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Interessantes aus dem preußischen Etat.

Der preußische Riesenetat operiert mit ganz gewaltigen Summen. Millionen häufen sich auf Millionen, und lange Zahlenreihen marschieren in Reih und Glied recht gewich­tig daher. Darunter verschwindet fast mancher Posten, der, für sich betrachtet, besondere Ausblicke gestattet. Da tst z. B. der Lotterieverwaltungs- Etat. Man hört so häufig über die geringen Gewinnmöglichkeiten der preußischen Klassenlot­terte schelten. Und doch bucht die preußische Lotteriever­waltung als Einnahme 20 000 M für nicht abgehobene Ge­winne, sogar 5000 M mehr als im Vorjahre. Und aus dem Verkaufe verlassener und abgelehnter Freilose nimmt ste gar 140 000 M ein. Die Generalordenskommission, die uns Insgesamt 330 000 M toftet, steckt für zurückgegebene alte Drdensinsignien 15 900 M in die Tasche, für die Anschaffung neuer muß sie aber das hübsche Sümmchen von 220 000 M opfern. Das Geheime Zivilkabinett des Königs kostet Preu­Ben mehr als 200 000 M. Aber auch das Deutsche Reich muß 10 000 M dazu beisteuern. Eine nette Einnahme bringt der " Deutsche Reichs- und Preußische Staatsanzeiger", der etwa 130 000 MUeberschuß liefert. Allein für Anzeigen laufen bei ihm fast 900 000 Mein. Das preußische Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten hat ans Reich als Abfin­dung für die Besorgung rein preußischer Angelegenheiten 120 000 M zu zahlen. Im ganzen belastete es den Etat mit fait 600 000 M. Verhältnismäßig gering sind die Aufwen­dungen für die Instandhaltung der besonderen preußischen Gesandtschaftsgebäude in München, Karlsruhe und Rom. Sie belaufen sich nur auf 5700 M. Das preußische Kriegs­ministerium kommt uns billig. Nicht einmal den Kriegs­minister bezahlt Preußen. Der ganze Etat, der keine 200 000 M beträgt, bezieht sich nur auf die Aufwendungen für das Berliner Zeughaus. Die erste preußische Kammer, das Her renhaus, kostet den Staat etwa 300 000 M. Davon entfallen auf das stenographische Bureau etwa 70 000 M. Für die Geschäftsbedürfnisse des Hauses selbst werden 150 000 M veranschlagt. Die zweite Kammer, das Abgeordnetenhaus, ist erheblich kostspieliger. Sie erfordert nahezu 1800 000 M. Davon sind allerdings 1 120 000 M Tages- und Reisegelder für die Volksvertreter. Die Geschäftsbedürfnisse dieses Hau­fes beziffern sich auf 350 000 M, die Kosten für das steno­graphische Bureau auf 120 000 M.

Rundschau vom Cage. Politisches.

Dem preußischen Finanzminister Freiherrn von Rhein­baben, der schon beim Jubiläum des 1. brandenburgischen Ulanenregiments Nr. 3 dessen Uniform erhielt, ist nach der Tgl. Ndsch." der Charakter als Major verliehen wor­den, mit dessen Abzeichen er auf dem Krönungsfeste er­schten.

In der Budgetkommission des Reichstages wurde gestern die Beratung über die Nachtragsforderungen für Südwest­afrika fortgesetzt. Staatssekretär Dernburg machte ausführ­Itche Angaben über die Bahnvorlagen, insbesondere über den Ankauf der Otavibahn. Das Geschäft sei für das Reich sehr günstig, das Reich bekomme eine brauchbare und gute Bahn, schaffe ein Tarifmonopol aus der Welt, das gefähr=- Itch set, und erhalte einen Ueberschuß, der den weiteren Ausbau des Bahnnetes ermögliche, welcher im Interesse der wirtschaftlichen Entwickelung wie der Sicherheit des Landes gleich notwendig set. Bezüglich des Ovambolandes stehe die Verwaltung auf dem Standpunkt, daß zunächst unsere Grenze gegen das portugiesische Gebiet festgestellt werden müsse. Hinsichtlich künftiger Bahnbauten bemerkte er, daß, solange nicht weitere Einnahmen erschlossen würden, feine weiteren Bahnen gebaut werden sollten, als sich aus dem vorliegenden Bahnprogramm ergebe.

Eine Anzahl Anferstationen für Militärluftschiffe sind, der Voss. 3tg." zufolge, auf Anordnung des preußischen Kriegsministeriums im Gebiet des Königreichs Preußen zu eirichten. In Betracht kommen vor allem Garnisonen, die über einen größeren Truppenübungs- oder Ererzierplatz verfügen und eventuell auch Ortschaften, in deren Nähe ein langgestrecktes ödes Gelände liegt. Die Anferstationen haben den Zweck, den Militärluftschiffen beim Manövrieren und bei Fernfahrten Zwischenlandungen und vor allem eine unvorhergesehene Reparatur oder ein Nachfüllen des Bal­Ions zu ermöglichen. Die Errichtung dieser Ankerplätze erfolgt im Frühjahr.

Der Wert des auswärtigen Handels Deutschlands belief sich im Jahre 1909 im Spezialhandel( ohne Edelmetalle) in der Einfuhr auf 8.2 Milliarden gegen 7.7 Milliarden Mark im Vorjahre, in der Ausfuhr auf 6.7 gegen 6.4 Mil­liarden im Vorjahre. Der Edelmetallverkehr erreichte in der Einfuhr 0.3 gegen 0.1 Milliarden. Trotz dieser Zit= nahme gegen das Vorjahr sind Ein- und Ausfuhr gegen 1907 erheblich zurückgeblieben, und zwar die Einfuhr mehr als die Ausfuhr.

Der Geschäftsbericht des Reichsverbandes gegen die Co­zialdemokratie für das vergangene Jahr ist veröffentlicht worden. Der Zuwachs an neuen Mitgliedern betrug im letz­ten Jahre genau doppelt so viel wie im Jahre 1908, nämlich 33 492 gegenüber 16 600 im Vorjahre. 66 neue Ortsgruppen wurden gegründet. Die Gesamtzahl der Mitglieder des Reichsverbandes beträgt 211 000, die Gesamtzahl der Orts­gruppen 702.

Der Fall Welshofen.

Kriminalroman von M. Kossat.

( Nachdruck verboten.) . 15) Nun, Fräulein Lina war so freundlich. Sie nötigte den galanten Herrn Camillo Smetana in die Wohnung der Signora Brusio und schickte sich an, deren Schränke und Kommoden zu öffnen, um ihren Inhalt den Blicken des Herren preiszugeben.

,, Eine schöne, elegante Wohnung!" äußerte Brümmel, in den prunthaft eingerichteten, aber nicht übermäßig vr­dentlich ausschauenden Räumen scharf umherspähend. Man erkannte sofort, daß ihre Besizerin nicht zur Gattung der staubwischenden Hausmütterchen gehörte. Auf Stühlen und Tischen lagen im bunten Durcheinander Kleidungs­stücke, Photographien und welke Blumensträuße, 3igaret­tenstummel waren über den Teppich verstreut und die Ueberbleibsel der in Wien üblichen ,, Jause"- einer zwi­schen Nachmittagskaffee und Abendessen fallenden Mahl­zeit standen auf dem Salontisch. Eine schöne Woh­nung!" wiederholte Brümmel. Die Signora ist wohl sehr reich, weil sie eine so hohe Miete zahlen kann?"

Ach, na gerade reich, das kann man nicht sagen," erwiderte Lina. Sie hat ja eine hohe Gage, aber Ver­mögen besißt sie nicht. Ja, wenn der Graf Welshofen am Leben geblieben wäre, dann hätte das freilich anders sein können. Aber so- Sie haben doch natürlich auch von der Geschichte gehört, Herr Smetana?"

,, Wie sollte ich nicht! Ganz Wien spricht ia von nichts anderem. Aber sagen Sie, Fräulein Lina ob die Sig­nora wirklich nicht weiß, wer ihren Bräutigam umge­bracht hat?"

Die Köchin zuckte die drallen Schultern. Aus der Signora ist nicht flug zu werden. So verschlossen wie die ist! Nicht ein Wort spricht sie mit unsereinem. Und man hat doch auch seine Bildung"

,, Natürlich, natürlich!" ergänzte der Pseudokom­mis. Sie wären doch so' ne angenehme Gesellschaft für die Signora, Fräulein Lina. Aber um auf die Mordsache haben Sie denn gar keine Vermut­zurückzukommen ungen darüber, was? Sie sind doch immer um die Sig­nora und sehen so manches. Ich meine immer" Herr

Einen industriellen Wahlschatz zu gründen hatte der Ausschuß des Zentralverbandes Deutscher Industrieller be­schlossen. Zu diesem Zwecke wurde ein Ausschuß eingesetzt, der vor einigen Tagen zusammengetreten ist. Dieser richtet nun an alle Mitglieder des Zentralverbandes die Aufforde­rung, von der in ihren Betrieben im Jahre 1909 veraus­gabten Lohnfumme 0,5 vom Tausend an ihn abzuführen und sich zu verpflichten, den gleichen Satz im Jahre 1911 von der im Jahre 1910, und im Jahre 1912 von der im Jahre 1911 verausgabten Lohnfumme als weitere Beiträge zu leisten.

Die Wahlen in England. Bis gestern nachmittag 5 Uhr waren 99 Unionisten, 79 Liberale, 17 Mitglieder der Ar­beiterpartei und 27 Nationalisten gewählt. Die Unionisten gewannen bisher 39 und die Liberalen 9 Mandate.

Ein unehrlicher dänischer Minister. Der gegenwärtige dänische Minister des Innern, Münch, hat festgestellt, daß der Generaldirektor der dänischen Posten, der seit 1904 die­ses Amt bekleidet, jedes Jahr die ihm zustehende Freikarte zur Benutzung der Eisenbahn veräußert habe. Er überließ alljährlich seine Freikarte dem früheren Minister des In­nern und ließ sich hierfür jedesmal 900 Kronen zahlen. Eine genaue Untersuchung ist eingeleitet.

Spanische Sozialpolitik. Im gestrigen spanischen Mi­nisterrate wurde die Beschaffung von Mitteln für den Bau von Arbeiterhäusern und die Erhebung einer Grundsteuer beschlossen. Ferner beriet der Ministerrat über das Bud­get, mit dem die Regierung den von der liberalen Partet gemachten Versprechungen bezüglich des Fiskalsystems Rech­nung tragen wird, indem sie das unproduktive Vermögen zugunsten der Arbeiter besteuert.

Rüstungen Japans und Chinas. Neuerdings laufen in Petersburg wieder Meldungen über fortdauernde Rüstun= gen Japans und Chinas ein. Die chinesische Regierung soll beschlossen haben, außer in der Mandschurei auch in der Mongolet den Truppenbestand auf Kriegsstärke zu bringen und insbesondere die Grenztruppen zu verdoppeln.

Kleine Nachrichten.

Moltkes Büste in der Walhalla. Am 10. Mai dieses Jahres, dem Tag der Unterzeichnung des deutsch- franzö= sischen Friedensvertrages vom Jahre 1871, findet die Ent­hüllung der Moltke- Büste in der Walhalla statt. Es sind größere militärische Feierlichkeiten bei dieser Feier in der Walhalla geplant.

Graf Zeppelin empfing dieser Tage in seiner Villa in Stuttgart die Besuche des Geheimrats Lewald und des Professors Hergesell. Die Herren unterhielten sich eingehend über die Vorbereitungen für die in Aussicht stehende Er­pedition zur Erforschung der Polargegenden.

Eine Hundertvierjährige. In Zittau lebt ein altes Mütterchen als Klosterversorgte, welches am 28. Januar 1910 ihr 104. Lebensjahr vollendet. Es ist dies Frau Eleo­nore Geŋer, geb. Beckert, geboren am 28. Januar 1806. Die gute Alte ist noch ziemlich rüstig, erzählt gern aus vergangenen Zeiten und deklamiert auch noch sehr nett von der Nachwelt längst vergessene Gedichte.

Kurze Seitengewehre für die Kavallerie. Nachdem die Ausrüstung der deutschen Kavallerte mit dem neuen Kara­biner nahezu beendet ist, soll nach der N. pol. Korr." in nächster Zeit mit der Ausgabe des neueingeführten kurzen Seitengewehres an die Kavallerieregimenter begonnen wer­

den.

Einweihung der Posener Akademie. In Posen wurde gestern mittag in Gegenwart von Vertretern der staatlichen, Militär- und Kommunalbehörden sowie der Staatsregte­rung das neue Gebäude der königlichen Akademie seiner Bestimmung übergeben. Die Festrede hielt der Rektor der Akademie Prof. Dr. Spieß.

Ein Gewehrdiebstahl wird aus München gemeldet. Aus der Kaserne des 1. Infanterieregiments wurde ein Gewehr Modell 98 mit neuer Ladevorrichtung gestohlen. Ob es sich um einen gewöhnlichen Diebstahl oder um eine Tat mit politischem Hintergrund handelt, ist noch nicht ermittelt.

Fran von Schönebeck, dte Heldin der Allenfteiner Offi­zierstragödie, soll sich gestern in London nach der Meldung eines Berliner Blattes mit einem Berliner Schriftstellec haben trauen lassen.

Einen schrecklichen Tod fand in Königshütte eine Ar­beiterin, die auf der Kohlenhalde der Königsgrube Kohlen­reste sammelte. Grubenarbeiter, die von der Anwesenhett der Frau nichts wußten, schütteten von oben Wagen mit brennender Kohlenschlacke aus. Die Schlacken begruben die Frau, die elend verbrannte. Die Leichenteile fand man un­ter den Schlacken.

Mord in Oberbayern. In Rosenheim in Oberbayern lauerte ein Korbmacher einem Zementarbeiter, mit dem er seit längerer Zeit verfeindet war, in der Nacht nach einem Wirtshausstreit auf, warf ihn nieder und schlachtete ihn förmlich ab, indem er ihm mit einer Sichel den Kopf ab­schnitt. Der Mörder, Vater einer siebenköpfigen Familie, wurde bald nach der Tat verhaftet.

Ueberfallen und erstochen. Der Bergmann Johann Pöhler in Schmidthorst bet Duisburg, der sich mit Frau und Tochter des Bergmanns Demmel auf dem Heimwege befand, wurde von zwei Männern überfallen. Er erhielt einen Stich in die Halsschlagader, der ihn sofort tötete. Frau Demmel wurde durch einen Stich in die Brust schwer verleßt. Die Täter sind noch nicht ermittelt.

Brümmel sagte dieses, bereits auf einem der moosgrünen Damastfauteuils in Anitas Salon fizend, auf dem Fräu­fein Lina ihn genötigt hatte Plaß zu nehmen- ,, daß einer den Grafen aus Eifersucht umgebracht hat und die Herren vom Gericht scheinen auch derselben Ansicht zu sein, da sie den Olfers verhaftet haben. Aber warum lachen Sie, Fräulein Lina?" unterbrach er sich, da die Köchin spöttisch auflachte.

Ja nun, ich finde es ganz verdreht, daß sie auf den Olfers einen Verdacht geworfen haben, denn die Signora verkehrt ja gar nicht mit ihm. Nicht ein einziges mal ist er in ihrer Wohnung gewesen, so lange sie in Wien ist!"

,, Empfängt die Signora viel Herrenbesuch?" erkun digte sich Brümmel.

,, Ach nun, so lange der Herr Graf noch lebte, kam er jeden Tag um die Mittagszeit, aber der Herr Graf war auch ihr Bräutigam. Sonst kommt niemand, die Sig­nora ist ja viel zu ängstlich auf ihren Ruf bedacht. Es ist wie im Kloster"- äußerte Lina verächtlich- ,, außer Ihnen, Herr Smetana, und dem Kunsthändler, dem Herrn Rochus, ist noch kein Herr dagewesen bloß so Leute, wie der Mischmann und lauter so was, was doch keine Bildung hat.

,, Der Herr Rochus?" fragte der Pseudokommis. ,, Wer ist das?"

Ja, das ist ein Kaufmann, der mit Kunstsachen han­delt Ringen und Porzellan und so die kleinen Bilder aus Elfenbein- aber lauter altes Zeug ists, wofür un­sereins nicht' n Heller geben möchte und was doch sehr teuer ist."

,, Ach so, ein Antiquitätenhändler ists? Und der kommt oft zu der Signora?"

,, Na, oft grad' nicht, aber die Lina stockte und schlug sittig die Augen nieder. ,, Na, davon kann ich doch nicht reden", meinte sie geziert.

,, Sprechen Sie nur ungescheut, Fräulein Lina, mir können Sie alles sagen", redete Brümmel ihr zu. ,, Lands­leute dürfen sich alles sagen"

Landsleute?" fiel das Mädchen ein.., Wirklich? Ich bin Sie nämlich aus Ostpreußen ja, aus Ostpreußen, denken Sie und nun kam eine lange Geschichte, in

Von Wölfen überfallen. Wie aus Budapest gemeldet wird, wurde der 70jährige Baron Otto Orban während eines Spazterrittes im Walde von Wölfen überfallen. Als das Pferd die Wölfe gewahrte, scheute es und warf den Retter ab. Baron Orban gab zwar mehrere Schüiffe auf die in mehreren Rudeln über ihn herfallenden Wölfe ab, doch gelang es ihm nicht, fich zu retten. Er wurde gräßlich zerfleischt aufgefunden.

Furchtbares Straßenbahnunglück. In Tiflis entgleiste ein vollbesetzter Straßenbahnwagen infolge Versagens der Bremse und stürzte an einer steilen Böschung um. Bis abends wurden 7 Tote und 11 Schwerverlette geborgen.

Ein schweres Unglück hat sich gestern auf dem Martins­werk der Firma Krupp in Effen ereignet. Dort wurde bei Reparaturarbeiten an der elektrischen Leitung der Schlosser Wallrich getötet. Als die zur Untersuchung des Unfalls herbeigeholte Polizeibehörde beim Herabsteigen eine Betondecke betreten wollte, brach diese ein. Drei Personen, darunter ein Schußmann und ein Heilgehilfe, stürzten etwa Meter in die Tiefe und wurden schwer verletzt.

Ans dem Gefängnis ausgebrochen. Der Maler Grimm, der vor acht Jahren wegen Mordes zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden ist, ist gestern nacht aus der Strafanstalt Oslebshausen bet Bremen entflohen. Er hatte das Fenstergitter seiner Zelle durchsägt und sich dann am Bettuch herabgelaffen. Dann hatte er mit einer Leiter die Mauer des Gefängnisses überklettert.

Wissenschaft, Kunst und Literatur.

Die Spende für Liliencron. Die Liliencron- National­spende ergab die Summe von 36 000 M.

Der Erreger der akuten Kinderlähmung, iener unheim­lichen Erkrankung. die im vorigen Jahre in einigen Ge­genden Deutschlands viele Opfer gefordert hat, ist bisher noch nicht gefunden worden. Es ist aber, wie einige ameri­kanische Forscher in der Münch. Med. Wochenschrift mit­teilen, gelungen, wenigstens einige vorbereitende Fragen zu lösen. Durch Einspritzung von gertebenen Stücken des Rückenmarks von Kindern, die der Erkrankung erlegen sind. gelingt es, bei Affen ein ähnliches Krankheitsbild wie beim Menschen hervorzurufen. Die weiteren Versuche ergaben, daß es sich um ein sehr widerstandsfähiges Gift handeln muß, daß der Erreger sich sogar durch ein Kieselgurfilter filtrieren läßt und daß er ausgesprochen auf die nervsse Substanz wirkt und zwar in erster Linie auf die des Rüf­fenmarks, in geringerem Grade auf Klein- und Großhirn. Für unser Verständnis dieser Infektionskrankheit ist da­mit immerhin schon ein großer Schritt vorwärts getan; mit der Einsicht in das Wesen der Krankheit steigt auch die Hoffnung, bald zu einer Möglichkeit zu gelangen, die Krank, heit zu heilen und zu verhüten.

Aus den Gerichtssalen.

Eine Brandstifterin. Das Schwurgericht in Düsseldorf verurteilte die 66jährige Ehefrau des Ackerers Johann Cro­men aus Hilden wegen vorfäßlicher Brandstiftung zu drei Jahren Zuchthaus. Die alte Frau hatte ihr Wohnhaus an­gezündet, um das Versicherungsgeld mit 4700 M zu erlangen. Verurteilung eines jugendlichen Verbrechers. Das Schwurgericht in Bochum verurteilte gestern den jugend­lichen Bergmann Josef Schulte aus Recklinghausen, der am 27. November v. J. den 40 Jahre alten Schuhmacher Eich aus Solingen auf eine Zechenhalde geschleppt und in bestia­lischer Weise zu Tode gequält hatte, zu fünfzehn Jahren Zuchthaus.

Auch ein Opfer" der Schundliteratur. Die Kottbuser Lehrerschaft hatte vor einiger Zeit die ihr anvertrauten Kin­der vor dem Lesen und dem Ankauf von Schundlektüre ge= warnt, auch einen Aufruf an die Kottbuser Bürger im dortigen Anzeiger erscheinen lassen. Dies erbitterte den Agenten Reinhold N., dessen Tochter in der Taubenstraße in Kottbus einen Buchhandel betreibt, dermaßen, daß er in dem Schaufenster der genannten Buchhandlung eine den Lehrerstand beleidigende Druckschrift auslegte. Mit Blau­stift und roter Tinte hatte Reinhold N. dazu noch verschte­dene beleidigende Randbemerkungen gemacht. Die betref fende Druckschrift war so ausgelegt, daß sie jedem Vorüber­gehenden in die Augen fallen mußte. Auf die Frage eines Polizeibeamten, was N. damit bezwecke, erklärte dieser, die Lehrer verdürben ihm das Geschäft, weshalb er den Leu­ten über die Lehrerschaft die Augen öffnen wolle. Schließ lich nahm sich die Königliche Regierung der Sache an und stellte gegen den Agenten Strafantrag wegen Beleidigung der Kottbuser Lehrer. Im Termin bestritt zwar der Ange= flagte, eine Beleidigung der Lehrerschaft beabsichtigt zu haben, doch war das Gericht anderer Meinung und verur­teilte ihn zu der wohlverdienten Strafe von 100 Mark Geldstrafe eventuell 20 Tagen Gefängnis.

Aus dem Reiche der Technit.

Europäische und amerikanische Eisenbahnsignale.

Ga ist in letzter Zeit gar nicht selten vorgekommen, daß die Amerikaner, die den technischen Fortschritt auf manchen Ge­bieten beinahe gepachtet zu haben glaubten, nicht nur eigent­liche Erfindungen, sondern auch andere technische Einrich­tungen von Europa übernommen haben. Jetzt ist auch der

der sie ihrem neuen Freund auseinanderseßte, durch wel­che Fügung sie hierher nach Wien verschlagen war. Gigent­lich war sie nicht aus Ostpreußen, sondern von der pol nischen Grenze, woher die Sprache denn auch kein rich­tiges Ostpreußisch, sondern ein Gemisch von verschiedenen Dialekten war, aus denen der ursprüngliche sich schmer herauskennen ließ. Brümmel hörte diese Auseinanderset­ungen mit innerlicher Ungeduld an, aber er bezwang sich und heuchelte tiefes Interesse, denn er durfte die Maid nicht zürnen. Also Landsleute!" schloß die leßtere. Das hätte ich nun wirklich nicht gedacht, daß Sie auch ein Ostpreuße sind, Smetana- nein, das hätte ich nicht gedacht."

Nun, ein Ostpreuße bin ich nun auch gerade nicht", entgegnete Brümmel, sondern ein Böhme von Geburt. Die Böhmen und die Polen sind Brüder und ihre Sprache ist sich sehr ähnlich und daher sind wir so gut wie Lands­Yeute. Aber nun, Fräulein Lna, müssen Sie mir auch die Geschichte von dem Herrn Rochus erzählen, der manch mal zu der Signora kommt. Es ist gewiß eine sehr kuriose Geschichte, was?"

Das Mädchen zögerte immer noch, aber ihr Drang nach Mitteilung überwand doch ihre Bedenken. Ja, stel­len Sie sich nur vor, Herr Smetana"- begann sie ,, vor ungefähr acht Wochen, also in den ersten Tagen, nachdem die Signora hierher nach Wien gekommen war, flingelte es eines Vormittags und als ich öffne, steht ein Herr da ein ganz komisch aussehender Herr mit einem Gesicht wie Leder, und so dürr, der Mensch wie eine Bohnenstange und fragt nach der Signora. Ich will wissen, wie er heißt, damit ich ihn doch melden kann, aber er sagte mir nicht seinen Namen, sondern verlangt immer bloß zu der Signora geführt zu werden. Während ich noch mit ihm streite, geht die Stubentür auf und die Signora tritt heraus, blaß, mit funkelnden Augen, wie ich sie nie gesehen habe. Und sie und der Freund schauten sich an, bis er dann endlich, immer noch ohne ein Wort zu sagen, an ihr vorbei in den Salon geht und sie ihm folgt. Da haben sie denn woh eine Stunde zusammen geredet was, weiß ich nicht, aber daß es nicht fried­be­lich zwischen ihnen hergegangen ist, das kann ich schwören="

( Fortseßung folgt.)

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