Ausgabe 
21.10.1905 Erstes Blatt
 
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Komödie in 4 Aten bon Emil Rosenow.

Nr. 248

Erstes Blatt.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­teffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonft 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanfchluk Nr. 362.

Samstag, den 21. Oftober 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., tn's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Platt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheisen.

Politifche Rundfchau.

Deutfchen Reich.

* ich dem zusammentritt des Reichstages werden diesem wahrscheinlich sofort mehrere Interpellationen über die Fleischtener:: ng zugehen. Bei der Besprechung soll die Frage zur Erörterung gelangen, ob es möglich sei, die Tarifsätze für den Versand lebender Schlachttiere per Bahn zeitweise einer anderen Behandlung zu unterwerfen als bisher.

*

* Mit der Frage der Eisenbahngemeinschaft beschäftigte sich die Stuttgarter Handelskammer. Sie nahm folgende Resolution an: Wir sprechen die Erwartung aus, daß die württembergische Regierung an den Grundzügen ihrer Vor­schläge festhält und an der Verwirklichung derselben unent­wegt auf dem zuerst eingeschlagenen Wege im Verein mit Preußen und der badischen Regierung weiter arbeitet."

* Der Gesetzentwurf über die Anerkennung der Berufs­vereine soll nach der Behauptung eines Berliner Blattes längst fertig sein. Die Verzögerung der Einbringung an den Bundesrat wäre mit der Haltung des preußischen Land­tags beim Ruhrkohlenstreif im Zusammenhang zu erklären.

* Der baldige Rücktritt des preußischen Justizministers Schönstedt gilt als sicher. Schönstedt hat auf den 1. Ja­nuar 1906 in Kassel, wo er acht Jahre lang als Land­gerichtspräsident tätig war, die fürstlich Wittgensteinsche Villa in der Kaiserstraße gemietet

* Zum erstenmale fanden die badischen Landtagswahlen auf Grund des direkten Wahlsystems statt. Gewählt sind Zentrum 28, liberaler Block 17, Konservative und Bund der Landwirte 1, Sozialdemokraten 5; es sind 32 Stichwahlen erforderlich, an denen die Parteien wie folgt beteiligt sind: Nationalliberale 22, Zentrum 19, Sozialdemokraten 16, Konservative und Bund der Landwirte 7.

Die Stadtverordneten in Dresden nahmen eine neue Gewerbesteuerordnung an. Nach dieser werden die Groß­geschäfte im Detailhandel nach Umsatz und Zweiggeschäften ud ebenso die Warenhäuser zu einer progressiven Sonder­Steuer herangezogen.

Oefterreich- Ungarn.

** Der langgesuchte Alexander Banet, der die Ucer­segung der Zeyfigbroschüre in die deutsche Sprache und die Veröffentlichung in Deutschland veranlaßt hat, ist us Zürich in Budapest eingetroffen und hat sich freiwillig der Polizei gestellt. Nach der Vernehmung durch den Unter­suchungsrichter wurde er auf freiem Fuße belassen

England.

Wegen der an die Enthüllungen Delcassés anknüpfen=" den Diskussionen soll die Stellung des britischen Staats­sekretärs des Aeußeren, Lord Lansdowne, erschüttert sein. Die Liberalen mit Rosebery an der Spitze verlangen seine Entfernung, um ein freundschaftlicheres Verhältnis zu Deutschland anbahnen zu können.

Norwegen:

** Prinz Karl von Dänemark wird den Namen Hakon LX. führen, sobald er zum König von Norwegen gewählt 5. Die Wahl des Prinzen gilt in eingeweihten Krei, en! Christianias bereits als vollzogene Tatsache.

Rufsland.

Mit besonderer Aufmerksamkeit wird Graf Wit es Tätigkeit für die Reformen verfolgt. Er soll den Führern der Liberalen erklärt haben, es sei des Zaren sehnlichster Wunsch, ein konstitutioneller Herrscher zu werden. Scin Ideal und Vorbild sei König Eduard, ein Herrscher, der über anhängliche treue Untertanen herrsche, ohne die schreck­liche Bürde der Verantwortlichkeit, welche die autokratische Regierungsform auferlege. Er zögere nur deshalb mit der

Sonntag, den 22. Ottoba Verleihung einer Verfassung, weil er noch nicht fest über­

nachmittags 3% Uhr: Fremden Borstellung

zu ermäßigten Breifen.

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Schauspiel bon m Maeterlind Abendo 8 Uhr:] Gastspiel

Don Frl. Elfe Jüngling Dom Großherzogl Softheater Darmftabt!

Unter Mitwirkung ber Rapelle b biefigen Infanterie- Regiments. Bum ersten Male:

Mamzelle Ditouch

Banbeville Operette b. Herb

zeugt sei, daß sie vom Volke gewünscht werde. Graf Witte deutete an, es werde Sache der Duma sein, in dieser Rich­tung dem Willen des Volkes Ausdruck zu geben. Er mahnte indessen dringend zur Mäßigung, um nicht den den Thron umdrängenden Rückschrittsmännern Waffen in die Här de zu spielen. Die Führer der Reformpartei sollen indessen allen Verheißungen mit starken Zweifeln gegenüberstehen. Durch kaiserlichen Erlaß wird der Gebrauch des Pol=' nischen und Lithauischen als Unterrichtssprache in den Pri­batschulen des Zartums Polen für vorläufig zulässig er­klärt, nur für den Unterricht in Geschichte und Geographie ist das Russische obligatorisch.

-

** Anläßlich der Unterzeichnung des Friedensschlusses ist auch ein Friedensmanifest des Zaren erschienen. Darin wird unter Dank an das russische Volk für die von ihm çe­brachten Opfer hervorgehoben, daß der Osten sich nun im Fri den und in guter Nachbarschaft mit dem nunmehr zum Freunde gewordenen japanischen Reiche von neuem ert­wideln werde.

** Bei der Beerdigung von Opfern von Unruhen kam es zu blutigen Zusammenstößen in Jekaterinodar im Kaukasu: 3. An den Kundgebungen waren besonders Reservisten und

Schüler beteiligt. Die Menge warf mit Steinen auf die Kosaken und das Militär und plünderte die Niederlage eines Waffenhändlers. Auf beiden Seiten gab es Ver­wundete.

Afien.

** Die japanische Regierung wird die während des Krie­ges beschlagnahmten See- Fahrzeuge fremder Nationalitäten berſteigern lassen, soweit sie als gute Prisen erklärt worden sind. Der Gesamtwert der Fahrzeuge, einschließlich ihrer Ladungen, ist auf etwa vierzig Millionen Mark veranschlagt. Da aber die Ladungen der meisten beschlagnahmten Fahr­zeuge aus Kohlen bestanden haben, welche die japanische Flotte selbst verwenden konnte, handelt es sich jetzt haupt­sächlich um die Fahrzeuge selber. Immerhin dürfte deren Gesamtwert noch über vierzehn Millionen betragen. Be­schlagnahmt wurden von Desterreich- Ungarn: die Dampfer Burma" und" Siam", von Deutschland: Parbo"," S berus", Romulus", von Holland: Wilhelmine", von Eng­land: Roseley"," Lethington"," Dakley"," Bawtry", lar", Wyefield"," Scotsman"," Apollo", Sylvian", " Powderham"," Easby Abbey"," Venus"," Aphrod." Zacoma", Harbarton"," Mars". Die meisten dieser al wage haben ein Deplazement von über 3000 Tonnen.

Türkei.

** Die Truppen des Sultans haben entliche Fort­schritte im Kampfe gegen die Aufständigen in vemen ge= macht. Nach einer drei Tage und drei Nächte dauernden Belagerung wurde die für uneinnehmbar gehaltene Festung Zafer in Yemen gestürmt. Ein Drittel der 700 Mann starken aufständischen Garnison wurde getötet oder ver­wundet, der Rest flüchtete. Der Führer Nassir Meimun- el­Ahmer und zwei andere Führer wurden verwundet. Da das ganze Wilajet von Truppen besezt ist, fehrte der kom­mandierende General Feizi Pafcha nach Sanaa zurück, um den Marsch gegen Djebeli, Schehbare und Saadeh vorzu­bereiten. Vor dem Strafgericht in Konstantinopel fand die öf, entliche Verhandlung gegen die wegen Ermordung des reichen Armieniers Apik Undjian angeklagten armeni­schen Komitatschis statt. Vartanian, angeblich ein amerika­nischer Staatsbürger, gestand, von dem Komitee den Befehl erhalten zu haben, Undjian zu ermorden. Der Gerichts­hof verurteilte Vartanian zum Tode, den Angeklagten Afa­rian zu fünfzehnjähriger Zwangsarbeit. den Anhänger des Komitees Kommissionär Stepan зи lebenslänglicher Festungshaft,

Hof und Gesellschaf

** De. Kaiser nahm an einer Parforce- Jagd in Döberitz teil.

*

Bei dem Besuch, den der Kaiser am 25. Oktober dem Könige Friedrich August von Sachsen in Dresden ab­stattet, wird die Stadt festlich dekoriert sein. Während der Fahrt des Kaisers durch die Straßen werden die Schul­finder der oberen Klassen Spalier bilden.

*** Wie aus Koburg bekannt gegeben wird, ist die Ver­mählung der geschiedenen Großherzogin Viktoria Me­Iitta von Hessen, einer geborenen Prinzessin von Sachsen­Koburg und Gotha, mit dem Großfürsten Kyrill von Rußland nicht von dem Hofmarsch lamt des regierenden Herzogs von Koburg, sondern von dem Hofamte der Her­zogin- Witwe Marie, der Mutter der Brinzessin Victoria, erfolgt.

*** In Madrid wurde die Verlobung des Prinzen Fer­dinand Maria von Bayern mit der Infantin Maria Theresia feierlich proklamiert. Die Vermäh­lung wird Ende Januar stattfinden.

Heer und flotte.

Die neue Flottenvorlage. Mehrfach wurde gemeldet, die Entscheidung über die Flottenvorlage sei schon gefallen Der Marine- Etat für 1906 würde die Grenzen des geltenden Flottengesetzes nicht unerheblich überschreiten, da für die neuen Linienschiffe ein größerer Typ vorgesehen sei. Von unterrichteter Seite wird aber behauptet, der Bundesrat habe sich noch nicht schlüssig gemacht. Der Bundesrat habe sich zwar mit der Vorlage beschäftigt, aber über den defini. tiven Rahmen der Novelle noch nicht sein letztes Wort ge­sprochen

Soziales Leben:

Der Streik in der Wäscheindustrie Berlins geht seinem Ende entgegen. Beide Parteien haben das Einigungsamt formell angerufen. Die Verhandlungen sollen mit größter Beschleunigung stattfinden, damit es noch möglich ist, zu Beginn der nächsten Woche den Betrieb in den Fabriken wieder aufzunehmen. Man glaubt, daß bis Sonntag die Arbeiten des Einigungsamts beendigt sind, und daß dann in den Versammlungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Beschlüsse der beiderseitigen Kommissionen angenommen werden.

Es war einmal...

- 3um hundertsten Todestage Nelson 3.- Am 21. Oktober 1805, also heute vor hundert Jahren, vernichtete Admiral Nelson die vereinigte französisch- spa­nische Flotte an der spanischen Küste beim Kap Trafalgar. Er erfocht damit einen der gewaltigsten Seesiege aller Zei ten, verlor selbst das Leben, häufte aber unsterblichen Ruhm auf seinen Namen. Die französische Seemacht war auf lange Zeiten lahmgelegt, die Suprematic Englands zur See für das ganze kaum begonnene Jahrhundert errungen. Der große Korse an der Spike Frankreichs mußte erkennen, wie rauh das Rule Britannia" auch in seine junge Kaiser­Herrlichkeit hineinschallte. Er ahnte wohl noch nicht, wie dereinst die gehaßten Briten ihm Kerkermeister und Toten­gräber zugleich sein sollten. Der 21. Oktober ist ein Ruh­mestag für die englische Flotte und für das englische Volk, der Name Trafalgar" läßt heute noch die britischen Herzen höher schlagen. Wie sah es aber damals an Bord der sie genden Schiffe Nelsons aus? Bei einem Vergleich mit heute springen die Veränderungen, die trotz des viel behaup­teten eiligen Schrittes der Zeit ein Jahrhundert bringt, recht kraß in die Augen.

Zur Bemannung der Kriegsfregatten nahm man die guten Dienste der Werber und ihrer Banden in Anspruch. Frei von Gewissensbissen wandten diese unehrlichen Makler die perfidesten Mittel an, um ihre Opfer anzulocken. Da das Gesez auf ihrer Seite war, hatten sie nichts zu fürchten. Jeder Mann mit gesunden Gliedern, der bei Nacht nach der Polizeistunde in einer Hafenkneipe angetroffen wurde, war nach Recht und Gesetz die Beute der Werber. Darum hiez es: Rette sich, wer kann," wenn sich an der Tür eines Lokals eine Werberbande zeigte.

Es befand sich also an Bord der englischen Kriegsschiffe eine sehr gemischte Gesellschaft. Sehr gemischt und sehr bunt durcheinandergewürfelt! Auf acht Matrosen englischer Herkunft kam durchschnittlich ein Ausländer. Ein starkes Offizierkorps widmete sich seiner Aufgabe mit größerem oder geringerem Erfolg. Hoch oben auf der Rangleiter stand der Kapitän, der auf seinem Schiffe unumschränkter Herr und Richter war und Recht über Leben und Tod seiner Unter­gebenen hatte. Jeder Kapitän kleidete seine Leute nach seinem Geschmack; was dabei herausfam, kann man sich denken. Die englische Marine zählte eine Zeitlang ein Schiff, dessen Matrosen mit ihren bunten Hosen und Röcken wie Zirkusclowns aussahen und in allen Hafenorten das Entzücken der Straßenjungend bildeten.

Es gab an Bord der Schiffe des Königs drei bis acht Leutnants. Die anderen Offiziere waren die Masters" und die Midshipmen", die gewöhnlich aus den anderen Ständen hervorgegangen waren und ihre Macht nicht selten mißbrauchten. Die neueingestellten Matrosen wurden von ihnen mit wahrer Lust tyrannisiert. Neben harmlosen Späßen gab es oft Scherze, die ein böses Ende nahmen.

Wer von den Matrosen widerspenstig war, bekam auf Kopf und Rücken Schläge mit der neunschwänzigen Kaze. Ein einziger Schlag mit diesem furchtbaren Marterinstru­ment genügte, um das Blut hervorschießen zu lassen; nach fünf Minuten sah, nach dem Urteil eines Augenzeugen, der Rücken des Geschlagenen aus wie rohes Kalbfleisch". Der Schiffsarzt mußte sich sein Brot im Schweiße seines Ange­fichts verdienen, denn die sanitären Zustände auf den Schiffen waren herzlich schlecht. Es gab fast immer epide­mische Krankheiten, wie Typhus und Skorbut, und die Zahl der Unfälle war auch nicht gering.

Wenn ein Arm oder ein Bein amputiert werden sollte, legte man Sägen und Messer zuerst in warmes Wasser, nicht etwa um die Instrumente zu sterilisieren, sondern um dem Patienten die Berührung mit dem falten Eisen zu er­sparen. Man flößte dem auf dem Operationstisch liegen­den Opfer eine kolossale Menge Rum ein und verstopfte ihm dann den Mund mit einem Lederlappen. Eine wichtige Persönlichkeit auf den Schiffen war auch der Rechnungs­beamte, der die Verteilung der Lebensmittel vorzunehmen hatte; sein Gehilfe war der Koch, der diejen Ehrennamen aber nur aus Gewohnheit führte, denn von der Kochkunst brauchte ein Foch auf den Schiffen des Königs von England nicht viel zu verstehen. Das Essen war schlecht, und man Funnte nicht behaupten, daß irgend ein Matrose im Dienſte der britischen Majestät fett geworden wäre. Da das Essen nicht zu genießen war, widmete man sich mit um so größerer Ausdauer dem Trinken, und es kam nicht selten vor, daß mindestens ein Drittel der Schiffsmannschaft schwer be­trunken war und keinen Dienst tun konnte.- Wenn Nelson trotzdem mit einem solchen Material seine großen Erfolge erringen konnte, so zeugt das ebenso sehr von der vor nichts zurückschreckenden Energie wie von der genialen Veran­lagung des Helden für den Seefrieg.

Nah und fern.

Der Kaiser im Automobil gefährdet. Als der Kaiser sich vom Dom zu Berlin mit seinem Automobil in das Schloß begeben wollte, fam eine Automobil- Droschke in schneller Fahrt auf das kaiserliche Gefährt zu. Im letzten Momente konnten beide Chauffeure die Automobile ſtoppen