Ausgabe 
29.4.1905 Zweites Blatt
 
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essen

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Nr. 100.

Zweites Blatt.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­heffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg. Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Samstag, den 29. April 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abouuementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertelfährt. Mt. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Giekener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Unabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Suum cuiquo.

[ Politische Wochenschau.].

Die Fahrt des russischen Admirals.schdjestwensky nach Bladiwostok hat in der vergangenen Woche noch höhere Auf­mertfamfeit erregt, als schon früher der Fall gewesen. Man fah seiner Vereinigung mit dem dritten Ostseegeschwader, die ihm Ueberlegenheit über die maritimen Streitkräfte der Japaner geben würde, mit teilnahmevoller Spannung ent­gegen. Anerkennend sah man, wie er die besonderen Schwierigkeiten überwand, die für ihn in dem Zwang lagen, sich auf hoher See mit Kohlen zu versorgen und des­halb das Tempo der Bewegung nach der geringeren Geschwin­digkeit der begleitenden Kohlenlastschiffe zu richten. Seine Aufgabe, das wußte man, ist für den Fortgang des russisch­japanischen Krieges überaus bedeutungsvoll und viellei entscheidend. Kann er mit seiner Armada den Hafen von Mladiwostok erreichen, so ist, trop aller seitherigen Erfolge des japanischen Landheeres, das russisch- japanische Gleich­gewicht in der Mandschurei wiederhergestellt. Das zurzeit noch bestehende numerische und taktische Uebergewicht der Japaner wird ausgeglichen und sogar zugunsten der Russen verschoben, wenn die Japaner nicht mehr das Meer beherr­schen, der Ersatz an Truppen und Munition für sie ins Un­gewisse gerückt wird, während die Russen durch die sibirische

nzert Bahn, zwar langsam, aber sicher, mit neuer Mannschaft und

neuem Kriegsmaterial versehen werden. Der japanische Admiral Togo ist in der wenig beneidenswerten Lage cines Wilhelm No. 116 annes, der genau weiß, daß er in kurzer Frist neuen Vor­beer gewinnen muß, will er den früher errungenen nicht un­widerbringlich verlieren. In ähnlicher Lage ist beinahe ganz Japan, und darum ist es begreiflich, daß man von Tokio aus mit etwas nervöser Eifersucht darüber wacht, es möchte an feiner Stelle der russischen Flotte eine als Neutralitats bruch aufzufassende Erleichterung gewährt werden. As es den Anschein hatte, daß die Schiffe des Admirals Rosch­diestwensky in der Kamranhbucht der Küste von Kochinchina 8L nahe gekommen seien, kam sofort ein entschiedener Protest an die Regierung von Frankreich, die sich auch beeilte, den Vorstellungen Japans nachzukommen und korrekteste Neu­tralität zu wahren, auch gegen das Interesse des russischen Bundesgenossen.

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Neutralität beobachten heißt alles vermeiden, was einem von zwei Streitenden zum Nachteil gereichen könnte. Damit ist der eine Teil der Gerechtigkeitsforderung erfüllt; der andere Teil verlangt, daß man jedem das Seine zuweist. Das ist der altpreußische Wahlspruch ,, suum cuique", der, streng genommen, das ganze Wesen der Gerechtigkeit in sich schließt. Das ist auch der Kern der deutschen Politik in allen auswärtigen Fragen. In dem Marokkostreit will Deutsch­land nichts anderes, als gleiches Recht für alle. Es bean­sprucht feinen Vorzug für sich und mag keine Benachteili­gung dulden, nicht für sich und nicht für andere. Der Zu­fall hat es gefügt, daß gerade jetzt zu tage fam, wie Frank­reich unter der offenen Tür" freien Eingang nur für sich versteht. In Tripolis hat eine französische Gesellschaft unter Ausschließung aller übrigen Nationalitäten die Hafenarbei­ten erlangt. Kein Wettbewerb war zugelassen. In Marokko

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zielt grantreich auf das namliche Protektorat, auf ein zwei­tes Tunis. Dahin wird es nicht kommen. Den eigensüch­tigen Bestrebungen wird das suum cuique" entgegen­gehalten, das jedem einen Platz an der Sonne" gönnt. Noch ein kleines Zaudern und Sträuben, und man schickt sich auch in Frankreich in die Forderung, die ihm in diesem Falle unbequem sein mag, am letzten Ende aber für alle Welt ich wohltätig erweisen muß.

König Eduard von England hat der französischen Haupt­stadt einen abermaligen mehrtägigen Besuch gemacht. Er hat sich jeden offiziellen Empfang verbeten und kehrt in dus­selbe Hotel ein, in dem er als Kronprinz oft Gast gewesen. Kein Minister begleitet ihn. Ein einziges offizielles Diner wird ihm zu Ehren veranstaltet. Im übrigen bleibt er seinem Wunsch gemäß ungeniert, frei von allem amtlichen Apparat und Gepränge, das ihn einengen und ihm die Bewegungs­freiheit nehmen würde. So kann auch die Versuchung nicht an ihn herantreten, den Rahmen der strikten Neutralität zu verlassen, der ihm in dem Marokkostreit die größte Be­quemlichkeit bietet. Besser denn je versteht es England, eine ganz eigene Art Neutralität zu üben. Wahrscheinlich hat iman in England früher als anderwärts Japans aufstrebende Kraft richtig beurteilt. England zuerst Deutschland ist seinem Beispiel an zweiter Stelle gefolgt hat den Ja­panern das Zugeständnis der Aufhebung der Konsular­gerichtsbarkeit gemacht und sich dafür den Bau der japa­nischen Kriegsflotte auf den englischen Werften bedungen. An der japanischen Kriegsflotte hat England schweres Geld verdient, und dann hat es noch die Freude gehabt, zu sehen, wie die Japaner auf ihre Kosten die russische Stille Ozean­Flotte zerstörten, wodurch Englands Flotte einen neuen Vorsprung ohne jeden eigenen Aufwand gewann. Will es das Geschick, daß Admiral Togo auch die zweite und dritte russische Flotte überrennt so wird in England der Wunsch nach Herstellung des Friedens in Ostasien zu kräftigstem Ausdruck kommen. Bis dahin bleibt England neutral.

Der Neutralitätsgedanke in einem anderen Sinne, d. i. der bedingte Friedensgedanke, hat in Bulgarien festeren Boden gewonnen. Nicht weil man in Sofia sich freiwillig zu einer anderen Politik entschlossen hätte, sondern weil man dort erkannt hat, daß augenblicklich gegenüber dem festen Willen der europäischen Mächte, am status quo nicht rüt­teln zu lassen, nichts auszurichten ist. Deshalb werden die Bulgarenbanden aus Mazedonien zurückgewinkt. Man wird sie später brauchen können und will sich jetzt nicht veraus­gaben. Den Kretern wird die Rückkehr nicht so leicht. Sie haben sich zu weit vorgewagt. Allerdings nur mit groß­sprecherischen Resolutionen, die freilich auch nicht mehr ganz frisch, sondern aufgewärmt waren. Der Wortführer der Unversöhnlichen" unter den Kretern ist ein ehemaliger Rechtsanwalt, der eine Zeitlang der Ratgeber des Prinz­Gouverneurs Georg gewesen und aus Zorn über seine Ent­laffung sich m Vater aller Hindernisse" für den früheren Protektor herausgebildet hat.

Die Furcht vor der Genickftarre. ( Von unserem medizinischen Mitarbeiter.) Ein unheimlicher Gast ist in Oberschlesien einge­

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kehrt und hat auch bereits anderwärts angeklopft: eine ganz eigenartige epidemische Erkrankung, die Genick­starre genannt wird. Woher sie gekommen, wie sie entsteht, welche Heilmittel anzuwenden sind niemand weiß es. Vor hundert Jahren hat man sie zum ersten Male beobachtet, hat man ihren Verlauf festgestellt, ihr Bild genau um­schrieben. Dank der modernen Bakteriologie hat man auch den eigentlichen Erreger erkannt: einen ganz bestimmten, von jedem anderen unterschiedenen Mikrokokkus, der sich in der das Rückenmark in Hüftwirbeln umgebenden Flüssig­feit findet. Durch Lumbal- Punktion( Anbohrung der Hüft­wirbel) zieht man diese Flüssigkeit ab, in der der Mikro­foffus schwimmt. Daß er der Erreger ist, hat man durch Experimente erwiesen: Man legte Reinkulturen des Kokkus an und machte bei Versuchstieren Einspritzungen, worauf die Tiere regelmäßig von Genickstarre befallen wurden und an ihr eingingen. Ueber diese Erkenntnis hinaus aber ist man nicht gekommen. Man kennt kein anderes Vor­beugungsmittel, als die Verhütung der Ansteckung- denn die Uebertragbarkeit der Krankheit vom Menschen zunt Menschen, ihre Ansteckungsfähigkeit ist durch ihr epidentisches Auftreten bezeugt. Die Kranten werden tunlichst isoliert- das ist alles.

Was selbst diese Bekämpfung, nicht der Krankheit, son­dern ihrer Verbreitung, erschwert, ist der Umstand, daß sie bei ihrem Entstehen nicht leicht zu erkennen ist. Ihre Indizien sind sehr unbestimmt. Jede leichte und schnell borübergehende Unpäßlichkeit kann ungefähr die nämlichen Indizien haben. Begreiflicherweise ist es unmöglich selbst in der Beschränkung auf die Orte, in denen eine aus­gesprochene Genickstarren- Epidemie bereits herrscht-- eine Isolierung aller in diesem Sinne Verdächtigen" durch­zuführen.

Woher der Krankheitserreger selbst tommt, ist völlig inr Ungewissen. Man ist ganz und gar auf Vermutungen an­gewiesen, die wiederum so allgemeiner Natur sind, daß sie als Fingerzeige kaum dienen können. Schlechte Wohnungs­verhältnisse werden als Ursache angegeben aber es gibt sehr ungünstige Wohnungsverhältnisse, ohne daß die Genick­starre sich zeigt, während sie manchmal da auffritt, wo die Wohnungsverhältnisse vergleichsweise günstig sind. Ferner nennt man die Bodenbeschaffenheit als Ursache doch noch niemandem ist es gelungen, zu sagen, welche Boden­beschaffenheit es ist, die die Erscheinung der Genickstarre hervorruft.

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Die Genickstarre zeigt sich nicht selten bei Kindern, noch häufiger bei jungen Leuten von etwa zwanzig Jahren. Die Sterblichkeit erreicht dabei die erschreckende Höhe von 75 unter 100. Seltsamerweise ist die Genickstarre am häufig­sten in den Kasernen, bei den jungen Soldaten, beobachtet worden. Man hat sie ganz direkt eine Refrutenkrankheit genannt.

Wir sagten oben, daß die Arzneiwissenschaft bezüglich der Behandlung der Genicstarre noch völlig im Dunkeln sich) bewegt. Das bleibt zutreffend, obwohl ein Arzt( in New­york, wo die Genickstarre seit Monaten beinahe endemisch und zu ihrer Bekämpfung eine besondere medizinische Kom­mission eingesetzt ist) eine Behandlung mit Diphtherie. Serum erprobt haben will. Gewiß wird dieser unerfreu­

Bekanntmachung.

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Gießen, den 26. April 1905.

Großh. Bürgermeisterei Gießen. J. V.: Curschmann.

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