Zuerst wo war es harmlos zugegangen, aber dann hatte einer der Halbberauschten ein Hazardspiel vorgeschlagen, und Arvid hatte verloren.
Diese Spielschuld und noch einige andere alte Zechschulden machten eine Summe aus, die dem Vater zu nennen Arvid sich nicht getraute. Dora atmete tief auf.
Gott sei Dank, die Summe überstieg nicht ihre heimlichen Ersparnisse!
Es blieb sogar noch ein Rest in der Kasse für Elsbeth.
Ihrem Manne mochte Dora den ersten Fehltritt Arvids, über den er selbst so unglücklich war, nicht gern verraten, doch nur dann wollte sie schweigen, wenn Arvid ihr gelobte, fortan nicht mehr einen derartigen Leichtsinn zu begehen.
Dora wußte ihren Mann mit Berufsgeschäften überhäuft. Sorgen aller Art hatten sein Haar ergrauen lassen, seine Nerven angegriffen. Es war die Pflicht seiner Frau, so viel als möglich alles Unangenehme von ihm fernzuhalten. Mutter und Sohn verbrachten eine ernste Stunde miteinander. Sie blieben ungestört, der Vater befand sich auf einer seiner Inspektionsfahrten in seinem Forstrevier, Gerta und Elsbeth besuchten ein Lesekränzchen, das bei einer Freundin stattfand, Baby, noch immer so genannt, schlief, die anderen Kinder lernten.
Dora erzählte dem ganz zerknirschten Jüngling von jenem leichtsinnigen Freunde seines Vaters, der so viele schwere Sorgen über ihr Haus gebracht.
Merke Dir's als warnendes Beispiel!" schloß sie. Dein Vater hat darben und arbeiten müssen, um die fremde Schuld zu bezahlen."
Wie viel sie selber dazu beigetragen, die drückenden Verhältnisse ihrem Manne zu erleichtern, darüber schwieg sie.
In den Augen ihres Sohnes las sie, daß er sein ihr gegebenes Wort, niemals fürder eine Hazardkarte anzurühren, halten würde.—
Der kleine Schatz in Doras Sparbüchse hatte seine frühere Höhe beinahe wieder erreicht, als im Hause ein freudiges Ereignis stattfand:
Gerta, die älteste Tochter, verlobte sich mit einem jungen Arzt, den sie in einer ihren Eltern befreundeten Familie kennen gelernt.
Er war ein strebsamer junger Mann, tüchtig in seinem Fach; man prophezeite ihm eine an Erfolgen reiche Zukunft.
Eben hatte er allerdings nur ein bescheidenes Einkommen, doch dies hinderte Gertas Eltern nicht, freudig ihre Zustimmung zu diesem Herzensbunde zu erteilen.
" Ich habe meinen Überschlag gemacht, Dora," sagte der Forstmeister eines Tages, als er und seine Frau in der Dämmerstunde auf dem bequem eingesessenen Familiensofa im Wohnzimmer ein Plauderstündchen hielten. So viel und nicht mehr kann ich zu Gerta's Aussteuer bestimmen. Suche Dich danach einzurichten, liebe Alte; Du wirst schon mit Deinem Geschmack und Deinem Geschick etwas Hübsches für unsere Tochter zu sammenstellen!"
Dora meinte anfangs auch, es würde reichen, doch nachdem das Notwendigste eingekauft worden, erwies es sich, daß so manches Stück, das in einen jungen Hausstand gehörte, fehlte.
Gerta war weder verwöhnt noch anspruchsvoll, aber sie ließ doch das blonde Köpfchen hängen, als sie sah, daß sie auf vieles verzichten mußte. Dora kämpfte im stillen einen kleinen Kampf. Durfte sie das zu Elsbeths Bestem erworbene Geld angreifen, um Gertas Ausstattung zu ver= vollkommnen?
Sie sagte sich, daß ste für Arvid unbedenklich
den Griff in ihre Sparkasse getan hatte, das nun freilich aus einem anderen Grunde geschehen war. Aber war denn Gerta nicht auch ihr Kind? Hatte sie, die Älteste, sich nicht redlich mit den kleinen Geschwistern gemüht und ihr, der Mutter, manche Pflicht abgenommen und ihr dadurch die Zeit verschafft, sich ihren Malereien zu widmen?
Kurz entschlossen leerte Dora ihre Sparbüchse, und Gerta erhielt das, was ihr am meisten zu ihrer Aussteuer fehlte.
Ich kann's ja wteder zur Stelle schaffen," dachte Dora und ging an einem freien Nachmittage an eine mühevolle, kunstreiche Arbeit.
Eine zarte Blumen- und Arabeskenmalerei auf Seide war ihr übertragen worden. Die Arbeit sollte zu einem eleganten Salonschirm verwandt werden.
Eine Zeitlang malte Dora emsig, da fühlte sie plötzlich, wie ein stechender Schmerz ihren rechten Arm durchzog. Sie biß die Zähne zusammen, doch der Schmerz wurde immer nagender, sie ließ den Pinsel sinken, und, eine Schwäche in allen Gliedern spürend, mußte sie sich zu Bett legen.
Der Anfall ging glücklich vorüber und in den folgenden Tagen gelang es Dora, den Schirm zu beenden.
Zwar fühlte sie immer wieder Schmerzen im Arm, besonders bei der Arbeit traten dieselben schärfer hervor, aber solange sie nicht unerträglich wurden, beachtete Dora, die nie gewohnt war, an sich zu denken, sie nicht sonderlich.
Und keine Tante stand jetzt neben ihr mit der wohlmeinenden, bestimmt ausgedrückten Mahnung: ,, Denke an Deine Gesundheit, Kind, schone Dich!" Die gute, alte Dame schlief seit Jahren unter dem Rasen des Kirchhofes.
Der Salonschirm war übrigens die letzte bestellte Arbeit, die Dora vor Gertas Hochzeit beenden konnte.
Es hatte sich gefügt, daß Gertas Verlobter eine einträgliche feste Stellung im städtischen Krankenhause erhielt.
Nun stand ihm nichts mehr im Wege, seine Braut heimzuführen.
Bei Forstmeisters entwickelte sich jetzt ein reges Leben. Obgleich seit länger als einem Jahre vorgearbeitet worden, so gab es doch noch immer wieder zu tun an der Aussteuer und beim Einrichten der kleinen Wohnung des jungen Paares. Dora war von früh bis spät unermüdlich tätig. Da geschah es, daß ein erneuter Schmerzanfall sie mehrere Tage lang an's Bett fesselte.
,, Gelenkrheumatismus", konstatierte der Schwiegersohn, den der Forstmeister voller Besorgnis sogleich herbeigeholt.„ Mama braucht Schonung und Ruhe," fügte der junge Arzt hinzu.
Aber er kannte Mama schlecht!
Dora verstand nicht, untätig dazuliegen. Sobald die Schmerzen nachließen, war sie wieder auf den Füßen, und heimlich malte sie sogar an einem Hochzeitsgeschenk für die geliebte Tochter.
Sie schmückte ein Teeservice mit wunderbar sein und sinnig ausgeführten Sträußchen. Die Muster zu denselben hatte sie einst in ihrer Mädchenzeit entworfen, jetzt suchte sie sie hervor aus einer alten Ledermappe mit verblichener Stickerei.
Am Hochzeitstage erregte das Geschenk allseitige Bewunderung.
Unter den Verwandten des Bräutigams, die zur Hochzeit gekommen waren, befand sich auch ein alter Herr, der, ein bekannter und gewiegter Kunstkenner, in der Residenz eine Kunsthandlung besaß.
Entzückt betrachtete er die feine, tadellose Malerei.
( Schluß folgt.)
Muffers Geburtstag.
Eine liebe und schöne Erinnerung wohl aller älteren Leute ist die an Mutters Geburtstag in den fernen Zeiten der Kindheit. Auch in der einfachsten Familie mit den bescheidensten Lebensansprüchen ist der Tag für die Kinder ein weihevoller und von festlicher Bedeutung, auch wenn er nicht mit geschmücktem Geburtstagstisch, nicht mit teuren Geschenken begangen wird, wenn nur ein schlichtes Sprüchlein aus Kindermund der teuren Mutter die Liebe der Ihren versichert. Wie die Erinnerung an ein schönes Bild haben sich die Eindrücke einzelner besonders stimmungsvollen Geburtstage der Eltern unserer Seele eingeprägt. Die Sonne schien heller, die Blumen blühten bunter und die Vögel sangen fröhlicher; das lasse ich mir noch nicht nehmen. Die Welt war wie ein großes, schönes Forsthaus, voll festlich froher Menschen. Wir Kinder richteten in großer Aufregung den Geburtstagstisch her, auf dem jedes von uns mit Stolz die Gabe, eine Handarbeit in recht naiver Ausführung, für die geliebte Mutter niederlegte. Die älteren Geschwister hatten einen mächtigen Blumenstrauß gepflückt, der mitten auf dem Tische prangte, darunter einen großen, braunen Napfkuchen, den das Geburtstagskind selbst gebacken hatte, nicht für sich, sondern für thre kleinen Gratulanten. Ein wenig fiel es uns schwer, den förmlichen Glückwunsch auszusprechen oder gar das Verslein aufzusagen. Das war doch etwas förmlich Steifes, was die kleine Seele drückte. Ich sehe noch heute Muttchens " große Ueberraschung" bei all den köstlichen" Geschenken ihrer Kinder und die kleine Rührung in ihren lieben Augen, die ich damals so garnicht begreifen konnte.
Schon viele Wochen vorher waren wir von unserer Karoline angehalten worden zur fleißigen Herstellung der kleinen Nadelarbeit, die, ach, so schwer von der Hand ging! Nur der
Schreckensgedanke ,, Du wirst nicht fertig werden!" trieb zu emsigem Fleiße an. War dann das Waschfleckel oder das Strumpfband fertig, so verwahrte man es mit dem Bewußtsein, einen wahren Schatz zu hüten. Das Kinderherz war voll Jubel, etwas schenken zu können. Dieses echt kindliche Empfinden, das so glücklich macht, sollte jede Mutter mit ihren Kindern pflegen. Man halte sie an zur Freude am Freudemachen und schärfe ihr Nachdenken darüber, andere froh zu machen, soweit es in ihren schwachen Kräften steht! Freilich muß dann Muttchens Portemonnaie herhalten, wenn die Kinder auch Karolinens Geburtstag erforscht haben; es gibt dann eher keine Ruhe, als bis Mutter den Batzen zum Einkauf des Geschenks herausgerückt hat. Wir Kinder nähten unserer guten Karoline, ein Nadelkissen und spickten es mit buntköpfigen Nadeln, wie sie der dörfliche Lumpensammler, der zugleich Kurzwarenhändler ist, feilbot. Karoline freute sich natürlich ,, schrecklich sehr" und versprach, zu unserer tiefsten Genugtuung das ,, schöne" Nadelkissen zum Andenken aufzubewahren. Wenn ich das Kissen jetzt sehen könnte ich glaube, ich könnte noch einmal mit Mund und Herzen lachen. In vielen Familien herrscht die Sitte, zum Geburtstage jedes Kindes die übrigen Geschwister ebenfalls zu beschenken, damit sie nicht neidisch werden. Auf wie tiefe Stufe stellt man dadurch die Seele des Kindes! Haltet es doch an dazu, das Geschwisterchen zu erfreuen und darin seinerseits eine Freude zu finden, anstatt mißgünstig die Freude des andern auch für sich zu begehren! Macht ihm begreiflich, daß dem Geburtstagskinde an seinem Wiegenfeste die Aufmerksamkeit gebührt, und daß die andern Kinder mit ihren Wünschen hübsch zu warten haben, bis der gleiche Tag ihnen die gleichen Freuden bringt, und ste selbst Der Eltern Gean die Reihe kommen ,,, gefeiert" zu werden. burtstage aber seien den Kindern Feiertage, denen das Auge threr Seele den Festesschimmer gibt!
Der Porträtmaler. Von Egger- Linz.
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