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Gießener Neueste Nachrichten

Bezugspreis 40 Pfg. monatlich vierteljährlich 1,20 Mt. frei Haus; durch die Post 1,50 Mt.

Erscheint 3 Mal wöchentlich: und zwar Dienstags, Donnerstags und Samstags. Telephon: Gießen Nr. 362.

Nr. 27.

Zweites slutt.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

Gießen

des Großherzoglichen Polizeiamtes Gießen

und vieler anderer Behörden in Oberhessen. Expedition: Seltersweg 83. Gießen, den 5. Februar 1910

ten. Außerdem hat die Universität 6 Herren anläßlich des 50jährigen Doktorjubiläums das Diplom erneuert.

*)(* Vom Kaiser- Regiment. Am Dienstag traf hier der Brigadekommandeur Generalmajor Francois

Sparsamkeit in den stadtischen Verwaltungen. ein, um eine Refrutenbesichtigung vorzunehmen.

Der Stuttgarter Oberbürgermeister ließ sich vor kurzem in Ergänzung des Verwaltungsberichts auch über die Spar­samkeit in den städtischen Verwaltungen aus. In weiten Kreisen, so meint Oberbürgermeister Ga u ß, grefe neuer­dings die Meinung Platz, die Städte hätten sich in einen Wettbewerb eingelassen, aus dem Vollen zu schöpfen und es mehrten sich in der Presse die Aufforderungen an die Steingoette Regierungen, die Genehmigung zu neuen Kommunal- An­leihen zu verweigern. Statt dessen wäre es aber mehr am Plate, die Mahnungen an die Regierungen zu richten, sie Febr. 191 möchten nicht ihrerseits die Gemeinden zu großen und ab­solut nicht notwendigen Aufgaben zwingen und die wei­tere Mahnung, die Gemeindevertreter und ihre Wähler soll­ten nicht im gleichen Atemzug Sparsamkeit und die Ausführung aller mäglichen to stspieligen neuen Projette fordern. Die Entwickelung gehe dahin, daß Sie Sparsamkeit im öffentlichen Leben eine immer schwie­Snthan und rigere Kunst werde, die immer größere Unabhängigkeit und Ellfeld. Charakterfestigkeit verlange. nde geg. 10 U Daß der erste Teil der Ausführungen inbezug auf das Verhältnis der Städte zur Regierung bemerkenswerte An Febr. 1910 gaben enthält, kann nicht bestritten werden. Aber wir möch 31 Uhr ten bezweifeln, ob es denn wirklich so schwierig sei, auch gegenwärtig noch Ersparnisse in der städtischen Verwaltung Volkspreise zu erzielen; denn daß die Sparsamkeit noch nicht ausge estellung schlossen ist, daß beweist u. a. die kürzlich von der Gie­Bener Stadtverwaltung eingeführte Haftpflichts­

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Mittel für die Städte zur Sparsamteit, das manche Lücke iten von Car in dem Haushaltsanschlag aus üllen fännte und wir wollen nur wünschen, daß die Gießener Stadtverwaltung wie frü­her das Interesse der Stadt auch in Zukunft wahrnimmt. Ende g. 6 Uhr Hat doch vor 5 Jahren die Rührigkeit der Gießener Stadt­Febr. 1910 verwaltung sehr wohl den Nußen erkannt, welcher der Stadt aus einer städtischen Straßenbahn erwachsen könnte, Uhr. während gegenwärtig in Berlin die Reue über die Ueber­lassung des Straßenbahnbetriebes an eine Privatgesellschaft groß ist, denn man ist dort eifrig daran ,, wenigstens bei Punkt" sen untergrundbahnen, die Verwaltung in die Hand zu bekommen. Dieses Verhältnis in der Reichshauptstadt be­weist also jedenfalls zur Genüge, daß die Stadtverwalt­ungen bei ihren Finanzgeschäften einen Fehler begangen haben, deren Folgen sie nun eben tragen müssen, falls ihnen nicht noch rechtzeitig einfällt, ihre Finanzen durch ähnliche Unternehmungen, wie sie Gießen durchgeführt hat, zu bessern.

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Lokales.

Gießen, 5. Februar 1910. *)(* Promotionen an der Universität. Im Jahre 1909 fanden an der Universität 200 Doktorpro­motionen statt. Davon entfallen auf die Theologie 4, auf die Rechtswissenschaft 18, auf die Medizin 35, auf die Tierheilkunde 86 und auf die Philosophie 54 Promotionen, während zu Lizentiaten der Theologie 3 Herren promovier­

26)

Der Fall Welshofen.

Kriminalroman von M. Kossak.

( Nachdruck verboten.) Wie oft hatte sie sich gefragt: Wo habe ich diese Au­gen, dies Antlig schon gesehen?"" Und immer vergebens, Senn gerade die Augen des jungen Lehrers in der Wilson Scool hatten sie gehindert, in ihm jenen Artisten aus Ne­apel wieder zu erkennen, denn die dunklen Sterne, die da­zumal so wunderbar, so unheimlich, sast übernatürlich ge­leuchtet, bedeckte jetzt der Kneifer.

Aber wie mochte es zugehen, daß Lanzani die Bühne berlassen, und sich dem Lehrfach gewidmet hatte? Als Re­zitator verdiente er doch sicher viel mehr, als bei der Wil­son- Scool und zweifellos war auch bei der letzteren seine Tätigkeit viel anstrengender.

Wäre er nur nicht plötzlich verschwunden gewesen, sc Zahn- a hätte es ihr wohl gelingen müssen, das Rätsel zu lösen. Frisler und wo war er jest? War er wirklich verunglückt, wie bkümme man allgemein meinte? Etwas in Paula wehrte sich, an Parla feinen Tod zu glauben. Man hätte dann doch eine Spur er Auswahl, bon ihm finden müssen, denn heutzutage gab es keine jung­fräulichen Bergschluchten und undurchdringlichen Urwälder, in denen die Leute ihren Tod finden, ohne daß die Poli­sei es entdeckt. Wenn gegenwärtig ein Mensch verschwand, so steckte ein Verbrechen oder doch zum mindesten eine Schuld dahinter.

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Eine Schuld! Was für eine Schuld? Sie suchte sich alles zu vergegenwärtigen, was sie während der wenigen Unterrichtsstunden, die sie bei Lanzani gehabt, mit ihm ge­redet, um irgendwelche Anhaltspunkte für die Lösung des

ndend schöner Beheimnisses zu finden.

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Plötzlich stutte sie, denn es fiel ihr ein, wie seltsam sev Italiener gewesen war, als sie ihm von der Ermordung sen war sie schon damals durch sein Benehmen gewesen,

edebeul ber sie hatte es tatsächlich der Nervosität zugeschoben, mit der er selbst es entschuldigte. Jetzt dagegen- wenn Lan J. Möbe, zani am Ende gar bei dem Verbrechen seine Hand mit im Apotheler Spiele gehabt?

* Prüfungsstatistik. In den 9 Jahren 1901 bis 1909 unterzogen sich 145 Kandidaten der evange lischen Theologie der Schlußprüfung in Darmstadt, also durchschnittlich jährlich 16, sämtlich mit Erfolg. Der Staatsangehörigkeit nach waren Hessen 130, Nichthessen 15. Im Alter von unter 25 Jahren standen 73 Kandidaten, über 25 Jahre alt waren 72.

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!! zur Schulentlassung. Das Ministerium des Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, hat ihm unterstellten Kreisschulkommissionen Weisung erteilt, dahin zu wirken, die in den Volisschulen zur Entlassung kommenden Schüler, welche ein Handwerk erlernen wollen, durch die Lehrer bedeuten zu lassen, daß die Befugnis zum Anleiten von Lehrlingen nach den neueren gesetzlichen Be­stimmungen nicht ohne Weiteres allen Handwerksmeistern deren zusteht und daß sich die fünftigen Lehrlinge bezw. Eltern vor Abschluß eines Lehrverhältnisses erst darüber vergewissern sollen, ob der betr. Lehrherr auch tatsächlich die Befugnis zum Anleiten von Lehrlingen besitzt. Zugleich soll darauf hingewiesen werden, daß erfreulicherweise vielen Zweigen des Handwerks wieder wesentlich günstigere Aussichten für ein Fortkommen bestehen, umſomehr, als jetzt die Ausbildung der Lehrlinge geseßlich geregelt ist.

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** Konzertverein. Der Konzertverein hat für seinen Orchesterabend den Klabier- Virtuosen Wilhelm Backhaus gewonnen, dessen Ruf einen überaus zahl­reichen Besuch des Konzertes erwarten läßt. Wilhelm Back­haus hat erst vor kurzem in Darmstadt mit seinem fünft­lerisch vollendeten Spiel vor dem Großherzogspaar einen starten Erfolg erzielt und es steht zu erwarten, daß der hiesige Vortragsabend den Erfolgen des Künstlers einen neuen Triumph zufügen wird.( Näheres im Inserat heuti­ger Nummer.)

*)(* Vom Kriegerverein. Die Mitglieder des Striegervereins Arnold, Köhler, Simon und Schäfer sind von dem Verein anläßlich seines 36jähri­für gen Bestehens mit Ehrendiplomen als Anerkennung thre 25jährige Mitgliedschaft ausgezeichnet worden.

*)(* Vom Oberhess. Obstbauverein. Am 12. Februar findet hier unter dem Vorsitz des Grafen Oriola eine Ausschußsibung des Oberhess. Obstbau­tereins statt, welche als Hauptpunkt der Tagesordnung die Ausscheidung des Kreises Büdingen aus dem Oberhessi­schen Obstbauverein" zur Verhandlung bringen wird. Fer­ner soll eine Revision der Sabungen des Vereins vorge nommen werden. Eine öffentliche Erklärung, dem Ver­eine treu zu bleiben, hat jetzt auch die Ortsgruppe Echzell abgegeben.

!! Die Frau im Strafrecht. Daß der Ver­ein für Frauenstimmrecht bestrebt ist, seine Mitglieder über die Pflichten und Rechte der Frau gegenüber Staat und Ge­sellschaft aufzuklären, das zeigte der Umstand, daß der Ver­ein für seine gestrige Versammlung den Univ. Prosessor Dr. Mittermaier zu einem Vortrag über die Frau im Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug" gewonnen hatte. Der Redner erläuterte nach jeder Richtung hin die Stellung der Frau im Recht und erntete damit reichen Beifall. Wir

Seine Hand mit im Spiel gehabt? Großer Gott welch ein toller, phantastischer Gedanke ihr mit einem Male kam! War das möglich? Konnte das sein? Jener Mensch, der als der Ermordung Graf Welshofens verdäch tig sich in Untersuchungshaft befand, war ja auch ein Ita liener, ein Artist und Rezitator, und er, Lanzani, war ge­nau so lange verschwunden, als jener mutmaßliche Mörder im Kerker schmachtete!

Wenn der Sprachlehrer Lanzani und der Rezitator Ol fers nun eine Person waren?

So ungeheuerlich die Vermutung im ersten Augenblick erschien, so gewann sie beim längeren Nachdenten ständig mehr Wahrscheinlichkeit. Paula hatte alles, was über den Fall Welshofen in den Zeitungen stand, genau gelesen und wußte daher, daß des Grafen Verlobte, die schöne Anita Brusio, in der Sache eine wichtige Rolle spielte, insofern, als man meinte, daß Olfers sie liebte und den Grafen aus Eifersucht umgebracht hatte. Jene Tarantellatänzerin, um deretwillen der Streit zwischen den beiden Artisten in Ne apel ausgebrochen war, hieß ja auch Anita!

Kein Zweifel, Lanzani und Olfers waren eine Person! Aber allen Nachforschungen der Polizei war es nicht ge­lungen, diese seltsame Tatsache zu entdecken.

Aufgeregt eilte Paula zu einem Bücherregal, auf dem die Zeitungen der letzten Wochen aufgestapelt lagen und suchte sich die heraus, welche sich mit der Mordsache be­schäftigten. Gespannt las sie die Berichte darüber von An­fang bis Ende durch. In einer der leßten Nummern fand sie etwas, daß sie sehr betroffen machte.

Da stand nämlich, daß es den Nachforschungen des Un­tersuchungsrichters, des Doktor Heilmann gelungen war, zu erfunden, daß am 25. Oftober, dem Tage vor der Nacht, in der Graf Welshofen ermordet worden, ein unbekannter junger Mensch sich mit Hilfe eines zweifellos gefälschten Rezeptes in der Bärenapotheke Gift, das heißt, Morphium, verschafft hatte, und daß die Beschreibung, welche der Pro­visor von ihm gab, genau auf Felix Olfers paßte.

Man hatte ihn dann mit dem Provisor fonfrontiert, aber ein absolut sicheres Resultat hatte sich aus der Gegen­

überſtellung der beiden nicht ergeben.

Der Provisor meinte zwar, daß Clfers recht gut jener

Gießener Tageblatt

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21. Jahrg.

werden auf die dem Vortrage zugrunde liegende Frauen­frage noch näher zurückkommen.

tt Stadttheater. Der neue Schwank v. Pres­ber u. Kadelburg" Der dunkle Punkt", dessen Premiere hier am Sonntag stattfindet, dürfte gegenwärtig das meistge gebene Stück auf deutschen Bühnen sein. Ueberall erringt das überaus lustige Stück einen außerordentlichen Erfolg und allgemein wird betont, daß seit dem weißen Röß'1" fein ähnlich erfolgreiches Stück heiterer Art geschrieben wor­den sei.

* In Amerika verstorbene Hessen. Joh. Cantus, 85 Jahre alt, in Brooklyn, Henriette Rudo.ph geb. Appel, 70 Jahre alt, in Greenpoit, Heinrich Eiffert, 75 Jahre alt, in Sewickley, Ph. Osterling, 70 Jahre alt, in Pittsburg, Wilhelm Dort, 61 Jahre alt, aus Großen­Buſect, in Cleveland, Jakob Hammerschlag, 73 Jahre alt, in New- York.

!! Die Einführung von Jahresfahr­plänen beabsichtigt die Preußisch Hessische Eisenbahnge­meinschaft. Es sollen leine Sommer- und Winterfahrpläne mehr verausgabt werden, sondern nur ein Jahresfahrplan, der sämtliche sowohl im Sommer wie auch im Winter ver­fehrende Bahnzüge enthalten soll. Dadurch würde die Bahnverwaltung natürlich ganz erhebliche Ersparungen machen.

* Postgiroverkehr. Mit dem 1. Febr. wurde zwischen dem Deutschen Reich, Desterreich Ungarn und der Schweiz ein Postgiroverkehr in der Weise eingerichtet, daß jeder Inhaber eines Schecktontos bei dem deutschen Post­scheckamt von seinem Konto Beträge auf das Schecktonto bei dem f. f. Postsparkassenamt in Wien oder der königl. ungarischen Postspartasse in Pest oder des schweizerischen Postschecbureaus überweisen lann; ebenso fann auch der Inhabereines Scheckkontos, das bei einer der genannten ausländischen Verwaltungen geführt wird, Ueberweisungen auf das deutsche Postscheckkonto in Austrag geben.

!!! Beschränkung der Zeugenladung bei Gericht. Mit Rücksicht auf die auf allen Gebieten der Staatsverwaltung gebotene Sparsamkeit hat das hessische Ministerium der Justiz an die Justizbehörden ein Aus schreiben betr. das Strafverfahren erlassen, in dem es am Schluß heißt: Auf allen Gebieten der Staatsverwaltung ist Sparsamkeit geboten. Deshalb dann es nur nüßlich sein, wenn auch die Justizbehörden bei allen ihren Maßnahmen und Verfügungen sich stets die Frage vor Augen halten, ob hierdurch nicht etwa, sei es den Be­teiligten, sei es der Staatskasse, Kosten verursacht werden, die ohne Nachteil für die Sache ganz oder teilweise ver mieden werden dönnen. So ist von sachkundiger Seite die Ansicht ausgesprochen worden, daß seitens der Anklagebe­hörde bei Angabe der zur Hauptverhandlung zu ladenden Zeugen mitunter über das tatsächliche Bedürfnis hinausge­gangen und dadurch die Staatstasse mit unnötigen Kosten belastet werde. Obwohl sich hier ein allgemeiner Grundsatz nicht aufstellen läßt, vielmehr die Umstände des Einzel falles entscheidend sein müssen, so möchten wir doch nicht unterlassen, die Aufmerksamkeit der Auflagebehörden auf diesen Punft zu lenten und ihrer Prüfung anheimzustellen, ob nicht hier und da wenigstens bei der Benennung von Zeugen für ein und dasselbe Beweisthema eine größere Zurückhaltung möglich sei."

*)(* Eine Sensation im Biograph. Die Ueberschwennungen in Paris", von denen täglich spal­

Morphiumfäufer sein könnte, daß andererseits aber zu viele Herren seitdem in der Apotheke gewesen seien, als daß er mit Bestimmtheit ihn zu erkennen vermöchte. Ungefähr so hätte jener junge Mensch, der am 25. Oktober in der Apotheke gewesen war, wohl ausgesehen, aber wie leicht man sich in solchen Fällen irren könne, wisse ein jeder.

Was Olfers anbetraf, so behauptete er mit der glei chen teilnahmslosen, fast stumpfen Ruhe, die er bis jetzt bei allen Verhören zur Schau getragen, daß er nie, weder am 25. Oftober, noch sonst jemals, in der Bärenapotheke ge­wesen, also auch kein Morphium dort gekauft habe. Wie immer sagte er, daß er an Graf Welshofens Tod unschul­dig sei und nichts über den Fall wisse. Allen übrigen Fra­gen über seine Beziehungen zu Anita Brusio und über das, was er in den Tagen vor der Ermordung des Grafen ge­trieben, setzte er ein hartnäckiges Stillschweigen entgegen. Eben dies Schweigen war es auch, was ihn so überaus verdächtig machte.

Niemand glaubte seinen Unschuldsbeteuerungen, er war eigentlich jetzt schon in der Meinung der Richter und des Publikums verurteilt. Die Ansichten, ob er in der Bären­apotheke sich das Gift verschafft, schwankten zwar, aber im großen und ganzen neigte man sich doch dem Glauben zu, daß er es gewesen, mit dem der Provisor wegen der Her­ausgabe des Morphiums verhandelt hatte.

Paula dachte nach. Wie konnte Olfers- alias Lan­zani am 25. Oftober in der Bären- Apothefe gewesen sein, da er doch zu der angegebenen Stunde in der Wil­son- Scool unterrichtet hatte? Sie war zwar erst einen Tag später zum ersten Male in der Schule gewesen, aber Lanzani hatte ihr seinen Stundenplan gezeigt, aus dem sie ersah, daß der Besuch in der Apotheke in eine Zeit fiel, in der er Unterricht zu erteilen pflegte.

Nun hatte sie aber genugsam erfahren, wie pünktlich es in der Schule zuging und daß es niemals den Lehrern ge­stattet wurde, eine Unterrichtsstunde ausfallen zu lassen, außer in ganz besonderen, eigentlich nur Krankheitsfällen, in denen sie ein ärztliches Zeugnis zu ihrer Entschuldigung beibringen mußten. Sofern Lanzani am Tage zuvor krant gewesen war, hätte er es ihr aber, da sie einmal über den Gegenstand sprachen, sicherlich erzählt.( Forts. folgt.)