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Als ich meinen neuen Hut verlangte, war er nicht da. Niemand wußte etwas von einem kleinen, schüchternen Lauf girl oder einer Riesenbox. Ich nahm ein Auto und fuhr zum Hutgeschäft. Hier befand man sich bereits ebenfalls in Aufregung. Mary war bisher nicht von ihrem Be­sorgungsgange heimgekehrt. Die Klagen und Selbst­vorwürfe der Inhaberin kürzte ich, so gut es gehen wollte, ließ mir die private Adresse der Kleinen geben und fuhr dorthin. Eine schreckliche Gegend, Mister Andreas!... D, ich sage Ihnen! Ein ganz anderes Berlin, wie bisher, lernte ich damit kennen. Chikago hat sehr viel Ruß und Unsauberkeit, der Amerikaner nennt sie darum auch stolz die Faust der Arbeit". Das Säubern wird drüben zum größten Teile dem Regen überlassen. Darum hauptsächlich lebte ich nicht gern da. Was ich aber damals sah, war zum mindesten ebenso böse.... Wenig Licht viel schmutzige, schreiende Kinder auf den Straßen schwer rollende Lastwagen Burschen, die Häßliches redeten, und zu beiden Seiten gedrückte, schmale Häuser. An einem endlich fand ich die mir aufgeschriebene Nummer. Ueber einen engen dunkeln Hof mußte ich mich tasten, ehe ich mich die ausgetretenen vier Treppen hinauffand.

Mary traf ich aber auch hier nicht an. Eine hustende, elende Frau, die sich ihre Mutter nannte, hörte schwei­gend der Geschichte des Hutes zu, um schließlich in Tränen auszubrechen.

Das Mariechen sei ihre einzige Stütze und ein so liebes Kind... eine so vorzügliche Tochter gewesen. Was solle nun aus ihr und dem Elendswurme werden! Sie rechnete also mit dem Schlimmsten! Nun entdeckte ich auch, wer mit dem Elendswurm" gemeint war. Ein vielleicht achtjähriger Krüppel, der in dem abgezehrten Leidensgesichte die freuen Braunaugen der kleinen Verschwundenen hatte. Wir kamen zu keinem anderen Entschluß, als geduldig den nächsten Tag zu erwarten.

Er brachte uns nichts. Mary

blieb verschwunden. Seither sind weitere drei Tage verflossen. Ich er­zählte meinen Verlust in der Pension. Man wies mich an Sie. Und nun bin ich gekommen, um zweierlei von Ihnen zu erbitten."

Er verneigte sich leicht. " Ganz recht. Den kostbaren Hut und

sein kann auch das Mariechen."

wenn es

Ein leichtes Rot trat auf ihre Stirn. Sie dürfen getrost den Menschen an die erste Stelle setzen!"

" Vielleicht haben sich die beiden aber noch gar nicht voneinander getrennt."

,, Sie glauben...

" Dies Wort, verehrte Miß Howfield, gibt es leider bei unserm Arbeiten nicht. Lassen Sie mich ein anderes dafür setzen! Eine starke Vermutung besteht allerdings Wissen Sie ungefähr den Wert der kost

in mir. baren Federn?" " Hundert Dollars sind sie zum mindesten wert." " Und die dazu erstandene Hutform?"

" Für Fasson und Arbeit zahlte ich noch achtzig

Mark."

,, Also präsentierte die anvertraute Schachtel mit In­halt ungefähr 500 Mark! Für ein armes Mädchen immerhin eine starke Versuchung."

" Ich glaube niemals, daß diese Mary eine gewöhn­liche Diebin ist."

,, Vielleicht aber eine Schwärmerin. Das geschilderte Elend ihrer Umgebung kann sehr wohl eine bis zur Phantasterei gesteigerte Kindes- und Schwesternliebe ge­zeitigt haben. Dazu kommt die überaus günstige- ich kann Ihnen den Vorwurf eines gewissen Leichtsinns da­bei nicht ersparen Gelegenheit. Wie ich aus Ihrer Darstellung entnahm, ist dies Mädchen noch sehr jung." Kaum sechszehnjährig, schätze ich."

Also noch kein gefestigter Charakter. Doch genug darüber, Miß Howfield! Die Sache interessiert mich un­gemein. Ich werde mir natürlich die größte Mühe geben.

Darf ich Sie zuvor bitten, nunmehr mir die Verfolgung gütigst ganz und voll anzuvertrauen! Das heißt: nichts aber auch gar nichts darin zu unternehmen oder wenn Sie meinen, nicht ruhen zu können, mich vorher von allem in Kenntnis zu setzen!"

" Das verspreche ich Ihnen, Mrs. Andreas. Und nicht wahr, Sie geben mir täglich einen kurzen Bericht!"

" Wenn Sie es ausdrücklich wünschen, will ich es tun. Sonst freilich entspricht es nicht meiner Ge­flogenheit."

Der erbetene Bericht traf pünktlich ein. Gewöhnlich nur ein einziges Wort enthaltend:

Nichts

Miß Howfield wurde nervös und mißtrauisch, ver­brachte die Abende zumeist in der Pension und schlug sogar ein paar Gesellschaften aus, auf die sie sich doch zuvor gefreut hatte.

Nicht der Verlust des kostbaren Hutes, der ja ihrem ausdrücklichen Wunsch zufolge- trotz Abratens dem kleinen Laufmädchen anvertraut war, drückte sie nieder, sondern die wachsende Angst, auch in dem schönen, rein­lichen Berlin dem dunklen mächtigen Feind der ameri­kanischen Vaterstadt wieder zu begegnen. Miß Howfield besaß ein weiches, gutes Herz. Mit diesem fühlte sie freilich uneingestanden das Elend von Mariechens jetzt verlassenen Angehörigen mit. Gewaltsam versuchte sie, sich der Vorstellung von deren wachsendem Hunger und zunehmender Verzweiflung zu verschließen. Der praktische kühle Sinn der Amerikanerin vermochte nichts dagegen auszurichten. Immer von neuem erstand ihr der abgezehrte Krüppel in seinem schadhaften Lehn­stühlchen. Eines Tages hielt sie es in diesem untätigen Mitleid nicht mehr aus. Sie sandte eingedenk ihres Versprechens dem Detektiv ein paar Zeilen, die ihm sagten, daß sie sich in diesem Augenblick zu den An­gehörigen der kleinen Marie zu begeben gedächte.

Auf den Wangen der elenden Frau brannten die roten Rosen einer hohen Erregung, als sie eintrat. Ihre Hände flogen zitternd über ein Häuflein aufgestapelter Herrlichkeiten dahin, die den einzigen wurmstichigen Tisch der engen Stube völlig bedeckten. Die Amerikanerin trat näher hinzu und erkannte eine Menge guter Dinge. Da gab es neben Mehl, Reis, Kaffee und kernigem Schwarzbrot sogar ein Päckchen Kakao und eine Tafel jener uneingepackten billigen Schokolade, die reichlich mit Haselnußkernen gespickt ist.

" Es geht Ihnen jetzt also besser?" sagte sie mit einem Aufatmen der Erleichterung. Die Frau schüttelte den Kopf.

Ich fasse es selbst noch kaum. Tagelang hatte ich nichts zu einer Mittagssuppe für uns. Eine mitleidige Nachbarin gab dem Karlchen ein paar Löffel von der ihren. Ich hungere ja so gern... Und nun kommt dies. Es ist wie ein Wunder. Nur eine kann es ge­schickt haben- nur eine weiß, daß das Karlchen diese Schokolade, von dem sie ihm sonst regelmäßig Sonntags ein Stückchen brachte, so sehr liebt. Unser Mariechen!! Liebes, einziges Fräulein, sie muß also leben helfen Sie mir doch suchen!" Und sie glitt auf die Knie und warf die abgezehrten Arme um den schlanken Leib der Amerikanerin, die, hin- und her­gerissen von widerstreitenden Gefühlen, auf die Bebende am Boden niederblickte.

Sollte jene so Vorzügliches im Vorspielen einer Komödie leisten können sollte sie genau über den Fehltritt der Tochter unterrichtet sein und sich nun mit Behagen die Früchte des lichtscheuen Handelns schmecken lassen?

Aber warum nannte sie dann überhaupt die Tochter als Geberin?

Wer konnte ihr etwas beweisen, wenn sie einfach eine mitleidige Reiche vorschob?

Die feine Hand der Amerikanerin preßte sich an die Stirn. Da begegnete sie dem Blick der noch immer Knienden. Eine leise Erinnerung quoll in ihr empor. Die tränen­

M

Der verlorene Hut.

Von Käte Lubowski.

Anny Howfield hatte lange gezaudert, ehe sie die Dienste des Herrn Willibald Andreas, der sich mit vielem Eifer seinem Beruf als Detektiv hingab, in Anspruch nahm. Heute endlich hatte sie ihn aufgesucht und stand ihm in dem eleganten Empfangszimmer gegenüber.

Mit einer liebenswürdigen Handbewegung lud er sie ein, Platz zu nehmen. Mir scheint, unsere Angelegen­heit läßt sich nicht so schnell, wie Sie meinen, erledigen." Während sie einen Augenblick von der Tiefe des mächtigen Stuhles betroffen erschien, nahm er sich Zeit, sie zu betrachten.

Sie war ein großes, schöngewachsenes Mädchen von vielleicht fünfundzwanzig Jahren.... und ihre Wiege konnte ebensogut an der Wasserkante als in Chikago gestanden haben. Sie machte den Eindruck eines kraft vollen, klugen Menschen, der wohl imstande ist, eine vorgenommene Sache mit zäher Beharrlichkeit zu Ende zu führen.

In gutem Deutsch begann sie jetzt, die erste Frage an ihn zu richten. Wünschen Sie, nur die Tatsachen zu hören, oder soll ich ausführlich erzählen?" Er lächelte verstohlen, weil sie sich ihm so ganz als praktische Amerikanerin zeigte.

" Das erste Mal möchte ich sehr um ausführliche Schilderung aller Nebenumstände bitten, Miß Howfield!" Sofort begann ſie.

-

meine

" Well, bis zum Tode meines Vaters deutsche Mutter verlor ich bereits zehn Jahre zuvor lebte ich also in Chikago. Meine Ausbildung war die eines deutschen Mädchens aus guter Familie. Eine Freundin meiner Mutter erzog und unterrichtete mich drüben. Nachdem auch mein Vater gestorben, beschloß ich, nach Deutschland überzusiedeln. Berlin war darin die einzige mir näher bekannte Stadt. Ich weiß nicht, ob Sie die amerikanische Sitte des ans Schiff begleiten" kennen. Wenn eins' rübergeht, machen sich die guten Bekannten nämlich die Mühe der sechsund­dreißigstündigen Bahnfahrt bis Neuyork, um ihre letzten Shake hands auf der Dampferbrücke auszuteilen. Auch bei meinem Abschiede fanden sich eine Anzahl Darunter erfreute Leute mit hübschen presents ein. mich eins aufrichtig; ein junger, befreundeter Farmer von Preston- Ohio brachte mir zwei schneeweiße Straußen federn von einer Pracht und Größe, wie man sie hierzu­lande überhaupt nicht zu Gesicht bekommt., Ich habe sie Ihnen erst absichtlich jetzt gegeben', sagte er mit be­deutsamem Blick. Ich verstand ihn. Er fürchtete in Chikago ein Vertauschen gegen minderwertige in dem Hutgeschäfte, das ich zum Garnieren in Anspruch nehmen mußte."

als

Er hatte aufmerksam zugehört und tat jetzt Mensch eine kurze Zwischenfrage. ,, Weshalb nähten Sie sich diese Kostbarkeiten dann aber nicht besser selbst auf die Hutform?"

BLECKE

Um den armen girls, die dies zum Erwerb gewählt, nicht das Brot fortzuessen."

Nun wurde er wieder mit einem Schlage zum Detektiv.

Sie haben vollkommen recht. Darf ich bitten, fort­zufahren!"

" Hier in Berlin wählte ich also in einem mir warm empfohlenen store eine Form, übergab die Federn und kam eine Woche später, um mir den fertigen Hut abzuholen. Es war zuvor besprochen, daß ich meinen kleinen, weichen Filz zusammengeschnürt mitheimnehmen wollte, während ich den Federhut sogleich in Benutzung nähme. Nun aber brach, gerade als ich im Begriff war, fortzugehen, ein wolkenbruchartiger Regen los, und ich hatte nicht die Zeit, ihn abzuwarten.- Es war ein kleines, vornehmes Puzgeschäft ohne viel überflüssige Herumsteher. Die Inhaberin geriet in Verlegenheit, wie sie mir den kostbaren Hut zustellen sollte. Da war nur ein kleines, braunäugiges Laufmädel, dem sie ihn nicht anvertrauen mochte.

,, Das Mariechen ist ein Hasenfuß und weiß sich bei dem geringsten unprogrammäßigen Zwischenfall keinen Rat," sagte sie ängstlich.

Draußen regnete und stürmte es toller, denn zuvor. Ich sah mir die Kleine, die mir schon das erste Mal gut gefallen hatte, scharf an und stellte fest, daß sie in dem jungen, ängstlichen Gesicht ehrliche Augen hatte. Die Zeit drängte. Ich mußte den Hut bestimmt zum Nach­mittag haben.

Wollen Sie ihn ihr auf meine Verantwortung hin anvertrauen?" bestimmte ich.

Noch einmal wagte die Besorgte Einwendungen. " Mariechen ist erst seit drei Monaten in Berlin, und ich fürchte wirklich

Der Widerspruch festigte meinen Willen. " Fürchten Sie nichts! Mangel an Zutrauen läßt jede Energie und Selbständigkeit im Reime verkümmern." Und ich wandte mich an die Kleine.

Nicht wahr, Mary, Sie werden jetzt beweisen, daß Sie ein fixes, verläßliches girl sein können?" Sie sah mich dankbar an und stotterte etwas, das Wie Mühe geben und Dank wissen" klang.

Die Gestrenge konnte sich nicht versagen, wenigstens noch mit einem Schreckschuß die Kleine zu ängstigen. ,, Nun, dann laufen Sie also!" sagte sie. Aber wenn etwas passiert, dann stehen Sie der Dame voll und ganz für den Schaden ein!"

So trabte Mary mit der Riesenschachtel in den pfeifenden Orkan hinaus zu meiner Pension, während ich eilig zu meinem Professor in die Malstund mußte. Ich hatte mich bei meinem Lehrer länger als sonst aufgehalten, nachher mit einer zufällig getroffenen Be­kannten auswärts geluncht und hatte nur noch eine Viertelstunde Zeit, um mich in der Pension zu dem großen Zauberfest im 300 umzukleiden.( Forts. a. 6. 6.)