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Vermischtes.

Ein Heirats- Hochstapler. Mit einer Hochstaplergeschichte hat sich die Hamburger Kriminalpolizet gegenwärtig zu be­fchäftigen. Es handelt sich um einen Ungar, der sich einen Adelsnamen beigelegt hatte und höchst romanhafter Weise ein Doppeleheleben zu verbringen vermochte. Im vorigen Sommer machte etne Frau Pohl, die in Hamburg ein Pensionat betreibt, die Bekanntschaft mit dem angeblich adligen Ungarn. Es entspann sich bald ein vertrautes Ver­hältnis. Die Frau erzählte, sie wolle vor ihren Verwand­ten thre Ehetrennung verheimlichen und, da ihr Mann von den Verwandten noch nie gesehen worden war, erbot sich der Ungar, den Gatten zu spielen. Das Paar wandte sich so­gar an einen Geistlichen, dem sie die Heiratsurkunde des rechtmäßigen Gatten vorlegten. Der Geistliche erwirkte auch die kirchliche Trauung, worauf die Verwandten besucht wur­den. Schließlich sah sich der Pseudokavalter nach einem neuen Verhältnis um, das er sehr schnell in einer reichen Witwe fand. Mit ihr verlobte er sich sehr bald und verstand es, thr über 10 000 Mark zu entlocken. Seiner Braut stellte er frine kirchlich angetraute Frau als Stiefschwester vor und verstand es so, eine geraume Zeit in raffinierter Weise beide an der Nase herumzuführen. Als die Wechsel, die er unter­fchrieben hatte, abltefen, wurde dem Don Juan der Boden zu heiß, und er verschwand unter Mitnahme aller erreich­baren Wertobjekte.

Zwei Einbrecherbanden, von denen die eine aus vier, die zweite gar aus sieben Mitgliedern bestand, sind von der Berliner Kriminalpolizei unschädlich gemacht worden. An der Spitze der ersten Bande. deren Spezialität Messingdieb­stähle waren, stand ein gewisser Paul Jockisch, der unter dem Namen Peter Krielow" als Meisterschaftsringer auf den Rummelplätzen im Norden Verlins auftrat. Er ar= beitete im Ringkampf sowohl wie beim Einbruch mit dret 19 bis 25 Jahre alten Burschen, die mit ihrem Meister gestern kurz vor Beginn der Vorstellung verhaftet wurden. Die bösen Sieben", die vor allem den Schaufasteneinbruch betrieben, standen unter der Leitung eines Hausdieners Fritz Ebert, der in seinen Kreisen den Spitznamen der lange Frib" führt. Der Gesellschaft konnten bereits 32 Einbrüche, die sie binnen zwei Monaten verübt hat, nachge­wiesen werden. Nur" 14 Einbrüche führten zwei Fürsorge­zöglinge Frizz E. und Max N. aus, die im Jult vorigen Jahres aus der Anstalt in Lichtenberg entwichen und jetzt von der Kriminalpolizet wieder festgenommen wurden. Die Burschen hatten sich in einer verlassenen Laube in der Nähe von Weikensee häuslich niedergelassen und von hier aus thre Raubzüge in die Umgegend unternommen.

Mutterliebe einer Kage. Aus Stockholm wird der Frff. 8tg. geschrieben: Bei einem Brande in Ljusne wurden wir Augenzeugen einer rührenden Begebenheit. Während das Feuer in einer Mietsfaserne am wildesten raste, bemerkte eine Famille, die dieses Haus bewohnte. daß ihre Kaze eifrig versuchte, in das brennende Haus zu gelangen. Fünf­mal wurde sie vom Brandplate verjagt. aber immer kam fie wieder. Als sie das sechstemal zurückkam, rannte sie dt= reft auf das Haus los und stürzte sich in die Flammen. Einige Augenblicke später kam sie wieder durch die Flam­men zurück im Maul ihr Kabenjunges. Sowohl ihr et­genes Fell wie auch das des Jungen hatten aber Feuer ge= fangen. Kaum auf dem Boden angelangt, wälzte sie sich und das Junge so lange im Schnee, bis dieser das brennende Fell gelöscht hatte.

Tapfere Klosterfrauen. Ueber einen Kampf zwischen Nonnen und einer Räuberbande wird dem Morning Lea= der" aus Lissabon berichtet: Ein bemerkenswerter Kampf zwischen den Nonnen des Klosters in Bocairente und einer berüchtigten Bande von Räubern soll sich kürzlich abge­fptelt haben. Die Briganten versuchten, das Kloster, welches etwa fünf Metlen von der Stadt entfernt liegt, zu stürmen, um die wertvollen Kunstschäße zu rauben. Die Nonnen hat­ten aber noch rechtzeitig eine Warnung erhalten, verbarri­kadierten die Türen und Fenster, bewaffneten sich mit alten Jagdflinten und leisteten den Räubern erfolgreichen Wider­stand. Inzwischen waren die Behörden in der benachbarten Stadt von dem Ueberfall benachrichtigt worden und eine Abteilung Gendarmen eilte den bedrängten Nonnen zu Hilfe. Sie traf gerade ein, als es den Räubern gelungen war, eine der Hintertüren einzuschlagen. Die Gendarmen feuerten eine Salve auf die Räuber ab, durch die zwet getötet und drei verwundet wurden. Die übrigen ergriffen die Flucht in die Berge, wo eine Verfolgung nußlos ge= wesen wäre. Drei der Nonnen trugen Verletzungen davon.

Ein dänischer Verteidiger Cooks. Gs verdient erwähnt zu werden, daß in dieser Zeit, da sich alles und alle gegen Cook wenden, ein Professor an der Universität Kopenhagen Dr. Scharling, der einen angesehenen Namen hat, in vier umfangreichen Artikeln der Nationaltidende" eine Lanze fitr Cook gebrochen hat. Professor Scharling stellt sich auf den Standpunkt, man müsse Cook darin glauben, daß seine Aufzeichnungen noch in der Felsenhöhle bei Etah Itegen. Cook habe nun von Anfang an gesagt, daß diejenigen Auf­zeichnungen, die er selbst mitgebracht habe, keinen Wert hätten ohne die Aufzeichnungen und Instrumente in Gtah. Erst während des heftigen Kampfes in Amerika mit Peary habe er wohl verstanden, daß die Welt, und besonders die Universität Kopenhagen, schleunigst von ihm wissenschaftliche Beweise verlange; solche habe er, wie er selbst wiederholt betont habe, zurzeit nicht senden können; er habe aber dem Druck nachgeben zu müssen geglaubt und also der Univer­fität einen vorläufigen Bericht gesandt, in dem ausdrück­Itch erklärt worden set, daß es nicht möglich sei, auf Grund desselben ein Urteil zu fallen; man müsse warten, bis das Material aus Etah komme. Man dürfe ihn aber auf Grund der jetzt vorliegenden Tatsachen allein nicht als einen Schwindler bezeichnen und behandeln. Man dürfe über­haupt noch keineswegs einen Punkt hinter den Fall Cook setzen; vorläufig befinde man sich mitten im Cook- Roman, im Kapitel Cooks Verschwinden".

Frau Cook läßt sich scheiden! Die New Yorker World macht Mitteilungen über die Stellung, die Frau Dr. Cook zu ihrem Manne einzunehmen gedenkt. Die Mitteilungen stammen von einer Dame, die über Frau Cook Bescheid wissen fann, nämlich von Frau R. O. Stebbins, der Ge­mahlin eines der hervorragendsten Mitglieder des arkti­schen Klubs. Vor allemt ist es unzutreffend, daß Frau Cook ihren Mann auf seiner Flucht nach Europa begleitet habe. Sie ist vielmehr in Wirklichkeit über das plötzliche Ver­schwinden ihres Mannes tief empört und sie erklärt, sie tönne sich in Zukunft kein Zusammenleben mit ihm als möglich vorstellen, ausgenommen, er kehre nach Amerika zurück und trete der an ihm ausgeübten Kritif offen und ehrlich entgegen. Seit dem Verschwinden Cooks am 24. No­vember 1909 hat sich Frau Cook ununterbrochen in oder bei Neuvork aufgehalten. Sie hat ihren Mädchennamen Marie Hunt wieder angenommen und sich vollständig der Erzie hung ihrer beiden Töchter gewidmet. Wenn es ihr gelingt, eine vollständige Scheidung von Dr. Cook durchzusehen, so ist Frau Cook entschlossen, nicht einen Gent zu ihrem und Ihrer Kinder Unterhalte von ihm anzunehmen. Sie fann darauf um so cher verzichten, als sie durch die Erbschaft, Die thr erster Mann ihr hinterließ, Vermögen hat. Ueber­Dies ist Cook ihr noch erheblich verschuldet. Während der ganzen Dauer der Ehe hat Frau Cook nach ihrer Behaup Jung ihren Mann mit Geld versehen, damit er seiner Jagd­letdenschaft nachzugehen imstande war, und seit der Geburt ber fett 5 Jahre alten jüngeren Tochter Helen, soll Dr. Cook nicht einen Dollar zu den Haushaltungskosten beige­tragen haben.

Ein Wegelagerer im Unterrock. In der Nähe von Loi­ret wurde der Arzt Dr. Roche bei einer Automobilfahrt

von einer Bäuerin im kurzen Rock angerufen, die ihn bat, fle bis zum nächsten Dorf mitzunehmen. Der Doktor wil­ligte ein, nahm der Frau eine kleine Tasche ab, die sie beim Einsteigen behinderte und bot thr die Hand zur Hilfe. Da­bei bemerkte er zu seiner Ueberraschung, daß die Hand der vermeintlichen Bäuerin groß und hart war und ein Blick unter das in die Stirne gezogene Kopftuch überzeugte ihn davon, daß er es mit einem verkleideten Mann zu tun hatte. Der Doktor entledigte sich des unheimlichen Gesell­schafters mit einem fräftigen Stoß. der die falsche Bäuerin in den Graben warf. In der zurückgebliebenen Tasche fand er später zwei Revolver und einen Dolch. Die Gendar­merie suchte bisher nach dem Wegelagerer im Unterrock ver­geblich.

Millionenlegate eines Sonderlings. In Zombor in Ungarn starb vor einigen Tagen im Alter von 82 Jahren der ungarische Freiheitskämpfer Stefan Komjovits, der als Sonderling in bescheidenen Verhältnissen sein langes Le­ben verbracht hat. Nun fand man, so wird aus Budapest telegraphiert, ein Testament vor, aus dem hervorgeht, daß dieser einfache Mensch der reichste Mann des Banats war und seine Reichtümer nur gehütet hat, um sie nach seinem Tode zum großen Teil zugunsten seiner Mitbürger ver= teilen zu laffen. Er stiftete 80 Morgen Land und 60 000 Kronen für ein Blinden institut, 200 Morgen und 400 000 Kronen für eine Schule, 1200 Morgen und 30 000 kronen für eine Kadettenschule und 250 000 kronen für eine Kirche. Sein Hauspfarrer erhält 250 000, feine Dienstboten und Wirtschaftsbeamten bekommen 200 000 und 120 andere Per­fonen je 3000 Kronen. Die restlichen Millionen, zwei Fabri­fen und rtefiqe Herden, erbt ein fünffähriger Enkel.

Alter schützt vor Torheit nicht. In Felföszilvagy in Ungarn lebte der 75jährige Bauer Guzmics schon seit 22 Fahren mit der 60jährigen Lina Nemeth friedlich in einem gemeinsamen Haushalt. Kürzlich machte das Paar die Be­fanntschaft des 80jährigen Ladislaus Horvath, der nun mit der Nemeth ein Verhältnis anknüpfte. Als Guzmics dies bemerkte, faufte er einen Revolver und schoß auf seinen Nebenbuhler. Die Nemeth mischte sich in den Kampf, der schließlich damit endete, daß alle drei verliebten greifen Leute schwer vermundet auf dem Blake blieben.

Gesundheitspflege.

Die verbreitetste Volkskrankheit ist nicht, wie meistens geglaubt wird, die Tuberkulose, sondern die Zahnkaries, die Bahnfäule: von 200 000 untersuchten Personen in Deutsch­land und seinen Nachbarländern litten 97 Prozent an ihr, und bei vielen darunter betrug sogar die Menge der er­frankten Zähne über 50 Prozent. In Deutschland gibt es zwar ein Deutsches Zentralfomitee für Zahnpflege in den Schulen", das durch Belehrung und Behandlung die Zahn­pflege in der Bevölkerung zu heben sucht. Dieser Weg genügt jedoch nicht, wie ein Aufsatz der Zeitschrift für Schul­gesundheitspflege ausführt. Es handelt sich vielmehr auch darum, das Uebel an der Wurzel zu fassen, daß man der Entstehung der Karies entgegenarbettet. Das muß möglich sein, denn vor wenigen Generationen, wo kaum von Zahn= pflege oder Zahnreinigung die Rede war, hatten unsere Vorfahren harte, gelbe Zähne, die fret von Karies waren, während die Zähne der heutigen Jugend ganz weich sind und darum leicht der Kartes zum Opfer fallen. Die Ur­sache dieser Erscheinung ist die ungenügende Aufnahme von Kochsalzen. die die ungenügende Verkalkung der Zähne bedingt, und für sie sind wieder dret Umstände verantwort= lich zu machen: erstens, wie Dr. Rose in Dresden mehr­fach ausführt, die zunehmende Unfähigkeit der Mütter, ihre Kinder zu stillen. Die Muttermilch, die besonders retch an Kalksalzen und anderen Salzen ist, kann auch in dieser Beziehung weder durch Kuhmilch noch durch ein an­deres Surrogat ersetzt werden. Durchschnittlich haben die nicht gestillten Kinder 25 Prozent mehr franke Zähne als die über 10 Monate gestillten, und 28 Prozent mehr als die über ein Jahr gestillten. In zweiter Linte ist die unzweck­mäßige Zubereitung vieler Nahrungsmittel zu nennen. Kartoffeln und Gemüse werden heute hauptsächlich in aus­gelaugiem Zustande genossen, und das Wasser, das die wert­vollen Salze enthält, wird meistens weggegossen. Man sollte statt dessen die Kartoffeln in der Schale kochen und das Wasser, in dem Gemüse gefocht ist, stets in irgend welcher Form, etwa als Suppe, dem Körper zuführen. Einige Ernährungshygieniker verlangen sogar, man solle auch die Salze der Knochen dem Körper dienstbar machen, indem man etwa die Knochen mehrfach unter Dampfdruck kocht, und weisen zum Vergleich auf die Raubtiere hin, die Knochen verzehren und kaum iemals an Rahnkaries leiden.

Ein versinkendes Dorf.

Am Weihnachtstage hat, wie berichtet, in Scopolo in Oberitalien ein großer Erdrutsch begonnen, der noch nicht zum Stehen gekommen ist und die ganze Ortschaft ver­wüstet. Ein Mitarbeiter des Corriere della Sera" hat dieser Tage die untergehende Ortschaft aufgesucht und be­richtet darüber ausführlich. Das Dorf Scopolo macht heute einen ganz merkwürdigen Eindruck: die Häuser schei­nen zu tanzen und durcheinander zu wandern, hier Klappt bei einem plöblich das Dach zusammen, dort bricht plöß­lich eins ohne sichtbaren Grund in sich selbst zusammen, und alle miteinander sind in Bewegung. Menschen sind in ihm natürlich nicht mehr vorhanden, denn die find längst geflüchtet, und nur einige gadernde Hühner scharren sorglos unter den Trümmern umher. Der italienische Jour­nalist hat auch den Bauern getroffen, der zuerst das droh­ende Unglück bemerkt hat und hat aus dessen Munde die Geschichte dieser ersten Wahrnehmung vernommen. Der Bauer, der auf den Bergen( es handelt sich um den Monte Pelti und den Monte Campassi) ein Stück Buchenwald be­sibt, war am Weihnachtsmorgen dort hinaufgestiegen und wollte gerade wieder umkehren, als er etwas ganz Er­staunliches sah. Da, wo er stand, sah er plößlich, wie die Buchenstämme in heftige Bewegung gerieten und sich einige bogen wie unter einem heftigen Sturm, dessen Rau­schen er auch zu vernehmen glaubte. Die Luft war da­bei aber völlig still und nicht der leiseste Windzug war zu spüren. Gleichzeitig fühlte er selbst etwas ganz Un­erklärliches; es war ihm, als sei er berauscht und mit ihm die Bäume, die ihn umgaben. Zu seiner Seite sah er plöblich, wie zwei Buchen sich zu umarmen schienen, als ob sie miteinander kämpfen wollten, bis die eine von ihnen schwankend ihren Weg fortsette; sie war aber dabei in rascher Bewegung. Im selben Augenblick fing der Bau­er auch an, samt dem Boden, auf dem er stand, sich zu wegen. Da sah er, worum es sich handelte und rannte so schnell wie möglich ins Dorf, um das drohende Un­heil zu verkünden. Am Nachmittag brach die Katastrophe schon herein und es stellte sich heraus, daß der Berg in einer Länge von 2 Kilometern bei einer Breite von 650 Metern ins Rutschen geraten war. Die beiden Brunnen des Dorfes versiegten, dafür aber zeigte sich an anderen Stellen Wasser, das aus dem Boden hervorbrach und zu beiden Seiten des rutschenden Berges zu Strönten wur­de. Wo sich in dem Boden ein Spalt öffnete, hörte man das Wasser rauschen, und man hörte das Plätschern, wenn man einen Stein hineinwarf. Jezt erst wurde man dar­auf aufmerksam, daß man schon vorher merkwürdige An­zeichen im Verhalten des Wassers beobachtet sie aber nicht richtig gedeutet hatte. Jeßt ist der Bergrutsch schon so weit, daß selbst in den tiefsten Stellen des Tales sich große Verschiebungen bemerkbar machen und der Boden mit allem, was darauf steht, sich hin und herschiebt. Aus der Ferne sieht man nicht viel davon. Aber in der Nähe sieht man bereits alle Gebäude, besonders den Kirchturm schwanken. Die beiden benachbarten Orte Majanti, das

in der Richtung nach Bedonia zu liegt, und Bilati, u entgegengesetzter Richtung, sind nicht bedroht, denn unter ihnen liegt feſter Boden, wahrscheinlich Gestein. In diese beiden Dörfer haben sich die Einwohner des untergehen­des Dorfes geflüchtet, die alle mit dem Leben davonge. kommen sind.

Die Verschütteten auf 3eche Holland.

Die Rettungsarbeiten zur Bergung der auf der Seche Holland bei Gelsenkirchen verschütteten sechs Beraleuten sind von Erfolg begleitet gewesen. Gestern mittag ist, wie schon berichtet erneut eine Verständigung mit den Ver­schütteten erzielt worden. Mit freudiger Ueberraschung konnten die unermüdlichen Retter feststellen, daß fünf von den Verschütteten bestimmt noch am Leben sind. Ueber den sechsten sind die Berichte noch zweifelhaft. Die Rettungs­folonne arbeitet jeẞt in unmittelbarer Nähe der Stelle, an der die sechs Knappen ihre Zuflucht gefunden haben. Die Verschütteten waren ohne Zweifel ohnmäch­tig, denn alle Rufe, mit denen die Rettungskolonne sich über das Schicksal der Kameraden Gewißheit verschaffen wollte, blieben lange unbeantwortet. Durch einen Spreng­schuß, den die Rettungsmannschaft abfeuerte, wurden aber dann die Verschütteten aus ihrer Lethargie aufgeschreckt. Sie machten sich durch schwache Rufe verständlich. Diese Lebenszeichen wurden von den Rettern im Schacht mit freudigem Hurrah beantwortet. In höchster Erregung und mit verdoppeltem Eifer wurde das Werk der Befreiung fortgesetzt. Wegen der Enge des Raumes können nur im­mer wenige Mann gleichzeitig arbeiten. Sie werden dann von einer anderen Kameradschaft abgelöst. Der Bechen­plaz des Luftschachtes, in dessen Tiefe die Katastrophe sich zugetragen hat, ist von allen Seiten abgesperrt. Selbst die Angehörigen der Verschütteten erhalten keinen Zutritt. Die Mutter und die Schwester des Schachthauers Bayer harren unermüdlich vor dem Gittertore aus. In der Steinhalde des Schachtes 5-6 stehen zahlreiche Neugierige, meist Berg­leute aus der Nachbarschaft, die mit größter Spannung die Vorgänge am Fördergerüst beobachten. Wenn die Leute lebend befreit werden, werden sie durch den Luftschacht zu Tage gebracht. In einem Nebengebäude sind bereits Stär­fungs- und Heilmittel bereitgestellt. Auch für die rechtzeitige Anwesenheit von Aerzten ist gesorgt. Spät abends kam die Meldung aus dem Schacht, daß alle 6 Verschütteten am Leben sind. Die Rettungsar­beiten wurden mit doppelter Energie fortgesetzt.

Gelsenkirchen, 22. Januar. Wie die Zechenverwal tung mitteilt, gehen die Rettungsarbeiten immer langsamer vonstatten, da fortwährend neue Einbrüche erfolgen. Nach den bisherigen Resultaten läßt sich nicht mit Sicherheit fest­stellen, ob die Bergung der Verschütteten noch heute abend erfolgen kann.

Wetterkatastrophen in Frankreich.

Wiederum, schon zum dritten Male in diesem sonder baren Winter, sind furchtbare Stürme durch Europa ge­braust. Ihre Bahn ist durch zerstörte Wohnstätten gezeichnet; an der Küste des Atlantischen Ozeans sind abermals zahl­reiche Schiffe zerschellt, und viele brave Seeleute haben den Tod in den Wellen gefunden. Im Binnenlande aber hat sich zum Sturm der Regen gesellt, der insbesondere in Frank­reich schwere Ueberschwemmungen hervorgerufen hat. Te­legramme melden uns heute über die Wetterfatastrophen:

Paris, 22. Januar. Von allen Seiten werden noch immer Ueberschwemmungen gemeldet. In Tennerre mußte der Verkehr in einem Teile der Stadt mit Kähnen aufrechi erhalten werden. Im Arrondissement Auxerre sind Hun­derte von Häusern eingestürzt. Die Rettungsarbeiten ge= stalten sich schwierig. Aus Reims, Chalons sur Saone, Lyon, Dijon und anderen Orten wird gemeldet, daß die Flüsse über die Ufer getreten sind, die Eisenbahnlinien teilweise zerstört, mehrere Züge entgleist und die telegraphischen und telephonischen Verbindungen unterbrochen sind.

Fontaineblean, 22. Januar. In dem zur Gemeinde Chateau Landon gehörigen Weiler Leron. der auf Kreide­felsen steht, find infolge eines durch Ueberschwemmungen hervorgerufenen Wassereinbruches unterirdische Aushöhlun­gen eingefunken und dadurch mehrere Häuser eingestürzt. Rahlreiche Personen wurden mit in den Abgrund gerissen. Fünf Leichen sind bereits geborgen und zehn Schwerverletzte nach dem Krankenhaus gebracht worden. Man befürchtet, daß noch weitere Personen verunglückt sind.

0 Paris, 22. Januar, 123 Uhr nachts. Lm Laufe des gestrigen Abends überflutete das Hochwasser der Seine die tm Bau begriffene Strecke der Untergrundbahn Place de la Concorde- Trinitee. Der Schaden ist so groß, daß die Wie­derherstellungsarbeiten mehrere Monate dauern werden.

Drabtnachrichten und Deaestes.

Geschenk des Sultans an von der Golz. Konstantinopel, 22. Januar. Freiherr von der Goltz erhielt in der Abschiedsaudienz vom Sultan eine kostbare Zigarettendose mit Brillanten zur Erinnerung an die gut­ten Dienste, die er der Türkei geleistet.

Der Petersburger Prozeß Karkow. Petersburg, 22. Januar. Der Prozeß wegen der Gr­mordung des Chefs der Geheimpolizei, des Obersten Kar­kow, hat heute begonnen. Die Verhandlung findet unter Ausschluß der Oeffentlichkeit in der Peter Pauls- Festung statt.

Verhafteter Falschmünzer.

Lübeck, 22. Januar. Die Kriminalpolizei verhaftete ge­stern den aus Berlin zugereisten Schlosser Schröder wegen Falschmünzerei. Er hatte nach seinem eigenen Geständnis in Berlin 800 falsche 3weimarkstücke abgesetzt. Lawinenstürze.

Innsbruck, 22. Januar. Im Setztal sind ganze Wald­teile durch Lawinen fortgerissen worden. Bilderfälschung.

London, 22. Januar. Ein falscher Velasquez ist hier entdeckt worden. Die Nationalgalerie hat das Bild vor zwei Jahren für 900 000 Mark erworben. Der Kunst­forscher William Richmond behauptet, daß sich in den Far ben Preußischblau befinde, das erst vor 150 Jahren ent­deckt wurde. Der Chemifer Church fagte aus, daß seine chemischen Untersuchungen die Fälschung des Bildes er geben haben.

Der Fleischboyfott in Amerifa. Cleveland,( Ohio), 22. Januar. Der von den Arbei fervereinigungen ins Werk gefeßte Fleischboykott hat auch hier begonnen. Er ist in den größeren Städten mit Be­geisterung aufgenommen worden und verspricht, einen gro­Ben Umfang anzunehmen. Auch in Cleveland haben weit über 30 000 Personen die Verpflichtung unterzeichnet, sich 40 Tage lang jeden Fleischgenusses zu enthalten. Die Regierung beabsichtigt, gegen den Beeftrust in Chicago auf Grund des Antitrustgeseßes flagbar zu werden.

Furchtbares Eisenbahnunglück in Nordamerika. Renyort, 22. Januar. Bei North Bay in Ontario entgleisten vier Wagen eines Personenzuges der Kanada­Pazifikbahn und stürzten die steile Böschung hinab in einen Fluß Ein fünfter Wagen geriet in Brand. 48 Personen ertranken oder verbrannten, 93 wurden verletzt.

Revolution in Uruguay.

Montevideo, 22. Januar. Bei den Aufständen, die

in mehreren Provinzen von Uruguay ausgebrochen sind, handelt es sich um eine weitverzweigte Verschwörung. Un­ter der Bevölkerung herrscht große Erregung. Die Regie­rung hat eine strenge Zensur angeordnet.