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als auch den Lehrer verantwortlich, unter deffen Leitung die Schüler Turnspiele übten und sich mit Schneebällen warfen. Das Provinzialschulkollegium erhob aber zugun­ften des Direktors und des Lehrers den Konflikt mit dem Antrage, das gerichtliche Verfahren einzustellen, well bis ju dem Unfall kein Verbot für das Schneeballwerfen der Schüler bestanden habe. Das Lehrerkollegium habe viel= mehr ausdrücklich das Schneeballwerfen der Schüler ge­billigt. Das Oberverwaltungsgericht erachtete auch den Konflikt für begründet und stellte das gerichtliche Ver­fahren ein. Es führte u. a. aus: Das Schneeballwerfen set den Schülern nicht nur nicht verboten, sondern durch Kon­ferenzbeschluß gestattet worden, deshalb müsse davon aus­gegangen werden, daß der Direktor und der Lehrer das Schneeballwerfen der Schüler bei 2 bis 3 Grad Wärme ge­statten durften; ein Unglücksfall könne sich sogar bei Ten­nisspielen ereignen. Nach Ansicht des Oberverwaltungsge­richts ist ein Konflikt dann für begründet zu erklären und das gerichtliche Verfahren einzustellen, wenn unzwet­felhaft feststeht, daß Beamte sich einer Ueberschreitung oder Unterlassung einer ihnen obliegenden Amtshandlung nicht schuldig gemacht haben.

Vermischtes.

Ein telephonisches Gespräch zwischen Karlsruhe und Stockholm. Ein interessanter, wohlgelungener Versuch mit dem Telephonieren über große Distanzen wurde am Mitt­woch nach einem neuerfundenen System mit Hilfe der Starkstrommykrophone von den schwedischen Ingenieuren Egner und Holmström angestellt. Verbunden war das kö­nigliche Schloß in Stockholm und das großherzogliche Schloß in Karlsruhe. Der König und die Königin von Schweden sprachen drahtlich via Helsingborg- Kopenhagen­Hamburg mit dem Großherzog, der Großherzogin und der Großherzogin- Witwe von Baden. Man hörte deutlich jedes einzelne Wort. Die Teilnehmer des Gesprächs waren sehr zufrieden. Noch in diesem Monat wird nach dem nenen System der regelmäßige Fernsprechverkehr zwischen Stock­holm und Hamburg hergestellt und bald bis Berlin und Paris ausgedehnt werden. Die ersten Abonnenten sind die Stockholmer Handelsbank und eine große Hamburger Bank.

Tod eines Propheten". In London ist der Prophet" Michael Barter gestorben der einer der eigenartigsten Sef­tengründer Englands gewesen ist. Barter, der ein Alter von 76 Jahren erreicht hat, war eigentlich Geistlicher der englischen Hochkirche, er hatte sich jedoch gänzlich dem Stu­dium der Apokalypse Johannis und des mystischen Buches Daniel gewidmet, aus denen er zu weissagen pflegte. Seine Trattate gingen in Millionen von Exemplaren in belgischer, deutscher und französischer Sprache in alle Welt. Er hatte Anfang der 60er Jahre vorigen Jahrhunderts prophezeit, daß Napoleon III. stürzen werde, der Antichrist sei, und daß nach seinem Fall das 1000jährige Reich zu erwarten sei. Später hatte er General Boulanger als das große Tier mit den If Hörnern" bezeichnet. Als diese Prophezeiung auch nicht eintraf, hatte er seine Weissagungen in etwas fernere Zeiten gerückt. Im Jahre 1921 wird seinen Schriften zu­folge der Mann der Sünden" sein Reich aufrichten, den Tempel in Jerusalem wieder erbauen und die Reiter auf bem fahlen, schwarzen und roten Roß werden Verderben über die Menschheit bringen, bis im Jahre 1931 der Anti­christ besiegt sein wird und das Millennium anbricht.

Revolverattentat auf einen Wiener Universitätsprofef= sor. Auf den Professor der Ohrenheilkunde Dr. Alexander in Wien gab der Schneidergeselle Soukup gestern nach­mittag auf offener Straße zwei Revolverschüsse ab. Die beiden Schüffe gingen fehl. Der Attentäter wurde ver­haftet. Das Motiv zu dieser Tat ist Rache wegen eines gegen den Professor verlorenen Prozesses. Soukup hatte fich von Professor Alexander aus kosmetischen Gründen an seiner Sattelnase operieren lassen. Der ärztliche Eingriff fiel nicht nach seinem Geschmack aus, und er führte gegen den Arzt einen Schadenersatzprozeß über 20 000 M, wurde aber in allen drei Instanzen abgewiesen. Den gleichen Ausgang hatte ein Prozeß Soufups gegen einen zweiten Arzt genommen, der ihn gleichfalls an der Nase operiert batte.

Ein Schah im Exil. Wie Mohammed Ali, der Ex- Schah von Persien, als Gast des russischen Zaren in Odessa die Tage seiner Verbannung verbringt, schildert ein englischer Korrespondent. Der jähe Schicksalswechsel in seinem Leben hat ihn nicht mißgestimmt oder niedergedrückt. Seine haupt­fächlichen Besucher sind General Kaulbars, der Stadtpräfekt, und einige andere hohe russische Würdenträger. Doch spricht der Schah mit ihnen nic über persische Angelegenheiten, sondern seine Hoffnungen und Gedanken vertraut er nur feinen persischen Begleitern an. Wohl mag in ihm der Wunsch bestehen, wieder auf den Thron seiner Väter zurück­zukehren, aber vorläufig lebt er vergnügt und zufrieden als Gast des Baren, der mit allen Ehren und allem Kom­fort aufgenommen wird und dem nur die von ihm erbetene persönliche Audienz bei dem russischen Herrscher verweigert worden ist. Das Palais, das der Schah bewohnt, ist ein geräumiges, zweistöckiges Gebäude, das teils im persischen, teils im europäischen Stil prachtvoll eingerichtet ist. Die Kosten für die innere Ausstattung, für Wagen, Automobile usw. sind aus der Privatschatulle des Zaren bestritten wor­den. Mohammed Alis Harem besteht aus 13 Frauen, die tief verschleiert in der Deffentlichkeit erscheinen, wenn sie sich unter dem Geleit des Obereunuchen und eines Polt­zisten ins Bad begeben. Hier wurden die Perserinnen von russischen Frauen neugierig beobachtet, aber es war eine Enttäuschung, denn man konnte an den jungen, gutmütig und verschlafen aussehenden Haremsdamen keine besonde= ren Schönheiten entdecken.

Das Apachentum in der französischen Armcc. In Tou­Ion wurden zwei notorische Apachen und der Sohn eines in Paris kommandierenden Divisionsgenerals als Mörder eines am 3. Januar meuchlings ermordeten Kameraden verhaftet. Der betreffende General ist sofort nach Toulon abgereift, wo er eine Unterredung mit seinem Sohn in der Gefängniszelle hatte. Der Vorfall lenkt von neuem die Aufmerksamkeit auf das in Heer und Marine überhand­nehmende Apachentum. Die Täter stehen alle drei bei Matrosendivisionen in Toulon.

An die verchrliche Damenwelt" ist ein Inserat in der Konstanzer Zeitung gerichtet. Es ist von dem Schauspie= Jer May Kiel aufgegeben und unterzeichnet. Der Mime bittet die Damen, ihn vorläufig mit den zahlreichen zu­schriften und Gunstbeweisen zu verschonen, da er sie un­möglich alle berücksichtigen fönne.- Selbst wenn, was wir nicht glauben, die Konstanzer Damen zudringlicher als die In anderen Städten sein sollten- so in aller Oeffentlich­feit wird sich ihrer kein Gentleman erwehren.

Ein Gattenmord, der in seinen Einzelheiten noch nicht öllig aufgeklärt ist, wurde am Dienstag in Rostock verübt. Als die Schwiegermuter des 86jährigen Wilhelm Diedrichs bends die Wohnung ihrer Kinder betrat, fand sie ihre Tochter im Bett tot auf. Die Leiche wies einen Schuß in der Schläfe, eine Stichwunde in der Brust und durchschnit­lene Schlagadern auf. Der Mann stand vollständig be­frunken neben der Leiche. Die Polizei verhaftete Diedrichs; Set der Vernehmung gab er trotz seiner Trunkenheit klar und sachlich an, daß er seine Frau auf ihr eigenes Verlan­gen zu erschießen beabsichtigt habe; die Stichwunden jedoch hätte fie fich felbst später betgebracht. Die Frau war trüb­sinnig, und es ist daher möglich, daß diefe Angaben richtig find, besonders, da die Kinder, ein Junge und ein Mädchen, vorher von der Mutter aus der Wohnung entfernt worden find. Die Frau war 88 Jahre alt und sett neun Jahren perbeiratet.

Gute Gedächtnisse. Unter den französischen Schrift­stellern und Dichtern des 19. Jahrhunderts gab es viele, die ein beneidenswert gutes Gedächtnis hatten. In Mon Dimanche" wird erzählt, daß Alexander Dumas Vater, als er das für die Comedie Francaise bestimmte Manuskript des Dramas Christine" verloren hatte, in einer Nacht die fünf in Versen geschriebenen Akte aus dem Gedächtnis noch einmal niederschrieb. An dem Tage, an dem Victor Hugos ,, Legende de siecles" erschien, speiste Theophile Gau­tier in Gesellschaft einiger Freunde, die sich lebhaft über das neue Werk unterhielten. Man bedauerte sehr, daß man nicht sofort ein Exemplar des neuen Buches herbeischaffen konnte; da erhob sich Gautier und deklamierte 158 Verse aus dem neuen Werke. Man fragte ihn erstaunt, ob er die Verse schon seit längerer Zeit aus dem Manuskript fenne, worauf er ruhig erwiderte: Nein! Ich habe heute morgen beim Frühstück das Wert des Meisters mir ein bißchen angesehen." Lamartine war gleichfalls mit einem ausgezeichneten Gedächtnis begabt. Eines Tages zitierte er in Gegenwart guter Freunde etwa 800 Verse, die er am Morgen desselben Tages geschrieben hatte. Guy de Mau­passant erzählte, daß Flaubert aus Werken, die er vor zehn und noch mehr Jahren gelesen hatte, beliebige Stel­Yen zitieren konnte; ia, er wußte manchmal sogar genau die Seite anzugeben, auf der die betreffende Stelle zu fin­den war. Gambetta soll die Namen aller Republikaner Frankreichs und Algeriens auswendig gewußt haben. Sicher ist, daß er, ohne daß ihm auch nur ein einziger Frr­tum unterlief, genau angeben konnte, wie viel Stimmen in jeder einzelnen Gemeinde Frankreichs für die Republik abgegeben worden waren.

Das Königsschloß von Athen, an der Ostseite des Verfassungsplaßes gelegen, ist kein hervorragendes Kunst­werk sondern bietet mit seiner langen, gleichmäßigen Front einen fasernenhaften Anblick. Es ist ein ungeheures Kalf­steingebäude, mit pentelischem Marmor bekleidet, das den auf der Agora, dem Marktplab, wimmelnden Menschen durch ein liebliches Wäldchen von Platanen, Pfefferbäumen und Palmen entzogen wird. Der Baumeister des Schlosses ist der Münchener Baumeister Görner, der die Pläne in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre des vorigen Jahr­hunderts entwarf. König Ludwig von Bayern hieß sie gut, und so wurde der langgestreckte Bau, der so gar nicht mit den auch in Trümmern noch eleganten Linien der antiken Athener Bauwerke harmonieren will, nach diesen Plänen ausgeführt. Bereits im Jahre 1902 brach im linken Flügel des Palastes ein Feuer aus und legte seine inneren Räume in Asche. Hinter dem Palais liegt der einzige schöne Park Athens, der auf Anregung der Kö­nigin Amalie von dem deutschen Hofgärtner Schmidt an­gelegt wurde. Das Schloß ist in der Regel unbewohnt, da König Georg gewöhnlich auf seinem ländlichen Schlosse Tatoy, einige Meilen von Athen, residiert. Der Wieder­aufbau soll unverzüglich in Angriff genommen werden. Hervorgehoben zu werden verdient, daß kurz vor den jüng­sten politischen Wirren dem König ein Plan zum voll­tändigen Umbau des Palastes vorgelegt wurde. Es han­delte sich darum, dem etwas nüchternen Bau, bet dessen Herstellung der Marmor keine Verwendung fand, ein vor­nehmeres Gepräge zu geben.

Die Millionäre Berlins.

Berlin kann sich schon sehen lassen. Neuvork hat seine obersten Vierhundert, die die Garde der Reichsten bilden, Berlin seine obersten Zwölfhundert, oder genau nach den Angaben der Städtischen Steuerdeputation 1256 Millionäre, die ihr Vermögen mit sechs- und siebenstelligen Zahlen an­geben. 3war in der Qualität fann sich Berlin mit den amerikanischen Nabobs nicht messen, zu Rockefellers, Van­derbilts, Morgans haben es die Berliner noch nicht ge= bracht und die goldenen amerikanischen Witwen, wie die Damen Harriman, Gould und Genossinnen, die es nicht unter einigen Hundert Millionen tun, fehlen auch noch. Möglich, daß die Neuyorker Finanzgrößen den schwersten Berliner Millionär noch für einen armseligen Proletarier ansehen, er besitzt nämlich bloß dreiundvierzig Millionen, und die genügen, um ihn zum reichsten Berliner zu machen. Aber vielleicht strengt sich der Mann an und macht noch Karriere und bringt es auf eine achtstellige Zahl. Ziem­lich dicht auf den Versen sind ihm die zwei nächst reichsten Berliner, von denen jeder ein vierzigfacher Millionär ist. In der gehörigen Distanz folgen nun ein fünfunddreißig­facher, zwei dreißigfache und ein fünfundzwanzigfacher Mil­Itonär. So geht es von Stufe zu Stufe abwärts, immer ein Millionär, der eine Million weniger hat. Und je ge­ringer die Zahl der Millionen wird, desto größer wird die Zahl der Glücklichen, die sie ihr eigen nennen. Fünffache Millionäre zählt man schon drei, viereinhalbfache vier und dieifache sieben. Dort aber, wo die Proletarier unter den Millionären anfangen, da wird die Gesellschaft noch zahl= reicher. Zwischen zwei und drei Millionen befizen bereits rund 250 Berliner und die Zahl derer, die gerade die Mil­lion haben, die absolut notwendig ist, um in der Gesellschaft der obersten Zwölfhundert aufgenommen zu werden und sich der besonderen Wertschäßung der Steuerbehörden zu erfreuen, übersteigt 800. Und diese Gesellschaft wird im nächsten Jahre ordentlichen Zuwachs erhalten. Denn da sind einige, die die verzweifeltsten Anstrengungen machen, in den Ring der Millionäre hineinzukommen. 62 Berlinern fehlen nur noch 20-40 000 M zur Million, eine Kleinigkeit, die sie in Jahresfrist wohl schaffen werden.

Der reichste Mann Berlins, der mit den 43 Millionen, zahlt jährlich an Ergänzungssteuer 22 000 M, die 37, die gerade noch die knappe Million befizen, zusammen über 19 000 M. Dazu kommen noch die Einkommen- und an­deren Steuern. Aber mit der Einkommensteuer scheint es nicht immer sehr weit her, und wenn man genau zusieht, hat mancher Millionär seine Millionen sehr notwendig, denn er würde ohne sie im Leben vielleicht nicht sehr weit kommen. Da erzählt die Steuerdeputation von zwei Mil­lionären, die ein Einkommen von weniger als 3000 M ver­steuern. Das höchste Einkommen, das ein Berliner bezieht, beträgt die Kleinigkeit von 3 270 000 M jährlich. Der Mann ist wohl auch der größte Steuerzahler, er entrichtet jährlich an Einkommensteuern 130 600 M. Insgesamt gibt es 19 Berliner, deren Jahreseinkommen eine Million übersteigt. Aber natürlich können diese Personen mit den Aktienge­sellschaften nicht konkurrieren. In Berlin besteht eine Ge­sellschaft, die nicht weniger als 17 Millionen jährliches Einkommen" hat und 684 000 M Ginkommensteuer zahlt. Ihr am nächsten kommt eine andere Gesellschaft mit etwa 13 Millionen Einkommen und 515 000 M Einkommensteuer. Da sind selbst die obersten Zwölfhundert nichts dagegen.

Ein Kulturbild aus China.

Im Ostasiatischen Lloyd" veröffentlicht R. Wilhelm eine Schilderung der chinesischen Gebräuche bei der Geburt von Mädchen, in deren Verlauf er auch auf den vielbes rufenen chinesischen Mädchenmord zu sprechen kommt. Er meint: Gewissenhafte Untersuchungen haben ergeben, daß von Mädchenmord als einer allgemein verbreiteten Volts­sitte in China nicht geredet werden kann. Dafür ist der schlagendste Beweis zunächst einmal der Umstand, daß sich die beiden Geschlechter an Zahl ziemlich die Wage hal­ten, ja ein Ueberfluß an Frauen vorhanden ist. Den An­laß zu den unter den Ausländern verbreiteten Sagen vom Mädchenmord. Die noch immer von Buch zu Buch mandern

haben wohl hauptsächlich verschiedene mißverstandene Volts­bräuche gegeben. Es ist nämlich in China nicht üblich, Kin­der regelrecht zu beerdigen; denn eine solche Beerdigung ist nicht nur fostspielig, sondern bedingt auch einen nachfolgen­den Opferdienst, der nur von den eigenen Nachkommen vollzogen werden kann, also bei Kindern ganz von selbst ausgeschlossen ist. Fallen daher zum Beispiel kleine Kin­der etwa einer der auch in China häufigen Kinderkrank­heiten zum Opfer, so werden sie nur oberflächlich in die Erde eingescharrt. Das ist auch der Sinn des verrufenen Kinderleichenfarrens in Peting, der durch die Straßen fährt und die kleinen Leichen abholt; gerade er hat eine so große Rolle in den Meinungsverschiedenheiten über den Mädchen­mord gespielt. Denselben Zweck haben ferner die soge­nannten Kindertürme, die sich an vielen Orten Chinas finden. Es sind kleine Pagoden, in denen Kinderleichen niedergelegt werden, damit auf diese Weise wenigstens die Seelen in einer gewissen Verbindung mit dem Göttlichen stehen. Aber man kann, namentlich in Schantung, auch sehr häufig Leichen von Kindern auf freiem Felde finden, wo sie dann von umherschweifenden Hunden angenagt und schließlich wohl ganz aufgefressen werden. Dieser Brauch der uns besonders unmenschlich anmutet, hat aber eben­falls eine religiöse Ursache, die gerade das Gegenteil von dem will, was der äußere Anschein zeigt. Der Chinese hat nämlich die Vorstellung, daß sich die Seele nach dem Tod mit der Verwesung langsam von dem Beibe löst und dann durch die Luft den Weg zu ihren weiteren Verleib­lichung nimmt. Indem nun die Kinderleichen den Hun­den zum Auffressen überlassen werden, will man verhüten, daß die Seele des Kindes Zeit findet, sich in andere Ge­genden zu verziehen, und erreichen, daß sie, plößlich kör­perlos geworden, in die Familie der Eltern zurückkehrt, um sich dort einem neuen Körper anzubilden und mög­lichst bald wieder als neugeborenes Kind zu erscheinen. Aus diesen Bräuchen darf man also nicht auf eine regel­mäßige Gewohnheit des Mädchenmords in China schließen, ebensowenig wie aus dem Umstand, daß die von der Mis­sion und von anderer Seite gegründeten Findelhäuser stets genügend Zöglinge haben. Denn häufig kommt es vor, daß Eltern, die in Not geraten sind und mit Nahrungs sorgen zu kämpfen haben, ihre kleinen Mädchen dem Fin delhaus übergeben oder in dessen Nähe niederlegen, da sie wohl wissen, daß die Kinder dort wohl aufgenommen werden und ihr Leben lang eine gute Versorgung haben, Troßdem ist daran festzuhalten, daß in Zeiten großer all­gemeiner Not oder in besonders heruntergekommenen Strei­fen auch eine wirkliche Tötung von neugeborenen Mäd­chen vorkommt. Das beweisen schon die Regierungserlasse, die sich im Laufe der chinesischen Geschichte immer wieder gegen dieses Verbrechen gewandt haben, sobald es hier und dort überhand zu nehmen drohte.

Drabtnachrichten und neuestes.

Keine deutsch- türkischen Mißhelligkeiten. Konstantinopel, 13. Januar. Hier eingetroffene Berli ner Telegramme berichten über einen Artikel des Echo de Paris, der angebliche ernste Konflikte Imhof Paschas mit türkischen Offizieren schildert und die Stellung der deut­schen Instrukteure als sehr schwierig darstellt. Nach Anfrage bei dem Artillerieinstrukteur Imhof Pascha und anderen maßgebenden Stellen ist der Echo- Artikel als völlig erfun­den zu erklären. Der Großmeister der Artillerie und Prä­sident der Artillertekommission Nasim Pascha sprach sich bei dieser Gelegenheit in wärmsten Worten über die Persön= lichkeit und die militärischen Eigenschaften Imhofs aus und versicherte, daß die Offiziere und Militärschüler Imhof lie­ben und verehren. Die Türkei hat von Imhofs Wirken den größten Nuhen.

Die Beziehungen Bulgariens zur Türkei. Wien, 13. Januar. Aus zuverlässiger Konstantinope Yer Quelle wird berichtet: Die zweifellos zwischen Bul­garien und der Türkei bestehenden Spannungen und die Anzeichen für eine im Frühjahr zu erwartende verstärkte Bandenbewegung in Mazedonien haben zur Bildung von Gerüchten geführt, wonach man in den leitenden mili­tärischen Kreisen der Türket mit der Möglichkeit eines baldigen Krieges rechne. Tatsächlich besteht in den mili­tärischen Kreisen eine friegerische Stimmung. Troßdem gilt es als sicher, daß die Pforte und insbesondere der neue Großwesir dieser Strömung mit größter Entschieden­heit entgegentreten wird.

Sturmschäden.

Cuxhaven, 13. Januar. Der Sturm, der immer noch aus Südwest in einer Stärfe von 6 Metern weht, verhin­dert jeden Schiffsverkehr. Namentlich stockte gestern der ausgedehnte Schiffsverkehr im Cuxhavener Hafen und die Häfen liegen voller Schiffe. Durch die ganz ungewöhnlichen Witterungsverhältnisse erleidet die gesamte Schiffahrt schwere Störungen und Schädigungen.

Ranbmord.

Hamburg, 13. Januar. In ihrem Geschäftslokal wurde die Pfandleiherin Merkli ermordet aufgefunden. Der Mörder hat sein Opfer anscheinend durch Hammerschläge betäubt und dann ihm mit dem Messer den Hals durchge­schnitten. Aus dem geöffneten Geldschrank entwendete er Geld und Juwelen.

Bluttat auf einem westfälischen Gute. Münster( Westfalen), 13. Januar. Auf dem Gute des Grafen Droste feuerte der Gutsverwalter auf den Guts­pächter, der ihn wegen eines Liebesverhältnisses zur Rede gestellt hatte, zwei Schüsse ab, die diesen in den Kopf trafen. Dann erschoß er seine Geliebte und flüchtete, nachdem er noch die Frau des Gutspächters mit Totschießen bedroht hatte. Polizeihunde verfolgen seine Spur.

Aufgefundene Kindesleiche.

Berlin, 13. Januar. Einen grauenhaften Fund machten geſtern Arbeiter auf dem Müllgeländeplatz am Spandauer Schiffahrtskanal. Als sie den Müll durchsuchten, fanden sie Die Kriminalpolizei auch eine halbierte Kindesleiche. wurde von dem Funde benachrichtigt. Es handelt sich um die linke Hälfte eines Kindes im Alter von 2 bis 4 Jahren. Ob es sich um die Beiseiteschaffung einer Leiche oder einen Lustmord handelt, ist noch nicht festgestellt.

Russische Unterschleife.

Rajan, 13. Januar. Am hiesigen Militärgericht fand heute ein Prozeß, der drei Wochen in Anspruch genom­men hat und Mißstände bei der Intendantur zum Gegen­stand hatte, seinen Abschluß. Zehn Angeklagte, zwei Oberst­leutnants und acht andere Offiziere, wurden zum Aus­schluß aus dem Dienst und Einreihung in die korrektions strafabteilung verurteilt. Von den Verurteilten sollen außerdem 170 000 Rubel gerichtlich eingezogen werden. Die Hofrichter- Affäre.

Prag, 13. Januar. Auf dem Friedhof in Leitmeriz ist heute der Leichnam der im Jahre 1904 verstorbenen Braut des Oberleutnants Hofrichter erhumiert und photographiert worden. Proben des Erdreichs und der Leichenteile wurden nach Wien gesandt.

Abdul Asis.

Tanger, 18. Januar. Sämtliche Stämme in der Umgegend von Tazza beabsichtigen nach einer Meldung, sich am 18. Januar zu versammeln, um Abdul Asis zum Sultan und Muley el Kabir zu dessen Stellvertreter aus­zurufen.

Ausschreitungen streifender Arbeiterinnen. Amiens, 13. Januar. 600 Arbeiterinnen einer Weberei in Bertaucourt, die wegen Verspätung mit einer Geldstrafe belegt werden sollten, sind in den Ausstand ge­treten. Sie zogen lärmend durch die Straßen und warfen an zwei Beamtenhäusern die Fensterscheiben ein.