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Gießener Zeitung
( Neueste Nachrichten)
Bezugspreis 50 pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen
vierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den ZweigErscheint ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mr. jeden Werktag früh.- Die„ Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.
Nr. 19.
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Tele phon: Nr. 362.
Ein gemeinsamer Parteitag
der Großherzoglichen Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen Polizei Amfes
=
Behörden Oberhessens
Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)
Montag den 23. Januar 1911
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der Cbriftlich- und Deutsch- Sozialen Frankfurt a. M. und andere.
fand gestern am Sonntag, den 22. Januar, in Frank furt a. M. statt. Derselbe war sehr gut besucht. Außer sämtlichen hessischen Wahlkreisen waren einige badische, nassauische Wahlkreise und der Kreis Wetzlar Altenkirchen vertreten. Zu Vorsitzenden wurden die Herren Großh. Oberbibliothekar Dr. He use r- Gießen und Oberlehrer Dr. Werner= Butzbach gewählt. In einer vortrefflichen Eröffnungsrede gedachte Dr. Werner des verstorbenen Abgeordneten Köhler- Langsdorf. Die Versammlung hatte sich von den Plätzen erhoben zum ehrenden Anden
Ferner sprachen noch der Arbeiter- Sekretär Sch I a= bach- Wetzlar, Oberpostsekretär ReinemuthEs wird darauf folgende Resolution angenommen: " Der gemeinsame Parteitag der Deutsch- u. Christlich- Sozialen in Frankfurt a. M. billigt die schließung des Gesamtvorstandes in der Sitzung der Parteien vom 11. Dezember und betont vor allem den Hauptpunkt, daß bei einer Wahlunterstützung anderer bürgerlichen Parteien nur der Grundsatz Leistung und Gegenleistung in Betracht kommen darf." Nach einer kleinen Pause nimmt lebhaft begrüßt von der Versammlung der Reichstagsabgeordnete Binde= wald( Alsfeld- Lauterbach) das Wort зи einem großzügigen Vortrag über die politische und wirt
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des Hansabundes und die entgegengesetzten Interessen ern- Bundes.( Brausender Beifall.) des Mittelstandes, sowie die Politik des liberalen Bau
Darauf nahm, ebenfalls freudig begrüßt, Reichstagsabgeordneter Behrens das Wort zum Vortrag über die wirtschaftliche und politische Entwickelung von der Reichsgründung bis in die Gegenwart". Besonders sprach Abg. Behrens über die im Wirtschaftsleben der Gegenwart wirkenden Kapitalkräfte. Lang anhaltender Beifall wurde dem Redner. Nach Schluß der Sitzung fand noch eine gesellige Zusammen funft im Kölner Hof statt.
fen an den heimgegangenen tapferen Volksvertreter. Nachschaftliche Lage. Der Redner berührt dabei die Tätigkeit einem Rundblick über die Parteibewegung im Allgemeinen und in besonderer Berücksichtigung der hessisch en Verhältnisse, forderte Dr. Werner, auf die Organisation weiter auszubauen und vor allem die Parteipresse und die der Wirtsch. Vereinigung nahestehenden Zeitungen zu verbreiten. Unter den empfohlenen Zeitungen wurden ebenfalls die„ Gießener Zeitung" und die Wetzlarer Zeitung" genannt. Stadtverordneter RippelHagen nahm darauf das Wort zu einigen grundsätzlichen Ausführungen zu den anderen Parteien. Bisher haben die liberalen Parteien Gegensätze zwischen Deutsch- und Christlich- Soziale hervorzurufen versucht, um so im Trüben zu fischen.( Sehr richtig.) Wir aber gehören zusammen. Auch hat man bisher liberalerseits auf unsere Gutmütigkeit gerechnet, tut man das fernerhin, so verrechnet man sich.( Sehr richtig.) Wir werden in allen hessischen Wahlkreisen Kandidaten aufstellen.( Bravo.) Auch in Wiesbaden werden wir selbständig vorgehen. Arbeiten und nicht verzweifeln, dann werden wir auch Erfolge haben.
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In der Diskussion sprachen Kaufmann Wege- Offenbach über die Stellung zu den Nationalliberalen in dem Wahlkreise Offenbach- Dieburg. Der Kandidat der Wirtsch. Vereinigung im Kreise Offenbach- Dieburg, Lehrer Dern, sprach darauf über seine politische Stellung= nahme bei der letzten Wahl als Kandidat der nat.lib. Partei und der anderen bürgerlichen Parteien. Die falsche Haltung der Liberalen bei der Finanzreform habe ihm zu der Ueberzeugung gebracht, daß ihm als na= tionalen Mann, diese das Vaterland in der Zeit der Not im Stiche lassenden liberalen Parteien nicht genügen. Die wahrhaft nationale Haltung der Wirtsch. Vereinigung, die zugleich eine richtige Mittelstandspoli tik treibe, habe ihn veranlaßt, sich der Politik der Wirtschaftlichen Vereinigung anzuschließen. Er habe die ihm angetragene Kandidatur gerne übernommen und werde gerne für eine christliche und nationale Politik eintreten.( Großer Beifall.) Oberpostschaffner Noll= Gießen sprach über die Parteiverhältnisse im Kreise Offenbach Dieburg. Pfarrer Schuster= Heeringen ( Kreis Erbach- Bensheim) hielt darauf einen großartigen historischen Rückblick über die Entwickelung des politischen Parteiwesens in Hessen und über die gegenwärtige Politik der Nationalliberalen im Reichstage und im Hessischen Landtage. Nachdem die Nationalliberalen stark von den Jungliberalen an die Seite der Freisinnigen gedrängt waren, sind sie jetzt auf einem Zug nach rechts begriffen. Denn mit den Nationalliberalen ist's schwach im Lande. Ihre einzigste Rettung soll der Bund der Landwirte sein, deshalb der Zug nach links. Den Jdiologen erscheint jetzt der Korell'sche Freisinn als Morgenröte. Unsere christlich nationale Volksbe= wegung aber gründe sich auf die schaffenden Bauern, Bürger, Arbeiter und alle anderen klarblickenden Männer im Lande. Wir müssen aber auch den Konservativen gegenüber hier im Westen eine flare Grenzlinie ziehen. ( Großer Beifall.)
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Herr Grüme- Frankfurt a. M. spricht über den Wandel der nationalliberalen Fraktion im Reichstag, die das Heidelberger Programm verließ und antinational bei der Erledigung der Reichsfinanzreform handelte.( Beifall.)
Generalsekretär Hennigsen- Hamburg überbrachte die Grüße der deutsch- sozialen Parteileitung. Er mahnte besonders, nicht auf die Unwahrheiten und Verläumdungen der Gegner hereinzufallen. Es sei ein beliebter Wahltrik der Liberalen bewußt, Falsches zu verbreiten und dann den moralisch Entrüsteten zu spie len. Die Kampfesweise unserer Freunde sei stets loyal. Wenn das Gegenteil behauptet würde, so sei das eine be= Unwahrheit. Gerichtsurteile haben das zahlreich wiesen. Dann solle man den Nachrichten über„, E r- folge" der Gegner gegenüber stets skeptisch und gläubig begegnen. In der Regel seien diese„ Erfolge" grober Schwindel. Redner führt eine große Anzahl Beispiele dafür an.
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Aus dem Parteileben. Sozialdemokraten und Pfarrerwahl.
Vor einem halben Jahre fand eine gar bewegliche öffentliche Volksversammlung in Thale a. Harz statt. Der Reichstagsabgeordnete Franz Behrens sprach mit durch aber schlagendem Erfolge; besonders bedeutungsvoll war, daß in der folgenden Aussprache zwei Füh rer der dortigen Sozialdemokratie in I a rheit und Wahrheit ihren Ueber= tritt zur nationalen Arbeiterbeweg= ung vollzogen.
Jeder solcher Erfolg hat seine Vorgeschichte. Nächst Gott war es ein junger Domkandidat Riem, dessen treuer sellsorgerischer Arbeit und dessen klarem und wuchtigem Eintreten für eine christlich- nationale Arbeiterbewegung dieser Erfolg zu danken ist. Sohn eines alten und treuen Mitarbeiters von Johann Hinrich Wichern und Bruder des bekannten Astronomen Dr. Riem- Berlin hat Pastor Riem mit klarer Entschiedenheit in Thale auf christlich= sozialer Linie gewirkt. Drei Kursisten des Betheler Ausbildungskursus stammen aus Thale und der neu gründete evangelische Arbeiterverein geht fröhlich auf
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Bei solcher Arbeit fühlt die Sozialdemokratie, es ernst wird. Sie hat den Christlich- Sozialen stets die Ehre besonders tatkräftiger Gegnerschaft erwiesen. Wie sie im großen alle Minen gegen einen Adolf Stoecker springen ließ, so tat sie es im kleinen wider Riem. Sein Seelsorgebezirk wurde selbständige Pfarrstelle. Der Führer der Sozialdemokratie, der längst aus der Landeskirche ausgetreten ist, leitete die Gegenagitation; ein auswärtiger Prediger namens Delze wurde zum offiziellen Kandidaten der Sozialdemokratie und erhielt 388 Stimmen, während auf Pastor Riem 236 Stimmen entfielen. Fürwahr eine ehren volle Niederlage.
Die evangelische Kirche hat längst vor Bismarck dem Volke das gleiche und geheime Wahlrecht gegeben. Es ist unsere Freude, daß sie keinen Zensus kennt.
Welche Gefahr aber darin liegt, daß das Wahlrecht ohne Qualifikationsbestimmungen gegeben wird, zeigt der Kampf in Thale, dem viele ähnliche folgen werden. Soweit die Sozialdemokratie revisionistisch gesonnen ist, wird sie sich mühen, das kirchliche Leben auszusaugen, charaktervolle und tüchtige Seelsorger zu Fall zu bringen und so das kirchliche Leben zu schädigen, so gut es mit Ausnutzung firchlicher Rechte möglich ist.
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Lokal- Nachrichten.
Gießen, den 23 Januar.
* Eine Reichslebens- Versicherung für Arbeiter? Kommerzienrat Wilhelm Langenbach Darmstadt, der für die oberen Lohnklassen der Arbeiterschaft eine Reichslebensversicherung erstrebt und damit zugleich die Mittel gewinnen will für die Errichtung von Arbeiterwohnhäusern, hat It. Fr. 3tg." nunmehr zur Förderung seiner Ideen ein Komitee gebildet, dem Mitglieder der verschiedensten Interessengruppen angehören. Das Problem der„ Hypothekentilgung durch die Lebensversicherung" soll damit auch für die Arbeiterschaft seiner Lösung näher gebracht werden.
( Gießener Tageblatt)
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Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
-n Gießen. In der Turnhalle an der Nord- Anlage führte gestern Sonntag abend der Evangel. Arbeiterverein das Volksstück„ Der Leiermann und sein Pflegekind" aul. Die Halle war bis auf den letzten Platz besetzt. Man muß dem Verein Dank sagen, daß er ein so umfangreiches Theaterstück geboten hat, dessen tiefer Sinn: Schäden des Alkohols und Wertschätzung der Treue und der Pflicht, auf das Publikum nicht ohne Eindruck geblieben ist. Allen Mitwirkenden aber besonderer Dank für ihre große Mühe, der sie sich unterzogen haben; der Evangel. Arbeiterverein kann sich zu diesen seinen für's Theaterspiel talentvollen Mitgliedern gratulieren. Recht nett und packend gegeben wurden die Hauptrollen: der Leiermann, das Pflegekind, die Bäckermeisterin und deren Neffe Wilms; originell
war
der Vagabund Fabian, frisch gegeben der Bäckermeisterin ihr Ladenmädchen Jette, wie auch die Bäckergesellen Knöllhammer und Striegelmeier.
** Gießen. Es sei an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht, daß für die Folge die Namen der Dienstboten nicht mehr auf den Qnittungen der Klinikbeiträge aufgenommen werden und die 3ahlung für das betreffende Vierteljahr ohne Rücksicht, ob ein Dienstbotenwechlel stattgefunden hat oder nicht, von der Herrschaft zu leisten ist. Auf Grund der so im
Besitze der Herrschaft befindlichen Vierteljahrs- Quittung hat ein Dienstbote in einer der Kliniken freie Behand=
lung und Verpflegung im Krankheitsfalle. Herrschaften, welche ständig zwei und mehr Dienstboten halten, haben auch dementsprechenden Beitrag zu leisten.
-n Gießen. Heute Montag abend 8½ Uhr findet im„ Löwen" die Hauptversammlung der hiesigen Steinkohlen Bezugsgesellschaft, statt. Den Mitgliedern ist der Besuch der Versammlung sehr zu empfehlen.
*) Wetzlar. Landgerichtsrat Staubing wurde zum Vorsitzenden der am 13. Februar bei dem Landgericht Limburg beginnenden Schwurgerichtsperiode ernannt.
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)( Wetzlar. Die bloße Beschäftigung in einem Gewerbe bedinge noch nicht die Verpflichtung zum Besuche der gewerblichen Fortbildungsschule, sondern gehöre der ausdrückliche Wille des Vaters dazu, seinen Sohn auch das betr. Gewerbe lernen zu lassen. Diesen Standpunkt hat das hiesige Schöffengericht eingenommen. Bei einer Verhandlung gegen den Klempnermeister W. von hier, der gegen eine ihm gewordene Geldstrafe von 1 Mark, weil er seinen Sohn vom Besuche der Fortbildungsschule ferngehalten hat, Einspruch erhoben hat.
(*) Groß- Rechtenbach. Ein aus Darmstadt gebürtiger Former B. hatte hier vor einiger Zeit gebettelt. Das Schöffengericht hat ihn dafür zwei Wochen Saft auferlegt.
*)(* Kinzenbach. Vom Januar 1909 bis zum September desselben Jahres hat der hier wohnhafte Weißbinder Johannes Pfaff mit dem Zigarrenhändler St. aus Laubach( Hessen) eine Zigarrenfabrik betrieben. Der letztere hat Geschäftsgelder zur Deckung von Privatschulden verwendet, wozu er sich auf Grund der Abmachungen berechtigt glaubte. Eine gegen ihn erhobene Anklage am Schöffengericht Wetzlar brachte für den St. ein freisprechendes Urteil.
* Das Kriegsgericht der 25. Division verurteilte den 21 Jahre alten Musketier des Inf.- Regts. Nr. 116 in Gießen, Georg Schmidt 5. von Hahn, wegen Körperverletzung, Falschmeldung, Belügens eines Vorgesetzten und Urlaubsüberschreitung zu 3 Wochen strengem Arrest.
Schotten. Nach dem Arbeitsplan der Land' wirtschaftskammer und nach den Beschlüssen des Verbandes der oberhessischen Geflügelzuchtvereine wird im Laufe dieses Jahres hier eine Bezirksgeflügelausstellung für die Bezirke Schotten und Eschenrod stattfinden. Als Zeitpunkt ist Mitte Mai in Aussicht genommen.
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Darmstadt. Die Erste Kammer der hessischen Landstände wird voraussichtlich vom Mittwoch, den 1. Februar, ab mehrere Plenarsizzungen abhalten und sich in erster Lesung mit der Beratung der Wahlrechtsvorlage beschäftigen.
* Worms, 19. Jan. Bei der hiesigen Gewerbegerichtswahl hat sich die nationale Arbeiter= schaft glänzend geschlagen. Die in Worms noch ganz junge christliche Gewerkschaftsbewegung hat vor allen Dingen dazu beigetragen, daß ein solch schönes Resultat zustande kam. Von 3800 Wahlberechtigten haben 3036 abgestimmt. Es fielen auf die Liste der nationalen Arbeiterschaft 1629 Stimmen, auf die lozialdemokratische Liste 1407 Stimmen. Die nationale Liste hat demnach gesiegt. Von Arbeitgebern sind 64 wahlberechtigt; die 52 abgegebenen Zettel fielen auf die vorgeschlagene Listé.


