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1. In Gießen.

Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 Pfg. monatlich vierteljährlich 1,50 Mf., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­Erscheint ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk.

jeden Werktag früh.- Die Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 38.

Telephon: Nr. 362.

Aus dem Reichstag. Spezialbericht von unserem()-Mitarbeiter. Die Verhandlungen der vergangenen Woche waren der zweiten Lesung des Gerichtsverfassungs­gesetzes gewidmet. An den Debatten beteiligten sich fast ausschließlich die Juristen, denen die Einzelheiten ja auch besonders interessierten. Die Wirtschaftliche Ver­einigung wurde durch die Abgg. Graef und Kölle red­nerisch vertreten. Die§§ 77 und 99 erforderten na­mentliche Abstimmungen über die Anträge des Dr. Mül ler- Meiningen. Zu§ 77 handelte es sich darum, ob die Strafkammern als Berufungsinstanz über Urteile der Schöffengerichte in einer Besetzung von drei Schöffen neben zwei Berufsrichtern ver­handeln, und entscheiden sollen. Bei§ 99 handelte es sich ebenfalls darum, ob bei der durch dieses Gesetz neu zur Einführung gelangende Berufung gegen Straffammerurteile von drei Schöf­fen und zwei Berufsrichter für die Hauptverhandlung besetzt sein soll. Die namentliche Abstimmung zu§ 77 ergab folgendes Resultat:

nein 44

fehlten enthalten ja

Konservative

12

Reichspartei

6

18

Wirtschaftl. Bereinigung

1

Zentrum

18

2

34

50

Nationalliberale

7

-

27

Fortschrittliche Volkspartei

11

-

38

4

47

Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

des Großherzoglichen Polizei Amfes

=

Behörden Oberhessens sowie vieler anderer Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Brüder Schmidt.)

Dienstag den 14. Februar 1911

in

Aus dem Wahlkreise Giessen. Die freisinnigen Frankfurter Zeitungen stellen ihren Versammlungsberichten es so dar, als ob der frei­sinnige Kandidat, Herr Pfarrer Korell, seine Gegenred­ner, die Herren Dr. Werner und Hesse glänzend abge­führt hätte. Nichts ist wahr davon. Der größte Teil der Zuhörer in Bleichenbach und besonders in Langsdorf, wo Herr Dr. Werner Herrn Pfarrer Korell unter großem Beifall entgegentrat, wird mit uns der Meinung sein, daß diese falschen Siegesbe­richte nur zur Täuschung der Wähler in die Zeitun­gen gesetzt werden.

Viel Geschrei, aber wenig Wolle. So erschienen zu der großen freisinnigen Versammlung in Wei darts­ha in nur 2 Besucher aus dem Orte. Herr Korell sprach infolgedessen gar nicht.

In Ranstatt und Ober- Bessingen erntete der Gegenredner des Pfarrer Korell, Parteisekretär Hesse, lebhaften Beifall.

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Reflameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Gesamtleitung: Albin Klein.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

gen direkte Speise für den Körper sei, gehe er nackend im strömenden Regen. Diese Lebensweise halte er schon 15 Jahre ein und habe damit die besten Erfolge gehabt. Vor Er empfahl dieselbe darum auch den Zuhörern. allem sollte man auch das Rauchen einstellen und viel Db st anbauen. Dann sprach er von seiner Jerusalem= reise und seiner Schreibweise. Inbezug auf letztere er­flärte er, daß er, da sein ganzes Leben Natürlichkeit heiße, sich auch in der Schreibweise der Natürlichkeit be­diene, indem er so schreibe wie er spreche. Im Leben fange alles klein an und so sollten auch in seiner Schreibart alle Worte mit kleinen Buchstaben beginnen. In dem Vortrag gab er seine streng religiöse Anschauung zur Kenntnis und schaltete den Gesang einiger Lieder ein. Mit Dank an die Erschienenen schloß er um ½ 11 Uhr seine Ausführungen.

-

Weylar, 14. Febr. Gerichtsassessor& ink wurde von hier nach Ehrenbreitstein versetzt.

a= Wetzlar, 13. Febr. 45 Studenten der Darm­städter Technischen Hochschule besichtigten letzten Sams­Jung& Co., den Dom und die Stadt im Allgemeinen.

= 5= Wetzlar, 12. Febr. Die" Rh.- W.- 3tg." bringt die Mitteilung, daß eine Reihe von rheinischen Zen= trumsabgeordneten beabsichtigen, die Regierung zu er suchen, eine Wegeordnung für die Rhein­provinz auszuarbeiten und sie möglichst noch in die­ser Session dem Landtage vorlegen zu lassen.

Den größten Reinfall erlebten wohl die Freitag die Buderus'schen Eisenwerke, die Schraubenfabrik sinnigen am letzten Sonntag in Trais a. d. Lda., wo für die Kandidatur Kore II eine freisinnige Größe aus Frankfurt a. M. sprach. Der Mann erklärte u. a., daß die Kaprivische Politik in den 1890er Jahren sehr richtig gewesen sei. Deutschland würde doch ein reiner Industriestaat werden, daran könnten die rechtsstehenden Parteien mit ihrer Politik nichts ändern. Außerdem be­tonte der freisinnige Redner, daß die Industrie allein das Mark unserer deutschen Volkswirtschaft sei. Dann kam das alte, schon längst widerlegte Lied wider zum Vor­schein, daß die deutsche Landwirtschaft nicht mehr fähig 3u§ 99 ergab die Abstimmung folgendes Resultat: sei, uns mit genügenden Lebensmitteln versorgen zu kön­nein

Sozialdemokraten

Konservative

Reichspartei

Wirtschaftl. Vereinigung

Zentrum

Nationalliberale Fortschrittliche Volkspartei Sozialdemokraten

1216584

-

fehlen enthalten ja

42

9

1

15

15

40

11

14

30

6222167

18

44

5721

37

24

-

Da die Ja- Stimmen bedeutend überwiegen, so ist in beiden Gerichten die Hinzuziehung von drei Schöffen nach dem Antrage Müller beschlossen. Man beachte aber, daß wieder in beiden Abstimmungen die Wirtschaftliche Vereimgung fast vollzählig versammelt war und völlig geschlossen für die Schöffen stimmten. Die Nationalli­beralen, waren wieder wie Kraut und Rüben durchein ander und von den Freisinnigen fehlten wieder, wie ge­wöhnlich, ein sehr großer Teil, trotzdem es sich um freisinnige Anträge handelte. Die Sozialdemokraten hatten sogar beantragt, die Schöffen durch allgemeine geheime Wahlen aller volljährigen( vom 21. Jahre ab) Männlein und Weiblein wählen zu lassen und auch die

Frauen wählbar zu machen. Der Antrag wurde jedoch unter Heiterkeit abgelehnt. Eine längere, zum Teil hef­tige Debatte entstand um die Frage der Zulassung der Lehrer zum Schöffenamt. In der Kommission war aus schultechnischen Gründen diese Zulassung abge= lehnt worden. Die Wirtsch. Vereinigung hatte in der Kommission für die Zulassung gestimmt. Nunmehr hat­ten sich auch die Konservativen eines besseren besonnen. Anträge auf Zulassung der Lehrer zum Schöffenamt la­gen von der Wirtsch. Vereinigung, den Konservativen und Nationalliberalen vor. Die Zulassung der Lehrer wurde dann mit allen gegen eine konservative und den Stimmen der Polen beschlossen. Am Samstag wurde die Interpellation Kanitz verhandelt.

Politische Pastoren- Partei.

Wir erhalten folgende Zuschrift:

Die Fortschrittliche Volkspartei" scheint sich völlig zu einer politischen Pastorenpartei auszuwach­sen. Bis jetzt hat diese Partei folgende Pastoren als Reichstagskandidaten aufgestellt: Pfarrer a. D. Nau­mann- Heilbronn, Pastor Schmidt- Mansfeld, Pastor Heyn­Stralsund, Pfarrer Knuspe- Meißen, Pfarrer Ende- Glo­gau, Pfarrer Dr. Runze- Berlin, Pfarrer Krüger- Kreuz­nach- Simmern, Pfarrer Korell- Gießen, Pfarrer Keck- Holzminden, Pfarrer Spieß- Siegen. Eine Reihe anderer Pfarrer u. a. Lic. Traub warten noch auf eine freisinnige Kandidatur. Die Freisinnigen erstreben be­kanntlich die Trennung von Staat und Kirche, Besei­tigung des christlichen und konfessio nellen Charakters der Volksschule. Also etwa die französischen Zustände. solche Kirchen- und Schulpolitik wäre ein Unglück für unser Volk. Wie stehen jetzt die Liberalen zu dem be­fannten Kaiserwort: Politische Pastoren sind ein Un­ding"? Jm letzten Wahlkampf haben sie es ja so reich­lich gegen die Christlich- Sozialen angewandt.

Eine

nen. Einen solch einseitigen Standpunkt kann auch nur ein freisinniger Großstadtpolitiker vertreten. Die Zuhörer aus Trais haben aus dem Gehörten ihre Schlüsse ge­zogen und spendeten dem Gegenredner, Herrn Partei sekretär Hesse, der unter lebhafter Zustimmung fast der ganzen Versammlung in scharfer aber sachlicher Weise die wahre freisinnige Volkspolitik" beleuchtete, lebhaften Beifall. Der Kandidat Dr. Werner, den der Redner empfahl, stelle sich im Gegensatze zu dem freisinnigen

Referenten auf den Standpunkt, daß neben einer star fen gutgehenden Industrie auch eine tüchtige kauffräftige Landwirtschaft vorhanden sein müsse. Nur so könne der Volkskörper bei uns im Vaterlande als Ganzes gut gedeihen. Lebhaftes Bravo! Nun sprach noch ein Ein­Redner eine ganze Anzahl harte Nüsse zum Beißen vor­wohner aus Trais, Herr Büttner, der dem freisinnigen legte. Diese Arbeit mochte dem Jünger Korells wohl zu schwer gewesen sein, denn ehe der einheimische Be­wohner zu Ende war mit seinen Ausführungen, ver­ließ der freisinnige Apostel fluchtartig das Lokal eilte dem Bahnhofe zu. Es war ein großer Reinfall des Freisinns. Ob die Frankfurter Freisinnigen Zeitungen doch noch die Meldung bringen werden: Großer Sieg für Herrn Korell in Trais, völlige Niederlage für Herrn Dr. Werner?

Aus Stadt und Land.

und

Gießen, den 14. Februar.

- Frachtpreisermäßigung für Fracht­als gut. Für Sendungen von Saatkartoffeln, die Frachtgut bis Ende April d. Js. auf den Stationen der preußisch- hessischen Staatsbahnen aufgeliefert werden, ist mit sofortiger Gültigkeit die tarifmäßige Fracht um die Hälfte ermäßigt worden.

*

Gießen. Die Wahl des Kommerzienrats Louis Emmelius zum Beigeordneten wurde vom Groß­herzog bestätigt.

Gießen. Der außerordentliche Professor Dr. med. Karl von Eicken hat den an ihn ergangenen Ruf nach Erlangen als Nachfolger des nach Halle be­rufenen Professors Alfred Denker abgelehnt.

*

Gießen. Der verstorbene Kommerzienrat 2. Heyligenstaedt vermachte auch der Kleinkinder= schule zu Gießen einen Betrag von 5000 Mark.

Gießen. Der hiesige Lokomotivheizer Pfaff wurde zum Lokomotivführer befördert.

Gießen. Im Großherzogtum gibt es nach der letzten Steueraufstellung 242 Millionäre. Unserer Stadt ist es beschieden, hiervon 16 zu ihren Bürgern zu zählen.

== Gießen, 14. Febr. Der naturmensch gu­staf nagel" hielt gestern abend seinen angekündigten Vortrag in Steins Garten. In demselben schilderte er zunächst, was ihn zu seiner jezigen Lebensweise An­laß gegeben, daß er sehr frank gewesen sei und nur durch die Natur Heilung gefunden hätte. Er nähre sich von rohem Gemüse, Früchten und Nüssen, gehe Sommer wie Winter barfuß, überhaupt möglichst unbekleidet und setze sich oft nackend den Sonnenstrahlen aus. Da Re­

== Herborn, 13. Febr. Auf dem heute abgehal­tenen ersten diesjährigen Markt waren aufgetrieben 205 Stück Rindvieh und 535 Schweine. Fettvieh war nicht aufgetrieben. Auf dem Schweinemarkte fosteten Ferkel 40-60 Mt., Läufer 70-90 Mark und Einlegeschweine 100-120 Mark das Paar. Der nächste Markt findet am 9. März d. Js. statt.

* Buzzbach. Die Absicht der Regierung, die Orte Oberhörgern, Holzheim, Trais- Münzenberg und Mün­zenberg vom Amtsgerichtsbezirk Butzbach abzutrennen und Lich zuzuteilen, hat lebhafte Erregung hervorge­rufen. Stadt und Vereine protestieren dagegen.

* Darmstadt. Wirklicher Geheimer Rat Dr. Buch­ner, der frühere Präsident des Oberkonsistoriums, ist am Sonntag abend im 82. Lebensjahre gestorben.

Heute

Limburg, 14. Febr. Das Schwurge­richt verhandelte gestern gegen den Knecht Johann Ge­org Walter und den Arbeiter Alban Stegmann, die zu­letzt in Audenschmiede bei Weilmünster beschäftigt wa­ren. Beide sind wegen Notzucht angeklagt. Schwarz aus Stahlhofen wegen Brandstiftung und ge­steht die Verhandlung gegen den Steinbruchbesitzer Th. gen den Arbeiter Luigi Valbusa aus Herborn wegen Sittlichkeitsverbrechen und Raub vor.

-

Wiesbaden. Am 7. Mai werden der Kai­

ser, die Kaiserin und Prinzessin Viktoria Luise zu zwei­wöchentlichem Aufenthalt hier eintreffen. Mainz, 11. Febr. Der Großherzog traf gestern furz nach 8 Uhr zur Karnevalsigung ein und wurde vom Präsidenten Glotzbach begrüßt.

*

Hus der Arbeiterbewegung.

Soziale Wahlsiege fann die christ­liche Arbeiterbewegung in letzter Zeit eine ganze An­zahl verzeichnen. Bei Ortstrantenfassenwahlen siegten die christlichen Kandidaten in Koniz( Westpreußen), Bruchsal, Wattenscheid, Mettmann, Mülheim a. Ruhr­Broich, St. Ingbert und bei der Ortskrankenkasse 1 118 ( Textilgewerbe) in Aachen. In Koblenz wurden christliche und 67 sozialdemokratische Vertreter gewählt; in Schönlante 19 christliche und 15 sozialdemokratische. Einen bemerkenswerten Erfolg erzielten die christlich­organisierten Lederarbeiter in Hechingen bei den Fabrik­frankenkassenwahlen, wo sie in allen drei Klassen sieg­ten und die in einer Klasse bisher dominierenden So­Glänzend gesiegt ha­zialdemokraten hinaus wählten. ben auch die christlichen Arbeiter bei der Gewerbegerichts­wahl in Worms, wo sie mit 1628 Stimmen gegen 1424 die bisherigen sozialdemokratischen Beisitzer ablösten. Bei den Knappschafts- und Arbeiterausschußwahlen in Amberg( Oberpfalz) siegten die Kandidaten des Gewerk­Bei der vereins christlicher Bergarbeiter mit 2085 resp. 811 ge= gen 500 resp. 5 Stimmen einer Gegenliste. Vertreterwahl zum Ausschuß der Landesversicherungs­anstalt Württemberg wurden vier Kandidaten der christ­einen Sig. Jm Bezirk Unterelsaß der Landes- Ver­lichen Arbeiter gewählt. Bisher verfügten sie nur über sicherungsanstalt Elsaß- Lothringen wurden bei der Aus­schußwahl, anstelle der bisherigen sozialdemokratischen Vertreter, die Kandidaten der christlichen Arbeiter ge= Alles in allem beweisen diese Wahlerfolge, wählt. daß die christliche Arbeiterbewegung feste Wurzeln ge­schlagen hat und im Vormarsch begriffen ist.

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