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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 40 pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

siertelfährlich 1,20 Mr., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgehalt in unserer Expedition oder in den Zweig­anbgabesteken vierteljährlich 90 Pfg. Dienstags, Donnerstags, Samstags.

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Erscheint Redaktion:

Seltensweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuffripte wird nicht garantiert. Berlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 188.

Telephon: Nr. 302.

Manöver und Ceuerung.

Der Zauberklang des Wortes Manöver" läßt in diesen Tagen tausende von Soldatenherzen schneller schlagen. Nur wer selbst gedient und Manöver miter­lebt hat, bermag die Freude unserer blauen Jungens, auf einige Wochen dem ewegen Drill und der öden Ka­fernenluft entkommen zu tönnen, vollauf zu würdigen. Nur wer auf dem Lande oder in einer kleinen Land: stadt aufgewachsen ist, kennt die freudige Erregung und die feftliche Vorbereitung ganzer Ortschaften vor dem Einzug der Manövergäfte. In diesem Jahr aber droht ein rauber Herbstreif auf all die jugendfrohen Erwar­tungen zu fallen. Aus verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes werden Petitionen angesehener landwirt­schaftlicher Koporotionen um Abbestellung der angesagten Herbstmanöver gemeldet. Das war doch sonst nicht dieses Landes Brauch. Zwar haben in allen bisher bekannt gewordenen Fällen die maßgebenden militäri­schen Instanzen die erbetenen Manöverabsagen verwet­gert, aber die Gründe für die ungewöhnlichen Petitionen, die Ursachen für die diesjährige Manöverunluft der Zivilbevölkerung bleiben dennoch bestehen und verdienen wegen ihrer voraussichtlichen Rückwirkung auf die Auf­nahme und Verpflegung der Truppen einige Beachtung. Die allgemeine Teuerung lastet gleicherweise auf Städten und Dörfern. Hier wie dort haben Fleisch und Gemüse und Kartoffeln und Obst, wenn sie über haupt zu beschaffen sind, unerhörte Preise! Die manö­verierenden Soldaten aber freuen sich schon seit Wochen auf die Bürger quartiere, weil sie dort einmal mitsamt thren Pferden aus dem Vollen leben zu können hoffen Sonstige Jahre war das ja auch so. Selbst, wenn die Truppen ohne Verpflegung" einquartiert wurden, er­hielten Menschen und Tiere von ihren freundlichen Quartiergebern noch bedeutende Naturalzuschüsse zu ihren knappen, von der Verwaltung gelieferten Rationen. Selbst in Gegenden, wo Ginquartierung alljährlich tommt, wurden diese Liebesgaben" in der Regel reich­lich und gern gespendet. Grst recht bei Ginquartierung mit Verpflegung", wo nach dem Abschied der Truppen die allerdings recht mageren und völlig unzureichenden ,, Gebührnisse" zur Auszahlung kommen. Nur in ganz armen Gegenden, bet zurückgebliebener Bevölkerung, hatten unsere Manövergäste gelegentlich einmal über Knauserigkeit und Knickrigkeit ihrer Quartierwirte zu flagen; aber das blieb glücklicherweise seltene Ausnahme.

In diesem Jahr dagegen wird in viel weiterem Umfange als sonst, vielleicht sogar in der Regel, Schmalhans Küchenmeister in den Manöverquartieren sein. Es ist ja alles so teuer geworden, was ein begehr licher Gaumen und ein gesunder Magen eines Feldsol daten verlangt; es ist in den eigenen Ställen so knapp geworden, was man sonst an Heu und Hafer und Stroh einem Königlich preußischen, bayrischen, sächsischen Dienst­pferde so gerne zur täglich bemessenen Tagesration zu gab. Arme Manövergäste! Dieses Jahr werdet Ihr bielerorts mehr als Laſt denn als Lust empfunden und aufgenommen werden! Nicht aus lebewollen oder Bes völkerung, sondern aus Rücksicht auf die allgemeinen Teuerungsverhältnisse.

Mit begründeter Besorgnis sehen insbesodere auch die viehzüchtenden Landwirte in diesem Jahre dem Be­such zahlreicher Soldaten entgegen. Weil sie fast täglich in anderen Orten und Gehöften einquartiert werden, fann es gar zu leicht geschehen, daß sie die Pestilenz der Kühe, Schafe, Ziegen und Schweinebestände, die Maul und Klauenseuche ungewollt in Quartiere mit­bringen, die bisher noch seuchefrei geblieben waren. Man weiß ja, wie stark die Gefahr der Uebertragbarkeit dieser Seuche ist. Werden doch sogar Versammlungen ihretwegen häufig verboten! Wieviel schlimmer ist die Verbreitungsgefahr durch hin und hermanö berierende größere Truppenmassen!

Weniger störend als in manchen anderen Jahren werden diesmal die Flurschäden empfunden werden, weil die Eine infolge der abnormen Witterung schon so weit vorgeschritten ist wie selten, und fast überall die wichtigsten Halmfrüchte eingebracht sind. Den Ein­zelsoldaten, der jetzt zum Mauöver ausrückt, läßt diese Erwägung zwar fühl, aber für die Stimmung vieler seiner Qua tiergeber ist sie doch nicht gleichgültig.

Im großen und ganzen wird aber auch diesmal, trotz Futternot und Nahrungsmittelteuerung und etwas fnopperer Verpflegung die Manöverzeit wieder die Glanzzeit in der Erinnerung vieler tausender von Sol­daten bleiben, die sich eben zum Ausrücken vorbereiten. Denn allzu nahe sind die Beziehungen des deutschen Volkes zu seinem Herr, als daß es in seiner überwie

der Großherzoglichen des Großherzoglichen Bürgermeisterei Polizei Amtes sowie vieler anderer Behörden Oberheffens Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Brüder Schmidt.)

Donnerstag, den 24. August 1911.

genden Mehrheit nicht auch in Teuerungszeiten seinen starken Sympathien zu seinen wehrhaften Söhnen deut­lichen Ausdruck geben sollte.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 24. Auguſt 1911.

** Als Geschworene für die Schwurgerichts. fizungen Gr. Landgerichts der Provinz Oberhessen im III. Quartal 1911 find folgende Herren ausgeloft: Rent­ner Georg Ulrich in Friedberg, Fürstl. Oberförster Frizz Klingelhöffer in Gedern, Gemeindeeinnehmer Johannes Oestreich 6. in Stockhausen, Kr. Lauterbach, Landwirt Johannes Luft in Busenborn, Kaufmann August Et­nolf in Homberg a. d. Ohm, Prokurist Joseph Aicher in Hirzenhain, Rentner Heinrich Keller in Offenheim, Metzgermeister Heinrich Duchard 8. in Lauterbach, Bür germeister Paul Heizenröder in Nieder- Moos, Guts­pächter Friedrich Beipold, in Münzenberg, Major a D. Berthold von Helmolt in Friedberg, Kaufmann Wilh. Hanftein in Gießen, Gutsbesitzer Karl Oppermann in Behrbach, Kaufmann Werner Diehm in Lauterbach, Landwirt Konrad Döring in Willofs, Buchdruckerei befizer Otto Kindt in Gießen, Architekt Peter Heinrich Wilhelm Klöß in Vilbel, Landwirt Nikolaus Th. Fer­dinand Ewald in Ockstadt, Landwirt Hugo Schudt in Dochetm, Landwirt Otto Völzing in Groß- Felda, Land. wirt Heinrich Stein 1. in Stumpertenrod, Gemeinde­rechner Johannes Weil in Münzenberg, Kaufmann Philipp Krausgrill 11. in Nieder Weisel, Kaufmann Karl Reußer 1. in Lauterbach, Rentner Heinrich Ubrich in Friedberg, Bürgermeister Heinrich Schaaf 6. in Eichel. hain, Rechner Geory Enders in Alsfeld, Landwirt Heinrich Wilhelm Hammel in Staden, Fabrikant Hein­rich Schmidt 3. in Grünberg und Fabrikant Heinrich Ludwig Langsdorf in Friedberg.

Land­

*-* Die milchproduzierenden wirte aus der Umgegend von Gießen sind für morgen Freitag Nachmittag 3 Uhr zu einer Versammlung in das Restaurant" Felsenkeller" eingeladen. Unsere Hausfrauen werden das Resultat dieser Versammlung zu hören wohl sehr begierig sein.

* Die Erbauung der neuen Kinderklinik in der Friedrichstraße ist dem Architekten Hans Meyer übertragen worden Die Ansschreibung der Arbeiten soll in den nächsten Tagen erfolgen.

* Neue Ausbrüche der Maul- und Klauenseuche werden von Eberstadt( Kreis Gießen) und Obbornhofen gemeldet.

* Der gegenwärtige Tiefstand der Schweinepreise läßt das Mißverhältnis zu den Schweinefleischpreisen, wie sie jetzt noch immer gefordert werden, besonders auffällig hervortreten. Noch nie ist der Abstand zwischen Einkaufs­nnd Verkaufspreis so groß gewesen wie in diesem Jahre, was an den Hauptmärkten Deutschlands statistisch nach gewiesen wird. Diese künstliche Hochhaltung wirkt selbstverständlich ungünstig auf den Konsum. Würde der Preis des Schweinefleisches dem starken Sinken der Schweinepreise gefolgt sein, so würden die Kon­sumenten in viel größerem Maße sich dem Genusse des billigen Schweinefleisches zugewendet haben, wodurch einmal die Nachfrage nach Rindfleisch gemildert und zweitens der Schweinefleischkonsum stark erhöht worden wäre. Der stärkere Verbrauch an Schweinefleisch würde aber anf die Schweinepreise regulierend wirken, so daß dem jzigen bom bolfswirtschaftlichen Standpunkt aus bedenklichen Tiefstand der Schweinepreise borgebeugt worden wäre. Das jezige Mißverhältnis zwischen den Preisen für Schlachtschweine und den Schweine­fleischpreisen bedeutet also nicht nur eine durchaus un­gerechtfertigte Belastung der konsumenten, sondern bildet zugleich die Ursache zu Schwankungen in der Schweinefleischproduktion, indem die natürliche Folge des jezigen Tiefstandes der Schweinepreise an vielen Orten eine Einschränkung der Schweinemast sein wird. Fleischverbrauch, Fleischpreise und Fleischproduktion stehen also in einem innigeren Zusammenhang, als oft ange­nommen wird.

* Ein Gewitter mit starken Niederschlägen ging Dienstag, abend über unserer Gegend nieder. In der Nacht wiederholten sich die elektrischen Entladungen, auch gestern ging wieder ein durchdringender Regen nieder. Dieser ist den Landwirten um so willkommener, als die Felder jetzt für die Nachsaaten und Futterfräuter bestellt werden. Auch für die Spätkartoffeln und die Spätgemüse erhofft man von dem Regen eine gute Wirkung.

* Der Spiritus wird teurer. Wie gemeldet wird hat die Spirituszentrale in Berlin infolge der schlechten

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Inseraten zeile. Stellen gesuche und Familienanzeigen 10 Pfg.- Die 90 mm breite Zeile im Reklameteil 50 fg. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Babbumps. zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beiereibung oder Det Konkurs in Wegfall. Plagsvorschriften shue Berbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. S.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

| Aussichten der Katoffelernte den Preis für Spiritus um 6 Mark für 100 Liter erhöht.

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Der evangelische Kirchengesangverein für Hessen hält seine diesjährige, vom Kirchengesangfest getrennte, Hauptversammlung Freitag, den 25. Auguſt( Ludwig stag) bormitags 10 Uhr, im Landessynodalgebäude( Waldstraße 40) zu Darmstadt ob. Die Tagesordnung umfaßt außer dem Jahresbericht und wichtigeren geschäftlichen Ver­handlungen einen Vortrag( mit Diskussion) des Neal­lehrers Mohr- Bensheim über ,, Volksgesang, Schulgesang, Kirchengesang".

)( Gießen, 22. Aug. Der Triebwagenverkehr Hungen Gießen und rückwärts bis Nidda, Hungen- Mücke bezw. Hungen- Friedberg mit Gegenzügen ist nun bereits im letzten Winter- und Sommerfahrplan eingsetzt, ob­wohl bis heute die Wagen noch nicht verkehren. Für manche Geschäftsreisende, die ihre Tour unter Mitbe­nuzung der Triebwagen nach dem Fahrplan zusammen­gestellt haben, ergibt sich auf den betr. Stationen Enttäuschung und Zeitverlust. Es steht zu hoffen, daß der vielbesprochene Triebwagenverkehr mit dem Winter­fahrplan wirklich in Kraft tritt. Die Elektrizitätsanlagen am Hungener Bahnhof sind schon lange betriebsfähig.

t. Klein- Linden, 22. Aug. Mit Rücksicht auf den in diesem Sommer durch die anhaltende Dürre her. borgerufenen Ausfall der Feldfrüchte hat die Gemeinde­behörde den Antrag der hiesigen Wirte auf Abhaltung einer Kirmes abgelehnt. Als weiterer Grund wurde angeführt, daß erft vor kurzem der zweitägige Gesangs. wettstreit hier abgehalten wurde.

- Hungen, 23. Aug. Der Eisenbahnbremser Valentin Gunkler, der wie berichtet- Montag abend anf der Station Ober- Widdersheim unter die Näder des Zuges geriet, ist nach der Amputation des linken Beines seinen Verlegungen erlegen.

-t- Ettingshausen, 21. Aug. Da von wegen der Maul- und Klauenseuche hier kein Vieh abgesetzt werden darf, schlachten die Landwirte das Vieh selbst und verkaufen es an die Einwohner.

I Holzhausen, 22. Aug. Seit 14 Tagen haben sich 15 Gießener Wandervögel hier eingenistet. Den jungen Leuten ist ein leerstehender Stock eines Hauses unentgeltlich eingeräumt, worin jeder seinen Strohsack aufgeschlagen hat. Die Wandervögel leben sehr einfach. Es wird alles, was nötig ist, gemeinsam beschafft und es gibt in der Woche nur zweimal Fleisch. Die jungen Leute machen täglich Streifen in die Umgebung, stehen früh auf und legen fich zeitig nieder. An einer passen­den Stelle hat man den Bach gestaut und so ein schönes Bad geschaffen. In dieser Woche trafen noch dret 14 Tage Gäste der Wandervögel sind. Ihr Lehrer Feretenkolonisten der Gießener Voltschulen ein, die auf trägt die Kosten, weil er mit dem Fleiß und dem Betragen der Schüler zufrieden war. In unserer Gemeinde hat man die jungen Burschen sehr gern, weil sie immer vergnügt sind und sich nett und bescheiden benehmen.

* Friedberg, 23. Aug. An der Großh. Obst­bauschule finden vom 29. bis 31. August und vom 5. bis 7. September zwei Obst- und Gemüseberwertungs­furse für Frauen und Mädchen statt. In diesen Kursen wird das Konservieren von Obst und Gemüse in Gläsern und Krügen, sowie die Herstellung von Marmelade, Gelee usw. praktisch vorgeführt. Da die Anstalt zur Abhaltung solcher Sturse umfangreiche und neuzeitliche Einrichtungen besigt, so ist der Besuch dieser Kurse ganz besonder empfehlenswert. Da immer nur eine geringe Anzahl von Damen zu einem Kursus zugelassen werden ( höchstzahl 25), so empfiehlt es sich, sich rechtzeitig bei der Großh. Dierektion zu melden. Der erste Stursus bom 29. bis 31. August ist bereits fast vollständig besetzt; Anmeldungen fönnen nur noch zum zweiten Stursus Verücksichtigung finden.

* Naunheim, 23. Aug. In dret Gehöften unserer Gemeinde ist unter dem Nindbiehbestande die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt worden.

n Ehringshausen, 24. Aug. Am 11. Aug. verließ Frl. Himmelreich unser Dorf, um an der Seite ihres Gatten, Missionar Feige, der vor 2 Jahren nach Kapland ging, unter den Heiden zu arbeiten. Bei der Abschiedsseler im Vereinshause, be. der Chorgesang und Deflamation wirkungsvoll abwechselten, wurde der Scheidenden das Wort Jes. 43, 1-3 und 5. Mos. 2, 7 auf den Weg mitgegeben. Möge der Herr sie wohlbe­halten an den Oct ihrer Bestimmung bringen, und möge die schwierige Arbeit unter dem Heidenbolfe von reichem Segen begleitet sein.