Ausgabe 
18.3.1905 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt.

Sfertionspreis: Die einspaltige Petitzelle für ganz Ober­Men, die Kreise Beglar unb Marburg 10 Bfg. fonft 15 Pfg. Reklamen ble Petitzelle 30 resp. 40 Bfg.

Rebattion u. Haupteɣpedition: teßen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 862.

Samstag, den 18. März 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50- Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbetlagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Nenelle Nachrichten

Neueste

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Ein psychologisches Rätsel.

( Die Lippesche Schmähbrief- Affäre vor Gericht.)

S. Detmold, 17. März. Vor der hiesigen Straffammer gelangt am Montag ein

Sensationsprozeß zur Verhandlung, dessen Vorgeschichte die Bevölkerung unseres Fürstentums seit Jahren in Spannung erhalten hat und die in ihren Einzelheiten lebhaft an die

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Berliner Hofe spielte und in ihrem Verlauf den Zere­nonienmeister von Kotze als Duell- Opfer gefordert hat.

2 M., für Unter der Beschuldigung, eine Reihe der angesehenſten Ja­

Sieken.

milien des Fürstentums seit Jahren durch unflätige anonyme Briefe beleidigt zu haben, werden der Kommerzienrat Kracht jr. und dessen Gemahlin auf der Anklagebank Plat zu nehmen haben. Letztere ist die Kusine der Frau des Ersten Lippeschen Staatsanwalts. Der Angeklagte, Kommerzienrat marbeiten. Kracht, ist der Sohn des verstorbenen Detmolder Groß­industriellen Geh. Kommerzienrats Kracht, dessen Unter­nhgebändes für nehmungen von dem Angeklagten nach dem Tode ſeines ariat zu Hungen Vaters übernommen wurden und ihm ein nach Millionen zählendes Vermögen eingebracht haben. gen, nämlich:

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In das friedliche Familienleben des alten Kommerzien­rats Aracht fiel Anfang des Jahres 1897 ern Schatten durch Das Einlaufen einer Anzahl anonymer Briefe, in denen Sowohl Kracht sen, wie Kracht jun. verschiedener Verschlungen beschuldigt wurden. Insbesondere war der jüngere Kracht, der heutige Angeklagte, der Zielpunkt dieser Schmähbriefe, die in einer ganz charakteristischen Handschrift in lateinischen Buchstaben abgefaßt waren. Ferner wurde der ebenfalls in Detmold wohnende Geh. Kommerzienrat Werner und dessen Tochter Lucie mit derartigen anonymen Briefen be­dacht, die sämtlich der Fürstlichen Staatsanwaltschaft in Det­mold übermittelt wurden und bei dieser heute einen stattlichen Band ausmachen. Die Schmähbriefe, deren Inhalt durch die Fama sehr bald in alle Kreise der Bevölkerung Lippes ge­tragen wurde und die sich mit den jüngsten Familienange­Tegen heiten der Familien Kracht und Werner befaßten, ver­mlasten den Angeklagten zur Bildung eines sogenannten Aufklärungs- Komitees", das aus den Notablen des Für-. afschrift portofftenti ims bestand und an deren Spitze Herr Kradit selbst trat. Wochen. Ggelang jedoch dem Komitee, trop anstrengendster Be­mühungen nicht, Licht in die Affäre zu bringen. Bis schließ­lich eines Tages ein Mitglied des Aufklärungs- Komitees" ganz offen mit der Beschuldigung hervortrat, der Leiter des Muftlärungs- Komitees", Kommerzienrat Kracht jun. selbst Sei der Schreiber der Schmähbriefe. Herr Kracht zeigte sich über diese Anschuldigung aufs höchste empört und leitete so­fort die Privatflage gegen den ,, Verleumder" ein, der denn auch zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt wurde. In­zwischen liefen die Schmähbriefe weiter bei den verschiedenen Adreffaten ein und erregten dort viel Aerger und Verdruß.

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Anfang 1900 hatte das frevlerische Spiel plößlich ein Ende. Um dieselbe Zeit verlobte sich der Kommerzienrat Kracht jun. mit dem in den Schmähbriefen besonders angegriffenen Fräu­lein Lucie Werner, und bald darauf fand auch die Hochzeit des jungen Paares statt.

Mehrere Jahre verliefen ohne jeden Zwischenfall. Herr Kracht jun. übernahm die Geschäfte feines inzwischen ver­storbenen Vaters und lebte mit seiner Gatlin in bestem Ein­bernehmen. Da tauchte plötzlich im Jahre 1904 iniederum ein Schmähbrief auf, dem bald mehrere folgten und nach Verlauf weniger Wochen waren wieder fast alle ersten Familien des Landes mit diesen seltsamen Kundgebungen beglückt. Nunmehr trat abermals ein Aufklärungs­Komitee" zusammen, dem aber Herr Kracht diesmal nicht an­gehörte, und eines Tages wurde vom Ersten Staatsanwalt eine Haussuchung bei Kracht vorgenommen, die ein geradezu sensationelles Ergebnis hatte. Denn es wurden dabei, ebenso wie in der Koteschen Affäre, Abdrücke von Briefen auf Lösch­blättern gefunden, deren Wortlaut mit dem der Schmähbriefe übereinstimmte. Die Folge war die sofortige Inhaftnahme des Herrn Kracht. Wie erstaunte man aber, als auch nach diesem Termin noch weitere Schmähbriefe zur Absendung gelangten. Man entließ Herrn Kracht sofort wieder aus der Untersuchungshaft gegen Stellung einer Kaution und be­traute im geheimen die Berliner Kriminalpolizei mit den Ermittelungen. Diese sandte einen ihrer Kommissare unter der Maske eines Graphologen auf mehrere Wochen nach dem Fürstentum und eines Tages wurde auf dessen Mitteilungen hin Frau Kommerzienrat Kracht geb. Werner in Unter­suchungshaft genommen, in der sie sich seit dieser Zeit befin­det. Es scheint festzustehen, daß Frau von Kracht in erster Linie für die Absendung der Briefe in Betracht kommt und daß ihr Gatte dabei Hilfe geleistet hat. Gegen beide wurde daher das Hauptverfahren eröffnet. Die Anklage lautet auf wissentlichen Meineid und Beleidigung. Für die Verhandlung find zwei Tage in Aussicht enommen.

Aus dem Gerichtsfaal.

§ Der Prozeß Hoensbroech gegen Dasbach wurde vor dem Kölner Oberlandesgericht verhandelt. Graf v. Hoensbroech klagt gegen den Kaplan Dasbach aus Trier auf Zahlung von 2000 Gulden, die der Beklgte im Wege der Auslobung demjenigen versprochen hat, der den Nachweis erbringe, daß die Jesuiten den Grundsak lehren Der Zweck heiligt die Mittel". Diesen Nachweis habe er durch das in der Zeit­schrift Deutschland" veröffentlichte Beweismaterial erbracht und daher die 2000 Gulden verdient. Der Beklagte bestreitet dies. Er steht auf dem Standpunkt, daß der Beweis, in jesuitischen Schriften finde sich der Grundsatz Der Zweck heiligt die Mittel", nur dann geführt sei, wenn feststehe, daß dieser Grundsatz dort als ganz allgemein geltender Grund­satz, und nicht irgend einmal von einem Jesuiten aufge­ftont fei.

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Weltwunder

Standesamt- Nachrichten der Stadt Gießen.

Geborene.

Am 27. Jan. Dem Packer Friedrich Leuning eine Tochter, Anna. Um 6. März. Kaufmann Albrecht Hahn ein Sohn, Heinrich Friedrich Wilhelm; Meggermeister und Wirt Philipp Senkler eine Tochter, Käthchen Emma; 7. Erdarbeiter Adam Horny eine Tochter, Elisabeth; 8. Schreinermeister Friedrich Benzler ein Sohn, Philipp Jo­hannes; 9. Oberarzt Dr. Adolf Dannemann eine Tochter, Anna Rosa Wilhelmine; Maschinenmeister Karl Anton Schmidt ein Sohn, Lothar Karl Rudolf; 11. Maurer Adam Menz ein Sohn, Karl; 12 Finanzaspiranten Heinrich Wagner ein Sohn, August Hans Robert; 15. Taglöhner Heinrich Wilhelm Frank eine Tochter; 16. Amtsrichter Dr. Christian Karl Julius Lehr ein Sohn, Hans Joachim. Aufgebote.

Am 11. März. Auguft Ruck, Kutscher dahier mit Auguste Hermine Kunz hier selbst. 13. Heinrich Nau, Dienst fnecht dahier mit Friedericke Meiswinkel hierselbst. Ludwig Jüngel, Forstwartaspirant in Eberstadt mit Emma Walz in Dungen. Karl Sauerwein, Kaufmann dahier mit Anna Lisette Ulrike Hofmann in Erlangen. 14. Heinrich Ernst Mor Müller, Eisendreher dahier mit Elisabeth Müller hier­selbst. 15. Karl Lang, Kaufmann dahier mit Elisabethe Schopbach hierselbst. 16. Ludwig Becker, Küfer dahier mit Margarete Schmidt in Rödgen. Johann Cüfters, Kaufmann dahier mit Julie Orth hierselbst. Kaspar Bernhard Mar­schall, Eisenbahnpraftifant dahier mit Anna Ratharine Heil in Offenbach. 17. Gustav Stein, Wertmeisteranwärter in Limburg mit Wilhelmine Rörig dahier.

Eheschließungen.

Am 13. März. Karl Wahl, Färber in Buzbach mit Karoline Martha Fiebig dahier. 15. August Hofmann, Schreinermeister dahier mit Luise Sand, geb. Becker hierselbst. Gestorbene.

Am 10. März. Friedrich Thielmann, 31 Jahre alt, Oberlokomotivführer dahier. 12. Lina Strubel, geb. Busch, 71 Jahre alt, ohne Beruf dahier. 14. Lina Margarete Deckmann, 1 Jahr alt, Tochter des Maschinisten Heinrich Deckmann dahier. 15. Katharine Koch, geb. Schneider, 82 Jahre alt, Pflegling dahier. 16. Anna Marie Schwarz, g- b. Denzler, 60 Jahre alt, Ehefrau des Kaufmnnns Karl Ferdinand Schwarz dahier. 17. Reinhard Müller, 69 Jahre alt, Lehrer i. B. dahier.

Verantwortli: für die Politik und den Inseratenteu Albin Klein, für den übrigen Inhalt: Georg Horn, beide in Gicken

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