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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 40 pfg. monatlich vorauszahlbar, vierteljährlich 1,20 Mf., durch die Post 1,50 Mf. frei ins Haus.

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Erscheint Dienstags, Donnerstags und Samstags. Zwei Ertrabeilagen: Humoristische Blätter" und die Neue Leschalle", liegen wöchentlich einmal gratis bei. Redaktion: Seltersweg 83.- Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Telephon: Nr. 362.

Nr. 68.

Bekanntmachung.

Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

sowie vieler anderer

des Großherzoglichen Polizei Amtes

=

Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei( Albin Klein).

Donnerstag, 12. Mai 1910

Amtliche Bekanntmachungen.

Die Friedhöfe sind vom 16. Mai bis 15. August von morgens 6 bis abends 9 Uhr geöffnet. Gießen, den 11. Mai 1910.

Bürgermeisterei.

J. V.: Keller.

Kleinschlaglieferung.

Betr.: Kleinschlaglieferung zur Straßen­unterhaltung im Kreise Gießen. Die Lieferung des zur Unterhaltung der Kreisstraßen im Kreise Gießen erforderlich werdenden Basalttleinschlags ist auf weitere drei Jahre zu vergeben. Schriftliche Ange­bote sind vom 15. Mai bis 1. Juni 1. Js. und zwar je= weils bei dem betreffenden Kreisstraßenmeister einzureichen, woselbst jede weitere Auskunft erteilt wird.

Gießen, den 9. Mai 1910.

Der Großherzogliche Kreisbauinspektor des Kreises Gießen.

J. V.: Knö l l.

Der Entwurf

der neuen Reichsversicherungsordnung erregt in den weitesten Kreisen größte Miß stimm­ung. Es liegen uns heute von zwei großen Wirtschafts­verbänden Aeußerungen darüber vor.

Der Geschäftsführende Ausschuß des Deutschen Hand­werts- und Gewerbefammertages beschloß auf seiner letzten be Waffel Sigung zu dem Entwurf einer Reichsversicherungsordnung affee, Te folgende Resolution: Der Deutsche Handels- und Gewerbekammertag ist auf frischeEi das äußerste befremdet darüber, daß der dem Reichstag vorgelegte Entwurf einer Reichsversicherungsord­mang troß der einmütigen Ablehnung, die der frühere Ent­wurf in den Kreisen der selbständigen Erwerbsstände ge­funden hat, in seinen Hauptpunkten diesem ersten Ent­hurfe entspricht. Er wiederholt indessen seine den verbün beten Regierungen übermittelten Abänderungsvorschläge in der bestimmten Erwartung, daß der Reichstag diesen wohl begründeten Bedenken eine den berufenen Interessen­bertretungen des Handwerks entsprechende Würdigung zuteil werden läßt.

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Unbedingte Voraussetzung für die Zustimmung zu dem neuen Geseßentwurse ist die Berücksichtigung folgender For­derungen:

1. Der Vorsitzende der Krankenkassen- Organisationen muß in jedem Falle dem Stande der selbständigen Ge­werbetreibenden entnommen werden.

2. Die Halbierung der Stimmen ist bei allen Abstimm ungen unbedingt zu gewährleisten.

Nur wenn diese Forderungen voll erfüllt werden, ver­mag der Deutsche Handwerks- und Gewerbefammertag der Halbierung der Beiträge für die Krankenversicherung tveiterhin dem Gesetz überhaupt zuzustimmen.

und

Er erwartet indessen mit Bestimmtheit noch die Berück­fichtigung derjenigen Abänderungsvorschläge, die bereits der 10. Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag zu

35)

Die Freundinnen.

Originalroman von Irene v. Hellmuth. Nachdruck verboten.)

Herrgott, wie konnte mein Vater so unvorsichtig sein, das ganze Kapital einer einzigen Gesellschaft anzuvertrauen! Er war es ſeinen Kindern schuldig, ihr Erbteil zu sichern und nicht leichtsinnig alles aufs Spiel zu setzen. Das ist un­verantwortlich und ich werde Rechenschaft von ihm fordern! Ich habe noch nichts, gar nichts von ihm bekommen, habe mich zwölf Jahre lang durch die Welt geschlagen, ohne einen Pfennig von ihm zu verlangen! Hunger habe ich gelitten und barfuß bin ich gelaufen, als meine Schuhe zerrissen waren! Und ich glaubte, mein Erbteil werde gut verwaltet. Nun ich es holen will, muß ich erfahren, daß ich ein Bettler bin; nun stehe ich wieder da mit leeren Händen und meine schönen Pläne sind alle vernichtet! Wie soll ich mir da eine Zukunft gründen? Ohne Geld! Wer kein Geld hat, ist ein Lump, und wäre er der ehrlichste Kerl! Und ich fam ich mich, um Verzeihung bitten, nun hat der Alte mir mit einem Herzen voll guter Vorsäte! Demütigen wollte abzubitten, was er mir angetan! O, er soll mich kennen Jernen!"

Ich bitte Sie, Zeon, beruhigen Sie sich. Ihr Vater litt selbst schwer unter dem Unglück. Sie müssen doch wahrhaft einsehen, daß er unschuldig daran ist. Kein Mensch ahnte etwas von dem Zusammenbruch der Bank. Das hohe An­sehen, das unbedingte Vertrauen, das der Leiter der Bank genoß, machten es eben möglich, daß das Unglück so groß wurde. Die höchsten Summen wurden ohne Bedenken hin­gegeben und verschwanden auf Nimmerwiedersehen in dem unersättlichen Rachen. der alles verschlang! Anfangs hoffte der Direktor vielleicht alles wieder gewinnen zu fönnen, er spekulierte und wagte immer mehr, bis zuletzt nichts mehr zu retten war. Jetzt ist man wohl flüger geworden und

feder fragte fich, wie man to blind und vertrauensvoll hat

fein können, aber es ist nun eben zu spät. Doch mit Ihrem armen Vater dürfen Sie nicht rechten! Es wäre Sünde, wollten Sie dem alten Mann deswegen nur ein hartes Wort sagen!"

Leon hatte den Kopf in beide Hände gestützt. Er rührte

Bekanntmachung.

Wegen Vornahme von Straßenarbeiten wird die Stein­straße zwischen Schiller- und Dammstraße von heute an bis auf weiteres für jeglichen Fuhr- und Radsahrverkehr gesperrt.

Gießen, den 6. Mai 1910.

Großherzogl. Polizeia mt.

Reinhart.

Bekanntmachung.

Wegen Vornahme von Pflasterarbeiten wird die Ost­anlage von der Wiesenstraße bis zum Walltor, von heute an bis auf weiteres für jeglichen Fuhr- und Radfahrver­fehr gesperrt.

Gießen, den 11. Mai 1910.

Großherzogliches Polizeiamt.

Reinhart.

nigsberg für notwendig erachtet hat, soweit diese Vor­schläge auf den neuen Entwurf noch zutreffen.

1. 3 u Buch 1: Gemeinsame Vorschrif= tent.

Die Schaffung der Versicherungs- und Oberversicher ungsämter ist als ein erheblicher Eingriff in die Selbstver waltung zu betrachten. Sie wird statt der erhofften Ver­einfachung und Verbilligung des seitherigen Verfahrens dasselbe nur erschweren, verlangsamen und erheblich ver­

teuern.

Die Errichtung einer derartigen neuen Behördenorga nisation ist daher als unzulässig zu bezeichnen.

Dagegen sollen die unteren Verwaltungsbehörden besser als bisher mit Beamten ausgestattet werden, die sich mit dem Versicherungswesen prattisch vertraut gemacht haben. Auch wäre den Schiedsgerichten, deren Vorsitz einem Versicherungspraktiker anzuvertrauen wäre, eine selbständige

Stellung einzuräumen.

2. Zu Buch 2: Krankenversicherung. a) Es ist anzuerkennen, daß durch die Erweiterung des Kreises der Krankenversicherung in der Form, daß die In validen- und Kranken- Versicherten dieselben Personenkreise bilden, ein bisher sehr mißlich empfundener Zustand be­seitigt wird.

b) Das in dem Entwurfe vorgeschlagene Verfahren bei der Versicherung der Hausgewerbetreibenden ist als an­nehmbar zu bezeichnen.

c) Die Einrichtung von Innungsfrankenkassen ist in jeder Weise zu erleichtern und zu fördern. Deshalb sind in den§ 263 3iff. 2 und( gemäß§ 268) im§ 267 3iff. 3 die Worte mindestens" zu streichen. Ebenso soll den Innungsausschüssen und mehreren Innungen gemeinsam die Errichtung von Innungskrankenkassen gestattet werden.

d) Den einer Innung freiwillig beigetretenen Personen ist zu gestatten, ihr Personal bei der Innungskasse zu versichern. c) Vor der Errichtung einer Innungsfrankenkasse ist

fich auch nicht, als inau wieder anhub: Sie sind ja noch jung und dürfen nicht so schnell verzagen. Nach meiner Be­rechnung zählen Sie etwa achtundzwanzig Jahre. Da kann man schon nochmal von vorn anfangen. Vielleicht gelingt es Ihnen in der Heimat besser als in der Fremde. Was ich für Sie tun fann, soll gewiß gern geschehen. Ich tue es schon aus alter Freundschaft. Wenn Sie guten Rat brauchen, fommen Sie zu mir! Ich bin ein erfahrener Mann und kann Ihnen vielleicht helfen. Für tüchtige, fleißige und strebsame Menschen gibt es immer Beschäftigung. Also Kopf hoch und mit festem Blick in die Zukunft geschaut. Wer wird fich denn vom Schicksal so niederwerfen lassen!"

Eine Weile blieb es still im Zimmer nach den letzten Worten. Endlich richtete Leon sich auf und, den glühenden Blick auf Maja hestend, sagte er leidenschaftlich Gewiß fönnen Sie mir helfen, das ist meine letzte Hoffnung! Aber jetzt muß ich fort. Mir ist, als sollte ich ersticken, Leben Sie wohl!"

Er reichte Reinau die Hand und dann preßte er die zarten Finger Majas so heftig, daß es sie schmerzte. Darauf eilte er hinaus. Maja atmete erleichtert auf. als sich die Türe hinter ihm geschlossen hatte. Sie war froh, daß er nicht darauf bestand, mit ihr nach Neuulinden zu fahren. Wenn er zu Fuß ging, konnte sie viel früher dort sein, dann blieb ihr wenigstens Zeit, Sylvia und deren Vater vorzu­bereiten. Denn wenn Leon so unvermutet vor den leiden­den Mann hintrat, so konnte das wieder einen der gefürch­teten, schlimmen Anfälle zur Folge haben, und die arme Sylvia war dann für Wochen hinaus an das Zimmer ge­fesselt. Das durfte nicht geschehen.

VIII.

Der Winter war gekommen mit Schnee und Eis. Auf dem Lande fühlte man sich jetzt doppelt einsam. Kein Wun­der, daß die Bewohner des alten Herrenhauses verdrossen und mürrisch herumgingen. Seit Leon hier weilte, schien es beinahe, als sei die Stimmung noch trüber geworden. Still und einförmig flossen die Tage dahin, ohne Abwechslung oder Zerstreuung. Leon saß mehr bei der Tante als oben bet dem Vater, dessen Anblick er faum ertragen konnte. So alt und verfallen hatte er sich den einst so kräftigen Mann

( Gießener Tageblatt)

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die 44 mm breite Petitzeile oder deren Naum, auswärts 20 Pig.; die 90 mm breite Petitzeile im Reklameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Telephon: Nr. 362.

21. Jahrg.

Bekanntmachung.

In den Wagen der Städt. Straßenbahn wurden in der Zeit vom 14. Februar bis 9. Mai 1910 2 Spazier- ſtöcke, 2 Damenschirme, 1 Portemonnaie, 1 Rolle Tapete u. 1 Rolle Papier gefunden.

Die Gegenstände können auf dem Bureau der unter­zeichneten Verwaltung, Westanlage 51, abgeholt werden. Gießen, den 9. Mai 1910.

Elektrizitätswert u. Straßenbahn der Stadt Gießen. Stolte.

Bekanntmachung.

Wegen Vornahme von Pflasterarbeiten wird die ver­längerte Große Mühlgasse von heute an bis auf weiteres für jeglichen Fuhr- und Radfahrverkehr gesperrt.

Gießen, den 11. Mai 1910.

Großherzogliches Polizeiamt.

Reinhart.

auch die Handwerkskammer gutachtlich zu hören.(§ 264 des Entwurfs.)

f) Die Errichtung von Betriebskrankenkassen erst bei einer Arbeiterzahl von mindestens 500 zu gestatten, erscheint in Erwägung, daß die Mehrzahl dieser Kassen zwar unter 500 Versicherte besitzt, trotzdem anerkannt gut arbeitet, als viel zu weit gegangen.

g) Den organisierten Aerzten gegenüber sind ausreich­ende Kautelen zu schaffen; die freie Apothekenwahl ist ab­zulehnen.

3. Zu Buch 3: Unfallversicherung. a) Falls die lokalen Versicherungsämter eingeführt wer­den sollten, gegen deren Errichtung nochmals entschieden protestiert wird, so wird jede Mitwirkung derselben an dem Rentenfestseßungsverfahren als ungeeignet abgelehnt.

b) Daß der Entwurf eine wesentliche Besserung der ge­genwärtig geltenden Bestimmungen des§ 34 Gew.- Unf.-­Vers.- Ges. darstellt, ist anzuerkennen, wenn auch die§§ 741-747 des Entwurfs der wiederholt geäußerten Ansicht des Deutschen Handwerks- und Gewerbefammertages, die Höhe des Reservefonds nach dem alten Gesetze( das= fache der Entschädigungslast) wieder herzustellen, nicht nach­gekommen sind.

c) Gegen die Erweiterungen der Versicherungsleistun gen werden trotz der Mehrbelastung Einwendungen nicht erhoben.

d) Die Versicherungspflicht der im§ 569 bezeichneten Betriebsunternehmer ist geseßlich festzustellen.

e) Zuzustimmen ist der Uebertragung der Erstattungs­pflicht an die Berufsgenossenschaft nach§ 596 des Ent­wurfs.

f) Fraglich ist die zweckmäßigkeit der Bestimmungen über die sogenannten fleinen Renten"; die Bestimmung, Unfallrenten unter 15 Prozent überhaupt nicht mehr zuzu­lassen, erscheint geeigneter Mißbräuche zu verhüten. g) Gegen die Abfindung von Ausländern, welche im Deutschen Reiche keinen Wohnsitz haben, mit einem ent­

doch nicht vorgestellt. Was war in den zwölf Jahren seit Leons Abwesenheit aus ihm geworden? Wie ein Greis von siebzig Jahren sah er aus.

Die Heimkehr des Sohnes rüttelte ihn zwar etwas aus dem trüben Hinbrüten auf, aber das dauerte nicht lange. Am ersten und zweiten Tage hatte er sich lebhaft interessiert für das, was Leon draußen erlebt, was er gearbeitet und gelernt in der langen Zeit. Immer kehrte die Frage wieder: " Hast Du auch nichts getan, was auf die Ehre unseres Na­mens irgend einen Schatten werfen könnte? Hast Du Dich ein gehalten von dem Schmutz, dem Laster?"

Und dabei sah er den Sohn so durchdringend an, als wollte er dessen geheimste Gedanken erraten. Leon konnte dem forschenden Blick nicht standhalten. Dennoch glaubte der Vater seiner eifrigen Versicherung:

Aber gewiß, Papa, wie fannst Du glauben, daß ich die Grundsäße, die Du mich von Jugend auf gelehrt hast, je= mals außer acht ließ?" Der Alte atmete dann sichtlich erleichtert auf. Aber er machte sich Sorgen um den Heimgekehrten, denn oft fragte er: Was willst Du denn eigentlich jetzt beginnen?" Leon zuckte sorglos die Achseln.

Das wird sich finden, Papa, warien wir es ab. Vor­erst möchte ich mich ein wenig ausruhen."

Nach einigen Tagen verstummten die ängstlichen Fragen des Vaters wieder.

Auch Sylvia hatte schon so manches von dem Bruder zu erfahren gesucht. Ob er in Berlin gewesen wäre, wollte sie wissen und noch so verschiedenes. Sie wurde natürlich fürzer abgefertigt als der Vater. Was ging sie denn seine Vergangenheit an? Er liebte derartige Verhöre" nicht. Daß Sylvia mit einer wahren Herzensangst in seinen Zügen forschte, bemerkte er nicht ohne Groll.

Was siehst Du mich denn immer so an?" fragte er dann barsch.

und als sie einmal wissen wollte, wie er zu der Narbe auf seiner Stirn gekommen sei, lachte er gezwungen auf und rief: Ich werde mich gestoßen haben! Wie soll ich das heute noch wissen? Das fann Dir doch ganz gleichgiltig fein!"

( Fortsetzung folat.)