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viel begehrlic, er und törichter als früher für euch selbst und euer eigenes Dasein. Die Besten unter euch sind so leider!" Er sah seine Gefähr tin mit klugen Augen an und schüttelte leise den Kopf.

" Und merkwürdig, es ist dann, als hättet Ihr umsonst gelebt und nichts bei all dem eigenen Leiden gelernt! Sogar alles, was Ihr Ungerechtes von euresgleichen erfahren habt, was euch einmal so heiß gekränkt und empört hat, vergeßt Ihr dann, Ihr Mütter, und tut es anderen ruhig an, wenn es euern Jungen nützlich ist!"

Sie sah ihn von der Seite an. Wie ein rasches Verstehen glitt es über ihr Gesicht, aber sie fragte wieder:" Was soll das, Professor?" Er nickte ihr freundlich zu.

D, Sie wissen schon, was ich meine, Frau Anna. Ich habe nur an meine Mutter gedacht und an alles, was sie uns beiden angetan hat in unseren jungen Jahren, und daß Sie jetzt den beiden dort unten am liebsten dasselbe antun möchten!"

Er wies hinunter. Dort auf den großen Steinblöcken im Wasser, die zum Schutze der Bucht als Wellenbrecher vor das kleine Vor­gebirge gelegt waren, standen die beiden jungen Gestalten. Schlank und dunkel hoben sie sich von dem hellen Wasser ab. Hilde war am weitesten hinausgeklettert. Als ob sie sich nach der Ferne da draußen sehne, stand sie auf dem großen, grauen Felsblock. Sie hatte den Hut abge­nommen und ließ sich den Seewind um Stirn und Haar wehen. Auch von hier oben sah man die Anmut in Haltung und Linien der jungen Gestalt und den Sonnenglanz auf all dem wirren, krausen hellen Haar.

Die Alten hatten schweigend eine Weile ihre Gedanken weitergedacht. Dann sagte Frau Anna mit ihrem hübschen, jungen Lachen: Ja, Pro­fessor, unsere Jugend! Schön war es doch warum ist denn nur alles so anders mit uns ge­kommen?"

Mei Mutter hat's gewollt, die alte Geschichte," sagte er leise. Oder vielmehr, sie hat's nicht ge­wollt, denn das, was sie durchaus gewollt hat, habe ich dann doch zum Schlusse nicht getan. Meine Fügsamkeit war nur passiver, nicht aktiver Natur, und zu der großartig ausgedachten guten Partie" hat sie mich dann doch nicht bringen können und hat es so recht töricht mit mir gemacht in ihrer übergroßen Liebe!"

" Ja, sie hat's nicht gut mit uns gemeint," sagte Frau Anna, und nur, weil ich damals nichts war und nichts hatte! Ich hab' auch ge­meint, das Herz müßte mir darüber brechen.- Aber sie ist nun schon so lange tot, und ich trage ihr längst nichts mehr nach Gott hab' sie selig, Ihre Mutter! Es ist auch so viel Gras über die alten Geschichten gewachsen, daß es ganz lustig ist, einmal mit einander davon zu reden. Und wer weiß, ob es nicht doch so am besten für uns beide gewesen ist!"

" Ja, Frau Anna, Sie haben gut reden, denn Sie sind freilich auch so prächtig mit dem Leben fertig geworden. Sie hatten damals kaum Zeit zum Unglücklichsein, dann kam Ihr Braut stand und Ihre glückliche Ehe und das reiche Leben mit Ihrern Kindern. Ihnen hat meine Mutter nicht viel anhaben können, aber mir, dem sie es recht gut machen wollte, hat sie doch viel verdorben am Leben."

,, Ach, Professor, Sie haben's doch auch immer gut und bequem gehabt und sind ganz was Großes und Berühmtes geworden. Ich habe immer meine helle Freude an Ihnen und daß wir uns nun so freundlich im Alter wieder be gegnet sind!"

,, Nein, Frau Anna, etwas ganz Rechtes und

Gesundes wird aus keinem Menschen, der allein durch das Leben geht, wie ich es gemußt habe. -Freilich, Sie haben auch anderswo hingepaßt, so ein gesundes Gewächs faßt überall Wurzel und schlägt von neuem aus. Man nennt das bei uns " Anpassungsvermögen". Ich habe leider nicht viel davon gehabt und habe mich deshalb an nichts und auch an niemand recht gewöhnen können."

,, Schön gequält hätt' ich Sie, Professor! Mit meinem Alten habe ich das auch so gemacht, aber der wußte sich schon zu wehren!"

Der alte Herr sah sie mit seinem guten Lachen an.

" Vielleicht hat mir das gerade gefehlt. So hat mich niemand recht geplagt und recht gefreut, und ich bin auf meine eigene Art allein alt ge­worden."

,, Alt und gut, besser wie all die andern," sagte sie warmherzig.

Er schüttelte abwehrend den Kopf. Nach einer Pause fuhr er ruhig fort: Ich glaube wohl, daß Oskar viel von Ihrer glücklichen Natur und diesem gesunden Anpassungsvermögen hat- aber ein Risiko bleibt es immer, wenn man so einem jungen Blute seine erste Liebe eigenmächtig nimmt, -es greift dann nach dem ersten besten Ersatz, der ihm über den Weg läuft. Und der Junge hat viel Temperament! So einsam wie ich wird der schon nicht durchs Leben gehen, aber- Ich möchte die Verantwortung für ihn nicht über­nehmen."

Unsinn, Professor, er wird schon vernünftig werden. Er ist überhaupt noch viel zu jung, um an heiraten denken zu dürfen. Und dann muß er auch erst viel kräftiger und gesunder werden!" Ach was, augenblicklich fehlt ihm gar nichts, und in Zukunft hat er viel mehr Chancen, als vernünftiger Ehemann gesund zu bleiben wie als unverheirateter tanz- und lebenslustiger Leutnant!" ,, Aber seine Karriere, seine Stellung?"

Es ist überhaupt sehr fraglich, ob er General wird! Aber wenn er das Zeug hat, etwas Tüch­tiges zu leisten, dann tut er es sicher eher an der Seite einer klugen, feinen Frau, als in einem öden Junggesellendasein!"

,, Klug und fein?", sagte Frau Anna. ,, Ihr habt alle einen Narren an dem Mädel gefressen. Hätte ich das voraussehen können, so würde ich sie gleich damals ruhig nach Ostpreußen heimgeschickt haben; aber sie war da in San Remo dies Frühjahr so gottsverlassen einsam und traurig nach ihres Vaters Tode und hatte den letzten Groschen ausgegeben, um ihn im Süden zu Tode pflegen zu dürfen. Da habe ich sie zu mir genommen, weil es mir doch auch einsam geworden ist, seit meine Mädels verheiratet sind. Aber hätte ich das geahnt! Warum ist man nur immer so kurzsichtig!"

,, Ach was, Frau Anna, Ihr gutes Herz in allen Ehren; aber sie haben außerdem auch ein paar schönheitsuchende, anmutliebende Augen- und die haben sie veranlaßt, Hilde zu sich zu nehmen. Und nun wollen Sie nicht begreifen, daß Oskar, der doch Ihre Augen geerbt hat, auf seine Art dasselbe sieht!"

,, So, dann soll ich dem Jungen wohl noch zu­reden, sie doch ja möglichst bald zu heiraten-?"

,, In Ruhe lassen sollen Sie ihn und nicht un­nötig mit all Ihrer mütterlichen Eifersucht und Weisheit dazwischen fahren, solange er nichts Schlimmeres tut! Und die Hilde sollen Sie mir nicht ärgern und quälen, denn die hält sich brav und ſtolz, und es ist mir noch gar nicht ganz klar, ob sie unsern Leutnant überhaupt will!"

( Fortsetzung folgt.)

Taufe im Spreewald. Nach dem Gemälde von Werner Zehme.

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