Ausgabe 
12.8.1905 Erstes Blatt
 
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J. Hankel,

Gießen, Schloßgaffe

Nr. 188.

Erstes Blatt.

Jufertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­Beffen, bie Kreise Wehlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen bie Betitzeile 30 refp. 40 fg.

Mebattion u. Haupterpebttion: teßen, Gettersweg 88. Sernsprechenschluk Nr. 368.

Samstag, den 12. August 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfa., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen bierteljährl. Mt. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die friedensbedingungen.

Die japanischen Delegierten haben den Russen die Be­dingungen, die Japan für den Abschluß des Friedens stellt, schriftlich überreicht. Die einzelnen Punkte sind mittler­weile auf nichtamtlichem Wege bekannt geworden und stellen sich wie folgt zusammen:

Abtretung der russischen Pacht auf Liautung ( Port Arthur, Daluy) an Japan;

Räumung der Mandschurei durch die Russen und Rücküberlassung aller dort erworbenen Privilegien an China, Anerkennung der offenen Tür" in der Provinz durch Rußland;

-

Abtretung der chinesischen Ostbahn bis Charbin an Japan die nördliche Linie bis Wladiwostok bleibt den Russen;

Anerkennung des japanischen Protektorats über

Korea;

Zubilligung von Fischereirechten an Japan in den sibirischen Gewässern bis zum Beringsmeer;

Uebergabe der in neutralen Häfen internierten russi­schen Kriegsschiffe an Japan;

Beschränkung der russischen Marinekräfte in Ostasien; Abtretung von Sachalin an Japan und eine Kriegsentschädigung.

Ueber die Höhe der Kriegsentschädigung sind Angaben borläufig nicht bekannt. Die russischen Friedensunterhänd­-Ier beantragten nach Uebernahme der Bedingungen, die Konferenz solle sich vertagen, bis eine Antwort möglich sei. Damit waren die Japaner einverstanden. Vor Uebermitte= lung der Bedingungen nach Rußland wurden von Witte Depeschen an Rothschild in Paris und an ein Antwerpener Bankhaus gesandt.

Obwohl die Forderungen des Siegers den Russen ziem­lich schwer erscheinen, so ist doch Aussicht auf befriedigenden Weiterverlauf der Konferenz vorhanden. Man konnte von allem Anfang nicht darauf rechnen, daß Japan die Früchte des Feldzuges ohne dauernden Nußen aus der Hand geben werde. Die Stimmung in der legten Zusammenkunft der Delegierten war eine derartige, daß sie die Hoffnungen auf einen günstigen Ausgang der Konferenz in hohem Grade berstärkt hat. Komura sprach mit großem Ernste und er­klärte, daß die Bedingungen seines Landes nötig und, wie er hoffe, derartige seien, daß sie als Grundlage zu Ver­handlungen dienen können, die mit der Hoffnung auf einen dauernden Frieden geführt werden.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

Die Unruhen in Deutsch- Ostafrika haben trotz des lo­falen Charakters, den sie nach amtlichen Angaben haben, zur Heranziehung weiterer Truppen geführt. Der Gouverneur hat außer den beiden Kompagnien in Dar- es- Salam und Lindiauch ein Detachement des Kreuzers Bussard" zur Un­terdrückung der Unruhen in Anspruch genommen. Das jür Kilwa- Kiwinje ausgeschiffte Detachement und das Mohoro­Detachement haben am 7. August 400 Aufständische zurück­geschlagen. Auf deutscher Seite feine Verluste, Samanga und die eine Stunde entfernte Telegraphenleitung ist durch 1300 auf drei Stunden Entfernung von Samanga stehende Aufständische bedroht. Dort ist ein Detachement von 31 Mann ausgeschifft. Außerdem stehen ein Feldwebel, 40 schwarze Soldaten, ein Maschinengewehr zur Verfügung. Major Johannes ist von Mitejah in Bewegung nach Tschumo gegen Aufständische.

Der Bussard" hat von Land Gewehre und Schwarze zur Auffüllung der von Bord gegebenen Mannschaften und Handwaffen bekommen.

Der Gouverneur von Gözen depeschiert: Wie Major Johannes meldet, zerstreuen sich die Aufständischen. Nach seiner Annahme wird die Angelegenheit binnen furzem bei­gelegt sein. Die Araber und sonstigen Eingeborenen sind gegen die auffässigen Bergbewohner und auf unserer Seite. Verwundet wurde diesseits nur ein Askari. Wie es scheint, ist die Veranlassung zu den Unruhen in Zauberei und in reichlichem Biergenuß infolge der guten Ernte zu suchen."

Die Vorstände der preußischen Landwirtschaftskammern traren gestern in Berlin versammelt, um Beratungen über die Fleischteuerung zu pflegen. Dabei erklärte der Band­wirtschaftsminister von Podbielski, die geforderte Oeffnung der Grenzen für Schweineeinfuhr in Oberschlesien werde nicht erfolgen fönnen. Sollte die sibirische Schweinepest die Weichsel überschreiten, so müßten vielmehr die Grenzen gänzlich geschlossen werden.

Der Zwischenfall an der deutsch- französischen Grenze bei Missum- Missum in Kamerun scheint jetzt beigelegt zu sein. Deutsche Schußtruppen und französische Senegal­schüßen gerieten dort ins Gefecht, wobei mehrere Senega­lesen getötet und andere gefangen wurden. Wie Temps" meldet, ist der französischen Regierung mitgeteilt worden, daß die von den Deutschen aus Anlaß der Missum- Missum­Argelegenheit gefangen genommenen Senegalesen frei ge­laffen worden sind.

* Gegen die Konzessionierung der Automaten- Restau­rants hatten der deutsche Gastwirtsverband und der Ber­liner Gastwirtsverein Eingaben an den preußischen Minister des Innern gerichtet. Diese Eingaben wurden jetzt a ble h= nend beantwortet.

* Der sechste deutsche Handwerks- und Gewerbekammer­tag, der am Mittwoch in Köln seine Sigung begann, hat am Donnerstag seine bedeutungsvollsten Debatten gehabt und Beschlüsse von großer Tragweite gefaßt. Der Handwerks­und Gewerbekammertag hat schon in früheren Sizungen sich auf das lebhafteste mit der Frage des Befähigungs­nachweises für die Handwerker beschäftigt und seiner Mehrzahl nach die gesetzliche Einführung des Befähigungs­nachweises gewünscht. Am Donnerstag ist es zum ersten Male geschehen, daß der Handwerks- und Gewerbekammer­tag zwar nicht einer gegenteiligen Auffassung Ausdruck gab, aber sich dahin erklärte, daß er zurzeit das Streben nach Einführung des Befähigungsnachweises im allgemeinen für aussichtslos halte und sich demgemäß darauf be­schränke, den Befähigungsnachweis nur für das Baugewerbe zu verlangen. Der eifrigste Fürsprecher für den Befähi­gungsnachweis war der Syndikus Dr. Schröder- Wiesbaden, der von der Gewerbefreiheit den völligen Ruin des deutschen Handwerks erwartete und die Forderung des Befähigungs­nachweises für das Handwerk mit dem Hinweis auf die Rechtsanwälte, Aerzte, Beamten und Schornsteinfeger be­gründete. Klempnermeister Berlin- Hamburg war wieder­um der Meinung, daß der allgemeine Befähigungsnachweis unzweckmäßig sei und eine Zwangsjacke für das Handwerk bedeute. Mit besonderem Nachdruck erklärte sich der Ver­treter des preußischen Ministeriums des Innern, Geheimrat von Seefeld, als Gegner des Befähigungsnachweises, dessen Fürsprecher trotz aller Aufforderungen sich die Schwierig­feiten der Handwerks- Abgrenzungen nicht flar gemacht, auch nicht bedacht hätten, daß der Befähigungsnachweis dem Handwerker wohl gegen den kleinen Pfuscher, aber nicht gegen die Fabrikware Schuß gewähre. Der Reichstags­abgeordnete Euler- Bensberg war der Meinung, daß Deutsch­land für eine zügellose Gewerbefreiheit nicht reif sei, die das Handwerk proletarisiere und die Handwerksgesellen massenhaft in das sozialdemokratische Lager treibe. Nach beendeter Debatte wurde der Antrag angenommen, der den Befähigungsnachweis für das Baugewerbe verlangt, die For­derung des allgemeinen Befähigungsnachweises zurückstellt.

Oefterreich- Ungarn

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** Der bevorstehende 75. Geburtstag Kaiser Franz Jo­sefs soll eine weitgehende Amnestie für politische und andere Strafgefangene bringen. Eine Benachrichtigung in diesem Sinne soll bereits an alle Justizbehörden ergangen sein. Schweiz.

** Am 19. September beginnt in Luzern der Weltfrie­denskongreß. 500 Delegierte, darunter namentlich viele Amerikaner, haben sich angemeldet. Unter den Beratungs­gegenständen befinden sich die deutsch- französische Annähe­rung und die Einberufung einer zweiten Haager Konferenz. Türkei.

** In die Geschichte des Attentats gegen den Sultan scheint jetzt Licht zu kommen. Da die im Besitze der Unter­suchungskommission befindliche Korrespondenz ein ihn sehr stark belastendes Material ergab, begann der Angeklagte Belgier Joris ein Geständnis abzulegen Unter anderem gestand er, daß er bereits seit 11 Jahren einen tiefen Haß gegen die tyrannische Herrschaft des Sultans hege. Die Pforte hat bei der rumänischen Regierung Schritte unter­nommen, um der auf eine Autonomie Albaniens hinzielen­den Agitation, die in der letzten Zeit in Bufareſt betrieben wurde, ein Ende zu machen.

Alien.

Hof und Gesellschaft.

Die Begegnung des Kaisers mit dem Rönig von England, deren Zeitpunkt noch nicht fest­steht, wird im Schloß Friedrichshof stattfinden.

Soziales Leben.

Die Bauarbeiterbewegung in Rheinland- Westfalen. Eine größere Anzahl von Baufirmen, darunter eine dem Arbeitgeberverbande zugehörige, erkannte die Forderungen der Arbeiter an. Bei einer Firma reichten 400 Arbeiter ihre Kündigung ein. Mit Rücksicht auf den Einfluß des Streits im Baugewerbe auf die Ziegelindustrie beschlosser die in Dortmund versammelten Vertreter der 14 Verlaufs­vereine für Ziegeleifabrikate im Anschluß an den Arbeit geberverband für das Baugewerbe die Bildung eines Ver­bandes der Ziegeleibesizer und die Herbeiführung eines Vertragsabschlusses mit dem Arbeitgeberbund für das Bou­gewerbe im rheinisch- westfälischen Industriegebiet.

Nab und fern.

Unwetter und Hagelschlag. Von allen Seiten sind Mel dungen über fürchterliche Unwetter eingetroffen, die große Verheerungen angerichtet haben. In Mittel- und Süd­Deutschland, bis in die französischen Grenzgebiete hinein, hat das Wetter seinen Zug genommen. In der Lausitz, im Voigtlande, in Thüringen, in der Pfalz ist ein großer Scha­den auf den Feldern und in den Obstgärten angerichtet, und vielfach wurde die Obst- und Weinernte durch Hagelschlag ganz vernichtet. Während es am frühen Nachmittage plötz­lich stockfinster wurde, brach ein fürchterlicher Gewittersturm los, der den Hagel mit sich brachte und in manchen Orten auf der Wetterseite alle Fenster zertrümmerte. In der Nähe von Calau mußte wegen Unterspülung der Eisenbahn­betrieb zeitweilig eingestellt werden. In den Ardennen und an der Maas sind dem Wirbelsturm Menschenleben zum Opfer gefallen. In Sedan sind der Stadtpark und der Friedhof vernichtet, und in zwanzig Gemeinden um Sedan ist die Ernte vollständig vernichtet.

Mord auf der Straßenbahn. Auf der Straßenbahn zwischen Bochum und Wattenscheid wollte ein Fahrgast mit falschem Gelde bezahlen. Als der Schaffner den Mann darob zur Rede stellte, zog er sein Messer, stieß es dem Be­amten in den Unterleib und verlegte ihn dadurch tödlich. Der Täter wurde verhaftet.

Zum Eisenbahnunglück von Spremberg. Der Stations. assistent Stulljuß, dessen Fahrlässigkeit das schreckliche Un­glück bei Spremberg zur Last gelegt wird, ist auf Anord­nung des Untersuchungsrichters in Haft genommen. Er ist unter der Last seiner Schuld seelisch ganz zusammengebrochen. Ob er, wie behauptet wird, zur fraglichen Zeit im Dienst angetrunken gewesen sei, ist nicht erwiesen worden.

Auf der Jagd ertrunken. Eine Anzahl Jagdliebhaber waren in einem Segelboot auf die Kögerbucht gefahren. Das Boot fenterte. Drei der Jäger sind ertrunken.

Professor Dr. Wilhelm Onden

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Ueber Gießen hat sich Trauer gesenkt, einer seiner hervorragendsten Bürger, der Professor der Geschichte Geh. Hofrat Prof. Dr. Christian Friedrich Georg Wilhelm Oncken ist geftern Morgen 1/9 Uhr an einem Schlaganfall verschieden. Nicht nur von seiner Familie und nicht nur von der Landes­universität, sondern weit über die Grenzen Gießens hinaus, weit über das deutsche Vaterland, das der Heimgegangene so sehr geliebt und dessen Schönheit und Kraft er mit so warmem Herzen und so glühender, zündender Sprache ge­piesen, wird das Ableben Prof. Oncken als ein herber, schwerer Verlust empfunden.

** Die erneute fremdenfeindliche Bewegung in China hat bereits zu großen Ausschreitungen geführt. Eine An­zahl buddhistischer Priester brachte zwölf Katholiken um und tötete oder verwundete mehrere französische Missionare in der Provinz Honan. Die französische Regierung hat ernste Vorstellungen in Peking erhoben. Die Handelskammer in Schanghai erklärt sich für machtlos, den Boykott gegen die amerikanischen Waren aufzuhalten. Die anderen Fremstillen Gelehrtenwerkstatt, er suchte nicht die Abgeschiedenheit den hegen die Befürchtung, daß sich diese Bewegung auch auf sie erstrecken werde.

Afrika.

** Nach englischen Meldungen sind in Marokko alle Handelsstraßen zwischen den marokkanischen Seehäfen und der Stadt Marokko, mit Ausnahme des Weges von Wogador aus, wegen eines allgemeinen Aufstandes der um Marokko herum wohnenden Stämme stark gefährdet. Mehrere Ka­rawanen wurden geplündert. Das Echo de Paris" ver­öffentlicht ein Interview mit dem Sultan von Marokko, demzufolge dieser erklärt habe, er sei von der Nützlichkeit der Reformen überzeugt. Der Maghzen und die Mehrheit des Volkes seien bereit, sie anzunehmen, aber es bedürfe der Geduld und eines planmäßigen Vorgehens, um die ſich bietenden Schwierigkeiten zu überwinden. Der Sultan ist geneigt, die Ratschläge der Mächte anzunehmen, und er­achtet als dringendste Reformen die der Armee und der Finanzen.

Profeffor Oncken beschied sich nicht mit der Arbeit der

hnter den dicken Mauern und Wällen, die dem Laienauge undurchdringbar sind, sondern er stand mitten im goldigen, fruchtbaren Leben, im Sturm und Branden der Riesenströme neuzeitlichen Ringens und Schaffens. Er stand hochaufgerichtet da und wies mit ausgerecktem Arm auf die mächtigen an unseren Augen sich vorüberwälzenden Fluten der Geschichte und konzentrierte seine Gedankenwelt mit ihren blendenden, alles durchdringenden Strahlen darüber, uns die mit ihren Wellenschlägen weit in die Zukunft hinüberreichenden Ge­shehnisse des jungen Reiches im Zusammenhang übersichtlich geordnet zeigend. Professor Oncken hatte die vornehmsten er war etn Attribute der germanischen Rasse empfangen Schöpfer, stets darauf bedacht, den Ausdruck für das ihn

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