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Da hatte der Hauptmann verwirrt auf seine Arbeit hingeschaut und verlegen nach der nächsten Sektflasche gegriffen. Er erwiderte nichts- nichts. Das Giffordsche Temperament war wieder schlafen gegangen.
Aber Felicia sorgte dafür, daß es dennoch zu einer Entscheidung kam. Schnell eilte sie um den Tisch herum an seine Seite, legte ihm ihre weiße Hand wie beschwörend auf den Arm. Ihre Stimme klang weich, schmeichelnd, bittend, als sie sagte:„ Bekomme ich keine Antwort, Percy?" " Quäle mich doch nicht so, Felicia!" hatte er da leidenschaftlich hervorgestoßen und sich halb weggewandt, nur, um das Arbeiten in seinen Zügen ihr zu verbergen. Und dann, dann fühlte er plötzlich ihre weichen Arme um seinen Hals, hörte ihr zärtliches, jubelndes:„ Du dummer, dum und küßte und wurde geküßt. mer lieber Percy!" Das war Percy Giffords Verlobung. Nicht er hatte sich mit ihr, sondern sie sich mit ihm verlobt. Und nachher sagte sie ganz ernsthaft:„ Der fade Edward Cowper! Percy- bist du nur töricht! Der war mir doch nur Mittel zum Zweck! Ein Jahr hattest du mich nun schon heimlich verehrt, ohne dich zu erklären. Und in diesem langen Jahre waren mir allerlei Bedenken aufgestiegen, ob wir auch für einander passen. Du kamst mir zu ruhig, zu leidenschaftslos vor... Mein scheinbarer Flirt mit dem armen Cowper war nichts als eine Probe auf dein Temperament. Vorhin verrietest du endlich deine wahre Natur, als du in deiner Eifersucht so schön aufbraustest. Da war ich glücklich, selig... Denn so, so, Percy, bist du... der einzig richtige... Seelen freund für mich."
Die Räder kreischten kurz unter den sie pressenden Bremsen auf. Der Zug hielt, und Hauptmann Gifford kletterte verträumt aus seinem Abteile heraus- Auch hier in London strömte der Regen wie eine Sintflut vom Himmel herab. Nur durch Zufall fand der glückliche Bräutigam noch einen gerade frei gewordenen Taxameter und ratterte darin seiner in einer vornehmen, stillen Straße gelegenen Wohnung zu. Bei dem vorüber huschenden Lichte der Laternen sah er nach der Uhr. Es war beinahe 2 Uhr. Er überlegte: Um einhalb drei kannst du dich an die Arbeit setzen, bist gegen neun vormittags fertig, schläfst noch zwei Stunden, gehst ins Büro, lieferst die Papiere an Oberst Palmer ab, bittest zugleich um Urlaub für den Rest des Tages und hältst dann bei Tante Helene Warrington, die sicherlich sehr froh über rascht sein wird, um Felicias Hand an.
Aber in diese klare Gedankenreihe schlich sich plötzlich ein leises, ängstliches Unbehagen ein. Er dachte an die geheimen Dokumente, die er in eine eiserne Kassette in seiner Schreibtischschublade verschlossen hatte... Eine leichte Nervosität bemächtigte sich seiner.... Wenn er nur erst daheim wäre, sich überzeugen könnte, daß die gefährlichen Urkunden wirklich noch unberührt an Ort und Stelle lägen! Jetzt fuhr ihm der Wagen viel zu langsam. Und unwirsch trieb er den Kutscher zu größerer Eile an. Endlich hielt das Gefährt. Er bezahlte schnell, nahm seinen Paletot um die Schultern und schritt die Stufen zu seiner Haustür empor. Schon hatte er den Schlüssel umgedreht, gerade die Hand auf den Drücker gelegt, als der wimmernde Laut einer Kinderstimme ihn erschreckt zur Seite blicken ließ. In der dunklen Ecke der großen, zweiflügeligen Tür kauerte, in einen zerfetzten, triefenden Umhang gehüllt, ein vielleicht zehnjähriger Knabe, der jetzt bei des Hauptmanns leisem Anruf scheu den Kopf hob, sich aufzurichten versuchte, aber mit einem Wehlaut wieder zurücksank.
Percy Gifford, dessen Herz so voller Liebe war, und der in seiner Glückseligkeit gar zu gern irgend einem Menschen etwas Gutes getan hätte, beugte sich mitleidig über das Kind und fragte sanft, während seine Blicke erbarmend in dem mageren, blassen Knabengesicht forschten:
" Was tust du hier, Kleiner? Geh nach Hause, du wirst dich erkälten! Da, nimm das!" Und er hielt ihm eine kleine Goldmünze unter die Augen.
Aber der Junge rührte sich nicht, schenkte auch dem Goldstück keinerlei Beachtung. Nur das wimmernde Stöhnen wurde stärker, und der kleine Körper zitterte jetzt wie Espenlaub.
Ratlos stand der Hauptmann da. Wieder sprach er in liebreichstem Ton auf den Knaben ein. Und endlich hatte er die Genugtuung, daß das Weinen schwächer wurde, daß ein paar verängstigte Augen flehend zu ihm emporschauten.
So sprich doch, Kind! Ich meine es nur gut mit dir," ermunterte er nochmals den Kleinen.
" Herr, ich habe Hunger solchen Hunger!" erklang ein feines Stimmchen.„ Ich kann nicht gehen, bin schon umgefallen, und alle meine Streichhölzer liegen dort- dort hinten im Schmutz. Ach, Herr, nicht zur Polizei, nicht zur Polizei!" flehte er mit gerungenen Händen, wieder in Tränen ausbrechend.„ Sie sperren mich ein! Ich soll nicht betteln... Und die Mutter schlägt mich doch, wenn ich ohne Geld nach Hause komme!"
Percy Gifford kannte das Londoner Straßenleben, das Elend und die Armut in den niederen Volksschichten nur zu gut. Er begriff alles. Dieser Junge war eines jener bedauernswerten Geschöpfe, die von den Eltern auf die Gasse hinausgeschickt wurden, am Arm ein Körbchen mit Zündholzschachteln, nur notdürftig bekleidet, um das Mitgefühl der Passanten zu erregen, einer jener kleinen Straßenhändler, die nichts weiter als gut abgerichtete Bettler sind.
Er überlegte nicht lange. Das Kind war sicher halb ohnmächtig vor Hunger umgesunken, hatte sich dann hier in diesen Winkel geschleppt. Unmöglich konnte er den Knaben seinem Schicksal überlassen oder ihn einem der Schutzleute übergeben, die ihn mit zur Polizeiwache genommen und vielleicht lieblos behandelt hätten... Nein, dieser arme Junge sollte einmal fühlen, daß es wirklich noch barmherzige Menschen gab, sollte sich einmal ordentlich satt essen und im warmen, behaglichen Zimmer schlafen!
Percy Gifford war's, als ob er jetzt Felicias liebes Gesicht vor sich sah, das ihn zustimmend anlächelte. Da überwand er sich, nahm das Kind in seine Arme und trug's die wenigen Stufen zu seiner im Hochparterre gelegenen Wohnurg empor.
„ Der arme, kleine Kerl!" murmelte er dabei und empfand schon jetzt etwas wie stolze Zufriedenheit, daß er sich bei seiner peinlichen Sauberkeit nicht vor der Berührung der schmutzigen, nach Armut riechenden Kleider des Straßenjungen gescheut hatte.
Zehn Minuten später saß Bill Sanders, wie er sich nannte, in trockene, ihm allerdings viel, viel zu große Wäsche und eine Reisedecke gehüllt, in einem Sessel vor dem Mitteltisch in des Hauptmanns Arbeitszimmer und schlang gierig die kalten Speisen hinunter, die ihm vorgesetzt wurden. Percy Gifford hatte davon Abstand genommen, seinen alten Diener, der in einem kleinen Gemache hinter der Küche schlief, zu wecken, und alles selbst aus dem Eisschranke hervorgesucht, auch dem Kinde beim Ausziehen der völlig durchnäßten Lumpen geholfen. Jetzt stand er dabei und freute sich, wie es dem kleinen schmeckte. Auch Rostan, der große Windhund, hatte mit dem seltsamen Gaste nach anfänglichem Anknurren schnell Freundschaft geschlossen.
( Forts. folgt.)
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vollen, dunkeln Augen gemahnten sie an ihre Mutter. So hatte die Geliebte einst dem dunklen Sarg des toten Brüderchens nachgeschaut, als man ihn hinaus trug..
Ein wortloser, herzergreifender Jammer in Blick und Miene...." Helft mir doch..." Und sie wollte helfen.
Klar und stark festigte sich die alte Ueberzeugung in ihr, die nur müde gezerrt durch die vielen ihr auf diesem Gebiete durch den Detektiv mitgeteilten Erfahrungen eine Zeitlang entschlummert gewesen:
„ Ein dunkles Rätsel ist es... aber kein Verbrechen, und ich werde nicht ruhen, bis ich es gelöst habe."
Sie tröstete die Frau, hob sie sanft empor und beschenkte das Kind im Lehnstühlchen mit einem Goldstück. Dann schied sie aus der Enge des Elends. Und ein kraftvoller, stolzer Wille blitzte aus ihren Augen.
Hatte man zuvor in der Pension über Miß Howfields jäh erwachten Hang zur Einsamkeit gespottet, so neckte man sie jetzt mit ihrer Vorliebe für die weiten Spaziergänge. Die nassen, unsauberen Rockfäume verrieten ihnen am Abend nur zu deutlich, daß die Trägerin in Sturm und Regen umher gelaufen sein mußte.
Der Detektiv konnte nur mühsam seinen zunehmenden Mißmut vor ihr verbergen. Er, der schon ganz andere Aufgaben gelöst hatte, stand dieser scheinbar kinderleichten ratlos gegenüber. Eine Photographie war von der kleinen Marie Hertwig nicht aufzutreiben gewesen. Und weder die Mutter noch die frühere Herrin konnten sich auf irgendwelche äußeren Merkmale besinnen. Einen knabenhaft schlanken, noch völlig unentwickelten Körper und ein Gesicht mit großen Braunaugen gab es hundertfach hier... Dennoch wurde er in der Sache nicht etwa träge. Er betraute den mit ihm zu sammen arbeitenden jüngeren Bruder mit der Aufgabe, alle Kaffeehäuser und Restaurants nach einer zu durch suchen, die schmal und scheu- vielleicht noch kein volles Bergnügen an der Sünde zeigend- irgendwo herumsaß.
Ein befriedigendes Resultat blieb indes aus. Eines Tages endlich meinte er, dem Geheimnis auf der Spur zu sein.
Die Leiche eines zarten Mädchens war in der Nähe des Schönhauser Ufers aufgefunden, und Andreas eilte sofort hin, um sie in Augenschein zu nehmen. Ein Beweis war freilich nicht erbracht, daß es die Vermißte sein konnte. Nichts verriet ihren Stand und Namen. Aus der Wäsche waren die Zeichen fürsorglich herausgeschnitten. Aber das Gesicht der Toten war kindlich jung und schmal und verzerrt von Angst, Sehnen und Schmerz. Auch trug die Leiche ein dunkelblaues Kleid, wie es Marie Hertwig auf ihrem letzten Besorgungsgange getragen haben sollte.
Als man die zitternde Mutter der Toten gegenüber stellte, ergab sich, daß es nicht das Mariechen war.
Miß Howfield war ebenfalls bei dieser Szene zugegen gewesen und geleitete die verzweifelte Frau nach ihrer
Wohnung zurück. Der ohnmächtige Jammer erweckte einen Augenblick ein Echo in ihr. Ihr frischer Mut sank zusammen. Sie wollte mutlos und unverzagt die bisher erfolglos gebliebenen Gänge durch die Stadt- dies programmäßige Vorsprechen in allen Putzgeschäften und Warenhäusern aufgeben... und sich damit abin der einst von ihrer finden, daß sie auch hier Mutter so geliebten Geburtsstadt das Opfer einer schlauen Schwindlerin geworden war.
Ja sie wußte keine neue Entschuldigung mehr für das kleine Laufmädchen! War selbst die Verzweif lung der Mutter bei dem Verschwinden der einzigen Tochter so echt, wie die jubelnde Hoffnungsseligkeit bei den Geschenken des namenlosen Gebers kurz, war die Aermste selbst völlig unschuldig und unwissend das Mariechen hatte sich zweifellos von der lockenden Sünde umgarnen lassen und hielt sich jetzt, angst und schamerfüllt, fern von den Ihrigen und der einstigen Tätigkeit, im verborgenen.
In dem ganzen Verlauf des trüben Tages gewann Miß Howfield keine andere Einsicht. Ihr war hoffnungslos traurig zumut. Mit schönem menschlichen Mitleid hatte sie sich vom ersten Augenblick an zu dem Mariechen hingezogen gefühlt. Ja, als sie die Kleine in dem dürftigen, vielfach geflickten blauen Kleide aus der Tür des Ladens schlüpfen sah, hatte sie sich gelobt, ihr hinfort das Leben leichter zu gestalten. Und so erfüllt und begeistert von ihrem Vorsatz war sie gewesen, daß sie sofort nach der Malstunde damals bei der Vorsteherin eines Institutes vorgesprochen, in dem jungen, anständigen Mädchen eine gute Ausbildung für das Leben zuteil wurde.
Nun war nichts von ihrer edlen Hülfsbereitschaft übrig geblieben, als der bittere Geschmack von einer häßlichen Enttäuschung. Teilnahmlos saß sie an diesem Abend in dem gemeinsamen Wohnzimmer der Pension. Die Stimmen der Damen, die das heutige Unwetter bisher ans Zimmer gefesselt, schwirrten lebhaft durcheinander. Sie achtete erst auf die Unterhaltung, als sich eine ältere Holländerin direkt mit einer Frage an sie wandte:
" Sie gehen doch heute abend auch zu ihm, nicht wahr, Miß Howsfield?"
Kleinlaut mußte sie eingestehen, daß sie keine Ahnung habe, von wem die Rede sei. Die Holländerin schlug voller Staunen die Hände zusammen.
Wo waren Sie eigentlich mit Ihren Gedanken? Seit einer Stunde schwärmen wir von dem großen Psychiater Professor Kruppling, der heute eine Vorlesung über die Beeinträchtigung des freien Willens auf Grund seiner langjährigen Praxis hält. Speziell ich verdanke ihm, daß ich wieder menschenwürdig leben kann. Als ich mich in seine Behandlung begab, war ich am Ende meiner Moral. Ich hätte töfen und stehlen können, sobald ich in diese entsetzlichen, mir schier unerklärlichen Perioden der Haltlosigkeit hineingeriet." Miß Howfields Aufmerksamkeit begann rege zu werden.
( Schluß folgt.)


