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Zweites Blatt 66.

Gießener Zeitung

Arbeiterföhne und höheres Studium.

Der Frage, wie auch der Arbeiterstand seine begabten Söhne der akademischen Laufbahn zuführen kann, ist in der Bresse, besonders auch in der der christlichen Gewerkschaften, gerade in letter Zeit erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt wor

den.

Viele tüchtige Köpfe arbeiten heute zum Wohle des bierten Standes. Befremdlich ist da die Tatsache, daß noch so wenige Arbeiter ihre Söhne dem Studium an höheren Schulen zuführten. Die höheren Schulen sind keine Stan­desschulen. Sie werden errichtet vom Staat und der Kom­mune und unterhalten vom Geld aller Steuerzahler. Ein Arbeiter mit vielen Kindern fann freilich die Mittel nicht aufbringen, um seinen Sohn etwa neun Jahre die höhere Schule und dann die Universität besuchen zu lassen. Der Arbeiter hat jedoch das Recht, für seinen beanlagten Sohn den eine Freistelle zu erlangen. Mit der Freistelle für

Ph. Henkel, Gymnasiasten ist es allerdings noch nicht getan. Denn die

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Kleidung, Bücher 2c. für einen Schüler der höheren Schu­len verlangen größere Aufwendungen, es wären daher außerdem auch noch Stipendien zu gewähren. Wie wäre es, wenn in den Arbeitervereinen oder auch in den Gewerf schaften ein besonderer Studiemunterstüßungsfonds geschaf fen würde, aus dem dann unbemittelte, aber talentierte Arbeitersöhne zu ihrer Ausbildung die nötigen Mittel er­hielten. Es wird zunächst aus geeigneten Herren eine Kom­mission zusammengesetzt, die alle eingehenden Gesuche auf ihren Wert, bezw. unwert prüft und sichtet. Die Eltern der Prüflinge, die der Unterstützung für wert erachtet wor­den sind, werden hiervon in Kenntnis gefeßt, gleichzeitig mit dem Ersuchen, ihre schriftliche Einwilligung zu dem Stu dium ihres Sohnes zu geben. Eltern, die imstande sind, selbst einen Teil der Kosten zu tragen, werden vertraglich auf eine bestimmte Summe festgelegt. Außerdem erklären fich Vater wie Sohn damit einverstanden, die zur Ausbild­img verwandten Geldmittel nur als entliehen zu betrachten.

falat li in Dofen Sobald der Studierende mündig ist, verpflichtet er sich schrift­gegen Nachlich, das von der Studienunterstützungskommission erhaltene Nürnberg Rapital mit Zinsen vom Tage seiner Anstellung an zurück­zuerstatten. Das Heraufrücken begabter Söhne des Volkes in akademische Berufe würde zweifellos eine Bereicherung des Staates darstellen, denn es ist eine der größten Staats­lugheiten, die Begabtesten an die richtigen Stellen herauf­rücken zu lassen.

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Ferner aber würden sich auch die petuniären Opfer, welche die Arbeiterschaft nach dem obigen Vorschlag zu brin gen hätte, für die Arbeiterschaft selbst lohnen, indem Män­ner, die in ihren Anschauungen groß geworden sind, in verantwortungsreiche und leitende Stellen kommen.

Parlamentarisches aus Hessen.

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Der Petitionsausschuß der 3 weiten ammer ist am Dienstag vormittag unter Vorsitz des Abg. Stöpler zu einer Beratung zusammengetreten und hat sich mit einer Reihe fleinerer Gegenstände beschäftigt. Der Antrag Dr. Frenay über die Fürsorge für Wan­derarme wurde noch nicht erledigt. Abg. Ra a b erstattete Bericht über die Vorstellung des Zentralverbandes Sandlungsgehilfen, betreffend die Arbeitslosenversicherung, während Abg. Stöpler über den Antrag Dr. Frenay, betreffend die Versicherung der Dienstboten, und über den Antrag Bähr, das Pflugschleifen betreffend, berichtete. Der leptere Antragsteller war zur Begründung seines Antrages selber zugegen. Abg. Ha uc referierte darauf über Antrag rich, betreffend den Schutz der Bauarbeiter, und über die zu demselben Thema eingereichte Vorstellung des Vereins der mittleren Baubeamten. Die Ansicht der Aus­schußmehrheit geht dahin, daß die Regierung, wie seither, mur solche Arbeitgeber berücksichtigen möge, die ihren so zialen Verpflichtungen den Arbeitern gegenüber nachkommen. Ueber den Antrag Ulrich, betreffend die behördlichen Be fanntmachungen, und den weiteren Antrag, betreffend die Anstellung der Bezirksärzte 2c., berichtete Abg. Be st, wäh­rend über den dritten Antrag desselben Abgeordneten, be­treffend die Vergebung der staatlichen Arbeiten, der Abg. No ac das Referat erstattete. Der Ausschuß beschloß, die Anträge für erledigt zu erklären und vertagte sich dann auf imbestimmte Zeit.

Der Gesetzgebungsausschuß der 3 wei­ten Kammer wird, wie bereits von uns kurz erwähnt, am Donnerstag, den 12. Mai, seine Situngen wieder auf­nehmen und sich zunächst mit dem Antrag Pagenstecher, be­treffend den Artikel 74 des Bürgerlichen Gesetzbuches, und dem Antrag Dr. Schmitt zu demselben Gegenstand,' ferner|

30)

Die Freundinnen.

erlauben!

Originalroman von Irene v. Hellmuth. ( Nachdruck verboten.) Der andere zuckte vielsagend die Achseln. ,, Künstlerlaunen! Er fann sich so etwas Einer seiner Launen verdanken wir ja überhaupt sein Hter­sein. Wie ich aus sicherer Quelle weiß, hat sich der be­rühmte Sänger fast mit Gewalt von dem Kontrakt befreit, der ihn schon für diese Saison an das Hoftheater... verpflichtete."

Was Sie sagen! Das ist mir neu! Aber weshalb wurde gerade uns das Glück zuteil, ihn herzubekommen? Ich begreife das nicht. Was mag da bestimmend einge­wirft haben? Wir konnten ihm doch nicht die Gage zahlen wie ein Hoftheater, das immer auf bedeutenden Zuschuß rechnen fann."

" Das läßt sich natürlich schwer sagen. Aber sehen Sie nur, die Lente drängen sich bereits an der Kasse um die Karten. Das gibt heute ein volles Haus."

In der Tat entstand beim Eingang am Billettschalter ein bedenkliches Hin- und Herschieben. Im Publikum war es ebenfalls bekannt geworden, daß der so rasch berühmt acwordene Walter fingen würde, und man eilte, fich einen Platz zu sichern. Am Abend war das Theater vollständig ausverkauft.

Man gab Wagners Siegfried ,. Das gewaltige Werk war längst auf das sorgfältigste vorbereitet und schon vor Walters Erkrankung" zur Aufführung angekündigt wor­den. Zum großen Leidwesen aller Theaterfreunde hatte die Vorstellung einen langen Aufschub erleiden müssen. Kein Wunder, daß jetzt der weite Naum dicht gefüllt war. Die Gestalt des Sängers paßte so recht für den Helden, der dem Dichterfomponisten vorgeschwebt haben mochte. Die fraftvolle Hochgewachsene Erscheinung nahm schon, so bald fie sich auf der Bühne zeigte, das Auge des Zuschauers gefangen. Die hohe Begeisterung für seine Kunst prägte fich deutlich in jedem Zuge dieses schönen Männerantlihes aus. Atemlos lauschte die Menge dem Gesange Jung­Sicafrieds. Die Töne kamen so leicht und frei von den Pippen des Künstlers, als fofte es ihm nicht die geringste

Expedition: Gießen, Seltersweg 83.

mit dem Antrag Noack, betreffend die Einführung zwei- jähriger Budgetperioden, dann mit der Vorstellung des hessischen Landesvereins für Toteneinäscherung und mit der Vorstellung des liberalen Wahlvereins zu Nidda, die neue Wahlkreiseinteilung betreffend, beschäftigen. Dem Ver= nehmen nach gedenkt der Ausschuß alsdann nach Pfingsten in die Beratung des Gesetzentwurfs, betreffend die Wahl­freiseinteilung, einzutreten, doch soll der erst fürzlich wie­derholten Mahnung des Vorsißenden des Ausschusses die verschiedenen Fraktionsvorstände um schleunigste Vor­lage ihrer Wünsche und Abänderungsvorschläge noch immer teine Folge gegeben worden sein.

an

Bezüglich der Freifahrtkarten für die Mit­glieder der zweiten Kammer sind Zweifel entstanden, was unter Sibungsperiode", für deren Dauer, sowie acht Tage vor und acht Tage nach dieser die ausgestellten Freifahrt­farten Gültigkeit haben, zu verstehen ist. Wie die Kammer­kanzlei den Abgeordneten nun mitteilt, bildet nach einer Auslegung des Großh. Staatsministeriums die dreijährige Legislaturperiode( Landtag) eine Session( Sibungsperiode), insolange nicht der Landtag durch landesherrliches Editt gemäß Artikel 58 des Gesezes, die landständige Geschäfts­ordnung betreffend, vom 17. Juni 1874 vertagt wird.

Lokales.

Gießen, 4. Mai 1910.

* Postpersonalien. Bestanden hat die Poſt­assistentenprüfung: Postgehilfe Ermarth in Gießen. Ange­nommen wurden als Posteleve: die Abiturienten Bock in Butzbach und Schweißer in Friedberg( Hessen).

st Straßenbahn. In letzter Zeit häufen sich die Fälle, daß Radfahrer ihre Räder direkt neben das Stra­ßenbahngeleis an den Bordstein stellen und sie dort län­gere Zeit ohne Aufsicht stehen lassen, so daß der Wagen= führer eines herankommenden Motorwagens gezwungen ist, anzuhalten und das Rad beiseite zu sehen. Im Interesse eines sicheren Betriebes ist die Straßenbahnverwaltung ge­zwungen, die betreffenden Fahrradbesißer zur Anzeige zu bringen. Nach§ 11 der Vorschriften zum Schutz des Bahnbetriebes" dürfen Fahrzeuge jeglicher Art nur in einer solchen Entfernung vom Straßenbahngeleis stehen gelassen werden, daß der Bahnbetrieb nicht gefährdet wird.

* Aus dem Vereinsleben. Die zweite Be zirksversammlung des Bezirks Hessen des Verbandes deut scher Rechtsanwalts- und Notariatsbeamten, welche in Gie­ßen stattfand, wies einen guten Besuch auf. Die Verhand­lungen führten u. a. zu dem Beschluß, eine Krankenzu­schußtasse zu gründen, welche ihre Hilfe nicht nur auf die Verbandsmitglieder, sondern auch auf die Ehefrauen der= selben ausdehnen soll. Die Wahl des Ortes für die nächste Tagung fiel auf Mainz..

tt Stodttheater. Die Reflektanten auf Abonne­ments für die Operettengastspiele werden ersucht, die Be­stellungen möglichst frühzeitig aufzugeben, da die Zusam menstellung der Abonnementsblocks Zeit erfordert, so daß holt werden können. bestellte Abonnements jeweils erst am nächsten Tage abge­Terte zu den vorgesehenen Operet­ten sind sowohl im Theaterbureau und an der Abendkasse, a3 auch in der Musikalienhandlung von Ernst Challier er­hältlich.

m Stenographisches. Am 4., 5. und 6. Juni dieses Jahres hält der Hess.- Nassauische( Main- Rheingau-) Verband Gabelsberger Stenographen, der zur Zeit 170 Vereine mit rund 7000 Mitgliedern zählt, seinen diesjähri­gen Stenographentag in Hanau ab. Am Sams­tag, den 4. Juni, werden in der Vertreterversammlung in­terne Verbandsangelegenheiten beraten. Am Sonntag, den 5. Juni, findet morgens 9 Uhr ein Wettschreiben in Abteilungen von 100 Silben an, um je 20 Silben stei­öffentlichen Versammlung, die um 12 Uhr in der Zentral gend, bis 320 Silben in der Eberhardschule statt. In der halle" beginnt, und mit der auch die Feier des 50jährigen Jubelfestes des Stehographenvereins Gabelsberger Hanau verbunden ist, wird Herr Professor Ernst Keller, Direttor Festrede über Stenographie und Schule" halten. Montag, des Städt. Lehrerinnen- Seminars zu Frankfurt a. M., die der 6. Juni, dient Besichtigungen und Ausflügen in die Umgegend.

-p Mit dem Schuß der Singvögel beschäf tigt sich eine in der heutigen Nummer enthaltene Bekannt­machung des Großh. Polizeiamts, worauf besonders hin­gewiesen sei.

Bisher war es üblich, daß bei dem Todesfall eines Be­* Sparsamkeit im hessischen Staat.

Anstrengung. Er schien völlig aufzugehen in seiner Rolle und dennoch wollten einige scharfe Beobachter bemerkt ha= ben, wie sein leuchtender Blid mehrmals eine kleine Set­tenloge im ersten Rang streifte. Dort saßen, eng anein­ander geschmiegt zwei junge Mädchen in weißen Kleidern. Auch aus der Menge der Zuschauer richtete sich manches Opernglas auf die reizenden Gesichter. Die eine der beiden Damen saß mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen weit vorgebeugt, während die andere mit gleichgültigem Ausdruck ſich wie müde in den Seffel zurücklehnte.

Es schien in der Tat, als hätten die beiden Freundinnen seit kurzem die Nollen getauscht. Während Maja sonst kaum eine Minute schweigen konnte, saß sie jetzt still zurückge= zogen auf ihrem Platz. Sylvia dagegen plauderte während der Pausen unaufhörlich und schien das veränderte Wesen der Freundin gar nicht wahrzunehmen.

Der wundervollen Stimme des Sängers merkte man feinerlei Ermüdung an, obwohl er erit furz vorher bei der Hauptprobe das gewaltige Wert vollständig mit durch­gefungen hatte. Er behielt seine Kraft und Frische bis zum Schluß.

Ein wahrer Sturm des Beifalls brauste bei den Akt­schlüßen und am Ende der Oper durch das Haus. Immer und immer wieder mußte der Vorhang sich heben und Wal­ter sich dem begeisterten Publikum zeigen. Nur allmählich leerte sich der weite, dichtgefüllte Raum und überall ver­nahm man die Lobeserhebungen der Menge.

Der junge Sänger hatte einen großen Triumph gefeiert.

*

Einige Wochen waren seit jener Vorstellung vergangen. Maja war während dieser Zeit nur zweimal in Neunlinden gewesen. Das lächelnde Gesicht, das Sylvia jetzt immer zur Schau trug, tat ihr beinahe mehe, obgleich sie natür­lich der Freundin ihr Glück von Herzen gönnte. Nur eines ftel Sylvia auf, daß Maja fich niemals nach der kleinen Lilly erkundigte. Sie schien faum hinzuhören, wenn davon die Rede war, daß Lilly täglich in das Herrenhaus fam und nach der geliebten Tante" fragte. Maja wußte es unter irgend einem Vorwande stets zu vermeiden, dem fleinen Hause zu nahe zu kommen. Die Besuche bei der Freundin waren überhaupt immer nur von kurzer Dauer

Samstag,

den 7. Mai 1910.

amten von der Behörde, der der Beamte zugehörte, eine Kranzspende gestiftet wurde, deren Kosten gewöhnlich die Staatskasse trug. Nun hat der Finanzminister im Einver­ständnis mit den zwei übrigen Ministern durch eine Ver­fügung an alle Behörden und Beamten angeordnet, daß diese Kosten, ebenso die Kosten für Todesanzeigen, Nachrufe und dergleichen, für die Folge nicht mehr auf die Staatskasse angewiesen werden dürfen.

!! Gewichtsein heit für Briefe nach Frankreich. Vom 1. Mai ab hat Frankreich die Ge wichtseinheit für Briefe im Verkehr des Weltpostvereins von 15 auf 20 Gramm erhöht.

Aus Hessen und Nachbargebiet.

* Lang- Gön 3, 5. Mai. In einigen Ortsstraßen ist man immer noch mit der Ausführung der Wasserleit= ungsarbeiten beschäftigt. Es kommen immer noch Erdrutsch­ungen vor, infolgedessen sind die Arbeiten sehr erschwert. Der kürzlich dadurch verunglückte italienische Arbeiter be­findet sich auf dem Wege der Besserung.

* Frankfurt a. M., 4. Mai. Die Internatio nale Ausstellung für Sport und Spiel wird am 14. Mai, mittags 12 Uhr, mit einem feierlichen Akt eröffnet werden, an den sich ein Rundgang durch die gesamte Ausstellung anschließt. Unmittelbar darauf wird zu Ehren der Gäste ein Imbiß gegeben. Für das Publikum wird die Aus­stellung nachmittags 3 Uhr eröffnet.

* Frankfurt a. M., 5. Mai. Auf verschiedene Anfragen, wie sich der Magistrat zu der Aussperrung im Baugewerbe verhalte, erwiderte Bürgermeister Grimm in der letzten Stadtverordnetensißung, der Magistrat habe durch den Vorsitzenden des Gewerbegerichts einen Vermittlungs- Ver­such gemacht, leider ohne Erfolg. Betreffs Fortführung der städtischen Bauten werde er die städtischen Interessen wah­ren; zurzeit liege aber kein Anlaß vor, den Weg zu be= schreiten, den die Stadt Mainz eingeschlagen habe und die Bauten auf eigene Verwaltung auszuführen.

* Darmstadt, 5. Mai. Zwei durch den Streik der hiesigen Möbeltischler geschädigte Firmen, Julius Gli­ckert und Erhardt, hatten beim Gewerbegericht gegen die bei ihnen ausständig gewordenen 150 Arbeiter Schadenersatz­flage auf Verfall der Kaution und auf je einen Wochen­John angestrengt. Der Anspruch beziffert sich insgesamt auf 3013 M. Da die Beklagten im Termin nicht erschienen, erzielten die Kläger ein Versäumnisurteil, gegen das die Beklagten jedoch Einspruch erheben wollen.

* Wiesbaden, 4. Mai. Der Kaiser unternahm heute morgen einen Spazierritt. Nach der Rückkehr trafen die Kronprinzessin von Griechenland und die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen im Automobil ein und stiegen im Kgl. Schloß ab. Üm 11 Uhr war Parade vor dem Kurhaus über einige in Wiesbaden und Umgebung garni­sonierende Truppenteile, der auch der Kriegsminister und der kommandierende General des 18. Armeekorps beiwohn­ten. Der Kaiser ritt nach der Parade die Front ab nahm dann einen Vorbeimarsch in Zugkolonnen entgegen. Hierauf führte er die Fahnentompagnie des Fusilier ments v. Gersdorff in das Schloß zurück, wo er eine Reihe von militärischen Meldungen entgegennahm.

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* Aus Nassau, 5. Mai. In Selters wurde der Kassierer Maur von der dortigen Raiffeisenschen Spar u. Vorschußkasse verhaftet, nachdem sich bei der letzten Revision große Unregelmäßigkeiten man spricht von mehreren

100 000 Mt.- herausgestellt haben. Er betrieb noch eine Wirtschaft und galt als reicher Mann. Die Aufsichtsräte, meistens ortseingesessene Bauern, nehmen an, daß Maur schlecht fundierten Leuten größere Kredite eingeräumt habe. )( Drei Brennaborfahrer, U. di Majo, C. Ingold und C. Simar, belegten am 1. Mai in Zürich im 60 Kilometer- Dauerrennen um den Großen Frühjahrspreis" die ersten Plätze.

)( Straßenrennen. Franz Hauptmann eroberte am 1. Mai in der 230 Kilometer langen Fernfahrt Ber­lin- Görlitz den ersten Preis auf Brennabor und auch das Straßenrennen Bochum- Dorsten Bochum und die Rund­fahrt Duisburg wurden auf derselben Marke glänzend ge­wonnen.

Literarisches.

" Die Schaubühne", Wochenschrift für die ge­samten Interessen des Theaters, herausgegeben von Sieg­fried Jacobsohn, enthält u. a. in der 17. Nummer ihres 6. Jahrganges: Das Drama. Von Wilhelm von Scholz.

und es schien, als treibe eine heimliche Ungeduld die junge Dame immer wieder fort.

Unter diesen Verhältnissen hatten auch Walter und Syl­via einen schweren Stand. Denn der letzteren wurde es nicht leicht, das Haus zu verlassen, wenn ihr nicht die Freundin dabei zu Silfe fam. Früher waren die Mädchen oft stundenlang zusammen durch den Wald gewandert. Jeßt schien Maja auf einmal das Vergnügen an diesen Streif­zügen verloren zu haben.

Walter fing bereits an, ungeduldig zu werden. Die Heimlichkeit war ihm zuwider. Offen und vor aller Welt wollte er Sylvia seine Braut nennen. Doch das junge Mädchen hielt den Zeitpunkt noch nicht für gekommen. Der Vater zeigte fich unzugänglicher und verschlossener denn je. Er sprach kaum ein Wort mit der Tochter, und so wagte diese auch nicht, von ihren 3ufunftsplänen zu sprechen. Ste wußte im voraus, der Vater würde seine Einwilligung zu dieser Verbindung nicht geben. Was sollte dann werden, wenn er eigensinnig bei seinem Nein" beharrte? Wem würde sie folgen müssen?- ihrem Herzen, das sie mit allen Fasern zu dem Geliebten zog. oder die Pflicht, die sie bei dem alten, kranken Vater hielt? Durfte fie ihn verlassen? Könnte sie glücklich werden mit dem Gefühl im Herzen, ihre Kindespflicht so schlecht erfüllt zu haben, mit dem Bewußtsein, neuen Summer auf des Vaters Haupt gehäuft zu haben?

Sie founte es nur schwer möglich machen, Walter zu sprechen, obwohl derselbe fast täglich nach Neunlinden fam rnd um das alte Herrenhaus herumstrich in der Hoffnung, Sylvia zu sehen. Der Tante war das auch bereits auf­gefallen und fie meldete pflichtschuldigst dem Schwager, daß der Komödiant in auffälliger Weise sich verdächtig mache. Man könne ihn immer beobachten, wie er alle Fenster einer genauen Besichtigung unterzog. Frau v. Schmettwiß hielt immer noch an dem Plane fest, daß Snlvia fich mit Hugo von Trostberg versöhnen und diesen heiraten werde Des halb beobachtete fie genau jeden Vorgang und hatte auch bald herausgebracht, daß Sylvia manchmal ohne stichhaltigen Grund das Haus verließ. Das wurde dem Schwager hetma lich hinterbracht.