Ausgabe 
15.1.1910 Erstes Blatt
 
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as Verbrechertum im französischen Heere.

Die Frage, wie die zahllosen Apachen aus dem Heere und der Marine zu entfernen seien, beschäftigt in Frank­reich noch immer die Presse, die Politiker und das Publikum mehr als alles andere, und da bei dieser Ge­Yegenheit hier und da auch Stimmen laut geworden sind, die von Uebertreibung sprachen, so hat sich die Pariser Agentur Fournier das Verdienst erworben, eine genaue Enquete anzustellen über die Zahl der in den verschie­denen Regimentern von Paris und Umgebung vorhandenen vorbestraften Individuen. Das 21. in Paris stehende Ko­Yonialinfanterieregiment zählt nach Aussage seines Ober­sten keine vorbestraften Leute; das 70. Regiment, das gleich­falls in Paris steht, beherbergt unter etwa elfhundert at­tiven Leuten 26 bestrafte der beiden Jahrgänge 1907 und 1908. Die beiden in Coulommiers stehenden Bataillone dieses Regiments zählen 175 verheiratete Leute, von denen ein volles Drittel überführte 3uhälter sind die in der Nähe der Hauptstadt dienen und häufigen Urlaub nach Paris erhalten können. Das 104. Infan­terieregiment in Paris weist 50 nach dem gemeinen Rechte Bestrafte auf, und daher sind Diebstähle innerhalb der Kaserne dort recht häufig. Auch in diesem Truppenteile gibt es viele verheiratete Zuhälter. Im 5. Regiment stehen 54 vorbestrafte Leute. Nur das zweite Kürassier­regiment, das 13. Artillerieregiment und das 28. Infan­terieregiment, alle in Paris garnisonierend, beherbergen keine Apachen oder sonstwie Vorbestrafte; sie stellen Elite­regimenter dar, aber ihr Ersak kommt ausschließlich aus der Provinz, nicht aus der Hauptstadt.

In Auxerre hat General Clerc, Kommandeur der dor­tigen 17. Infanteriebrigade, Befehl gegeben, daß nicht nur alle Zivilpersonen, die in den Kasernen etwas zu tun haben, sondern auch Militärs andrer Truppenteile und Gendarmen von einem Manne der Kasernenwache_ins In­nere des Gebäudes zu begleiten seien. Als gestern ein Gendarm in die Kaserne Goure trat, um sein Gewehr dem Büchsenmacher zur Reparatur zu geben, wurde er in­folgedessen von einem Soldaten geleitet, Dabei stellte es fich heraus, daß dieser Soldat und der Gendarm alte Be­kannte waren, denn der Gendarm hatte den Mann, als dieser noch in seinen Zivilkleidern steckte, als gefähr lichen Einbrecher verhaftet und nach Nummer Sicher gebracht. Jest waren die Rollen vertauscht. Der Apachen­foldat geleitete den Hüter der Ordnung. Letzterer ist ebenso wie alle seine Kollegen der dortigen Gegend von der Maßnahme des Generals Clerc wenig erbaut, und auch der Bevölkerung hat sich beim Bekanntwerden dieses Bwischenfalles eine gewisse Erregung bemächtigt. Es wird hinzufügt, daß der Zufall hierbei nicht allein im Spiele war, denn sämtliche Soldaten der Kasernenwache waren an jenem Tage Apachen bis auf einen, der gerade Bosten stand. Die Presse tritt jezt gegen das Apachenwesen im Heere auf. Man verlangt, daß man mit der zweideu­tigen, humanitären Gefühlsduselei ein Ende machen und die Regimenter mit eisernen Besen reinfegen. Die energischsten Maßnahmen seien am Play, damit dieser la­tenten Anarchie gesteuert werde. Der Nationalist Ernst Judet fordert im Eclair die öffentliche Meinung auf, sich ihrer Macht bewußt zu werden, und dringend ein Geset zu fordern, durch das das Pariser Pflaster von den Apachen gereinigt werde. Dies sei die beste Art, das Andenken des neulich von einem Apachen ermordeten Schuhmanns zu ehren, und der Sozialist Gerault Richard kämpft gegen feinen eigenen, allerdings extremsten Parteigenossen Herve an, der lebthin die Ermordung von Schußleuten durch Apachen glorifiziert hatte. Er verlangt daraufhin den Ausschluß Herves aus der sozialistischen Partei.

Rundschau vom Cage.

Politisches.

Kaiserreise an die Wesermündung. Der Kaiser wird, wke aus Bremerhaven gemeldet wird, in nächster Zeit als Gast des Norddeutschen Lloyd mit dem Schnelldampfer Kaiser Wilhelm II." eine auf 1-2 Tage berechnete Fahrt in See machen. Ueber den Tag der Ankunft sind noch feine bestimmten Dispositionen getroffen.

Kaiser Wilhelm und Präsident Fallieres. Dem Pariser " Matin" wird aus Brüssel gemeldet, daß sich dort das Ge­rücht von einer Begegnung zwischen dem Kaiser Wilhelm und dem Präsidenten Fallieres erhalte und in diploma­tischen Kreisen als durchaus möglich betrachtet werde. Es heißt, daß in Brüssel Schritte unternommen werden sollen, um einen Besuch des Präsidenten zur Weltausstellung in Brüssel herbeizuführen.

Mittelschullehrer beim Kultusminister. Der preußische Kultusminister empfing dieser Tage, wie die Voss. 3tg." er­fährt, eine Abordnung des preußschen Mittelschullehrerver­eins zu einer Besprechung über die geplante gesetzliche Re­gelung des Mitelschulwesens.

Eine englische Wahlblüte. In der gegenwärtigen hizzi­gen Wahlagitation ist folgendes nette neue Argument auf­getaucht, das in konservativen Versammlungen eine große Rolle spielt: Warum ist Kaiser Wilhelm 2. bisher noch nicht gekrönt worden? Sehr einfach, weil er geschworen hat, da­mit zu warten. bis das neue deutsche Reich fertig ist. und

11)

Der Fall Welshofen.

Kriminalroman von M. Kossak.

( Nachdruck verboten.) ,, Und was stand darin?" stammelte Frida. " Ja, Kind, ich verstehe kein Italienisch, ich weiß nur aus den Zeitungen, daß in dem Brief gefagt ist, der Graf möchte sich hüten, das auszuführen, was er vor habe, da der Briefschreiber sonst Sache an ihm nehmen würde, Und was hatte der Graf vor? Anita Brusio zu heiraten. Dein Verlobter aber stand früher in Beziehungen zu der Anita, und Du bist immer eifersüchtig auf sie gewesen, weil Du glaubtest, daß er sie noch liebte. Wenn Du recht haben solltest und Felix Olfers nun einen Drohbrief an Wels­hofen geschrieben hat, den man in des letteren Nachttisch­schublade fand, so geht doch daraus hervor-

,, Daß man auf Felix Verdacht werfen könnte, den Grafen ermordet zu haben?" schrie Frida auf. Aber das ist ja unmöglich, das hat Felix nicht getan, das kann er nicht getan haben, denn"

,, Kind, ob ers getan hat oder nicht getan hat, darum handelt sichs im Augenblick nicht, sondern nur darum, ob die Polizei Verdacht auf ihn geworfen hat. Und Du hast dem Detektiv ja bestätigt, daß Olfers den Brief ge= schrieben hat."

,, So habe ich ihn verraten!" schluchzte Frida, die Hände ringend. Ich glaube, es kommt nicht viel darauf an," tröstete sie Louison. Anfangs dachte ich auch, Du dürftest nicht fagen, daß Du die Handschrift erkannt hast, aber dann erwog ich, daß die Polizei ja auch andere Wege finden würde, den Schreiber jenes Briefes zu ermitteln. Ach, mach Dir deshalb keine Sorgen- Dein Verrat wiegt nicht schwer."

Louison redete der Freundin noch lange gut zu, aber bergebens, Frida hörte kaum, was jene zu ihr sprach. Felix' seltsame Reden, in denen er sie fragte, ob sie im­mer an ihn glauben möchte gleichviel, was die Menschen über ihn sprechen würden, kreuzten ihren Sinn und ließen ihr Blut erstarren. Und dann fiel ihr noch eines ein - warum hatte Felix sie an jenem Abend, dem leßten, an

dann will er sich in der Westminster Hotet tronen tassent -Na also.

Regus Menelik. Die vom Tode des Negus von Abefft­nien eingetroffenen Meldungen haben bisher noch keine Bestätigung erfahren und es wird auch an ihrer Richtigkeit gezweifelt. Verschiedene große Londoner Firmen, die in der abessinischen Hauptstadt Vertreter haben, erhielten von die­sen gerade in den letzten Tagen Telegramme über verschie­dene Angelegenheiten, aber von einem Ableben des Negus wurde darin nichts erwähnt, was doch sicher geschehen wäre.

Demokratie und Kolonialpolitik. In der gestrigen Sit­zung der Budgetkommission des Reichstags gab der Wort­führer der freisinnigen Fraktionsgemeinschaft eine Erklä­rung von prinzipieller Bedeutung ab. Er sagte, seine Freunde d. H. also die drei demokratischen Gruppen, stän­den auf dem Standpunkt, bei Sicherstellung der Rentavilttät Kolonialbahnen zu genehmigen. Wolle man die Beseitigung der kolonialen Reichszuschüsse erreichen, so müsse man die Kolonien wirtschaftlich heben, und dazu gehörten auch Bahn­bauten. Das ist ein, wenn auch noch etwas verklausulier­tes, so doch grundsätzliches und durch seine offizielle Form bindendes Bekenntnis der bürgerlichen Demokratie zur Kolonialpolitik.

Ausdehnung der Fortbildungsschulpflicht im Reiche. Durch eine dem Reichstag demnächst zugehende Gewerbe­ordnungsnovelle werden die weiblichen Arbeiter unter 18 Jahren inbezug auf die Verpflichtung zum Besuch einer Fortbildungsschule den männlichen gleichgestellt werden.

Kleine Nachrichten.

Artillerie auf der Insel Borkum. Nach einer Meidung aus Borfum traf dort eine Verfügung des Pricgsministers etn, rach der drei Batterten des Fußartillerieregiments von Hindersin in Osnabrück zum 1. April nach der Insel ver­legt werden.

Eine Zucht- und Dressuranstalt für Polizeihunde beab­sichtigt die preußische Regierung in Grünheide in der Pro­vinz Brandenburg zu errichten. Aus der Anstalt sollen so­wohl die königlichen wie die kommunalen Polizeiverwal= tungen ihren Bedarf an guten, reinrassigen und zu Poltzet­dienstzwecken sich eignenden Hunden decken können. Die Kosten des Baues sind auf 27 000 M veranschlagt.

Der Titel eines preußischen Geheimen Justizrates wurde dem englischen Rechtsanwalt Leopold Goldberg in London vom Kaiser verliehen. Goldberg ist seit einer Reihe von Jahren Rechtsbeistand des deutschen Generalkonsulats in London. Der Kaiser verlieh Goldberg bereits 1908 den Kronenorden zweiter Klasse.

Um die Wiedereinführung von Viertel- und Halbpfund­gewichten bemüht sich die Zentralvereinigung deutscher Ver­eine für Handel und Gewerbe. Sie hat an den Bundesrat die Bitte gerichtet, Viertel- und Halbpfundgewichte mög­lichst bald zur Einführung bringen zu lassen, da die Klein­Händler an dem Fehlen dieser Gewichtsstücke seit Jahren schwer leiden und unreelle Händler und Angestellte nur 120 Gramm auf das Viertelpfund zu geben pflegen.

Der Nachlaß König Leopolds. Am Montag beginnt die Liquidierung des Nachlasses König Leopolds. Die dret Töchter des Verstorbenen erhalten vorläufig 12 Millionen bar ausbezahlt. Nach Feststellung der Liquidation darf die Baronin Vaughan höchstens 7 Millionen behalten; was sie darüber hinaus vom Könige selbst schon bekommen hat, muß sie den Prinzessinnen herausgeben.

Einen nenen Höhenrekord hat der Aviatiker Paulhan bei einem Fluge von fast 5000 Fuß in Los Angeles erreicht. Da ein amerikanischer Fuß 30% Bentimeter mißt, ist Paul­han mindestens 1400 Meter hoch geflogen, nach der zweiten Schäßung sogar mehr als 1500 Meter. Damit ist der dieser Tage von Latham aufgestellte Höhenrekord von 1100 Meter bedeutend überboten.

Eine Weltausstellung in San Franzisko 1915? Aus Neuvork wird gemeldet, daß für das Jahr 1915 in San Franzisko eine große Weltausstellung beschlossen worden ist. Die Ausstellung soll alles bisher dagewesene übertref= fen und den neuen Glanz und die unerschöpflichen Mittel der durch das Erdbeben zerstörten und so schnell wieder erstandenen Stadt vor Augen führen.

Das Unglück schreitet schnell. In Augsburg stürzte eine Frau beim Anbringen der Gardinen auf die Straße und war sofort tot. Der ein Stockwerk tiefer wohnende pen= sionierte Lehrer Ziegler, der nach der Ursache des Lärms sehen wollte, wurde beim Anblick der Verunglückten vom Schlag getroffen und war ebenfalls sofort tot.

Aus dem Zuge gestürzt. Kurz vor der Station Remagen ( Rheinland) stürzte nachts ein Reisender aus Graudenz aus dem Zuge und erlitt schwere Verlegungen. Er hatte geglaubt, der Zug set schon am Ziele angelangt.

Zum Raubmorde in Hamburg. Der Mörder der Pfand­leiherin Luise Merkli hat außer 1300 M barem Geld Pfand­gegenstände von großem Werte, Uhren, Armbänder, Bro­schen, Kleider usw. geraubt. Von dem Täter fehlt noch fede Spur. Auf seine Ergreifung hat die Polizei eine Beloh­nung von 1000 M ausgefeßt.

Gine reiche Arme. In Godesberg starb eine 71jährige Greisin. die meist von mildtätigen Unterstüßungen gelebt hatte. Nach ihrem Tode fand man in ihrer ärmlichen Woh­nung in Strümpfen, Kistchen und Körbchen wohlverwahrt ein aanzes Vermögen

dem Welshofen noch unter den Lebenden weilte, nicht nach Hause gebracht?

Die Augenblicke, in denen sie mit ihm draußen stand, auf den Fiaker wartend und Welshofen und Anita beob­achtend, vergegenwärtigten sich ihr und ein Schauder über­lief ihren zarten Körper. Wieder hörte sie ihres Ver­lobten: Ekelhafter Kerl!" in bezug auf den Grafen und wieder sah sie den haßerfüllten Ausdruck, mit dem seine Augen auf dem alten Lebemann ruhten.

Wo war Felix hingegangen, nachdem sie sich von ihm getrennt? War er dem Grafen gefolgt ihm und Anita? Oder war er in Welshofens Wohnung gewesen und hatte dort heimlich das Morphium in das Wasser getan?

Seele.

Gott helfe mir, er hat ihn getötet!" schrie es in ihrer Ihr Felix, ihr Abgott, ein Mörder?

Nein, das konnte nicht sein! Und wieder regten sich andere Stimmen in ihrem Herzen, die Stimmen der Liebe und des Vertrauens, die ihrem entsetzlichen Argwohn wider­sprachen. Er, er selbst hatte sie gebeten, ihm zu ver­trauen, immer, immer und sie machte sich eines Ver­brechens an ihm schuldig, wenn sie dem Mißtrauen nicht Schweigen gebot.

,, Er kann es nicht getan haben, er kann nicht! Und wenn die ganze Welt gegen ihn zeugt ich will an ihn glauben," sprach sie feierlich zu sich selbst. Er ist nicht schuldig, nur der Schein spricht gegen ihn."

4. Kapitel.

Am Nachmittag desselben Tages wurde Felix Olfers, Grafen als verdächtig des Mordes, begangen an dem Welshofen, verhaftet.

Die Anklage stüßte sich in der Hauptsache darauf, daß seine Braut die Handschrift in dem Brief, den man bei dem Toten in der Nachttischschublade gefunden, als die seinige erkannt hatte. Außerdem waren aber auch noch eine ganze Anzahl Verdachtsmomente vorhanden. Verschie­dene Personen hatten Offers am Abend vor dem Mord vor den Kaiserhallen" stehen, anscheinend auf den Grafen warten und ihn mit finsteren Blicken beobachten gesehen.

Als Welshofen dann fortgefahren war, war der junge

einen granfigen Selbstmord beging etn 48 Jahre alter Pförtner in Berlin in der Küche seiner Wohnung in der Weberstraße, in dem er ein mit Sprengmaterial gefülltes furzes Glasrohr in seiner Herzgegend zur Entzündung brachte. Der Körper wurde furchtbar verstümmelt. Der Tod war, wie ein herbeigerufener Arzt erklärte, auf der Stelle eingetreten.

Hofrichter nnschuldig? Die Angelegenheit des wegen der Byankalibriefe verdächtigten Oberleutnants Hofrichter in Wien wird angeblich bald eine sensationelle Wendung neh­men. Die Behörden verfolgen zurzeit eine neue Spur, die von Hefrichter abweist. Angeblich hat sie ein junger Mann verständigt, daß er im November vorigen Jahres einem Oberleutnant, der aber nicht Hofrichter war, eine größere Menge 3yankalt verkauft habe.

Ein großer Erdrotsch erfolgte in der Nähe von Doren im Bregenzerwald. Ein ganzer Wald wurde über die Stra­ße und die Weißache geschoben; die Straße ist vernichtet, die Weißache wurde zu einem See gestaut. Auf dem Bodensee wütete gestern ein großer Sturm. Zwei Boote etnes Ft­schers von Bregenz sind gesunken. Die Insassen wurden gerettet.

Große Unterschleife auf der Touloner Kriegswerft. Wie aus Paris gemeldet wird, ist in Toulon unter strengster Diskretion eine Untersuchung wegen großer Unterschleife in der Marineverwaltung im Gange. Es handelt sich um Veruntreuungen großer Materialbestände mit Silfe ges fälschter Passierscheine. In den Lagern fehlen hauptsächlich Fässer mit Selfarbe und Petroleum.

Wissenschaft, Kunst und Literatur.

Vom Heidelberger Schloß. Das badische Finanzmini­sterium schlägt in einer dem Landtag nach den Ferien über­reichten Denkschrift vor, die losen Teile des Mauerwerks am Ottoheinrichs- Bau von oben herunter planmäßig, so weit der Augenschein dies als nötig erweist, abzutragen und in gutem Verbande, in gutem Mörtelbett wieder auf­zumauern". Zugleich sollen auf der Hinterseite Hilfskon­struktionen gegen den Winddruck angebracht werden. Troß der von vielen Seiten vorgetragenen Bedenken und Zwet­fel hält die Regierung an ihrem in der Denkschrift vom Jahre 1906 dargelegten Standpunkt fest und erblickt in der Wiederherstellung des Ottoheinrich- Baues das zuverlässige Mittel, um der fortschreitenden Zerstörung der wertvollen Fassade Einhalt zu tun.

Professor Franz Stolze. Im Alter von 64 Jahren starb am Donnerstag vormittag in seiner Wohnung in Charlottenburg der Sohn des bekannten Stenographen und Erfinders der Stolzeschen Stenographie, Professor Franz Stolze, der an der Berliner Universität eine Leftur für Stenographie innehatte.

Ein bedeutender literarischer Fund ist in Münster vom Archivrat Merz gemacht worden. Dieser entdeckte beim Rei­nigen des Umschlags einer alten Rechnung des 16. Jahr­hunderts im Staatsarchiv ein Pergament aus einer Samm= lung von Minnelledern, welches die Texte zu drek Liedern Walthers von der Vogelweide und das Fragment eines Piedes eines anderen Minnesängers enthält. Das ma skript stammt aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Zu den Liedern Walthers von der Vogelweide sind auch die Noten vollständig geschrieben mit erhalten, ein Tall, der einzig da= steht.

Aus den Gerichtssälen.

Das Urteil im Berliner Mordprozeß Jünemann. Das Schwurgericht in Berlin verurteilte gestern den Friseur Hans Jünemann wegen Ermordung der Verkäuferin Alice Rakowski und wegen Diebstahls in zwei Fällen zum Tode, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und neun Monaten Gefängnis. Die Geschworenen befürworteten ein Gnaden­gesuch. Der Verteidiger Jünemanns hat Revision eingelegt. Verurteilung von Geldschrankknackern. Gegen drei ge­meingefährliche Geldschrankfnacker, Mitglieder einer weit­verbreiteten Einbrecherbande, die mit unglaublicher Frech­heit an allen möglichen Orten Deutschlands Geldschränke aus Kontorräumen ins Freie geschleppt, dort gesprengt und beraubt hat, wurde gestern nach dreitägiger Verhandlung von der Strafkammer in Hannover das Urteil gesprochen. Der Büfettier Bostel wurde wegen schweren Diebstahls zu zwei Jahren 6 Monaten Gefängnis, der Xylograph Lauen­stein wegen schweren Diebstahls in zehn Fällen zu einer Gesamtstrafe von 14 Jahren Zuchthaus und der Käsehändler Siebert zu zwei Jahren 6 Monaten 1 Woche Gefängnis verurteilt.

Vermischtes

Liebesdrama in einem Hotel. Eine Liebestragödie hat sich gestern in früher Morgenstunde in einem Berliner Ho­tel in der Nähe des Anhalter Bahnhofes abgespielt. Dort wurden der Ingenieur B. und die Studentin N., die sich als Ehepaar aus Hannover in dem Hotel einlogiert hatten, vergiftet aufgefunden. Wiederbelebungsversuche hatten bet beiden Erfolg. Als gestern früh ein Hotelangestellter an dem Zimmer des angeblichen Ehepaares vorüberging, hörte er Röcheln aus dem Zimmer dringen. Auf sein lonfen murde ihm von dem Herrn geöffnet dan Haranzitürsts und Mann ebenfalls in einen Fiater gesprungen und hatte dem Kutscher befohlen, dem Gefährt Welshofens zu fol­gen. An der Mayerhofstraße, gegenüber dem Thereseanum, hatte er ihn dann entlohnt. Wo er sich hingewandt, wußte der Kutscher nicht anzugeben.

Das Offers früher in Beziehungen zu Anita Brusio gestanden und ihr vor ihrer Verlobung mit Welshofen auch hier in Wien noch Eifersuchtsszenen gemacht, war aller Welt bekannt. Das Motiv zu dem Morde, wenn er ihn wirklich vollbracht, war demnach zweifellos in seiner Eifersucht auf den Grafen zu suchen. Seine Kollegen sag­ten auch übereinstimmend aus, daß er nach dem Bekannt­werden der Verlobung Anitas mit Welshofen ein auf­fällig aufgeregtes Wesen zur Schau getragen hatte. eine Natürlich war sofort nach Olfers Verhaftung Haussuchung bei ihm vorgenommen worden, auch hatte man seine Sachen mit Beschlag belegt, aber vorläufig schien es, als ob nichts Verdächtiges unter denselben zu fin den wäre.

Ich kann Ihnen den Vorwurf nicht ersparen, Brüma mel, daß Sie sich der Sasse gegenüber unflug benommen haben," sagte in der Dämmerstunde nach Felix Olfers Verhaftung der mit der Untersuchung im Fall Welshofen betraute Richter zu einem kleinen, schmächtigen Mann, der in scheinbar unterwürfiger Haltung vor ihm stand. Beide befanden sich in dem Bureau des Untersuchungsrichters Heilmann. ,, Wozu mußten Sie das Mädchen zuerst stubig machen und durch Ihre törichten Reden in Verwirrung seben, bevor Sie ihr die Photographie des Briefes zeigten?" fuhr der Richter vorwurfsvoll fort.

Der Brümmel Genannte warf unter den gesenkten Li­dern hervor einen raschen Blick, in dem sich alles eher als Respekt malte, auf den Vorgesetzten, erwiderte aber nichts. Sein Gesicht war überhaupt anscheinend keines, das seine inneren Regungen leicht widerspiegelte.

Es war im Grunde, wenn auch nicht direkt einfältig, so doch ausdruckslos und gleichgültig ein Allerwelts­gesicht, das gewiß nicht leicht wiederzuerkennen sein mochte, Frida und Louison hätten sicherlich angesichts dieses Man­nes nicht geglaubt, daß der Hausierer vom Vormittag und er ein und dieselbe Person wären. ( Fortseßung folgt.)

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