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Gießener Zeitung

300

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 40 Pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

vorauszahlbar, vierteljährlich 1,20 Mt., durch die Post

1,50 Mt. frei ins Haus. Erscheint Dienstags, Donnerstags und Samstags. Zwei Extrabeilagen: Humoristische Blätter" und die Neue Lesehalle", liegen wöchentlich einmal gratis bei.- Redaktion: Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Telephon: Nr. 362.

Nr. 101.

-

Amtliche vetanntmachungen.

Bekanntmachung.

Das 2. Ziel Gemeindesteuern und Kanalgebühren, die Beiträge zur Land und Forstwirtschaftlichen Berufsgenos senschaft, sowie die Beiträge zur Landwirtschaftskammer, tönnen innerhalb der nächsten 10 Tage noch ohne Kosten bezahlt werden.

Gießen, den 25. Juli 1910.

Stadttaise Gießen.

Mäser.

Bekanntmachung.

Die Eindeckung des Wasserturmes für die Schlachthof­erweiterung soll

Samstag, den 30. Juli d. I s., vormittags 11 Uhr,

öffentlich vergeben werden.

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

des Großherzoglichen Polizei Amfes Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.

sowie vieler anderer

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei( Albin Klein).

Zeichnungen, Muster, Arbeitsbeschreibung und Beding­ungen liegen bei uns zur Einsicht offen. Angebote auf Vor­druck, der daselbst erhältlich, sind bis zum genannten Ter­min an uns einzureichen. Zuschlagsfrist 14 Tage.

Gießen, 23. Juli 1910.

Städt. Hochbauamt.

Gerbel.

Lokales.

Gießen, 28. Juli 1910. ** Der Großherzog hat dem Rechner der Spar­und Leihlasse zu Alsfeld Georg Karl Weber dortselbst den Charakter als Rendant" erteilt.

* Parlamentarisches. Der Entwurf eines Gefeßes betreffend die Ausübung der Stockholzberechtigun­gen ist dem Landtage zugegangen. Das Gesetz hat nur einen Artikel, der bestimmt:" Besteht an einem Walde eine Stockholzberechtigung, so ist der Eigentümer des Waldes berechtigt und auf Verlangen der oberen Forstbehörde ver­pflichtet, die Stöde nach Inhalt der Berechtigung von den gerodeten Bäumen abzutrennen und das Stockholz für den

5)

Gerichtet.

Familienroman von Franz Wichmann.

Die Försterin wußte noch immer nicht genug: So erzählt doch genauer! Was sagte er euch?" Robert machte eine verächtliche Gebärde.

Wir haben den Unsinn nicht behalten. Jedenfalls aber amüsierten wir uns trefflich. Es ist doch wenigstens etwas Neues in dieser langweiligen Zeit."

" Freilich," stimmte der Freund ihm bei, so ein Held mit langen Haaren, in wollenem Mantel, der in der Stadt sein felbstgebautes Gemüse verkauft, die Worte des Evangeliums auf den Lippen."

Und im Herzen!"

Was sagst du, Klara?" fuhr der Förster auf, denn sie war es, die die Worte gesprochen hatte.

Was ich weiß!" entgegnete das Mädchen fest.

Auch die Försterin war empört.

Unerhört!" Was erlaubst du dir?" stieß sie aus. Klara verlor ihre Ruhe nicht.

" Ich sagte nur, was mein Herz mir eingibt!" erklärte sie. Otto sah sie von der Seite an.

Ich glaube, du bist eine heimliche Verehrerin von ihm, Schwester!" spöttelte er.

" Und wenn ich es wäre?"

Das gnädige Fräulein macht fich einen Spaß daraus, uns zum besten zu haben!" meinte Robert. Aber der Förster beruhigte sich nicht. Mädel, sprichst du wahr?" fragte er aufgeregt. Wie ich fühle, ja! Ihr habt mich ja nicht zum Lügen erzogen!" ( Gerichtet 9 Nr. 8.) " Bum Lügen, nein, Gott sei Dank, aber auch nicht zu Dreistigkeit und Ungehorsam!" rief der Förster. Was soll das heißen? Kennst du ihn?"

Eine liebliche Röte flog über des Mädchens lichte Wangen. Ja, sein Herz, seine Seele, ich habe sie herausgelesen aus seinen Worten."

" In den Zeitungen?" fragte die Försterin. Klara vermied eine direkte Antwort.

Seine Worte werden auch dort nicht gefälscht sein, wenn man sie auch verspottet!" gab sie zurück.

Klara!" Der Förster stampfte mit dem Fuße den Boden, die Adern auf seiner Stirn schwollen unheildrohend. Jäh ers hob er sich. Geh hinaus, Klara, wir haben miteinander allein zu sprechen!"

Das Mädchen erhob sich.

Donnerstag, 28. Juli 1910

Berechtigten in Raummaße ausarbeiten zu lassen. Dem Ei­gentümer des Waldes steht derjenige gleich, welcher als Eigenbesitzer oder auf Grund eines dringlichen oder per= sönlichen Rechtes die Früchte( den Ertrag) des Waldes be­zieht. In den Fällen des Absatz 1 hat der Stockholzbe= rechtigte, unbeschadet einer Vereinbarung durch welche die Gegenleistung in anderer Weise festgesetzt ist, dem Wald eigentümer zwei Dritteile der für das Roden und Zurich­ten des Stockholzes entstandenen Kosten an Hauer und Seterlohn zu erstatten.'" Begründet werden diese Vorschrif ten vor allem mit forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Na­mentlich wird darauf hingewiesen, daß schlecht oder ver­spätet gerodete Stöcke eine Brutstätte schädlicher Insekten und Pilze bilden.

** Verschärfte Kasernenkontrolle. Auf Grund höherer Anordnung hat sich das Regiments- Kommando aus dienstlichen Gründen genötigt gesehen, die Kontrolle beim Betreten der Kasernen zu verschärfen. Die täg­lich einlaufenden Gesuche aus der Bürgerschaft um aus­nahmsweise Erleichterungen müßten abgelehnt werden. Das Regiments- Komando bittet daher, solche Gesuche nicht mehr einzureichen, da dieselben keine Berück­sichtigung finden können.

* Gerichtliche 3. Bekanntlich wurde am Freitag gegen den Kaufmann Friedrich Walter- Düsseldorf, welcher sich wegen Vernichtung von Urkunden verantworten sollte, aber zu der Verhandlung nicht erschienen war, von der Straffammer ein Haftbefehl erlassen. Derselbe ist nun aufgehoben worden, da Walter die gerichtliche Aufforderung zum Erscheinen bei dem Termin nicht erhalten hatte.

* Die Wormser Lutherdenkmal- Stiftung bergibt in diesem Jahre an acht Kandidaten der evangelischen Theologie deutscher Nationalität, die the Examen mit Auszeichnung bestanden haben, Stipendien im Betrage bon je 900 M. auf ein Jahr zum Zwecke der Erlangung eines höheren Grades wissenschaftlicher Ausbildung durch einjähriges weiteres theologisches Studium an einer deutschen Universität. Bewerbungsgesuche mit amtlich beglaubigten Abschriften( nicht Originale) sind spätestens bis zum 1. September d. J. portofret an die Ver­waltungsfommission der Lutherdenkmal- Stiftung in

" Ich will mir in der Küdje zu tun machen, Vater, bis du mich rufft," sagte sie einfach.

Sie hatte faum die Tür hinter sich geschlossen, als der Förster sich zu Otto wandte:

,, Und du bleibst hier im Zimmer!"

Frau Adelheid fühlte sich von seiner Miene beunruhigt. ,, Gewiß, wir bleiben," sagte sie rasch, wenn du mit Klara-"

Wer spricht von dir?" fuhr Lorenz Reiner auf. Wenn Vater und Sohn miteinander spiechen, braucht es keinen dritten!"

Otto wagte feinen Widerspruch.

Robert, lieber Freund, du verzeihst-" ,, Natürlich," fiel dieser rasch ein, ich werde nicht stören, fann ja ein wenig herumspazieren, auf dem Weg zum Ochsen­wirt vielleicht, den du mir vorhin zeigtest!"

Schon recht, ich komme dir später nach, ich-" ,, Otto, hast du gehört?" unterbrach ihn der Förster streng. Ja, Papa, ich komme!"

" Darf ich mich Ihnen anschließen, gnädige Frau?" wandte Herr von Hohlen sich an die Försterin.

Der Verbannten!" lächelte diese. Sie erweisen mir eine große Ehre damit!"

Lorenz Reiner wurde ungeduldig.

Ich warte," sagte er kurz.

Frau Adelheid, von Robert von Hohlen gefolgt, beschleu­nigte ihre Schritte nach der Tür.

" Ja, ja, wir geben ja schon!" sagte sie.

Sie wußte, daß sie den Gatten in dieser Laune nicht noch mehr reizen durfte, und fürchtete feine selten, aber dann um desto heftiger auftretenden Jähzornsanfälle.

2. Kapitel.

Otto befand sich allein dem Vater gegenüber, doch in einer Art Verlegenheit.

,, Soll ich vielleicht die Klara rufen, Papa?" fragte er, nur um das peinliche Schweigen zu brechen.

Aber der Förster schritt dem Ausgang zu.

" Ihr kommt beide daran, doch jedes für sich. Du bleibst hier, bis ich zurückkomme, denn zuerst will ich mit ihr, deiner törichten Schwester-"

Du hast wirklich recht, Papa," fiel Otto ein, Klara ist, seit ich sie nicht gesehen

Die Worte schienen den Alten unangenehm zu berühren; schon an der Tür wandte er sich wieder um und fuhr den Sohn in seiner rauhen Weise an:

Still, fümmere dich um deine eigenen Sachen! Weißt du, dan mir koine Ammier me Sirpi Sanro lana hoit

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Reklameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall Plazzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Telephon: Nr. 362.

21. Jahrg.

Worms" einzusenden. Die Benutzung des Stipendiumis fann beliebig in der Zeit vom 1. Oftober 1910 bis 1. Oftober 1913 stattfincen.

-tt Stadttheater. Als 10. und letzte Operetten­abonnementsvorstellung gelangt Dienstag, den 2. August, Georg James neue Operette" Die Förster christel" zur Aufführung und zwar mit dem Personal des Emser Kurtheaters. Von der ursprünglich geplanten Aufführung des Grafen von Luxemburg" muß die Direktion für die­ses Jahr absehen, da das Aufführungsrecht dieses Werkes von dem Wiener Verlag versehentlich einem reisenden Di­reftor übertragen worden ist, der zwar keine Möglich! it hat, das Werf in Gießen zu geben, aber es trotzdem und aller Bemühungen ungeachtet vorläufig nicht freigibt. Die Abonnenten machen überdies keinen schlechten Tausch, da das reizende Wert James überall sich als Schlager Spielzeit erweist und gegenwärtig wohl die meistgegebene Operette sein dürfte.

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* Bet der Polizeihundeprüfung in Fried­berg konnten die Gießener Züchter etnen schönen Erfolg verzeichnen. Es wurden nämlich den Gießener Polizeihun den folgende Preise zuerkannt: 1. Preis deutsche Schäfer­hündin Lora, Besißer Schußmann K. Neuz- Gießen; 3. Preis deutsche Schäferhündin Minka, Besitzer Schußmann Wilhelm Seiß- Gießen; 4. Preis deutsche Schäferhündin Zilla, Besitzer Schutzmann Gg. Klös Gießen.

* Eigentumswechsel. Das Haus Bleichstraße 26 wurde für 47 500 Mt. an S. Ganß verkauft.

* Freiwilliger Tod. Ein Student machte seinem Leben dadurch ein Ende, daß er sich die Pulsadern öffnete. Der Beweggrund zur Tat ist unbekannt.

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* Ein geistestranter Mann versuchte sich dem Bergwerfswald zu erhängen. Er wurde jedoch rechtzeitig von Arbeitern gerettet und von seinen benach= richtigten Verwandten nach seinem Geburtsort Hanau zu­rückgebracht.

* Der neue Sportplatz des Gießener Fuß ballliubs 1900 wurde mit eineni Fußballwettspiel der Faust­ballmannschaft des Gießener Gymnasiums gegen den Gie­Bener Fußballklub seiner Bestimmung übergeben. Aus dem Kampf gingen die Gießener Gymnasiasten mit 145 gegen 110 Puntte als Sieger hervor. Hieran schloß sich ein Fuß­ballspiel des Hanauer Fußballklubs gegen den Gießener Fußballklub, wobei der zuerst genannte Kämpfer mit 8: 2 Tore gewann.

du aiieriei Vorwände gefunden, während der Ferten in der Stadt zu bleiben. Ich gab es zu, deiner Arbeiten, der Kosten wegen, und nun du endlich kommst, bist du ein völlig anderer geworden!"

Otto recte sich mit einigem Selbstbewußtsein auf. Seutzutage sind wir alle eben andere Menschen als einst!" sprach er wichtig. Die Welt und jeder einzelne ändert sich mit der Zeit!"

Der Förster hielt mit Auf- und Niedergehen ein. " Heutzutage!" wiederholte er. Ja, freilich, das ist dein Lieblingswort, und ich vergaß, wir leben in einer Zeit, da reden die Herren Jungen per, Wir von sich!" Papa!"

Ottos Miene nahm einen getränkten Ausdruck an. " Ja, ja, du hast recht," rief der Förster in bitterem Tone, ,, du bist ja ein Feiner, ein Studierter, da muß man dich wohl als etwas Besonderes behandeln!"

" Ich denke, ein Recht darauf zu haben! überhaupt liegt die Zeit, da die Kinder in der Familie nichts mehr als die Sklaven der Eltern waren, Gott sei Dank, hinter uns!" ,, Ei, ei, lernt man das auch auf der Universität?" fragte höhnisch der Förster.

Papa!"

,, Man lernt es unter freidenkenden, feingebildeten Menschen, ( Gerichtet 10 Nr. 8.) Und was wären denn die Herren Kinder jetzt in der Familie?" Was wir alle sind: Menschen und Brüder; alle sind gleich, das Alter macht da keinen Unterschied!"

Die Antwort versetzte den Alten in hellen Zorn. Kommst du mir auch mit der neuen Weisheit? Nur vor Gott sind wir alle gleich, daß du es wissen magst!" Otto näherte sich der Tür.

Papa, wenn du mit mir Streit machen willst, geh ich lieber. Dazu bin ich nicht zu euch herausgekommen. Wenn dir, was ich dir sage, nicht gefällt, warum hast du mich dann auf die Universität geschickt?"

Dumme Frage, damit du etwas lernen solltest!" ,, Und weil ich es getan habe, tadelst du mich!" " Nicht deshalb! Aber hättest etwas Gescheiteres lernen

fönnen!" grollte der Förster.

Otto zuckte die Achseln. Ich kann die Welt nicht anders machen, als wie sie ist!" versetzte er.

Die Schritte des Försters wurden immer hastiger. Freilich, ich weiß, die Welt ist jetzt so,"- er machte eine bezeichnende Gebärde ,, zum Ausspucken!" " Du sprichst eben, wie du es verstehst, Bava."

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