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berufen wurde, Benutzte ein Mann, der sich jedenfalls ver­stedt gehalten hatte, die Zwischenzeit dazu, Mantel und Seitengewehr des Beamten zu stehlen. In dem Mantel befanden sich die Schlüssel zu dem Schranke des Ratsdie­ners, und der Eindringling öffnete mit ihnen das Behält= nis, dem er eine kleine Kaffette mit 10 M entnahm. Ein 18jähriger Schreiber störte ihn bei seinem Geschäft, erhielt aber einen solchen Fußtritt vor den Unterleib, daß er be= wußtlos zusammenbrach. Dann entledigte sich der Mann des Seitengewehres und Mantels und entfam aus dem Rathaus ins Freie, im Straßengewühl verschwindend.

Der jüngste Flieger. In dem Kampfe um die Er­oberung der Luft beansprucht auch dte Jugend ihren An­teil. Mit lebhafter Verwunderung wurden die Freunde der Fliegekunst in Rheims in diesen Tagen Zeugen eines ungewohnten Anblicks: im Aerodrom bestieg ein Knabe eine Flugmaschine. Es war der kleine, 12 Jahre alte Sohn des Flugmaschinentechnikers Henriot, der kleine Marcel Henriot, der auf der Flugmaschine seines Vaters einen Flug unternahm und zum Erstaunen aller Anwesenden den Apparat sicher zu handhaben wußte.

Professionelle Brantjungfern. Eine verwitwete Dame der englischen Gesellschaft ist auf den glücklichen Gedanken verfallen, eine Agentur zur Vermittlung professioneller Brautjungfern zu gründen. Sie hat sich im fashionablen Westendstadtviertel etabliert und verleiht"( wenn man so sagen darf) junge und hübsche Brautjungfern nach vorauf­gegangener Bestellung gegen eine mäßige Gebühr. Die ge= schäftliche Seite dieses Arrangements wickelt sich in den einfachsten Grenzen ab. Es ist nur nötig, 3ett und Stunde sowie die Zahl der gewünschten Brautjungfern zu bestim= men, und sie treffen am bewußten Tage und Orte pünktlich ein. Die durchschnittliche Gebühr beträgt eine Guinee ( 21 M) pro Brautjungfer, aber solche mit besonders kost­baren Roben erheben natürlich weit höhere Ansprüche. Findet die Trauung in einer Provinzstadt oder auf dem Lande statt, so werden auch Fahrgeld und Fahrzeit an­gerechnet. Die Brautjungfern sind auf ihren Beruf" be­sonders vorgebildet und es wird so die Gewähr geleistet, daß etwaige Störungen oder Zwischenfälle bei der Trauung nicht vorkommen.

Verschüttete Bergleute. Auf dem Schacht 5 der Zeche Holland bei Gelsenkirchen, der gegenwärtig abgetenft wird, sind, wie wir schon in einem Teile der gestrigen Ausgabe meldeten, sechs Bergleute verschüttet worden. Die Berg­leute konnten sich anscheinend in eine Mauernische retten. Die Rettungsarbeiten wurden sofort energisch aufgenom= men. Sämtliche sechs verschüttete Bergleute waren gestern abend noch am Leben. Die Rettungsmannschaft ist guter Zuversicht, daß ihr das schwierige Werf der Rettung ge= lingen wird, wenn nicht unvorhergesehene Zwischenfälle eintreten. Es ist eine Lattensicherung in den Unglücks­schacht eingebaut worden, um eine Gefahr für die Rettungs­mannschaft zu beseitigen. Gleichzeitig ist der Bau eines Querschlages von der Schachtanlage aus in Angriff ge­nommen worden.. Dieser Querschlag muß eine Länge von 18 Metern erhalten und wird voraussichtlich in vier Tagen fertiggestellt sein. Solange werden die Verschütteten aller­dings in ihrem Gefängnis verharren müssen. Die Arbeiten schreiten nur langsam vorwärts. Es muß mit großer Vor­ficht gearbeitet werden, da ein Nachfall von Gesteinsmassen zu einer Katastrophe für die Rettungsmannschaft führen kann. Trotzdem arbeitet man mit allen Kräften, da man befürchtet, daß die verschütteten Bergleute ungenügende Luftzufuhr haben.

Sturmwetter in Frankreich. Stürme und Regengüsse, begleitet von schweren Gewittern, suchen ganz Frankreich heim. An verschiedenen Orten war es tagsüber nachtdunkel. An den Küsten und dem Kanal befürchtet man den Unter­gang von Barken. Matrosen wurden über Bord gespült, und da das Ablassen von Rettungsbooten unmöglich ist, mußten sie ertrinken. Die Seine steigt rapid, und die Unter­brechung der Schiffahrt steht bevor. Schwere Unwetter wüteten auch in den letzten Tagen an der Küste des At­lantischen Ozeans. Die Inseln Molene und Quessant kön= nen wegen des hohen Seeganges seit einigen Tagen nicht mehr verproviantiert werden. Bei Bordeaur ging eine Fischerbark unter, wobei vier Mann ertranken. Aus der Champagne werden verschiedene Erdstöße gemeldet.

Eine Ausstellung gegen die Minderwertigkeit des Wei­bes". Die russischen Frauenrechtlerinnen veranstalten eine Ausstellung, die sich gegen die Männer richtet, welche be­Haupten, daß die Frau dem Manne gegenüber geistig min­derwertig set. Es werden alle Erfindungen, die von Frauen gemacht worden sind, zusammengeholt, sowie alle berühmten Bilder, die von Frauen gemalt worden sind, desgleichen alle Bildhauerarbeiten, welche aufzutreiben sind, und alle großen wissenschaftlichen Leistungen. Die Sammlung soll ein stummer und doch beredter Protest sein. Die Zahl der Werke ist allerdings nicht sehr groß, wenn sie auf Be= deutung Anspruch machen wollen. Immerhin werden die Arbeiten der Madame Curie, der berühmten Radiumfor­scherin, einen Gipfelpunkt moderner Wissenschaft darstellen. Die Romane der Selma Lagerlöf und der Recarda Huch follen beweisen, daß bedeutende Dichterinnen vorhanden sind. Die Bildhauerei, die Malerei und die Musik, die von den Frauen sehr stark gepflegt werden, haben aller­dinas keine große Vertreterinnen zu senden. Aus der Ver­gangenheit wird das Bild der Frau Rat Goethe die Aus­stellung zieren. In der Regierungskunst soll Maria The­refia und Katharina von Rußland die Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern bezeugen.

Pferdefleisch und Hundefleisch in Deutschland. Neulich hat ein englisches freihändlerisches Blatt einen Korrespon­denten nach dem sächsischen Industriebezirk entsandt, der über eine ungeheuere Verbreitung des Konsums von Pfer­de- und Hundefleisch unter der dortigen Bevölkerung in folge der Lebensmittelteuerung berichtet. Danach sollen in Chemnitz allein jährlich zwei Millionen Pfund Pferde­fleisch konsumiert werden, neben einem starken Verbrauch von Hundefleisch. Gegenüber den übertriebenen Darstel­lungen in der englischen Presse, die neuerdings auch in Deutschland ein Echo finden, ist es wohl am Blaze, die Ausdehnung des Genusses von Pferdefleisch und Hundefleisch in ganz Deutschland kennen zu lernen. In den letzten Jah­ren betrug nach amtlichen Ermittelungen die Anzahl der Schlachtungen von Pferden und Hunden in ganz Deutsch­land: 1905: Pferde 146 627, Hunde 6 156, 1906: Pferde 146 576, Hunde 6521, 1907: Pferde 135 775, Hunde 6-461, 1908: Pferde 136 575, Sunde 6362. Aus der Zusammen­stellung geht deutlich hervor, daß die Zahl der Pferde­und Hundeschlachtungen in letzter Zeit in Deutsch­land abgenommen hat. Bei Annahme eines Schlacht­gewichtes von 20 Pfund pro Hund stellt sich der gesamte Konsum von Hundefleisch in Deutschland bei einer fährlichen Schlachtung von 7000 Stüd auf rund 140 000 Pfund im Jahre. Im Königreich Sachsen ist der Kon­sum von Hundefleisch leider noch ziemlich verbreitet und beträgt 60 Prozent des gesamten deutschen Verbrauchs.

Der zerstreute Edison. Von dem Zauberer von Menlo Park, Thomas A. Edison, wird ein hübsches Geschichtchen erzählt, das auf die große Zerstreutheit( richtiger vielleicht allzugroße Gedankenkonzentrierung) des Erfinders ein be­zeichnendes Licht wirft. Es war vor ein paar Tagen. Edison soll dem Jahresbankett der Vertreter der Gesell­schaften beiwohnen, die seine Patente verwerten. Die Ge­schäftsteilhaber des Enfinders, die seine Zerstreutheit kann­ten, prägten ihm ein, daß er um fünf Uhr des Nachmit­tags im Frad und rasiert sich bereit halten solle. Mr. Dyer, sein Vertreter, würde dann im Automobil bei ihm porsprechen und ihn nach Neuhork fahren. Um fünf Uhr fuhr Mr. Dyer vor der Villa im Menlo Park vor und entdeckte daß Edison sein Versprechen vollständig vergessen

hatte. Er war in seinem Modellraum eifrig am Wert, in schmußige Arbeitskleider gehüllt. Gile tat not. Mr. Dher raffte Edisons Abendkleidung zusammen, warf sie in den Wagen und den Erfinder hinterher. Während der Automobilfahrt nach Neuhork wurde Thomas Edison von feinem Manager dann so gut wie irgend möglich herausge putt. Etwas Aehnliches passierte auch bei dem vorigen Jahresbankett. Edison erschien nicht, und als man bei ihm zu Hause nachforschte, stellte es sich heraus, daß er sich feit 24 Stunden nicht hatte sehen lassen. Sofort wurde bas ganze Laboratorium abgesucht. In einem verlassenen Raume im Keller wurde schließlich Edison entdeckt; dort hatte er seit 24 Stunden ununterbrochen gearbeitet. Als man ihm erzählte, daß die Gäste auf ihn warteten, wusch sich Edison einfach Gesicht und Hände und betrat im Ar beitsanzug das Speisezimmer. Er begrüßte turz die Ver­sammlung, lehnte sich bequem in den Sessel zurück und fiel bald in festen Schlaf. So hielt er es während des ganzen Banketts und ließ sich auch nicht durch den Toast, der auf ihn ausgebracht wurde, wecken.

Aus der sächsischen Oberlausitz wird der Magdeb. 3tg." geschrieben: In einem Dorfe tst deutscher Unterricht. Der Lehrer behandelt den Unterschied in der Schreibweise der Worte Pflug, Fluch und Flug und läßt zu diesem Zwecke von seinen Schülern Säße bilden. Schon hat einer der Kleinen mit Stolz die erste Lösung: Mit dem Pflug tun mer ackern" gefunden, und mit dem Aussagen des bekann= ten Spruches von des Vaters Segen" und der Mutter Fluch" ist auch die zweite Klippe glücklich überwunden.- Und nun noch einen Satz mit dem Worte Flug". Wer bildet thn?" ruft der Lehrer in die Klasse. Langes, tiefes Schweigen. Da hebt sich auf einer der letzten Bänke ein Fingerchen, und auf ein Zeichen des Lehrers verkündet der fleine Sprachkünstler strahlend im Bewußtsein seines Wis­sens: Der Flug hupvt im Batte!"( d. i. verdolmetscht: Der Floh hüpft im Bette!! Schau'n S', Frau Mey­Unter Kaffeeschwestern... er, mir geht's auch so wie Ihnen. Ich bin ebenfalls leine Freundin von Besuchen. Wie ich merke, daß jemand fommt, geh' ich schnell selber wohin auf Besuch.

Bech. Gatte( Amtsvorstand): ,, Der neue Assistent, der am 1. Januar hierherkommt, soll ein sehr vernünftiger junger Mann sein." Gattin: ,, Ach Gott, wir haben schon ein rechtes Pech! Der nimmt dann unsere Therese auch wieder nicht."

Spuren von Andree?

Vor einigen Tagen ging das Gerücht um, daß sich wieder einige Eskimos gemeldet hätten, die Andrees Ballon gesehen haben wollen. Jeßt sind brieflich mehrere Ein­zelheiten darüber nach London gesandt worden. Es scheint den Berichten doch soviel Bedeutung beigemessen zu wer­den, daß die dänische Regierung sich bereit erklärt hat, eine Expedition auszusenden, die zusehen soll, ob sich Spu­ren der unglücklichen Nordpolfahrer finden lassen. Dieses Mal soll der Ballon in der Nähe des sogenannten Renn­tiersees in den arktischen Regionen gesehen worden sein, und man will die Ueberreste sogar gefunden haben. Der katholische Missionar Turquetit hat einen Bericht darüber an den Bischof Pascal in Alberta geschickt, und er berich­tet, daß der Ballon an einer Stelle 900 englische Meilen nördlich von Alberta gefunden wurde. Der Missionar war aufd em Wege nach einer Ansiedelung der Chippowa- In dianer, die am Renntiersee liegt und sieben Tagereisen von Fort Churchill entfernt ist. Die Geschichte von dem Ballon kam ganz zufällig heraus. Der Priester hatte nämlich einen Revolver bet sich, und als einer der E3­timos denselben sah, sagte er erstaunt, das Ding sehe ge­rade so aus wie etwas, was die anderen weißen Männer gehabt hätten." Pater Turquetit fragte, was für einen weißen Mann sie schon gesehen hätten, aber der Eskimo meigerte sich, weitere Auskunft zu geben. Später gelang es den Indianern, die Eskimos zu überreden, ihr Geheim­nis zu verraten, und diese erzählten dann, daß ein weißes Haus vom Himmel gefallen set, und daß sich drei weiße Männer darin befunden hätten. Viele Stricke hätten von dem Haus heruntergehangen. Die drei Weißen seien bald gestorben, und ihre Stricke würden noch immer von den Estimos benußt. Der Missionar sagt in dem Bericht an seinen Bischof, er habe sofort bemerkt, daß die Estimos etwas zu verheimlichen hätten. Er ist der Ansicht, daß Andree und seine Genossen wahrscheinlich Renntiere töte­ten, und daß die Eskimos sie deshalb erschlugen. Merk­würdigerweise scheint diese Geschichte auch von anderer Seite noch bestätigt zu werden. Ein alter Mann, der selt 57 Jahren den Good Hope- Bosten" am Mackenzie- River inne hat, berichtet nämlich, daß zu der Beit, wo die Eski­mos das weiße Haus sahen, eines Tages alle die Indianer aus dem Distrikt auf den Posten gelaufen tamen und be­richteten, daß sie einen großen leuchtenden Stern ziemlich niedrig über ihren Hütten hätten dahinfliegen sehen. Sie hätten Stimmen von Menschen in dem Stern gehört, und dieser sei dicht über ihren Belten gewesen. Sie konnten den leuchtenden Gegenstand mehrere Stunden lang sehen. Leute, die die Indianer und Eskimos in diesen Distrikten tennen, erklären, daß, wenn eine solche Geschichte auf ein­mal in weiter Verbreitung unter diesen Stämmen auf­tritt, man sicher damit rechnen kann, daß ein gut Teil da­von Wahrheit ist.

Der Brand des türkischen Parlamentsgebäudes.

Das Gebäude des jungen türkischen Parlaments, in dem gestern vormittag, wie schon telegraphisch berichtet, ein Brand entstand, ist durch das schnell um sich greifende Feuer vollständig zerstört worden. Erst nachmittags ge= gen 5 Uhr war es gelungen, das Feuer zu lokalisieren. Die, gesamte Einrichtung des Palastes ist zerstört; nur die Um­fassungsmauern sind zum Teil erhalten. Die erste An­nahme, daß der Parlamentsbrand bei einer Explosion der Heizungsanlagen ausgebrochen sei, wird nicht allgemein geteilt. Der Präsident der Kammer und die Minister hal­ten es für ausgeschlossen und meinen, daß jedenfalls nur infolge des Verschuldens von Parlamentsangestellten das Feuer solche Dimensionen annehmen konnte. Augenzeugen behaupten, daß das Feuer gleichzeitig an mehreren Stellen Eine Untersuchung wurde zum Ausbruch gekommen sei. eingeleitet. Immer hartnäckiger verbreitet sich das Gerücht, daß Brandstiftung vorliege; es heißt, daß mehrere Verdächtige verhafttet sind. Aus der Provinz lau­fen Beileidsdepeschen ein. Der Präsident der Kammer hat die Deputierten für Sonnabend zu einer Sitzung behufs In Vorlegung des Regierungsprogramms einberufen. welchem Lokal die Sigung abgehalten werden wird, ist noch nicht bekannt, wahrscheinlich in dem dem Parlamentsge­bäude gegenüberliegenden Deputiertenklub. Den gestrigen Nachmittag verwandten die Minister dazu, ein passendes Gebäude zu suchen. Für den Senat wurde ein kaiserlicher Kiosk am Goldenen Horn ausgewählt; die Kammer dürfte im alten Postgebäude oder, was wahrscheinlicher ist, im Mu­seum in Stambul tagen. Allgemein fiel die Teilnahms­losigkeit der Bevölkerungsschichten auf, während in der Stadt große Erregung herrscht, und der Brand als ein na­tionales Unglück angesehen wird. Bei dem Brande sind auch die Parlamentsakten größtenteils verbrannt. Das Gebäude war nicht versichert. Der Schaden be= läuft sich auf zehn Millionen Pfund.

Der zerstörte Palast.

Das türkische Parlamentsgebäude ist der Mitteltrakt eines ausaedehnten Gebäudekompleres, der feive Nordfront

dem großen Platz an der Hagia Sofia, feine Südfrout mit dem imposanten Säulenschmucke dem Marmarameere zu­wendet und außerdem das Ministerium der frommen Stif= tungen und die Handelsgerichte beherbergt. Der Mittelbau des Parlamentshauses wird zur Hälfte vom Saal einge­nommen, zur Hälfte von drei weiteren nicht sehr großen Räumen: einer Vorhalle im Parterre, der Deputierten­fammer im ersten Stock und dem Senatssaal im zweiten. Ein dunkler Korridor durchschneidet die Etagen und ver= bindet die 17 Zimmer, die sich in feder befinden. In den Seitenbauten sind die Räume, die dem Präsidium, dem Se­fretariat und den Kommissionen als Amtszimmer dienen. Der Sibungssaal wird durch die Bänke und Pulte für 216 Abgeordnete eingenommen. Die Decke des niedrigen Saa­les starrt von f.ffettierten Feldern in bunten Farben. Der Präsidentensitz ist erhöht, darunter ist das Rednerpult. An den beiden Schmalseiten des rechteckigen Saales sind die Logen in zwei Etagen übereinander angebracht. Sie sind klein und für den Sultan, die Diplomaten, die hohen Be­amten und die Pressevertreter bestimmt. Der Senatssaal ist anmutig ausgemalt, er erinnert fast an die Aula einer vornehmen Lehranstalt. Die 75 Senatoren finden drei zu drei auf kleinen gepolsterten Bänken Platz, die mit weißem Samt überzogen sind. Der Präsidententisch steht dem Fen­ster gegenüber, so daß die Senatoren den Lichtöffnungen den Rücken zukehren und nicht in Versuchung kommen, sich durch den Blick nach außen zu zerstreuen, denn die Aussicht auf das Marmarameer. Kleinasiens Küste, und die Prinzen­inseln war das Schönste an dem ganzen Parlamentsaebäude.

Drabtnachrichten und Deaestes.

Jubiläum von Zentrumsparlamentariern.

0 Berlin, 20. Januar. Zu Ehren der Abgeordneten v. Strombeck, Spahn und Hibe, die 25 Jahre lang der Zentrumsfraktion des Reichstags angehören, fand ge­stern ein Festeffen statt, bei dem der Fraktionsvorsißende Freiherr v. Hertling die Verdienste der Jubilare feierte, Die verschütteten Ruhrberglente.

Bochum, 20. Januar. Wenn auch die sechs Verschütteten in der Nacht noch bestimmt am Leben waren, so ließen sich doch nur schwache Lebenszeichen vernehmen. Die Rettungs­arbeiten wurden die ganze Nacht fortgesetzt.

Gelsenkirchen, 20. Januar. Die Arbeiten zur Net­tung der auf der Zeche Holland Verschütteten sind erfolglos gewesen, da gestern abend ein erneuter Einsturz erfolgte Die Verunglückten geben keine Lebenszeichen mehr. Die Hoffnung, fie noch lebend zu bergen, ist sehr gering. Man versucht, von einer anderen Stelle aus zu den Verunglück­ten zu gelangen, doch dürfte der Durchbruch erst in etwa fieben Tagen gelingen. Hochwasser.

Sigmaringen, 20. Januar. Der untere Teil der Stadt steht vollständig unter Wasser, so daß die Brücken in Gefahr sind, fortgeschwemmt zu werden. Es mußten Not­brücken geschlagen werden.

Trier, 20. Januar. Die Mosel und Saar haben einen Wasserstand, wie seit Jahren nicht mehr. In Trier zeigte der Pegel heute früh 8 Uhr 5 Meter. Die Schiffahrt ruht vollständig; die Inseln sind verschwunden. Einige Landstraßen stehen bereits unter Waffer.

Ein ungetrener Gerichtsvollzieher.

Duisburg, 20. Januar. Das Schwurgericht verur­teilte den Gerichtsvollzieher Heßler wegen Unterschlagung amtlicher Gelder in Höhe von zirka 4000 Mt. und wegen Urkundenfälschung zu Monaten Gefängnis. Heßler war in eine Spielergesellschaft geraten, wobei er an einem Abend allein 700 Mk. verlor.

Englische Wahlergebnisse.

London, 20. Januar. Die Untonisten zählen bisher 123, die Liberalen 108, die Arbeiterpartei 21 und die Natio= nalisten 44 Mandate. Es ergibt sich bis jetzt ein Gewinn von 53 Mandaten für die Unionisten, von 13 für die Libe­ralen und von 2 für die Arbeiterpartei. In 228 Wahlkrei­sen sind die Mandate unverändert geblieben.

Grubenunglück in Gnaland.

London, 20. Januar. In dem Kohlenbergwerk Hatton­rigg bei Dellshill wurden durch Absturz einer Förder­schale acht Bergarbeiter getötet.

Militärischer Verrat.

Wien, 20. Januar. In der Samstag- Nacht wurde hier unter geheimnisvollen Umständen eine Militärperson, wie bereits gemeldet, verhaftet. Ueber die Angelegenheit dringt fast nichts in die Oeffentlichkeit. Wie nun von infor mierter Seite verlautet, ist die betreffende Person ein Ar­tilleriebeamter, welcher in einer Munitionsfabrik in der Nähe von Wienerneustadt angestellt war. Der Militär­beamte hat eine Anzahl von Geschoßteilen der neuen öster­reichischen Artilleriegeschosse an Italien verkauft und da durch Konstruktionsdetails verraten. Bei den entwende­ten Geschoßteilen handelt es sich um eine Erfindung, welche es ermöglicht, beim Schrappnellgeschoß durch eine größere Sprengwirkung eine größere Anzahl von Sprengstücken zu

erzeugen.

Mentereiaffäre.

Kopenhagen, 20. Januar. Eine ernste Meuterei hat sich in der Kaserne des in Odense garnisonierenden Infanterie­regiments ereignet. Einem Teil der Mannschaft war der Nachturlaub verweigert worden. Gegen 10 1hr abends zeigte sich, daß 82 Mann die Kaserne ohne Urlaubsschein verlassen hatten und erst spät nachts fehrten sie zurück. Es ist festgestellt, daß eine Anzahl der Soldaten außerhalb der Kaserne standen und jeden der Kameraden mit Prügel be­drohten, der vor 10 Uhr in die Kaserne zurückkehren wollte. Die Aufwiegler wurden verhaftet. Untersuchung ist im Gange.

Opfer der See.

Rom, 20. Januar. An der Südküste von Pratico stran dete ein Dampfschiff. Die See spülte 24 Leichen an Land. An dem aus dem Wasser ragenden Wrack sollen sich noch Baffagiere befinden, deren Rettung bisher wegen des herr­schenden Sturmes unmöglich war.

Das Apachentum im französischen Heere. Paris, 20. Januor. In Orleansville überfielen die Soldaten auf der Straße einen Zivilarzt und einen Mili­tärarzt; der erstere würde leicht verwundet. Die Unter­suchung ergab, daß die Täter mehrfach vorbestrafte Apachen find.

Schwere Brandkatastrophe.

Philadelphia, 20. Januar. Heute vormittag brach in einer hiesigen Kleiderfabrik Feuer aus. Mehrere Arbeite­rinnen sprangen aus dem Fenster, wobei drei Mädchen tödlich verunglückten, während 12 in das Krankenhaus ge­bracht werden mußten. Wie es heißt, sind viele Arbeite­rinnen in den Flammen umgekommen. Bisher wurden fünf Leichen geborgen.

Handel und Verkehr.

Die Verkehrseinnahmen der deutschen Eisenbahncu. Die Steigerung der Verkehrseinnahmen deutscher Eisen­bahnen hat sich im Dezember fortgesetzt und in dem letzten Monat des Jahres eine außerordentliche Höhe erreicht. Es wurden vereinnahmt aus dem Personenverkehr 53,78 ( plus 3,17) Millionen Mund aus dem Güterverkehr 135,38 ( plus 15,06) Millionen M. Das Güterverkehrsplus ist das höchste Monatsplus des ganzen Jahres und übertrifft noch das nächsthöchste vom November um 5 Millionen M. Leipziger Vormesse. Der Rat der Stadt Leipzig gibt bekannt, daß die Leipziger Vormesse für Musterlager und und Musterkollektionen am Montag, 7. März, beginnt und am Sonnabend, 19. März endet.