fall. I chhoffe auch von Ihnen unter der ver­abredeten Chiffre postlagernd Nachrichten zu erhalten und bin gern bereit, Ihre weiteren Wünsche entgegenzunehmen. Mit vollkommener Hochachtung und Ergebenheit Ihr 3. 3."

11% Tage von der Außenwelt abgeschnitten waren zwei Erdarbeiter, die infolge eines Erdrutsches in der Mergel­grube in Venesville bei Rouen in Frankreich eingeschlos= sen waren. Sie wurden gestern lebend befreit. Es fonn­ten ihnen Lebensmittel zugeführt werden, die es ermöglich­ten, daß sie sich so lange halten konnten.

Ein Bombardement mit Kehrichteimern entstand in der Nacht zum Montaa in Cöln zwischen mehreren Hundert von einer Karnevalsveranstaltung heimkehrenden Leuten

voll Zuversicht entgegen, und er zweifelte nicht an dem Gelingen seines Planes.

Clairon hatte einen anderen Namen annehmen wol­len, als er seine Reise antrat, da er aber Schwierigkeiten fürchtete megen seines Passes, beschloß er, erst später den Namenswechsel vorzunehmen, sich Robert White zu nen­nen und sich für einen Engländer auszugeben, der in Neuyork Geschäfte habe. Daß er ein perfektes Englisch Sprach, tam ihm dabei sehr zu statten. Er hatte zwei Jahre in London, studiert", wie er lachend sagte, das heißt, bei einem der tüchtigsten Geheimpolizisten gelernt". Nir­gends ist wohl die Findigkeit des Detektivs so hervorra­gend, wie gerade in der britischen Metropole, der Mil­lionenstadt London, wo es von Verbrechern und licht­scheuem Gesindel wimmelt.

Oermischtes.

Kaiserliche Belohnung an russische Lebensretter. Die cußerordentliche Heldentat der Besatzung eines russischen Schiffes ist jetzt vom deutschen Kaiser gebührend belohnt worden. Im Sommer vorigen Jahres tenterte unweit Reval der Stettiner Dampfer Hans Wogazky". Der in der Nähe befindliche russische Dampfer Eros" eilte sofort, seiner Pflicht bewußt, zur Rettung herbei, und es gelang unter übermenschlicher Anstrengung, bis auf den Steuer­mann und einen Matrosen die gesamte Besagung dem nassen Element zu entreißen und an Bord des Eros" zu bringen. Jetzt hat der Kaiser diese brave Tat belohnt und die Mannschaft des russischen Dampfers mit Rettungs­

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sie hatte große Angst, sich zu verspäten. White, wie wir ihn ven vin an nennen wollen, stand dicht neben der Planke. Die Dame tat einen Fehltritt, ihr Fuß glitt auf den nassen Brettern aus. Sie stieß einen leichten Schrei aus und wäre gestürzt, wenn White sie nicht auf­gefangen hätte. Mit seiner ungewöhnlichen Kraft hob er die schlanke Gestalt auf. Der schöne Kopf der jungen Fremden ruhte mit geschlossenen Augen an des jungen Mannes Brust; die Dame hatte das Bewußtsein verloren. Der kleine Zwischenfall blieb fast unbemerkt, denn jeder war allzu sehr mit sich selbst beschäftigt. White legte die Ohnmächtige auf eine Bank im ersten Pavillon. Er be= fahl dem Kellner, frisches Wasser zu bringen und Eau de Cologne aus dem Damenzimmer. Mit zarten Händen be­mühte sich der Geheimpolizist um das junge Mädchen. Seine freundliche Bemühung blieb nicht ohne Erfolg: nach einigen Minuten schlug die Dame die Augen auf, große, veilchenblaue Augen mit dichten schwarzen Wimpern. Ihr erster Blid fiel auf das fast angstvoll über sie gebeugte Gesicht des Schweizers. ,, Ich glaube, ich habe mir den Fuß verstaucht," sagte sie in englischer Sprache, die aber einen amerikanischen Atzent hatte. Sie haben mich wohl aufgehoben, mein Herr?" fügte sie lächelnd hinzu.

Wer zum erstenmal einen Lloyddampfer sieht, staunt über seine Größe, über den Komfort in seinen glänzend eingerichteten Räumen, wo der Reisende alles haben kann, was die Fahrt übers Meer angenehm und unterhaltend macht. Kein noch so vornehmes Hotel kommt diesen präch­tigen Schiffen gleich, die Pracht der Speise- und Aufent­haltsräume läßt sich nicht beschreiben, sie übertrifft alle Vorstellungen. Die Virginia" war ein neues, schnell gehendes Schiff, auf dem tausend Fahrgäste Play fanden. Clairon reiste auf Wallutjeffs ausdrücklichen Wunsch in erster Kabine. Der Graf meinte, es komme ihm auf die paar hundert Rubel mehr oder weniger gar nicht an. Vor allen Dingen mußte der Geheimpolizist so auftreten, daß niemand den Zwed seiner Reise ahnen konnte. Clairon war auch ein sehr gebildeter, mit den Manieren der besten Gesellschaftsklasse vertrauter Mann; dazu konnte er sehr unterhaltend und liebenswürdig sein. Als er am Mor­gen des 3. November seine Mitreisenden musterte, beschloß er, die schöne Fahrt zu genießen und Bekanntschaften zu machen. Bei diesem Vorhaben freuzte ein Gedanke bliz­artig sein Hirn. War es denn nicht ratsam, schon jetzt den Namen Robert White zu führen? Wenn er später in Amerika vielleicht den einen oder den anderen Mitreisen­den traf, könnte ihm dies nicht von Vorteil sein für sein Vorhaben? Gewiß, die Beibehaltung seines Namens wäre ein großer Fehler gewesen. Er wollte den Kapitän bitten, seinen wahren Namen nich tzu verraten, einen plausiblen Grund würde er schon finden.

Früh morgens am 3. November, stand Clairon auf dem Passagierdeck des schönen Lloyddampfers Virginia" und beobachtete voll Interesse das hastige Kommen und Gehen an Bord. Zum erstenmal sollte der junge Schwei­zer die Reise über den Ozean machen. Er freute sich im Stillen darauf, vergaß aber keinen Augenblick die Wich­tigkeit seiner Mission. Sein kühner, den Abenteuern zuneigender Charakter sah den kommenden Ereignissen

Die Reisenden strömten jetzt immer lebhafter an Bord. Wie vor jeder Abfahrt, war das Promenadendeck gescheuert, die Eichenplanken glänzten vor Feuchtigkeit. Kurz bevor die Schiffsglocke das Zeichen zur Abfahrt gab, tam noch ein Wagen vom Hotel Monopol herangerast. Eine junge Dame im eleganten, pelzverbrämtem Kostüm saß darin; sie stieg rasch aus und eilte zum Dampfer,

Ja, Miß," entgegnete White Höflich. Darf ich Ihnen sonst noch behilflich sein? Bitte, befehlen Sie!" Er stand in ehrerbietiger Haltung da. Im Ton seis ner männlichen Stimme lag etwas Weiches, sehr Wohl= lautendes. Die Dame schien darauf zu horchen; ste hatte den hübschen, dunklen Kopf etwas erhoben. Ich möchte mich in meine Kabine begeben," sagte sie und versuchte aufzustehen; aber es ging nicht, mit einem leisen Wehlaut sant sie zurück.

Welche Kabine haben Sie belegt?" fragte White. " Nummer 112," entgegnete die Dame.

( Fortsetzung folgt.).

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