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Gießener Zeitung

Gießener Neueste Nachrichten

Bezugspreis 40 pfg. monatlich vierteljährlich 1,20 Mt. frei Haus; durch die Post 1,50 Mt.

Erscheint 3 Mal wöchentlich:

und zwar Dienstags, Donnerstags und Samstags.

Nr. 30.

Telephon: Gießen Nr. 362.

Erstes Blatt.

Weberall in Stadt und Land

wolle man die Gießener Zeitung" weiter­empfehlen. Dieselben befassen sich zwar nicht mit der sogn. hohen Politik, werden auch nicht nach einem bestimmten einseitigen Parteipro­gramm redigiert, sondern widmen sich in aus­geprägter Weise den kommunalen Ange­legenheiten und lokalen Fragen. Un­sere gesch. Leser wollen unsere Inseren ten gelegentlich bei Einkäufen berücksichtigen.

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Die Redaktion.

Das Neueste vom Tag.

Berlin, 11. Febr. Im preußischen Abgeord netenhause hat die Rechte den Antrag eingebracht, daß Abgeordnete, die zweimal zur Ordnung gerufen sind, von der Sißung ausgeschlossen werden.

Hagen, 11. Febr. Gestern sind bei der Ersatz­wahl nur freisinnige und nationalliberale Wahlmänner gewählt worden. Die Sozialdemokraten hatten Wahl­cthaltung proklamiert.

e 11. Febr. Für die Ersatzwahl hier Natiuiberale und einnige voraussichtlich zu­ammen; die Antisemiten, Christlich sozialen, Agrarier und even werden den igenne mum m aufstellen; den Ausschlag geben die Sozialdemokraten. Stockholm, 11. Febr. Der König hat sich von der Operation gut erholt, in letter Nacht hat er 7 Stunden geschlafen.

London, 11. Febr. Die Lage im Kohlen­bergbau ist ernst; der Ausstand ist fast unausbleib­lich, da die Einigungsverhandlungen auf 14 Tage hin­ausgeschoben sind.

- Berlin, 11. Febr. Der Zentralviehhof wurde wegen des Ausbruches der Maul- und Klauen­seuche gesperrt.

Stuttgart, 11. Febr. Danny Gürtler stand heute vor Gericht wegen Gotteslästerung. Er ver­anstaltete im Sibungssaal zu seiner Verteidigung einen Demonstrationsvortrag. Der Staatsanwalt beantragte im ganzen 3 Monate Gefängnis. Das Urteil wird am 18. Februar gefällt.

Mainz, 11. Febr. Der wegen Mei neid an geklagte Sanitätsrat Dr. Rolly aus Osthofen wurde zu 1 Jahr Zuchthaus und 5 Jahr Ehrverlust ver­urteilt.

Ver Fall Welshofen.

Striminalroman von M. Kossak.

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( Nachdruck verboten.) Brümmel verbiß ein Lächeln. Diese Frau will nicht zugeben, daß der hübsche Italiener ihr gefällt. Aber wenn dem nicht so wäre, würde sie nicht so energisch in Heil­mann gedrungen sein, die Richtigteit ihres Alibibeweises festzustellen", dachte er. Laut aber sagte er: Gewiß, ge­wiß, das ist ja Menschenpflicht, und da die gnädige Frau Olfers nun einmal für unschuldig hält, so werden Sie auch meine Bitte nicht zurückweisen. Also, um auf unsere Sache zurückzukommen, möchte ich mir zuerst erlauben, der gnädi­gen Frau einige Punkte vor Augen zu führen. Das Haupt­sächlichste Belastungsmaterial gegen Offers besteht, nachdem die Geschichte mit dem Morphiumverkauf fortgefallen ist, in dem Brief, der in der Nachttischschublade der Grafen Welshofen gefunden worden ist und den, wie Frieda Sasse aussagt, Olers geschrieben hat. Wie ich erfahre, hat der Graf Olfers überhaupt nicht persönlich gefannt, ebenso spricht alles dafür, daß die Beziehungen des Olfers Anita Brusio längst aufgehört haben wie also sollte OL fers dazu gekommen sein, senen Drohbrief an den Grafen Eifersucht auf Welshofen getan hat, aber ich ziehe ganz andere Schlüsse, nämlich die aber bevor ich spreche, muß die gnädige Frau mir ihr Ehrenwort darauf geben, gegen jedermann über das, was ich Ihnen sage, zu schweigen?" Aber selbstverständlich gebe ich es Ihnen", versicherte Paula aufgeregt. Sprechen Sie ungescheut vor mir." Gut, also meine Ansicht von der Sache ist die, daß jener Brief überhaupt nicht an den Grafen, sondern an Die Brusio gerichtet und daß er zweitens nicht jeßt, son­dern schon vor langer Zeit geschrieben worden ist. Wie aber kommt er in den Besitz des Grafen? Daß die Brusto ihn ihm gegeben hat, ist mehr als unwahrscheinlich, denn Da sie, wie alles zeigt, leidenschaftlich gewünscht hat, die Gemahlin ihres reichen und vornehmen Verehrers zu wer­Den, so wird sie ihm doch nicht einen Brief zeigen, in dem ihr Rache angedroht wird, sofern sie ihn heiratet. Denn auf etwas anderes als auf ihre Vermählung mit Welsho­

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

Gießen

des Großherzoglichen Polizeiamtes Gießen

und vieler anderer Behörden in Oberhessen. Expedition: Seltersweg 83.

Samstag, 12. Februar 1910

Gießener Tageblatt

Anzeigenpreis:

die 44 mm breite Petitzeile 15 Pig., Reklame 50 Pig. Außerhalb Oberhessen 60"

20

Extra- Beilagen

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werden nach Gewicht und Größe berechnet.

Druck und Verlag:

Gießener Verlagsdruckerei( Albin Klein).

8. Jahrg.

nächsten Dienstag vormittag wieder zusammen.

Paris, 11. Febr. Der französische Dampfer| ſtimmung getroffen werden muß. Der Ausschuß tritt am General Chanzy" ist bei der Insel Minorka mit der ganzen( 47) Mannschaft und etwa 100 Passagieren un­tergegangen. Nur ein einziger Passagier, ein Zollbe­amter, ist der Katastrophe entgangen.

Das Hochwasser

auf dem Rhein, der Donau, den Nebenflüssen und in Frankreich hält fast überall noch an.

Parlamentarisches aus Hessen.

Der Finanz ausschuß der 3 weiten Kam= mer beschäftigte sich am Mittwoch in seiner ohne Regier ungsvertretern abgehaltenen Etatsberatung mit den wei­teren Abstimmungen über die einzelnen Kapitel und die dazu gestellten Anträge.

Lokales.

Gießen, 12. Februar 1910. ** Der Großherzog hat dem Staatssekretär des Reichs- Kolonialamts Dernburg in Berlin die Erlaub­nis zur Annahme und zum Tragen des ihm von dem Deut­schen Kaiser verliehenen Roten Adler- Ordens 1. Klasse, des ihm von dem König von Württemberg verliehenen Groß­kreuzes des Friedrichs- Ordens, sowie des ihm von dem Großherzog von Mecklenburg- Schwerin verliehenen Groß­treuzes des Greifen- Ordens erteilt.

** Uebertragen wurde dem Lehrer Heinrich Görlach zu Nieder- fleiden eine Lehrerstelle an der Ge­

** Erledigt: Je eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Münzenberg, zu Lauterbach und zu Hain- Gründau.

Beim Kapitel 2, Kommunal und Forst domeindeschule zu Ostheim. mänen" wurde die Forderung von 9700 Mt. für Er­neuerung des Dachwerks und des äußeren Verputzes beim ehemaligen hessischen Schlosse zu Groß- Umstadt gestrichen. Betreffs der Forderung von 13 500 Mt. für Neuverpuz u. Anstrich der sehr schadhaften, südlichen Fassade des Kaiser­saalbaues am Gr. Residenzschloß soll erst nach einer ein­gehenden Besichtigung die Entscheidung getroffen werden.

Beim Kapitel Landstände" wurden zwecks Er­sparnis an Drucksachen 4000 Mt. gestrichen, ebenso beim Kapitel Provinzialverwaltung" zwei Mehr­forderungen von je 4000 Mt.; beim Kapitel" Kirchen", 483 000 Mt., wurde ein Antrag Ulrich auf Streichung die­ser Forderung abgelehnt, ebenso der Antrag, die Kirchen­steuer auf besonderen Zetteln anzufordern; doch soll die Angabe der zu zahlenden Kirchensteuer auf dem Steuer­zettel erfolgen. Beim Kapitel eno armerie" lehnte der Ausschuß den gulrich auf Streichung er aus­gaben foen.ommandeur und die beiden Distrittskom­mandeuse c., im ganzen 24 000 Mt., ab und bewilligte Die angeforderte Gesamtsumme von 603 650 Mart, ebenso die Kosten für die 3 Polizeikassen und für das Arbeits­haus Dieburg.

In dem dann noch behesten Etat des Justiz= miniserius wurde die Forderung von 7800 Mt. für Einrichtung einer Niederdruckheizung im Haftlokal zu Offenbach genehmigt, dagegen bei Kapitel 96" Allgemeiner Fonds für Stellvertretungs- und Aushilfskosten" ein Be­trag von 5000 Mt. gelürzt.

Der Ausschuß setzte an dem folgenden Tage seine Be | ratungen fort und genehmigte die Kapitel Landeskultur und Landwirtschaft" und" Bildung und Erziehung" ohne jeden Abstrich. Beim Kapitel Gymnasium 2c." wurde auch die Erhöhung des Schulgeldes auf 120, bezw. 150 M. angenommen. Ueber die event. Aenderung der Pflichtstun­denzahl der Oberlehrer soll die Regierung geeignete Vor­schläge machen. Beim Kapitel 65, Fonds für öffent liche und gemeinnüßige 3wede zur Verfügung des Ministeriums des Innern"( 119 960 Mt.) wurden Mt. 40 000 gestrichen und beim Kapitel 58a, Provinzial Siechenhäuser" als Einnahme eingestellt.

Der Finanzausschuß hat mit diesen Abstimmungen die Beratung des Staatsvoranschlages beendet bis auf das Ka­pitel Direkte Steuern 2c.", bei welchem bekanntlich noch über die Erhöhung der Einkommen und Vermögenssteuer nach Maßgabe der zu erwartenden Ersparnisse nähere Be­

sen läßt sich jener Passus, wenn Du Dein Vorhaben aus­führst", doch unmöglich deuten- immer angenommen, daß die Dinge so liegen, wie die Richter sie ansehen. Ich frei­lich sehe sie ganz anders an."

,, Wie- wie denn?" forschte Paula atemlos.

Je nun, ich meine, daß der Brief mit den Verhält­nissen vor des Grafen Tode überhaupt nicht das mindeste zu tun hat, sondern daß er inbezug auf weit zurückliegende Ereignisse geschrieben ist. Irgend emand hat ihn in die Nachttischschublade des Grafen geschmuggelt, um den Ver­dacht auf Olfers zu lenken, und aller Wahrscheinlichkeit nach ist dieser jemand dieselbe Person, welche den Grafen ermor­det hat. Wer aber ist diese Person?"

Die Blicke der beiden trafen sich in schweigendem Ein­verständnis.

" Wir wollen lieber keinen Namen nennen", fuhr Brüm­mel fort, auch unter uns nicht. Aber wir haben auf die gleiche Persönlichkeit Verdacht geworfen. Warum aber hat der Mensch den Grafen ermordet? Bevor ich weitere Nach­forschungen anstelle, möchte ich gern etwas über Olfers Vergangenheit wissen. Es ist nämlich merkwürdig, daß man bis jetzt nichts über dieselbe hat erfahren können. Ich will der gnädigen Frau ein paar Notizen vorlesen, die ich aus seinem Rock, entnahm ihr ein Blatt Papier und las daraus vor: Felix Olfers ist der Sohn eines Deutschen, der in Neapel Kommis in einem deutschen Geschäft war und eine Italienerin Lorenza Calliarghi, einer Person von geringem Stande, die er schon in früher Jugend kannie, Heiratete. Als Felix zwölf Jahre alt war, trennten sich seine Eltern wegen eines Verschuldens der Frau und sein Vater zog mit ihm nach Leipzig, wo er sich mit Hilfe eines fleinen ererbten Vermögens selbständig machte und ein Ge­schäft mit Wein und Südfrüchten eröffnete. Er scheint an­fangs gut vorwärts gekommen zu sein, denn er ließ seinem Sohn eine gute Erziehung geben und Felix begann sogar zu studieren. Dann aber starb der alte Olfers plöblich, als der Sohn eben das einundzwanzigste Jahr zurückgelegt hatte, und es zeigte siA, daß" r unmittelbar vor dem Kon­furs gestanden hatte. Der junge Mensch, der wohl etwas unruhiges Blut haben muß, ging nun gänzlich mittellos

*

Handwerker- Zentrale Gießen.

Seit etwa 2 Monaten sind eifrige Vorarbeiten für Schaffung und Ausbau einer Handwerker- Zentrale in Gie­ßen im Gange. Nach dem, was bis jetzt in Einmütigkeit erreicht wurde, ist zu erhoffen, daß dieser Zusammenschluß aller Handwerkerkreise für Gießen und seine Umgebung nur segensreich wirken wird. Praktische Arbeit ist bereits ge­leistet worden und die Beseitigung mancher Mängel ist ener­si in die Hand genommen. Die Handwerker sollen sich alle dieser Einrichtung anschließen, finanzielle Opfer wer­den nicht gefordert. Der Siz befindet sich im Gewerbe= hause, Kirchstraße.

Die

*)(* Städt. Verwaltungsbericht. Einnahme der Bürgermeisterei für 100-1000 beträgt Mr. 5 204 736, während die Ausgabe 3 986 887 Mt. erreichte. Die Betriebsrechnung zeigt eine Einnahme von 2 900 959 Mart und eine Ausgabe von 2 648 889 Mt., so daß ein Ueberschuß von 252 070 Mt. verbleibt. Dieser günstige Ab­schluß ist in erster Linie auf die hohen Reingewinne der städtischen Werte zurückzuführen, und es dürfte aus diesem Grunde jedenfalls auch der Voranschlag für 1911 teine Steuererhöhung vorsehen. Im Hinblick auf die hohen Pro­zentsäße der Einkommensteuer anderer Städte wird die gün stige Finanzlage unserer Stadt unter den Bürgern sicherlich aufrichtige Freude hervorrufen.

*)(* Altertums Museum. Unser Museum hat seine Schäße soeben wieder um einen drei Meter lan­gen Eichensarg aus der fränkischen Zeit bereichert. Derselbe wurde von Arbeitern der Feldbereinigung in Leihgestern gefunden und enthält noch gut erhaltene Steletteile und Waffen.

*)(* Plöblicher Tod. Eine 68jährige Rent- nerin auf der Kaiser- Allee hatte sich seit mehreren Tagen nicht mehr sehen lassen. Dies veranlaßte die Hausbewoh­ner, die Wohnung durch die Polizei öffnen zu lassen, welche die alte Dame tot auf einem Stuhle vorfand. Ein Herz­schlag hatte ihrem Leben ein Ende gemacht.

nach Italien zu seiner Mutter, die in einem Dorf in den Abruzzen fümmerlich lebte und hielt sich mehrere Monate, vergeblich nach einem Erwerb suchend, bei ihr auf. Erst volle vier Jahre später tauchte er wieder in Paris bei einer Varieteetruppe auf und von da ab konnte man ganz genau feststellen, wo er gewesen ist. Er zog von einem Varietee zum andern und trat in verschiedenen Städten Europas auf. Das ist alles flar, aber wo war er zwischen seinem ein­und seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr? Verschwunden, total verschwunden, als ob die Erde ihn verschluckt hätte!" Aber die Meldezettel in Paris müssen doch darüber Austunst geben", warf Paula ein.

Brümmel machte eine abwehrende Bewegung mit der

Hand.

Ach, Gnädigste, die Polizei forscht doch nicht nach, ob die Angaben auf jedem Meldezettel ihre Richtigkeit haben. Was soll das sagen, ob darauf London oder Madrid oder sonst eine Stadt als letter Aufenthaltsort angegeben ist. Ich versichere Sie, daß da alle Ermittelungen umsonst sind. Nun meine ich, daß er der Frieda Sasse doch sicher hie und da einmal etwas über sein Leben erzählt haben wird, was mir Anhaltspunkte geben könnte. Die Kleine ist ja widerholt verhört, aber ängstlich und schüchtern, wie sie ist, läßt sich nichts aus ihr herausbekommen. Daher lohnt es auch gar nicht, daß ich mit ihr spreche. Einer Frau gegenüber aber dürfte sie eher Vertrauen fassen und daher bin ich eben zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten, das Mädchen zu besuchen. Auch könnten gnädige Frau sie über den Zlown Long- Bell befragen die Polizei hat diesen Menschen ja bisher überhaupt nicht in den Kreis ihrer Aufmerksamkeit und ihres Interesses gezogen und ich werde sie wahrhaftig nicht aus seine Spur lenten, da mir daran liegt, ganz selbständig Licht in diese Sache zu bringen. Gnadige Frau fönnten sich erfundigen, wie lange die Sasse den Clown fennt, wie dessen Beziehungen zu Olfers und zu der Brusio waren 2c. Wollen gnädige Frau sich dieser Aufgabe unterziehen?"

Paula versprach es ohne Zögern. Aber sagen Sie, Herr Brümmel fragte sie, sind Sie denn auch der Meinung, daß Graf Welshofen überhaupt mit Morphium vergiftet ist?" ( Fortseßung folgt.)