Ausgabe 
7.10.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 236.

Zweites Blatt.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Ferusprechanschluk Nr. 362.

Samstag, den 7. Oftober 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mt. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt ericeint an allen Werftagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die goldene Mittelstrasse.

[ Politische Wochenschau.]

Die Weisheit des Sprichworts ist es, die von der, gol­denen Mittelstraße" redet. Wer sich etwas feiner aus­drücken will, spricht von der Mittellinie", die man finden müsse, um allen billigen Anforderungen soweit gerecht zu werden, wie das in unserer unvollkommenen Welt über­haupt möglich ist. Und genau dieselbe Lehre predigt der Satz von der politischen Diagonale", mit der sich zu be­gnügen habe, wer sich ein erreichbares Ziel gesteckt hat und nicht die Befriedigung eines seltsamen Ehrgeizes darin sucht, Kraft und Zeit auf das zu verschwenden, was sich nicht erlangen läßt. Die vergangene Woche hat überreiche Gelegenheit zu Beobachtungen gegeben, wie es dem einen glückt, auf goldener Mittelstraße zu wandeln und, den Blick fest auf das Erreichbare gewandt, mit froher Ent­schlossenheit auf das Unerreichbare zu verzichten, während der andere in fruchtlosem Ringen sich müht, der Natur ,, mit Hebeln und mit Schrauben" abzuzwingen, was sie einmal nicht offenbaren mag. Was haben Berater, die ebenso un­geduldig wie unberufen waren, die Leitung der deutschen Politik gescholten, daß sie nicht sofort mit eiserner Faust" dreinfuhr, als auf des Fürsten Bülow stolzes Wort Deutsch­land in der Welt voran" das englisch französische Marokko Abkommen das höhnende Echo bildete! Wie hat man von derselben Seite schmähend über den Bankbruch der deutschen Politif" gezetert, als der englisch­japanische Vertrag in Ergänzung jenes Abkommens die solierung Deutschlands zu bestätigen schien! Wie hat man wiederum daran gemäfelt, daß Deutschland um Marokko willen sich mit dem immerhin mächtigen und ohnedies un­freundlich gesinnten französischen Nachbar verfeinde und da­bei Interessen aufs Spiel sete, ungleich wertvoller, als die deutschen Interessen in Maroffo je werden könnten! Die Unfenrufe sind allmählich verstümmt. Die Nichtachtung Deutschlands, die in dem englisch- französischen Marokko­Abkommen lag, ist mit Frankreichs ausdrücklicher, mit Eng­lands stillschweigender Billigung aus der Welt geschafft, Deutschlands Recht vorbehaltlos anerkannt, der gute Wille Deutschlands, mit Frankreich in freundschaftlichem Einver­nehmen zu sein, findet zum erstenmale bei den leitenden Staatsmännern der Republik aufrichtige Erwiderung. Gleichzeitig lichten sich auch die Beziehungen Deutschlands zu England, die eine Weile um­wölft waren, und den zuversichtlichen Friedenshoffnungen des Fürsten Bülow wird von jenseits des Kanals lebhafte Zustimmung zuteil. Am bedeutungsvollsten vielleicht ist, daß die Nebel der Mißverständnisse, die seit langen Jahren zwischen Deutschland und Rußland lagerten, sich völlig ge­lichtet haben und verschwunden sind. Wenig fehlt, und die frühere turmhohe Freundschaft" ist wieder da, die einen Grund- und Eckpfeiler des europäischen Friedens bildete. Zwischen dem französisch- russischen Bündnis aber steht Deutschland nicht mehr als der mögliche Gegner, sondern als der Dritte, der beiden freundschaftliche, sichere Anleh­nung gewährt. Auf goldener Mittelstraße wandelnd, im Notfall ruhig abwartend, die günstige Gelegenheit vorbe= reitend, hat die deutsche Politik dieses wünschenswerte Ziel erreicht.

Der radikale Frauentag in Berlin- wonn man fleines mit großem vergleichen darf- bildet das Gegenstück. In überstürzender Hast, ohne Plan und ohne Prüfung, aus der Tiefe des Gefühls, aber ohne gründliche Sachkenntnis, wollte man hier immer den zweiten Schritt zuerst tun, nicht im Schreiten, sondern im Sprung das un­flar vorschwebende Ziel erreichen. Infolge dessen waren die Debatten mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Uebertreibende Forderungen und Ansichten wurden laut, die gerade den

Freund der Frauenbewegung mit Bekümmernis erfüllen mußten, weil sie Mißtrauen und Abneigung gegen diese Be­wegung zu erregen angetan waren. Glücklicherweise fehlt es gegenüber den Ueberspanntheiten des Radikalismus nicht an einem Gegengewicht. Die gemäßigten Frauenrechtlerin en werden durch ihre Besonnenheit die Fehler der anderen Rich­tung auszugleichen wissen.

Ueberaus betrüblich ist es, daß in Berlin Leiter und Arbeiter der großen Elektrizitätswerfe die goldene Mittelstraße verfehlt haben und nicht zu einer Verständigung gekommen sind. Ganz besonders bedauerlich ist, daß es den Anschein hat, als sollte die ohnehin schon sehr ausgedehnte Arbeitsniederlegung noch größeren Umfang an­nehmen, indem bald die Arbeitgeber, bald die Arbeiter selbst recht entfernt verwandter Berufe aus Sympathie" sich der Aussperrung oder der Arbeitseinstellung anschließen. In schroffer Ablehnung stehen die beiden Parteien einander gegenüber, gleich bereit, schwere Opfer zu bringen, deren Wert über jeden möglichen Gewinn weit hinausragt. Noch ist die Stimmung zu erregt, um einen Ausgleich erwarten zu lassen. Doch wird hoffentlich bei den Beteiligten bald bessere Er­fenntnis Oberhand gewinnen, der Eigensinn zum Schweigen kommen, und Klugheit die weiteren Schritte zum Frieden bestimmen.

In der mährischen Hauptstadt Brünn haben die Tsche= chen nach ihrer Art sich kulturell betätigt, indem sie sich an den deutschen Mitbürgern vergriffen. Im österreichischen Abgeordnetenhause setzten die tschechischen Führer das Werk der von ihnen Vertretenen fort, indem sie den Versuch eines Tadels für das Verhalten ihrer Volksgenossen mit rohen Schimpfworten und sogar mit Brutalitäten zurückwiesen. Die cisleithanische Regierung steht ratlos einer Entwickelung gegenüber, die sie selbst hervorgerufen hat, indem sie zu­gunsten augenblicklicher Zwecke dauernden Brand schürte, an­statt die Nationalitäten fraftvoll zu zwingen, daß sie fried­lich gemeinsam die goldene Mittelstraße einschlugen. Der­selbe Fehler ist in Ungarn gemacht worden, wo man fannegießernden Magnaten und Magnätchen gestattet hat, das Staatsinteresse hinter ihr persönliches Eitelkeits- und Popularitätsinteresse zurückzustellen. Der Typus dieser randalierenden Worthelden ist Herr Gheza Polonyi, der das Märchen von einer deutschen oder, wie man in Budapest lieber sagte, einer hohenzollernschen Einmischung in unga­rische Angelegenheiten aus der Luft griff, um auf der Gasse Eindruck zu machen und die Massen aufzumiegeln. Er wurde prompt Lügen gestraft, und der abgestrafte politische Komö­diant, der auf die Ehre eines schnellen Widerspruchs nicht gerechnet haben mochte, quittierte lächelnd mit der Versiche­rung, daß er sich der Belehrung freue. Aber nicht belehrt ist der Edle, sondern bloß ertappt, und fein Schamgefühl wird ihn hindern, bei der ersten Gelegenheit das noble Hand­werk von neuem auszuüben.

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( Eig. Bericht.) Paris, 5. Oftober.. Wenn man den französischen zeitgenössischen Schrift stellern glauben darf, ist die Frage: Wo ist die Frau?" nicht bloß da am Plaze, wo man nach der Ursache eines Verbrechens forscht, sondern nicht minder da, wo es gilt, die nur aus ihrer Entlohnung erkennbaren Verdienste eines Mannes ans Licht zu bringen. Die Frau ist in Frankreich allmächtig, denn sie beherrscht die Mächtigen. Die Sch wie germutter spielt dort eine andere Rolle, als in den deutschen Witzblättern schlechten Geschmacks; sie ist die gute Fee des Schwiegersohnes, der ihr gütiges Walten höher schätzt, als selbst eine hohe Mitgift. Freilich muß der Schwie gersohn die Gunst der Schwiegermutter durch dauernde gute Behandlung der Tochter verdienen, was nicht immer leicht sein mag. Sonst wird die Schwiegermutter zur Parze, die zwar nicht den Lebensfaden, aber die Karriere plötzlich ab.

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schneidet. Denn die Frau in Frankreich ist nicht bloß im Guten allmächtig. Herr Franco, Unterpräfeft von Joigny, hat es zu seinem Schaden erfahren. Er war in der Wahl der Schwiegereltern recht vorsichtig gewesen, da er die Toch­ter des radikalen Senators Rivet heiratete. Papa Rivet ist ein einflußreicher Herr, und selbstverständlich ist es Frau Rivet, die über seinen Einfluß verfügt. So wurde Franco in jungen Jahren Unterpräfeft. Er hätte es schnell zu noch höheren Würden gebracht, wenn er nicht bei einem Streit zwischen seiner Frau und seiner Schwester, in deffen Berlauj die geborene Rivet recht unzart gegen die Familie Franco wurde, sich hätte hinreißen lassen, dem Senatorstöchterlein durch einen Backenstreich zu Gemüte zu führen, daß sie selbst durch Heirat der Familie Franco angehöre. Frau Franco nahm das übel was man ihr nicht verdenken fann- und kehrte mit ihren beiden Kindern in das Haus ihrer Eltern zurück, was vielleicht etwas übereilt war. Frau Rivet aber wurde aus einer guten zur bösen Fee. Mit der Entschluß­festigkeit, die wir an der Tochter bereits fennen gelernt haben und die sie offenbar nicht restlos der Tochter vererbt hatte, bearbeitete sie den Herrn Senator, daß er sein eigen Werk zerstöre und durch seinen Einfluß den Schwiegersohn aus der Unterpräfeftur von Joigny entferne. Herr Rivet mußte deswegen bei Herrn Etienne, dem Minister des Innern, vorstellig werden, und Herr Etienne hatte seinem Freunde Rivet nichts abzuschlagen. Franco wurde abge­setzt und mit geringerem Gehalt und niedrigerem Rang an die Armeeverwaltung nach Pau versetzt. Das war hart, sehr hart. Herr Franco wollte nicht bloß nicht gern, er wollte überhaupt nicht gehen. Er weigerte sich, seine schöne Amtswohnung in Joigny zu verlassen. Erst der sanften und zwingenden Ueberredungskunst der Gendarmerie gelang cs, seinen Eigensinn zum Schmelzen zu bringen. Vielleicht lag dem Eigensinn auch etwas Berechnung zugrunde. Unterpräfekt, der aus seiner Amtswohnung ermittiert wer­den muß, ist keine alltägliche Erscheinung. Von der Affäre mußte gesprochen werden, sie mußte die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und dadurch gewann Herr Franco Gelegen­heit, von den Erfahrungen zu erzählen, die er als Schwieger­sohn gemacht hat. Er brauchte nicht länger den Diskreten zu spielen und konnte dabei die Dinge in einem ihm günstigen Lichte darstellen, das noch keineswegs das richtige Licht zu sein braucht.

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Vermischtes.

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Ausgaben der Hansestädte. In Hamburg hat jetzt die Bürgerschaft der vom Senat beantragten 6 910 000 Mart zum Zweck der Errichtung eines Werftplates für den Stet­tiner Vulcan" zugestimmt. Die Bremer Bürgerschaft be­willigte für die Erweiterung des Helz- und Fabrikhafens 1 370 000 Mark für ein neues Verwaltungsgebäude und 19 600 Mark Unterstützung für bremische Künstler zur nächſt­jährigen Dresdener Kunstgewerbeausstellung.

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Der älteste Handwerksbursche. In Sachsen reist ein Handwerksbursche umher, der 95 Jahre alt ist. Er war 22 Jahre in Amerika und 18 Jahre in Rußland, ist troy seines hohen Alters noch sehr rüſtig und wird überall, wo er hinkommt, reichlich mit Geschenken versehen. Von der Polizeimannschaft in Meerane, wo er dieser Tage auftauchte, wurde ihm außer dem üblichen Stadtgeschenk noch eine be­sondere Unterstützung zuteil.

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Eine gestohlene Sammlung. In einem Pariser Hotel wurde dem amerikanischen Aegyptologen Zimmermann feine Sammlung ägyptischer Altertümer im Wert von an­geblich einer Million Francs gestohlen. Ein in demselben Hotel wohnhafter Engländer wurde verhaftet; es wurden bei ihm nur einige wenige Stücke der Sammlung gefunden.

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