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Str. 164.
Zweites Blatt.
Safertion& preis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Oberbeen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Bfg. fonft 15 Pfg. Reklamen bie Betitzelle 30 refp. 40 Bfg.
Rebattion u. Saupterpebition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk r. 862.
Samstag, den 15. Juli 1905.
Gießener
14. Jahrgang
Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Geifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Worte und Taten. [ Politische Wochenschau.]
Der bedachte Mann spricht kein Wort, dem er nicht die Tat folgen zu lassen gewillt und fähig wäre. Darum lauscht man auf sein Wort und legt ihm das Gewicht einer Tat bei. Als Kaiser Wilhelm im März dieses Jahres von Bremen ous die Mittelmeerreise antrat, für die eine Dauer von drittehalb Monaten in Aussicht genommen war, hielt er eine Rede, die das Programm seiner Politik einschloß: Das friedlicbende, über alles friedliebende DeutschI and wird keine Beeinträchtigung seines Rechtes dulden. Nicht jeder verstand sofort, worauf diese Worte zielten, und weshalb sie gerade vor einem Abstecher nach Marokko gesprochen worden. Nicht jeder erkannte auf der Stelle, daß hier die Bekundung des festen Willens zur ehrenvollen Erhaltung des Friedens und zugleich eine Betätigung der Zuversicht vorlag, kein Staat und keine Vereinigung von Staaten werde wagen, das friedliebende Deutschland zum Kriege zu zwingen. Das Abschiedswort war ein Programm, und die Reise war eine Tat. Die Reise, die den Kaiser mehr denn zwei Monate vom Reich fernhielt, hätte nicht unternommen werden können, ohne daß langjährige voraufgegangene Arbeit das berechtigte Selbstvertrauen geschaffen hatte, das keine Besorgnis aufkommen ließ, es möchte den Operettenverschwörern des heterischen Teils der englischen Presse im Verein mit dem Größenwahn simulierenden Herrn Delcassé gelingen, den Frieden Europas ernstlich zu gefähr= den. In den Kreisen der Wissenden aber war man keinen Augenblick über die Bedeutung der Bremischen Abschiedsworte des Kaisers im Zweifel, und als eine gewisse Beunri: higung in weitere Kreise drang, da war die Gefahr schon längst beschworen das Wort war eine Tat gewesen. Das englisch- französische Abkommen vom vorigen Jahr dagegen, das eine Tat geschienen, hat sich als leeres Wort erwiesen, ist aufgelöst und in Nichts zergangen. Der druckpapierene Feldzug der englischen Zeitungen gegen Deutschland und feine Flotte hat mit einer Beschämung der Unternehmer geendigt, die von den verantwortlichen Leitern der englischen Politik Lügen gestraft worden sind. Reichskanzler Fürst Bülow hat den Dank, den der Bundesratsausschuß für auswärtige Angelegenheiten ihm in vergangener Woche mit vieler Herzlichkeit votierte, reichlich verdient, und Deutschlands Volk widmet innigen Dank dem Kaiser und seinem Kanzler, der des Kaisers Friedenspolitik mit so glänzendem Geschick durchgeführt hat.
Mit großen Worten traten gewisse amerikanische Wirtschaftspolitiker den deutschen Wünschen entgegen, die darauf gerichtet sind, eine billige Gegenseitigkeit in der Behandlung des Warenaustauschs festzustellen. Jene Politiker vertraten die Meinung, Deutschland müsse alle Zollermäßigungen ohne Ausnahme, die es in irgend einem seiner Handelsverträge einem anderen Staat eingeräumt hat, auch der Union zugestehen, ohne dafür eine entsprechende Gegenleistung verlangen zu dürfen. Wenn das nicht geschehe, so würden die Vereinigten Staaten gegen Deutschland einen Zollfrieg führen, bei dem Deutschland schlecht abschreiden müsse, da es auf den Bezug bestimmter amerikanischer Bodenerzeugnisse gar nicht verzichten könne. Auch hinter diesen großen Worten steht keine Tatbereitschaft. Sie erschüttern die Luft, aber den festen Willen vermögen sie nicht zu erschüttern. Deutschland ist in wirtschaftlichen ebenso wie in politischen Fragen durchaus friedlich gesinnt doch hier wie dort entschlossen, seinen Rechten nichts zu vergeben. Jeder Zollfrieg bringt Schaden, beiden Teilen, und kein Ende kann den Schaden wieder ausgleichen. Es ist leere Einbildung, daß der Abbruch von umfangreichen Geschäftsbeziehungen nur dem einen Teil empfindlich sein
könne. Ist Deutschland auf den Erwerb gewisser amerikani. scher Produkte angewiesen, so ist Amerika genau in dem gleichen Maße auf den deutschen Abnehmer angewiesen. Man kann einer Ware den einen, geraden Weg versperren, man kann ihr nicht alle Wege versperren. Glücklicherweise sind jene großsprecherischen amerikanischen Wirtschaftspoliti fer nicht die berufenen Wortführer Amerikas, sondern nur die Fünsprecher einzelner Interessentengruppen, von denen durchaus noch nicht feststeht, ob sie das Ohr des in diesen Dingen allein maßgebenden Senats in Washington haben. Und selbst für den schlimmen Fall ist Deutschland vorberei tet. Seine Industrie wird neue Straft gewinnen, indem sie ihre Stärke beweist. Bleibt ihr die Probe erspart- um so besser, wird sie ihr auferlegt, so wird sie nicht weichen und ihr Selbstvertrauen, das von Ueberhebung frei ist, rechtfertigen.
In Ungarn wird der staatsrechtliche Streit auch während der Parlamentspause mit Wortkanonaden fortgeführt. Durch den Mund des Varon Fejervary wird versichert, daß die Krone die Bestimmung über die Kommandosprache als ihr unveräußerliches Recht betrachte, daß sie, wenn die Opposition im September fein regierungsfähiges Ministerium präsentiere, das Abgeordnetenhaus auf unbestimmte Zeit vertagen und ohne Parlament die Geschäfte führen werde. Sie sei gesonnen, den ältesten Jahrgang des stehenden Heeres unter den Fahnen zu halten, wenn das Abgeordnetenhaus den Erlaß eines Aushebungsgesetzes verweigere. Auf der anderen Seite fehlt es nicht an gleichmäßig großen Worten und Trohungen. Ob sie Erfolg haben, steht dahin. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß im Magyarenlande noch die Taktik im Schwange ist, die, verschollener Sage nach, einmal in Portugal üblich gewesen. Dort lautete das erste Kommando im Nahkampf, auf dessen Befolgung zahlreiche Ererzitien vorbereitet hatten:„ Schneidet Gesichter!" Das zweite Kommando war:„ Schneidet arge Gesichter!" Das dritte Kommando endlich, das die Entscheidung herbeiführen sollte, ging dahin:„ Schneidet furchtbare Gesichter!" Damit war die portugiesische Kriegskunst jener Tage erschöpft. Erwies sie sich als vergeblich, so liefen die Tapferen vor einem Feinde davon, der sich durch kein Gesichterschneiden erschrecken lassen wollte. Die magyarischen Paiteien, scheint es fast, sind auf die gleichen Künste borbereitet. Sie schneiden einander Gesichter, arge Gesichter, furchtbare Gesichter und wer weiß, ob sie nicht beide rechtzeitig davonlaufen und auf der gleichzeitigen Flucht chrenvollen Frieden miteinander schließen.
3ar Nikolaus hat seinen besten Mann, den Präsidenten des Ministerkomitees Sergei Julitsch Witte, zum Friedensunterhändler ernannt. Er hat es nicht gern getan, denn er haßt Witte, gegen dessen Rat seit anderthalb Jahren die russische Politik geleitet wird. Und Witte hat den Auftrag nicht gern angenommen, denn er traut der Willensfestigkeit des Zaren nicht, der leicht bestimmt werden mag, die Handlungen der Abwesenden wieder zu durchkreuzen. Auch kann es sein, daß Wittes Gegner ihm die gefährliche Auszeichnung zugewendet haben, damit ihn die Verantwortung und der Haß für die jedenfalls schweren Friedensbedingungen treffen. Einen überaus traurigen Eindruck macht der Erlaß des 3aren an den neuen Marineminister. Die Aufforderung an diesen, die Flotte neu zu bauen und die Marinetruppen von dem Geist der Meuterei zu befreien, klingt so unwirklich, wie aus einer anderer Welt. Das russische Reich schreit nach Taten, nach frischen durchgreifenden Taten, und nur Deklamationen hekommt es zu hören. nur Worte, nichts als Worte!
Vermischtes.
= Münchener Entschuldigungszettel. In München sind seit einiger Zeit Schulbäder eingerichtet. Die Münchener Mütter wollen zumeist wenig von dieser Neuerung wissen, und so regnet es bei den Herren Lehrern Entschuldigungszettel, sobald die Badestunde" herankommt. Dabei werden dann oft die merkwürdigsten Gründe vorgebracht. So er. flärte jüngst eine Mutter kategorisch:„ Mein Kind badet zu Hause." Die Frau Huber schreibt: Indem daß mein Xaverl vom Baden immer ein Duzent Leise mit heimbringt, darf er nimmer nicht baden." Der Vater vom kleinen Willy entschuldigt seinen Buben am Jahresanfange gleich für die ganze Schulzeit:„ Zu unsere Zeiten hat's keine Schulbäder überhaupts nicht gegeben, und mir sind doch alleweil gesund gewesen. Der Willy braucht nicht baden. Ueberhaupts könnte man das viele Geld für die Schulbäder sparen. Die Frau Bademeisterin weiß so nicht, wie groß sie die Vorhäng an ihre Fenster machen soll. Wer muß sie denn bezahlen? UeberHaupts." Wieder eine Mutter schreibt:„ Mein Frißl kriegt auf dem Baden immer einen so starken Kodaar. Wissens, er ist halt so fein gebaut. Und seins nicht bös, Herr Lehrer. Wir sind eine geachtete Familie."- Und die Frau Mayer: Mein Kind wird so jeden Tag gewaschen, ob's braucht oder nicht."
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= Ein historisches Bauwerk. In Compiègne in Frankreich war ein Turm der alten Festungswerke erhalten geblie ben. Er wurde der Turm der Jeanne d'Arc genannt zur Erinnerung an die Belagerung, bei der die Jungfrau von Orleans in die englische Gefangenschaft geriet. Dieser berühmte Turm wird icht abgerissen werden. Man hat sich die größte Mühe gegeben, das alte Bauwerk zu erhalten. Allein es befindet sich in Privatbesig, und der Inhaber fordert eine ganz übertrieben hohe Summe.
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= Teures Porzellan. In London gelangte vor kurzem eine Sammlung von Porzellanfiguren und Gerätschaften zur Versteigerung. Die gar nicht sehr umfängliche Kollektion erbrachte die Summe von 300 000 Mart. Der Sammler hatte die Stücke seinerzeit mit verhältnismäßig geringen Mitteln zusammengebracht.
po Vermehrung der landwirtschaftlichen Winterschulen. Die letzte Beratung des Etats der Landwirtschaftlichen Verwaltung im preußischen Abgeordnetenhause hat Anlag zur Erörterung der Entwickelung und Bedeutung des nie. deren landwirtschaftlichen Unterrichtswesens gegeben. Diese Beratung hat dahin geführt, die Staatsregierung aufzufordern, das Provinzial- Dotationsgesez nötigenfalls dahin ab. zuändern, daß in Sufunft ermöglicht wird, auch besondere Staatsmittel zur direkten Förderung des niederen landwirt. schaftlichen Unterrichts aufzuwenden und solche daher in den Staatshaushalt einzustellen. Infolgedessen hat der Land. wirtschaftsminister neuerdings die Provinzialverwaltungen um eine Aeußerung über die Verbesserung des erwähnten Unterrichtszweiges aufgefordert. Unsere Provinzialaus schüsse haben sich bereits mit der Frage beschäftigt und di Gründung von neuen landwirtschaftlichen Winterschulen fül wünschenswert erachtet.
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Wer bezahlt die Kosten der französischen Gesandtschaft zur deutschen Kionprinzen- Hochzeit? Die vom Präsidenten Loubet nach Berlin zur Hochzeit des deutschen Kronprinzen abgeordnete Sondergesandtschaft hat 15 500 Frcs. Kosten verursacht. Die Budgetkommission der französischen Deputiertenkammer hat sich dieser Tage mit dem Posten beschäf tigt und beschlossen, diese sowie eine Reihe anderer Reprä sentationskosten, über deren Verausgabung das Parlament vorher nicht befragt war, zu beanstanden. Schließlich wird man wohl die monierten Gelder bewilligen, deren Zahlung man doch Herrn Loubet nicht gut aufladen kann.
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