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Aber die von Arvid bereits mit heimlichem Unbehagen längst erwartete Schneider- oder Schusterrechnung wurde ihm nicht zugesandt oder irgend ein Stück, das im Hause notwendig, aber trotzdem noch nicht angeschafft worden war, weil das Geld dazu nicht reichte, war plötzlich da, als hätten die Heinzelmännchen es über Nacht gebracht.
Mit inniger Rührung ruhten dann die Blicke des Mannes auf seiner Frau, die wie ein aufopfernder, liebevoller Kamerad ihm so getreulich beistand im Kampfe ums Dasein.
Ob sie wohl noch viel an das Land ihrer Träume dachte? Er fragte sie nicht darnach, er wußte, dieses Thema war ein wunder Punkt bei ihr.
Und doch war sie eine sehr, sehr glückliche Frau und Mutter, nicht mehr so lebhaft, so zierlich und schlank, wie sie als Jungverheiratete gewesen, denn jedes ihrer Kinder hatte bei seinem Erscheinen auf der Welt ein Stück Jugend und Frische und einen Teil der Gesundheit seiner Mutter mitgenommen.
Dora sah sich verjüngt in ihrer zweiten Tochter, einem lebhaften, begabten Geschöpf, wieder, das die nußbraunen Augen des Vaters, aber die Züge, das Wesen und das Maltalent der Mutter geerbt hatte. Eine unerschöpfliche Quelle der Freude und des Stolzes war es für Dora, ihrer Tochter den ersten Zeichenunterricht zu erteilen.
Die kleine Elsbeth lernte spielend.
Als sie älter geworden, entschlossen sich die Eltern, die Kleine in die Stadt zur inzwischen verwitweten Tante in Pension zu geben, damit sie bei bewährten Lehrern Unterricht im Zeichnen nehmen könne.
" Was ich verstehe, habe ich Elsbeth gelehrt, weiter kann sie von mir nicht viel lernen," erklärte Dora ihrem Manne.
Es klang resigniert, fast traurig.
Oft betete die Mutter zu Gott, er möge ihrem Kinde dereinst das bescheren, was er ihr versagt: die Mittel und Wege, ihr Talent auszubilden.
„ Gott in seiner, den Menschen unerforschlichen Weisheit hat ja alles zu meinem Besten also gefügt," sagte sie sich, ich danke ihm täglich für das, was er mir beschert. Mein Mann, meine Kinder sind meine Welt. Und doch wünschte ich, mit Elsbeth, wenn sie wirklich ein gottbegnadetes Talent besitzen sollte, reisen zu dürfen in jenes Land meiner Jugendträume, die unerfüllt geblieben bis auf diese Stunde."
Heimlich begann Dora zu sparen zu Elsbeths Reise nach den Stätten der Kunst.
Zuweilen erschien es ihr, als beginge sie damit ein Unrecht, als entzöge fie ihren anderen Kindern etwas, aber dann sagte sie sich, daß sie ja ihre Kinder, ohne einen Unterschied zu machen, liebe und daß es ihre Pflicht sei, für das begabteste der Geschwister so viel zu tun, als in ihren schwachen Kräften stand.
Die Zeit schritt dahin, unaushaltsam, rastlos. Die beiden ältesten Knaben waren längst in der Stadt im Gymnasium untergebracht und gleich Elsbeth bei der Großtante in Kost gegeben.
Zu den Ferien kamen sie natürlich stets nach Hause, und dann wurde die alte Forstei von ihrem lauten Jubel und Tollen erfüllt.
Lächelnd ließen die Eltern das bunte Treiben zu. Es waren ja gutgeartete Kinder, deren Lust nie in Unart umschlug.
Eines Abends jedoch gerieten die Brüder Arvid und Kurt in Streit.
Arvid prahlte mit irgend einer märchenhaften
Erfindung, die er dereinst auf technischem Gebiet- er wollte Ingenieur werden zu machen gedachte.
" Ach," rief Kurt geringschätzig, das wird dir ebensowenig auskommen, wie der Mama ihre italienische Reise!"
„ Schweig, Junge! Was weißt du davon?" rief der Vater, der dem Wortwechsel der Knaben bisher schweigend zugehört, zornig.
Ihm tat es in der Seele weh, den Wunsch, den Dora mit einer Art heiligen Empfindens Jahre hindurch gehegt und nun, da er unerfüllbar schien, zu den Toten geworfen hatte, von den Lippen ihres Sohnes gleichsam bespöttelt zu sehen.
,, Als Tante Helene die Großtante neulich besuchte, war von Mamas Reise die Rede," stotterte Kurt erschrocken.
Er war sich bewußt, nichts Böses gedacht und gesagt zu haben.
Wie konnte er ahnen, was im Herzen seines Vaters vorging?
Arvid Holm machte sich in manchen Stunden Vorwürfe, daß er Dora, die so reich begabt und kunstsinnig war, kein anderes Los geboten, als das, immer mit stets erneuten Sorgen um das tägliche Brot zu kämpfen.
" Ihr Streben hätte einen höheren Flug genommen, wäre sie frei geblieben," sagte er sich bitter auch eben, wo die Worte seines Sohnes ihn so tief erregt hatten.
Da trat Dora ins Zimmer. An ihre Schürze hängten sich die Zwillinge Hans und Grete, sechsjährige reizende Kinder; das Jüngste, ein entzückendes Baby von vier Jahren, saß auf dem Arme der Mutter.
,, Nein," sagte sich Arvid, so sieht keine Frau aus, die sich darum grämt, ein gestecktes Ziel nicht erreicht zu haben. Sie ist glücklich und zufrieden, meine Dora."
„ Mama, Mama!" mit dem jubelnden Rufe stürzten die beiden großen Jungen der Mutter entgegen.
Der gescholtene Kurt schmiegte sich mit besonderer Innigkeit an sie an.
Ein Strahl höchsten Glückes und Mutterſtolzes brach aus Doras Augen, als sie sich von ihrer blühenden Kinderschar umringt sah.
Gerta und Elsbeth waren, mit frisch geröteten Wangen, von einem Waldspaziergang kommend, ebenfalls eingetreten und vervollständigten das Bild einer glücklichen Familie.
In solchen Augenblicken, wo ihr ihr Frauenund Mutterglück so recht zum Bewußtsein kam, verschwendete Dora keinen Gedanken an das Land ihrer Träume.
Das Leben, so, wie es eben war, bot ihr ja tausendmal mehr.
Einige Jahre später erhielt Arvid Holm seine Ernennung zum Forstmeister und mußte infolge= dessen seinen Wohnsitz in der Stadt nehmen.
Das gab einen traurigen Abschied vom Forsthause.
Dora wurde jedoch durch den Gedanken, daß sie in der Stadt sich nicht von ihren ältesten Kindern zu trennen brauchte, getröstet.
Pekuniär erfuhr die Lage der Familie eine Verbesserung, allein das Stadtleben stellte höhere Ansprüche, und die Ausgaben wurden dadurch vermehrt.
Doch Dora mit ihrem praktischen Sinn verstand, so Haus zu halten, daß sie das, was sie durch Malen verdiente. für Elsbeths künstlerische Ausbildung bei Seite legen konnte. Elsbeth war ja noch so jung, und in ein paar Jahren hoffte die Mutter hübsche Ersparnisse zu machen.
( Fortsetzung folgt.)
Die Alte.
Von Dierre Lotti.( Uebertragen von H. Achard.)
ühsam schleppte sich die Alte im Glanze der Abendsonne unter der Last dürren Holzes vor mir her. Sehr einsam war die Stelle, an der ich mit ihr zusammentraf. Einsam und schön wie das Paradies unserer Träume. In Guipugeva war es, inmitten der spanischen Pyrenäen. Von allen Seiten strebten sie empor, die mächtigen Bergriesen, in ihrer jungfräulichen Reinheit, umgeben von dem geheimnisvollen Schweigen der Wälder. Taleinwärts schlängelte sich de Fluß, auf dessen regungsloser Fläche Efeugewinde, Farnkräuter und Blättergerank in unlösbarer Umarmung ihr saftiges Grün spiegelten. Blumen in den leuchtendsten Farbentönen grüßten das Auge in jenem Reiche kühler Schatten und ewig murmelnder Quellen. Die ganze Natur schien gleichsam wie zu einem Götterfeste geschmückt.
Die arme Alte auf ihrem Pfade merkte nichts von der Herrlichkeit um sie her. Sie trug ihre Last, und das Auge schien erloschen. Welcher elenden Hütte mochte sie zustreben? Welch armseligem Obdach ohne Lächeln, ohne Freude? Sie beschleunigte ihre Schritte, soweit es die erschöpften Kräfte zuließen, das Gesicht zur Erde gekehrt. Ihre durchfurchten Züge mit dem demütig ergebenen Ausdrucke zeugten von schwerer Vergangenheit. Als sie meiner ansichtig wurde, trat ste, zum Zeichen höchster Ehrfurcht vor dem Fremden, hart an den Rand des Grabens, mir die volle Breite des Weges überlassend.
Mein Gott, womit konnte ich wohl der Alten helfen? Ihr leidender Blick hatte mein tiefstes Mitleid wach gerufen, aber was konnte ich ihr bieten, ohne sie noch tiefer zu beugen!
Es wäre ein Kleines gewesen, zu sagen:„ Sute Frau, werft euer Bündel ab und nehmt dafür die Silbermünzen!" aber ich wollte sie nicht kränken, nachdem sie, mit, wer weiß, wie viel Mühe, jedes Reislein zusammen gelesen hatte.
Je mehr ich sie ansah, um so schwerer wurde es mir, ihr ein Almosen anzubieten.
Die ärmliche Kleidung war nicht zerlumpt, gewiß, sie war keine Gewohnheitsbettlerin. Eine alte Ahne, jedenfalls aus irgend einem Bauernhofe oder eine in Müh und Not ergraute Feldarbeiterin, eine jener Gestalten, deren Ende gleich einer Befreiung im Hause heimlich herbeigesehnt wird. Und doch war die Umgebung, in der sie ihr ödes Dasein führte, so wunderbar, so zauberhaft schön, geschaffen zum Glück, einladend zu wonnevoll- trunkenem Schwelgen nach des Tages Hitze. Nah und fern türmte sich der Buchenwald terrassenförmig weiter auf. Zu unseren Füßen der klare Fluß mit winzigen Inselchen, hingestreut gleich vollgefüllten Blumenkörben. Der Wegesrand glich dem schönsten Teppich mit seinem weichen Moose, das in solcher Ueppigkeit nur in lange vereinsamten Gegenden gedeiht. Alt schien der Pfad zu sein, so alt wie die Erde, er verlor sich ins Unendliche. Nur Hirten mit ihren Herden konnten darüber hingewandelt sein. Deutlich spürte man noch den Geist der Vergangenheit über dem allem. Wunderbar, die in solchem Eden lebende Bevölkerung
Kräfte. Hoch oben lag es auf der Bergplatte, die sich sichtlich erweiterte.
Einer Silhouette gleich zeichnete es sich mit seinen altertümlichen Häuschen und seinem Kirchturm am Abendhimmel ab. Altbaskischer Stil. Seit drei Jahrhunderten etwa mochte dort alles Seite an Seite leben, veraltet, ermattet, unter Regen und Sonnenschein, dennoch aufgebaut von Meisterhand zum Ergötzen des Beschauers.
Der Reiz dieser Zeit ist lediglich dem feinempfindenden Fremden vorbehalten. Dem darin Lebenden und Sterbenden bleibt er verborgen. Wie viel abgejagte Existenzen neben feuriger Jugend barg wohl dies Fleckchen Erde! Ich hatte den Schritt gehemmt, um in unmittelbarer Nähe der Holzsammlerin zu bleiben, und fast Seite an Seite erreichten wir das einsame Dorf mit dem schwindenden Tage vor dem Abendläuten.-
Zwei bis drei kleine, finstere Gäßchen öffneten sich vor uns mit ein paar Kleinkramläden Kattun, Geschirr für Maultiere u. dergl. alles äußerst primitiv. In der Mitte erhob sich die alte Kirche mit ihrem Friedhof und rings um dieses von der Welt abgeschlossene Menschenhäuflein, Kantabriens stille, endlose Wälder.
Sollte ich wirklich nicht das Geringste zur Erleichterung der armen Alten finden, die der Zufall mir zur Weggenossin gegeben? Dort in einer jener winzigen Hütten mußte sie wohl einkehren.
Ihre Last warf sie in einen Winkel; wie aber mochte der Empfang für das verbrauchte, überflüssige Alter sein? Dann kam die Nacht, und sie streckte die lahmen Glieder auf ein elendes Lager, den Tag erwartend, an dem sich ihr Dasein im gleichen Geleise weiterspann, bis zu dem letzten, großen Kampf. Arme Alte! Noch hörte ich den Stoßseufzer von vorhin auf dem steilen Wege.
Da, am äußersten Ende der Gasse, erschien plötzlich ein kleines Geschöpf, das die Alte zu erwarten schien und schnell auf dem schwarzen Pflaster dahertrippelte. „ Annona!"( Großmutter.)
Es war ein armselig, kränklich aussehendes Wesen von ungefähr drei Jahren. Häßlich, aber doch dieselben Züge, dieselben treuen Augen, der gleiche ehrliche Ausdruck. Armes Geschöpf, das im Begriffe stand, das Leben voller Entbehrungen zu beginnen, das die Großmutter beendete!
,, Annona!"
Die Alte öffnete die Arme, eine wunderbare Wandlung vollzog sich, wie verklärt sah das alte Antlitz aus! Was lag nun an den Strapazen des Weges, an dem unfreundlichen Empfange der anderen! Besaß sie doch die Liebe dieses Kleinsten! Sie mußte wohl das in mir aufsteigende Mitleid gemerkt haben; jetzt wandte sie sich um, als wollte sie sich überzeugen, ob ich auch das Kind sähe, und ihr glückstrahlender Blick schien zu sagen:" Siehst du nicht das entzückende Geschöpf? Kann ich nicht stolz sein auf den Enkel? Wagst du es noch, mich zu bedauern?
sieht und versteht dessen Schönheit nicht, und die gesichte sprach jener unerschütterliche, kindliche, allein bückte Alte zog durch dies Zauberland, so elend, als durchschritte sie ein dunkles Stadtviertel zwischen düstern Mauern!
Steiler wurde der Weg, mühsamer der Gang der Alten, und ich vernahm einen schweren Seufzer, der sich der eingesunkenen Brust entrang. Wohin ging sie? Fiel mir denn gar nichts ein, um ihr zu Hülfe zu eilen? Gottlob, da, bei der Biegung des Weges erschien das Dorf, ihr Dorf jedenfalls, das Ziel für die erschöpften
Langsam trat ich beiseite und raffte mein überflüssiges Erbarmen zusammen. Da ertönte die Abendglocke. Die Alte blieb ſtehen und bekreuzigte sich. Aus ihrem Gewahre Glaube, der weder vor dem Alter, noch vor dem Tode wankt. Und umgeben von jener Märcher welt, erfüllt vom Abendfrieden und hoher Einsamkeit, stand ich, der ewig Flüchtige, den der Zufall auf einen Tag zu diesen Abgeschiedenen geführt, mit dem demütigen Verlangen:
" Ehrwürdige Alte, hab Mitleid mit mir, sprich ein Gebet für die Ruhe meiner Seele, denn von uns beiden bin ich in meinem Innern weitaus der Elendere!"
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