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Nr. 165
battion u.Hauptegpedition: Gießen, Seltersweg 83, Fernsprechanschluß Nr. 362.
Dienstag, den 17. Juli 1906
Gießener
15. Jahrgang
Gratisbeilagen: Oberbeffische Familienzeitung( täg und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Beifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberbeisen
Schädigungen durch die Gerichtsferien.
Wieder hat die Themis ihre Pforten für zwei Monate vor dem größten Teil des rechtsuchenden Publikums geschlossen: Bom 15. Juli bis zum 15. September find Gerichtsferien. Nur die Strafjustiz und die freiwillige Gerichtsbarleit gehen ihren Gang fort und einige wenige Zivilprozesse, denen bas Kriterium eines besonderen Beschleunigungsbedürfnisses an die Stirn geschrieben ist.
Es wird faum einen Menschen geben, der den Richtern, beren Ueberlastung mit Arbeiten ja geradezu sprichwörtlich geworden ist, die Ferien mißgönnte. Man sieht im Gegenteil sehr wohl ein, daß diese Männer, denen die Verantwortlichfeit ihres Amtes viele Lasten aufbürdet, der Erholung mehr benn manche andere Leute bedürftig sind. Aber die Gerichts ferien im allgemeinen sind eine Einrichtung, die für einen modernen Rechtsstaat durchaus nicht mehr passen will. Die Klagen des Publikums und namentlich des Handelsstandes über die Schädigungen, die mit dem zweimonatigen Stillstand ber Rechtspflege verbunden find, haben einen solchen Grad erreicht, daß schon vor einigen Jahren das preußische Abgeordnetenhaus sich nicht mehr der Pflicht entziehen konnte, bie Angelegenheit ausführlich zur Erörterung zu bringen. Von allen Seiten wurde betont, daß die Gerichtsferien viele Nachteile für das geschäftliche Leben mit sich bringen; auch der derzeitige Justizminister Schönstedt mußte das anerkennen. Aber zu dem radikalen Vorschlage der Beseitigung der Ferien fonnte man sich nicht aufschwingen. Namentlich der Justiz minifter hatte gegen jeden gesetzlichen Eingriff nach dieser Richtung solche Bedenken, daß er entschieden davon abriet. Er hielt es für genügend, wenn während der Gerichtsferien den größeren Gerichten eine genügende Anzahl von Hilfsfräften beigeneben würde, damit die Ferien fammern allen billigen Ansprüchen an die Behandlung eiliger Sachen während der Ferien entsprechen können.
Man hat zwar dieses Versprechen gehalten und eine Reihe von Gerichten jezt in den Ferien stärfer besetzt als früher. Aber trotzdem dauern die Klanen der Geschäftswelt fort. Vor allen Dingen handelt es sich darum, daß die meisten Anträge auf Erflärung einer Angelegenheit zur Feriensache rein schematisch und ohne Angabe von Gründen abgelehnt werden. Und so sind die Gerichtsferien besonders für die Gilde der saumseligen und böswilligen Schuldner ftets eine Zeit der Wohlfahrt, während die Gläubiger, die des Aergers sowieso schon genug baben, noch ergrimmt zuschauen müssen. Denn der geriebene Schuldner fennt Mittel und Wege, um sich die gefeßliche Stundungsfrist der Gerichtsferien zu gute fommen zu lassen. Sein Bestreben ist darauf gerichtet, die Sache über die Ferien hinaus zu bringen. Und wenn sich auch das Sprichwort Kommt Zeit, fommt Rat" nicht immer bewahrheitet, so gewinnt doch der Schuldner Beit, während der Gläubiger gerade durch dieses Hinausziehen seiner Sache ganz ins Hintertreffen gerät und häufig nur das Nachsehen hat. Es wäre wirklich nicht das erste Mal, daß ein Gläubiger, den die Gerichtsferien daran hindern, seine Außenstände einzutreiben, selbst in Salamitäten gerät.
Warum müssen nun alle Beamten mit einem
Male beurlaubt werden? Man fönnte die freie Zeit doch während des ganzen Jahres unter fie verteilen und einen nach dem anderen in die Ferien schicken, wie das nicht allein in vielen gewerblichen und kaufmännischen Betrieben, sondern fast auch in allen staatlichen Anstalten, selbst die Staatsanwaltschaft nicht ausgeschlossen, getan wird. Man fönnte da nebenbei noch nach Möglichkeit den einzeinen Beamten in ihren Wünschen entgegenkommen. Die Gerichtsferien entstammen ja auch garnicht einmal dem Bedürfnisse, die Richter in dieser Weise zu beurlauben, sondern man wollte buchstäblich der ländlichen Bevölkerung während der Erntezeit den Weg zum Gericht sparen. Heute sind die Verhältnisse aber anders. Der größte Teil des Publikums hat ein Interesse daran, daß diese Einrichtung beseitigt werde. Das wird indessen vorläufig nicht geschehen. Somit wird nichts weiter übrig bleiben, als den Kreis der Feriensachen zu erweitern. Diese Erweiterung darf nicht, wie bisher in bas Belieben der Richter gestellt, sondern muß gesetzlich festgelegt werden. Bevor nicht wenigstens auf diese Weise eine Aenderung herbeigeführt ist, werden die Klagen über den jezigen Zustand nicht aufhören.
Gewalttaten in Rußland.
Die Lage in Rußland wird eine immer verzweifeltere Es ist, als ob alle schlechten Instinkte der Volksseele, je länger die Unwißheit über die Entwicklung anhält, desto schrankenloser auftreten, und die Meldungen von SchreckensSzenen nehmen kein Ende.
Besonders gefährlich sind die Sonn- und Feiertage, an denen die Menge mehr als sonst zu Ausschreitungen fich geneigt zeigt.
Unter dem Einfluß des Alkohols.
wirfungen hingewiesen, die dabei der übermäßige Alkoholgenuß wieder ausgeübt hat. Da geht der Revolver, den nur allzu schnell los, und jedermann bei sich trägt, wohin die Kugel fliegt, wenn sie trifft, vermag niemand bei dem Dranflosschießen zu garantieren. So gab es denn wieder auf den Straßen, in den verschiedenen Stadtteilen eine wüste Schießerei, wobei oft fein Mensch wußte, wie sie losgegangen war und welchen Zwed sie hatte. Wie weit aber die Leidenschaften entfesselt sind, sodaß weder Alter noch Ge schlecht verschont bleibt, das bewies ein Ausbruch, zu dem sich eine Anzahl Arbeiter hinreißen ließen. Diese waren bisher mit dem Austragen von Waren beschäftigt gewesen. Aus irgend einem Grunde feierten sie, und an ihrer Stelle wurde die Arbeit von Kindern besorgt. In der Wut darüber Schreckten die Arbeiter nicht davor zurück, die Kinder mit kochendem Wasser zu übergießen!
In Petersburg hat es am letzten Sonntag wieder turbulente Szenen gegeben, die in ihren Ausläufern einen. besonders häßlichen Charakter aufweisen. Von allen Beobachtern wird übereinstimmend auf die aufreizenden Ein
Ueberfälle und Mordtaten.
Die durch die Unsicherheit erzeugte Stimmung wird bon den Anarchisten für ihre Zwecke nach Kräften ausges nußt. So haben sie wieder Proklamationen erlassen, in denen das ,, rote Hundert" die Bevölkerung auffordert ,,, die Sprache der Kugeln und der Bomben zu reden". Ganze Städte, wie 1. B. Baku, stehen völlig unter dem Terrorismus der Anarchisten. In Sosnowice drangen zwölf Vermummte in das Gebäude der Staatsbant ein, schossen zwei Bankbeamte nieder und raubten 65 000 Rubel. Auf der Grinowfabahn brachte eine auf 3000 Köpfe geschätzte Menge einen Rug zum Stehen und eröffnete auf das Zugpersonal und die Reisenden ein Steinbombardement. Ja bis dicht an die Residenz des Zaren erstreckt sich die Unsicherheit. Wurde doch im Peterhofer Park, vor den Augen des dort promenierenden Publikums, der General Koslow von einem anständig gekleideten Manne niedergeschossen. Da der General mit dem den Anarchisten besonders verhaßten Trepom Aehnlichkeit hat, so scheint das Attentat diesem gegolten zu haben. Auch in Czenstorchau in Rufusch- Polen wurden zwei Polizeiwachtmeister auf offener Straße erschossen.
Die Kosaken mentern weiter.
Auf die Armee ist wohl gar nicht mehr zur Herbetführung geordneter Verhältnisse zu rechnen. Auch die Kosaken werden immer schwieriger. Neuerdings haben auch die in Mostau garnisonierenden Kosaken sich der Bewegung ange schlossen. Sie haben Delegierte gewählt, die in einer Ver Sammlung nichts geringeres, als die Anstellung einer Untersuchung der durch die Offiziere' gegen die Mannschaften verübten Mißbräuche beschlossen, sich im weiteren für die Forderungen bes Volkes erklärten und ihre Beschlüsse der Reichsduma Rbermittelten.
Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
• Gouverneur von Lindequist hat an die Beamten in Südwestafrifa ein bemerkenswertes Rundschreiben erlassen Es heißt in dem Schreiben u. a.:
Ich erwarte von den Schußgebietsbeamten, daß fie fich stets bewußt sind, daß sie nicht nur um ihrer selbst willen, sondern lediglich zur Förderung des Landes und der Interessen der Bevölkerung hier sind. Jede persönliche Vorliebe oder Voreingenommenheit ist unbedingt beiseite zu setzen. Der persönliche Verfehr mit der Bevölkerung, dem nach Möglichkeit der Vorzug vor dem schriftlichen zu geben ist, hat sich in freundlichen und entgegenkommenden Formen zu bewegen. Die Eingeborenen, und zwar die zurzeit friegsgefangenen nicht minder wie die freien, find gerecht zu behandeln, womit eine richtig angewandte er zieherische Strenge sehr wohl vereinbar ist. Die Beamten haben sich stets vor Augen zu halten, daß der Eingeborene ein sehr feines, angeborenes Gefühl dafür hat, ob er seinem Betragen entsprechend behandelt wird und nur bestraft wird, wenn er es verdient hat. Nur bei einer solchen Behandlung wird es möglich sein, das Vertrauen der Eingeborenen zu gewinnen.
dann
Der Gouverneur sagt weiter, daß nur bei Beobachtung solcher Gesichtspunkte eine friedliche Regierung des Landes möglich werde. Das Vorgehen Lindequists trägt sicherlich zur ruhigen Entwicklung der Kolonie bei das ist die Wieinung aller bejonnen enfenden Bolitifer. Frankreich.
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** Nach Mitteilungen, die der Kriegsminister Etienn im Ministerrat machte, ist die Rehabilitierung Dreyfus und Piquart's derartig geordnet, daß Major Dreyfus den 12. Artillerie- Regiment in Vincennes zugeteilt wird, während der Brigade- General Picquart unverzüglich ein Kommando im Bezirk des Pariser Militärgouvernements erhalten wird. Der im Dreyfus Prozeß so schwer blosgestellte General Mercier ist nach England gereist und hält sich vorläufig bort auf. Das Befinden des im Duell verlegten UnterStaatssekretärs Sarraut wird von den Aerzten als befried gend bezeichnet.
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England,
** Die Agitation für das Frauen- Wahlrecht hat zu einem blutigen Exzeß geführt. Der bekannte Arbeiterführer Mr. Keir Hardie, Mitglied des Parlaments, führte den Vor
B in einer Versammlung zu Wanchester, dte unter freiem Himmel abgehalten wurde. Die Versammlung wurde von Gegnern des Frauenwahlrechts gestört und schließlich entwickelte sich ein heißer Kampf zwischen den Anhängern und den Gegnern des Frauenwahlrechts. Spazterstöcke, Schirme und andere ähnliche Gegenstände wurden als Waffen benutzt. Mehrere Personen wurden verwundet.
** Die Londoner Presse beschäftigt fich angelegentlichst mit den Grausamfeiten der englischen Truppen gegen die Aufständischen in Natal. Die Johannisburger Sunday Times" meldet, die loyalen eingeborenen Truppen hätten nach einem Gefecht im Mometal 3000 Eingeborene niedergemacht. Major Nicolat von der leichten Transvaalinfanterie beftätigt in einem Briefe an einen Freund, daß kein Barvon gegeben wird, daß die Truppen das Land durchsuchen, jeden Schwarzen niederschießen, ihre Kraals verbrennen, das View forttreiben und das Gras anzünden, wo es nur brennen will. Andere Privatbriefe melden, daß den weißen Truppen die Hinschlächterei und das Erschießen der Gefangenen, wenn das Lager abgebrochen wird, zum Efel ist.
Amerika.
Der Bruderzwist in den amerikanischen Republiken nimmt größere Dimensionen an. Eine starte guatemalanische Streitmacht ist in Honduras und San Salvador eingefallen. In beiden Ländern sind Kämpfe im Gange. Die Guatemalaner rücken in Honduras vor. Sonnabend Abend griff die Armee von Salvador die Guatemalanische bei Platanar an. Die Buatemalaner verloren 2000 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen. Die über Sante Fe eindringende guate malanische Armee wurde zurückgeschlagen. Der Präsident Bouilla von Honduras telegraphierte, Honduras habe nach1 ben Krieg erklärt. Die Republiken Salvador und Guatemala nahmen beide die von den Vereinigten Staaten angebotent Vermittelung zur Begleichung ihrer Streitfragen an.
Dof und Gesellschaft.
Auf seiner Reise ist der Kaiser an Bord der " Hamburg" vor Digermulen eingetroffen. Das Wetter ist regnerisch. An Bord ist alles wohl. Der Kaiser hatte Belegenheit, auf seiner diesjährigen Nordlandfahrt von der Hamburg" aus die Mitternachtssonne zu beobachten, die in feltener Schönheit strahlte.
Die Kaiserin gedenkt sich mit der Prinzessin Vittoria Luise nach Wilhelmshöhe zu begeben und dort mehrere Wochen zu verweilen. Dort wird auch nach Be endigung der Nordlandsreise der Kaiser eintreffen.
Der deutsche Kronprinz und seine Gemahlin, Die Kronprinzessin Cäcilie, sprachen für die ihnen aus Anlaß ber Geburt des Sohnes aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes und aus allen Kreisen der Bevölkerung zugegangenen Fälle von Glückwünschen ihren aufrichtigsten Dant öffentlich aus.
Deer und flotte.
Kommt die englische Flotte nach deutschen Häfen? Nachdem der Besuch der englischen Flotte in den russischen Gewässern auf Wunsch der runfischen Regierung aufgeschoben worden ist, dürfte, dem Vernehmen nach, auch der Besuch der englischen Flotte in den deutschen Gewässern unterbleiben.
ueoungsfahrt der denten Flotte. Vte attive Schlacht Motte ist Montag vormittag zu ihrer diesjährigen Uebungs. reise, die nach den norwegischen Gewässern führt, ausgelaufen. Das zweite Geschwader fährt um Stagen, während das erste Geschwader und das Gros der Aufklärungsschiffe, sowie die Schul- und Torpedobootsflottille durch den Kaiser WilhelmKanal gegangen find.
Reformen im franzöftichen Heer. In der französischen Armee ist probeweise ein neues Dienstreglement eingeführt worden. Der Soldat soll vor Uebellaune seines immittel. baren Borgesetzten geschüßt werden. Der Stubenarrest isl vollständig abgeschafft.
Vermehrung der japanischen Flotte. Nach Meldungen ans Tofio beabsichtigt Japan außer den bereits im Bau befindlichen Kriegsschiffen, großen Kreuzern und fleineren Fahrzeugen auf grund de in legten Kriege gewonnenen Erfahrungen noch mehr Kriegsschiffe, große Kreuzer und Torpedoboote, alle mit schwerer Armierung, zu bauen.
Nab und fern.
+ Vom 15. Deutschen Bundesschießen. Aus allen Teilen Deutschlands und Desterreichs find die Schüßen, viel fach in eigenen Extrazügen, in der Feststadt München ange langt, und auch aus dem Auslande, namentlich aus Amerika, dann aber auch aus Frankreich und Belgien find Abordnunger bertreten. Den Höhepunkt bildete der Festzug, der von dem mit dem gesamten Hof erschienenen Brinzregenten Luitpold am Königsbau abgenommen wurde und mit seiner höchst malerischen Ausgestaltung, den vielen, zum Teil sehr alten Fahnen und den verschiedenen Landestrachten einen sehr Interessanten Anblick darbot. Am Rathause wurde das Bundesbanner vom Vertreter Hannovers, der letzten Feststadt, an die Stadt München übergeben. in deren Namen sie der


