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Gießener Zeitung
Bezugspreis 50 Pfg. monatlich
( Neueste Nachrichten)
oterteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den ZweigErscheint ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mt. jeden Werktag früh.- Die„ Illuftr. Weltrundschau" Redaktion: Itegt alle 14 Tage einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 78.
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( 2. Blatt.)
Schulentlassung und Berufswahl.
Nur noch eine kurze Zeit trennt uns von Ostern, und die Stunde der Schulentlassung tritt immer näher und unwillkürlich drängt den betreffenden Eltern die Frage auf:„ Was soll unser Sohn werden?" Aber ge= rade da begegnen wir dem wunden Punkt, woran unser deutsches Handwerk krankt. Der Junge mag alles werden, nur kein Handwerker, sagt der Vater, obwohl er weiß, daß sein Vater und Großvater Handwerker waren, daß beide gut ausgekommen sind und er selbst ein recht blühendes Geschäft besitzt. Die Lehrlinge, welche in den letzten Jahrzehnten ein Handwerk erlernten, rekrutieren sich meistenteils aus jungen Leuten vom Lande, aus solchen, deren Mittel es nicht erlauben, etwas anderes zu erlernen, oder seltener aus Meistersöhnen, welche aus diesem oder jenem Grunde angehalten wurden, das Geschäft ihres Vaters zu erlernen. Der Sohn muß studieren, ist der einzige Wille des Vaters. Der Herr Meister hält seinen Sohn, der in wenigen Wochen der Schule entlassen wird, für talentvoll und meint, er begehe gewissermaßen ein Unrecht, wenn er ihn dem Handwerk zuführe und schickt ihn, nachdem er die Mutter von den Geistesgaben ihres Lieblings überzeugt hat, in eine höhere Schule. Das kostet allerdings Geld und der Meister sagt sich wohl auch im Stillen, daß er das Geld, was für den Sohn zu Studierzwecken verwendet wird, im Geschäft notwendig gebrauche, daß vielleicht er und seine Angehörigen sich Entbehrungen auferlegen müssen, um den übernommenen Verpflichtungen nachkommen zu können, allein er tröstet sich bald wieder mit dem Gedanken, daß der Sohn ihm und den Seinigen später für die gebrachten Opfer entschädigen werde. Letzteres fann auch zutreffen, wenn der Junge eine gute Erziehung im elterlichen Hause genossen hat, Talent und Fleiß in genügendem Maße besitzt und nebenbei vom Glück etwas begünstigt wird. Aber es gibt auch Fälle, in denen sich die Berechnung der Eltern als falsch erweist und dann sind die Angehörigen immer schlimmer dran, als wenn der Sohn Handwerker geworden wäre. Diese Möglichkeit ins Auge zu fassen, möchten wir allen mit Söhnen gesegneten Handwerksmeistern in ihrem und in ihrer Söhne Interesse dringend raten, zugleich aber möchten wir noch bemerken, es hieße sehr gering von dem Handwerkerstande und den Leistungen auf dem Gebiete der einzelnen Kategorien des Handwerks denken, wollte man annehmen, daß zur Erlernung eines Handwerks besondere Fähigkeiten vollständig überflüssig wären und man dem Handwerkerstande ohne dessen Schädigung Talente entziehen könne. Wir achten das Handwerk hoch und weil wir es tun, deshalb sind wir auch der Ueberzeugung, daß es in sehr vielen Fällen unflug gehandelt ist, wenn Handwerksmeister ihre Söhne mehr einem anderen als ihrem eigenen Stande zuzuführen bestrebt sind, weil sie eben glauben, dieselben könnten ihre Fähigkeiten in einem anderen Stande besser, rentabler verwerten. Wenn aber dem Handwerkerstande alle talentvollen jun gen Leute entzogen würden, dann würde es zweifelsohne noch mehr den Krebsgang gehen, als es jetzt schon leider der Fall ist. Es darf nämlich nicht vergessen werden, daß nicht nur materielle Mängel es sind, die dem Handwerkerstande in unserer Zeit Blühen und Gedeihen erschweren, sondern das auch geistige Unterbilanz daran Schuld trägt, daß das Handwerk seiner einstigen Höhe herabgesunken ist. Aber auch nicht immer besitzt der Handwerkersohn die Fähigkeiten zum Studieren, trotzdem soll er dem Handwerk entfremdet werden und kommt bei einem Kaufmann in die Lehre oder auf irgend ein Bureau als Schreiber. Wenn sich aber auch hierzu als untauglich erweist, dann soll er doch noch Handwerker werden. Von einem Handwerksmeister unserer Tage aber verlangt man nicht allein eine gewissenhafte Ausführung seines Berufes, sondern er soll ein Mann sein mit flarem Blick für Vorgänge auf allen Gebieten, die ihn in seiner Stellung berühren und gleicherzeit verlangt seine persönliche Sicherheit, daß er sich die nötigen kaufmännischen Kenntnisse aneigne. Ein Handwerker soll jederzeit in der Lage sein, Kaufmann zu werden und in den meisten Fällen kann er das auch. Ein Kaufmann hingegen fann niemals Handwerker werden. Kaufleute ohne Stellung gibt es eine Unmenge. Tüchtige Handwerker hingegen, die nichts zu tun haben, sind Seltenheiten. Ebenfalls sind alle Studienfächer von der Jurisprudenz bis zur Theologie, Postfach und Baufach bedenklich überfüllt. Jahrelang können diese Leute warten, bis sie eine auskömmliche Stellung erhalten. Auch gibt es viele Aerzte und Rechtsanwälte mit ungenügend Praxis. Deshalb ihr Herren
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Enthält alle amfl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen Bürgermeisterei
des Großherzoglichen Polizei Amfes Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)
sowie vieler anderer
Samstag den 1. April 1911
Handwerksmeister in Stadt und Land überlegt die Sache ernstlich, denn es ist eine Lebensfrage. Hat euer Sohn Kenntnisse, so entführt ihn nicht dem Handwerksstande, denn ob einer studiert oder Kupons abschneidet oder ein paar Stiefel arbeitet, daß sollte im Bezug auf sein Ansehen ganz gleich sein; d. h. der Mensch sollte nach seinen Taten, nach seinen Können geschätzt werden, nicht aber nach dem, was er ist, was er sein will oder was er hat. K. H.
Die Kosten der nächsten
Reichstagswahl.
Alle Eventualitäten der kommenden Reichstagswahl werden schon lebhaft erörtert. Auch die Kostenfrage wird bereits besprochen. Wie teuer werden die nächsten Reichstagswahlen für die einzelne Partei sein? Fabelhafte Summen werden genannt. Man weist auf die letzten Ersazwahlen mit dem riesigen Aufgebot von Rednern, Flugschriften und anderen Agitationsmitteln hin und berechnet danach die Gesamtkosten der nächsten Reichstagswahlen. Natürlich sind die so erhaltenen Ziffern glatte Uebertreibungen. Es ist ja ohne weiteres klar, daß die Parteien bei allgemeinen Wahlen bei weitem nicht dieselben Kosten für die einzelne Kandidatur aufwenden können, wie bei Ersazwahlen. Auch sind die Gerüchte über die Kosten einzelner Ersatzwahlen, die angeblich aus einem sagenhaften Riesenportemonnaie des Hansabundes gezahlt worden sein sollen, wohl unendlich übertrieben. Will man die Frage nach den Kosten der nächsten Reichstagswahlen halbwegs richtig beantworten, so muß man folgende Berechnung anstellen. Wir hatten bei den letzten Reichstagswahien insgesamt 1600 Kandidaten. Nehmen wir auf Grund der gegenwärtigen Parteikonstellation an, daß sich diese Zahl das nächste Mal etwas vermindert, und vielleicht im Durchschnitt nur 1200 beträgt. Die Kosten, die auf jede dieser 1200 Kandidaturen entfallen, werden natürlich stark beeinflußt durch die vorhandene Finanzkraft der einzelnen Parteien, durch die Persönlichkeit des Kandidaten, durch den Fleiß der Gegner im Wahlkreis und durch die Aussichten auf Erfolg. Von einer ehren- und schandenhalber aufgestellten 3ählkandidatur bis zu einer hoffnungsvollen, aussichtsreichen, ist auch finanziell ein großer Gradunterschied. Immerhin darf man bei der heutigen starken Konkurrenz, die sich die Parteien untereinander machen, auch für die lumpigste Zählkandidatur nicht weniger als 3000 Mark rechnen. Nach oben hin mag die Grenze für gewinn- bare Wahlkreise auf 12 000 bis 15 000 mt. für die Partei festgesetzt werden, obwohl zweifelslos zahlreiche Kandidaten erheblich mehr verbrauchen und zahlreiche andere ihre Wahlkreise mit viel weniger Geld gewinnen. Hiernach wären die durchschnittlichen Normalkosten für jeden Kandidaten auf etwa 8000 bis 9000 Mt. anzusetzen. Insgesamt verursachte danach also die nächste Wahlbewegung für die Parteien zusammen 9,6 bis 10,8 Millionen Mark, oder rund 10 Millionen nur die Agitawohlgemerkt! Mart. Das sind tionskosten der Parteien. Was außerdem den Behörden und zahlreichen Privaten für Vorbereitung und Durchführung der Wahlen an Unkosten entstehen, ist sicher gleichfalls eine erkleckliche Summe. Man sieht also, daß die Frage der Neuwahl zum Reichstage nicht nur eine politische, sondern auch eine finanzielle Frage von erheblicher Tragweite ist.
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Reichstagswahlvorbereitungen.
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Jm Reichstagswahlkreise Alzey Bingen stellten die Sozialdemokraten den Redakteur Ad elung als Kandidaten auf. Für die Nationalliberalen kandidiert Dr. Becker- Sprendlinden. Als Reichstags= kandidat für den Wahlkreis Mainz- Oppenheim hat, der " Frks. 3tg." zufolge, die Fortschrittliche Volkspartei den badischen Landtagsabgeordneten Hummel in Aussicht genommen.
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Altena Iserlohn. In Altena fand eine Versammlung der Vertrauensmänner der christlich- sozialen Partei des Wahlkreises Altena- Iserlohn statt. Einstimmig wurde beschlossen, den Stadtverordneten Eisenbahnschlosser Albert Schweizer aus Siegen als Reichstagskandidaten aufzustellen.
Soziales.
Jn Schmiedeberg im Riesengebirge ließ der chrisil. Textilarbeiterverband Einladungszettel für eine Gewerkschaftsversammlung am 23. Februar zur Verteilung brin
50
( Gießener Tageblatt)
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die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Re flameteil auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungszteles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
| gen. Darob große Empörung bei den sozialdemokratischen Gegnern. Alle Einschüchterungsversuche hinderten aber nicht, daß die Zettel verteilt wurden.„ Da eilte ein „ Genosse", so berichtet die Reustädter Zeitung", schnurstracks zu der sonst so viel geschmähten Polizei und brachte zur Anzeige, daß die christlichen Gewerkschaften Flugblätter verteilten, wo kein Drucker und Verleger unterzeichnet sei". Für die ersehnte Beschlagnahme war es zu spät, aber die Denunziation hatte noch den Erfolg, daß der Zettelverteiler vor den Kadi zitiert und die Versammlung polizeilich überwacht wurde. In einem Steinbruch in Kiefersfelden gingen Sozialdemokraten zum Arbeitgeber und denunzierten christlich- organisierte Steinarbeiter als Drückeberger, obschon dies nur auf Kosten der Wahrheit geschehen konnte. Das ist sozialdemo= kratische Solidarität!
Literarisches.
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Europas fleinste Republik ist nach einer Mitteilung, die wir dem„ Buch für Alle" entnehmen, nicht San Marino oder Andorra, sondern Tavolara, eine Insel, die an der Nordostküste Sardiniens liegt, und die so klein ist, daß man sie auf einer gewöhnlichen Landkarte nicht findet; ihre Bevölkerung besteht zurzeit aus sechzig Köpfen.
Eins der schönsten und unterhaltendsten Blätter ist die über die ganze Welt verbreitete Familien- und Modenzeitschrift Mode und Haus". Auch die letzte Nr. ist wieder sehr gut ausgestattet.„ Mode u. Haus" kostet trotz seines reichen Inhalts pro Quartal nur 1 M., mit Moden resp. Handarbeiten- Kolorits Mt. 1.25. Abonnements bei allen Buchhandlungen und Postanstalten. Gratis- Probenummern bei ersteren und durch den Verlag John Henry Schwerin, Berlin W. 57.
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