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Nr. 268.
Rebattion u. Saupterpebition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.
Mittwoch, den 14. November 1906
Gießener
15. Jahrgang
Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).
Neueste Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weglar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Die Sicherheit auf der Eisenbahn. Auf der Fahrt von Altona nach Blankenese wurde der Bahnarzt Claussen im Eisenbahnzuge ermordet und beraubt. Das Verbrechen rief ungeheure Sensation nicht nur in Hamburg und Umgegend hervor, en ganz Deutschland war man erschroden über diesen abermaligen entseglichen Ueberfall eines Eisenbahnpaffagiers. Glüdlicherweise gelang es, den Mordbuben alsbald festzunehmen. Ein noch nicht achtzehnjähriger Bursche hat das Leben eines arbeitsamen Mannes, das Glüd einer Familie vernichtet um weniger Markstücke willen. Der jugendliche Mörder lag ruhig in seinem Bett, als man ihn in früher Morgenstunde verhaftete. Er gestand ohne weiteres, daß er einen Eisenbahnraub schon länger geplant hat, um sich Geld zu beschaffen. Ein scharfgeschliffenes Beil trug er fcit Tagen mit fich herum. Am Tage der Tat ging er zum Altonaer Hauptbahnhofe, sah den unglücklichen Claussen mit einer Handtasche in ein Coupé einsteigen und folgte ihm. Das Coupé hatte weiter feinen Insassen. So fiel der Bursche, als der Zug einige Zeit in Bewegung war, über sein nichtsahnendes, zeitunglesendes Opfer her, tötete es in bestialischer Weise, raubte, was an Geld und Geldeswert zu erraffen war und entfernte fich ungehindert auf der nächsten Station. Nicht einmal ein Schrei des Getöteten drang zu den Insassen der nächsten Coupés. Die ganze Tragödie spielte sich in einigen Minuten ab. Der Mörder hatte auch nicht Zeit, fich bom Blut zu reinigen. Als der Ausgangsbeamte ihn darauf aufmerksam machte, erklärte der Mörder sein Aussehen mit plöglichem heftigen Nasenbluten. Wenige Minuten später war der Mord entdeckt, wurde die Verfolgung aufgenommen, und nach wenigen Tagen hat man den Mörder erwischt. Daß dies geschehen würde, war bei der Kürze seines Borsprungs vorauszusehen und bei der Deutlichkeit, mit der man fein Signalement feststellen konnte. Auf der Bahnstrecke, in deren Bereich der Mord vorgekommen ist, haben seitdem die Reisenden sich vielfach geweigert, in einem Coupé allein zu fahren oder mit nur einem ihnen unbekannten Gefährten. Die Passagiere drängten sich aus der ersten und zweiten in die dritte Klasse, weil sie sich vor dem Alleinsein und vor dem Beisammensein mit einem einzelnen Unbekannten fürchteten. Weshalb die Furcht gerade diese Grenzen innehielt, ist nicht recht verständlich. Denn auch zwei Unbekannte fönnen Mörder sein und haben für die Ausführung ihrer Absichten sogar bessere Chancen, eben weil sie zwei sind.
Die Furcht wird vorübergehen, man wird sich nicht mehr von der ersten und zweiten in die dritte Klasse drängen, man wird wie früher sehr gern allein im Coupé sein und wird nicht in jedem einzelnen Reisegenossen einen Mörder vermuten. Die Eindrücke des Schreckens und der Furcht verwischen sich eben leicht. Aber wenn auch die Furcht schwindet, die Frage bleibt doch bestehen, wie man die Sicherheit der Reisenden erhöhen könne. Die neuerlichen Erörterungen haben nicht viel besseres Ergebnis gehabt als die früheren, die man bei ähnlichen Anlässen angestellt hat. Man hat den Durchgangswagen gegenüber dem Wagen mit Einzelcoupés empfohlen. Der Durchgangswagen hat auch gewisse Sicherheitsvorzüge; aber unbedingte Sicherheit gewährt er nt, und seine Vorzüge werden dadurch aufgehoben, daß im Durchgangswagen der Mörder leichter entschlüpfen kann als aus einem Wagen mit getrennten Coupés, und daß er leichter an sein Opfer sich heranschleichen kann. Im übrigen geht es mit jeder Sicherheitsvorkehrung ähnlich. Soll etwa der Schaffner angehalten werden, in kurzen Zwischenpausen sich zu überzeugen, ob in keinem seiner Coupés ein Mord stattgefunden hat, so würde der wahrscheinliche Effekt der sein, daß die geduldigen Reisenden sich an die Störung durch den Schaffner hinreichend gewöhnen, um nach kurzer Zeit gar nicht mehr zu bemerken, wenn in nachtschlafenber Zeit ein Unberufener und Verdächtiger zu ihnen ins Coupé tommt. Die weniger geduldigen Reisenden werden regelmäßig in der Versuchung sein, den revidierenden Schußbesuch des Schaffners mit einem Angriff auf den Schaffner, zum mindesten mit einer Verwünschung zu beantworten. Die Sanguinisch- Furchtsamen endlich werden den Schaffner behandeln, als ob er ein Raubmörder wäre und zum mindesten den Versuch machen, ihn hinauszuwerfen. Auch die Vermahnung zum Selbstschuh und zu eigener Achtsamkeit ist verfehlt. Wer nachts fährt, will nachts schlafen. Und selbst wenn er nicht schlafen will, so überkommt ihn gegen seinen Willen der Schlaf, und bis jetzt hat es noch niemand dahin gebracht, im Schlaf achtsam zu sein.
Deffenungeachtet beabsichtigen die Eisenbahn- Behörden, die nötigen Konsequenzen auch aus dieser neuesten Untat zu ziehen. Eisenbahnpräsident Jungnidel- Altona teilte in einer Sigung der Eisenbahndirektion mit, daß im nächsten Frühs jahre neue Staats- und Vorortsbahnwagen eingeführt würden, die so konstruiert seien, daß Vorkommnisse, wie die in letzter Bett wiederholt ausgeführten Raubanfälle in Eisenbahnwagen, unmöglich gemacht werden.
Wir sagten oben, Furcht und Schrecken würden fich legen. Das wird auch sehr bald der Fall sein. Im Grunde ist doch ( die Zahl der Mörder recht gering. Die Sicherheit auf unseren Bahnen gegen Eisenbahngefahren, die mit dem Betrieb zusammenhängen, ist in Deutschland größer als irgendwo in der Welt. Die Gefahr, die von Mördern droht, ist gegenüber den Betriebsgefahren der Eisenbahn wiederum verschwindend klein. Man soll also nicht mit Uebertreibung von
den besonderen Gefahren sprechen, die den Heisenden aus Eisenbahnen von Mördern drohen. Man ist auf Eisenbahnen Mördern gegenüber mindestens so sicher wie anderwärts, und daß eine Spezialität von Eisenbahnmördern sich bei uns aus: bilden sollte, ist einstweilen nicht zu erwarten.
Politifche Rundschau.
Deutfches Reich.
Dem Reichstanzler und dem Reichstag wurde die Petition des deutschen Städtetages wegen der Fleischteuerung übergeben. In der Petition wird darauf hingewiesen, daß bie Fleischpreise trotz der günstigen Ernte des Jahres 1905/06 nicht zurückgegangen find, sondern infolge der am 1. März in Kraft getretenen Zollerhöhungen fortwährend noch steigen. Der Deutsche Städtetag beantragt deshalb: 1) Die schleunige Deffnung der Grenze für lebendes Vieh und Fleisch unter Aufrechterhaltung der notwendigen Veterinärkontrolle, 2) die wenigstens vorübergehende Herabsehung der Vieh- und FleischZölle. Die lippesche Staatsregierung beschloß eine offizielle Vorstellung in Sachen der Fleischteuerung an den Bundesrat zu richten. Die Bürgerschaft in Lübed nahm einen Antrag an, den Senat zu ersuchen, durch den Lübecker Vertreter im Bundesrat nachdrücklich für Deffnung der Grenzen für ausländisches Vieh einzutreten.
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* Am 3. und 4. Dezember wird der Deutsche Handelstag eine Ausschußfizung abhalten. Auf der Tagesordnung stehen außer geschäftlichen Angelegenheiten Fleischteuerung, telegraphischer Verkehr mit der Türkei, Fernsprechgebühren, Eisenbahnverkehrsordnung, Wechselprotest, Frachturkundenstempel, Verwendung der Warenhaussteuer, Rabattsparvereine, Schädigung des Handels durch Leihhäuser, Dienstantritt der Handlungsgehilfen, Sonntagsruhe und Unfallversicherung im Handelsgewerbe, Eigentumsvorbehalt an Maschinen, Verkehr mit Heilmittein, Brifetts, Seife.
* Das laiserliche Handschreiben, durch welches dem ehe maligen Landwirtschaftsminister v. Podbielski die Genehmigung feines Abschiedsgesuches mitgeteilt wird, hat folgenden Wortlaut:
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Metn lieber Staatsminister von Podbielski Nachdem Ich Ihnen durch Erlaß vom heutigen Tage die nachgesuchte Dienst entlassung in Gnaden erteilt habe, ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen für die ausgezeichneten Dienste, welche Sie mir und Hem Vaterlande geleistet haben, und die Art und Weise, wie Ste während Ihrer Amtsführung die Interessen der Mir be onders am Herzen liegenden heimischen Landwirtschaft wahr genommen haben, Meinen Königlichen Dank auszusprechen Als Zeichen Meines Wohlwollens verleihe Ich Ihnen di Brillanten zum Großkreuz des Roten Adlerordens mit Eichen laub und Schwertern am Ringe und lasse Jch Ihnen di Dekoration hierneben zugehen. Ich verbleibe Jhr wohlgeneigte König gez. Wilhelm.
Rufsland.
** In Jrfutst ist ein Mordversuch gegen den berühmten General Rennenkampf gemacht worden. General Rennentamp fuhr in der Begleitung eines Adjutanten in einem offenen Wagen durch die Straßen, als plöglich eine Bombe gegen ihn geworfen wurde. Die Bombe explodierte und tötete den Adjutanten sowie ein Pferd. General Rennenkampf bliek unverlegt. Der Attentäter wurde ergriffen. Afrika.
** Der Gouverneur der Kaptolonie hat den Gouverneur bon Deutsch- Südwestafrika mit Bezug auf den Burenputsch in Transvaal gebeten, Maßnahmen zu treffen, um die Freibeuter einzufangen, wenn sie sich nach Deutsch- Südwestafrika zurückziehen sollten, und sie dann auf Grund der Beschuldigung bes Diebstahls und des Mordversuchs auszuliefern. Es verlautet, daß die deutschen Kolonialbehörden beabsichtigen, im besten Einvernehmen mit den englischen zu handeln. Der Anführer der Aufständischen, Ferreira, habe sich der Heliographenstation der Kappolizei bemächtigt. Ein gewisser Jensen fungiere als Ferreiras Stellvertreter.
Kine politische Nachrichten.
Posen, 13. November. Die Polen der ganzen Provinz beschlossen eine Eingabe an den Kaiser wegen des Religionsunterrichts. Viele Hunderte Geistliche agitieren für die BittSchrift.
Posen, 13. November. Nicht weniger al: 100 000 polnische Schulkinder sollen an der Obstruktion gegen den deutschen Schulunterricht teilnehmen. Davon kommen 40 000 auf Westpreußen und 60 000 auf die Provinz Posen.
Bückeburg, 13. November. Der schaumburg- Lippesche Landtag nahm gestern den Staatsvertrag zwischen Schaumburg- Lippe und Preußen betreffend den Rhein- Weser- HannoverKanal an.
London, 13. November. Die englische Admiralität hat den Befehl erlassen, daß die Kanalflotte fich sofort in die maroffanischen Gewässer begeben soll, um die französische Flotte bei einer eventuellen Demonstration gegen die Maroffaner zu unterstützen. Raisuli ist vom Sultan zum Pascha von Arzila ernannt worden.
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Konstantinopel, 13. November. Die Stimmung auf türkischer Seite im türkisch- persischen Grenzkonflikt läßt eine Verständigung ausgeschlossen erscheinen, und Persien wird daher eine schiedsgerichtliche Entscheidung anrufen müssen.
Dof und Gefellschaft.
Der fünfte Sohn des Kaisers, Prinz Oskar bon Preußen, hat das Offiziersexamen mit dem Prädikat ,, vorzüglich" bestanden. Prinz Oskar wurde der 6. Kompagnie bes 1. Garderegiments unter Hauptmann von Unruh zur Ausbildung der Refruten zugeteilt. Der Prinz wird demnächst einen eigenen Hofstaat erhalten.
Die Prinzessin Hermine Reußä. Q. hat fich in Bückeburg im fürstlichen Schlosse mit dem Prinzen Johann Georg von Schönaich- Carolath verlobt. * Der österreichisch- ungarische Minister des Aeußerit Freiherr von Aehrenthal ist von Petersburg i Berlin eingetroffen.
Graf Witte, der gestern nach Petersburg zurückgekehrt ist, sieht sehr leidend aus und spricht vollständig heiser, Er erklärte, schon deshalb sei an eine Uebernahme der Regierung durch ihn nicht zu denken.
Aus den Darlamenten.
Deutscher Reichstag. Die nationalliberale Fraktion des Reichstages hat durch ihren Vorsitzenden Abg. Bassermann folgende Interpellation eingebracht: Ist der Reichskanzler bereit, Auskunft zu geben über unsere Beziehungen zu den übrigen Mächten und sich über die Besorgnisse zu äußern, die in vielen Kreisen des deutschen Volkes wegen der internationalen Lage bestehen?" Die Interpellation soll heute zur Verhandlung kommen. Die Nationalliberalen haben ferner Anträge eingebracht, wodurch das Recht der Zeugnisberweigerung für Abgeordnete in Ausübung ihres Mandats und die Haftung des Staates resp. anderer juristischer Bersonen für durch Beamte verursachte Schäden grundsäglich ausgesprochen wird. Dem Reichtage sind die Gesezentwürfe betreffend die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine und die Sicherung der Forderungen der Bauhandwerker zugegangen. Der Seniorenfonvent des Reichstags beschloß, so lange Wahlprüfungen und fleinere Vorlagen auf die Tagesordnung zu jegen, bis der Etat un den Reichstag gelangt ist. Morgen soll dem Reichstage ein Nachtragsetat für Südwestafrika in Verbindung mit einer umfassenden Denkschrift des neuen Leiters des Kolonialamtes Dernburg zugehen.
Deutfcher Reichstag.
CB. Berlin, 13. November. ( 116. Sizung.) Das Diätengefeß, das hurz vor der Vertagung zustande gekommen ist, übt zunächst eine günstige Wirkung auf die Präsenz des Hauses aus; die Herren Abgeordneten fanden fich zur heutigen Wiederaufnahme der Arbeiten in so hoher Bahl ein, wie sonst nur an großen Tagen. Natürlich wurde dadurch die übliche Unruhe im Saale noch vermehrt, und es war schwer zu verstehen, was die Redner sprachen. Immer hin lonnte man hören, daß der Präsident Graf Ballestrem die Sizung mit einer Begrüßung der erschienenen Mitglieder des Hauses eröffnete, und daß er nach Verlesung zahlreicher geschäftlicher Mitteilungen der während der Sommerferien verstorbenen Abgeordneten Dr. Sattler, Grünberg und Jessen gedachte, deren Andenken in üblicher Weise durch Erheben von den Pläzen geehrt wurde.
Sodann trat das Haus in die Tagesordnung ein, deren erster Punkt mehrere Petitionen betreffend die Arbeitsverhält nisse der Kellner und Hotelbediensteten bildeten. Die Kom mission beantragt, die Eingaben der Regierung als Material zu überweisen, soweit fie gerichtet sind auf Einführung einer wöchentlichen ununterbrochenen Ruhepause von 36 Stunden für alle Angestellten in Gastwirtschaftsbetrieben, sowie au Beseitigung oder Einschränkung der privaten Stellenvermittelung und Ausdehnung der Unfallversicherung auf das Gastwirtschafts gewerbe. Hiergegen beantragt die Kommission über die Peti tionen zur Tagesordnung überzugehen, soweit sie die Forderung auf Einschränkung der Lehrlingshaltung enthalten. Es ent spann sich hieran eine längere Debatte, in der sämtliche Redner der Meinung Ausdrud gaben, daß im Gastwirts gewerbe soziale Mißstände herrschen, deren Beseitigung an gestrebt werden müsse, und von verschiedenen Seiten angeregi wurde, nicht nur Ueberweisung als Material, sondern zui Berücksichtigung zu beschließen. Das Haus entschied in diesen Sinne. Von den weiteren Petitionen, die zur Beratung standen, riefen eine längere Diskussion noch die betreffeni Es wurde be Ausprägung von Silbermünzen hervor. schloffen, die Eingabe betreffend die Ausprägung vor 25- Pfennigftüden der Regierung als Material, betreffend di Ausprägung von Fünf- Markstücken zur Erwägung zu über weisen. Morgen steht auf der Tagesordnung eine Inter pellation des Abgeordneten Bassermann über die auswärtig Politit. Die Antwort wird der Reichstanzler persönlich er teilen.
Soziales Leben.
✗Anssperrungen anf deutschen Werften. Da die über die Schiffswerft von Stocks& Kolbe in Wellingdorf bei Kiel verbänate Sperre bisher nicht aufgehoben worden ist, hat der


