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nfertionepreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­Beffen, bie Streife Wehlar amb Marburg 10 Bfg. fonft 15 Bfg. Reklamen die Betttzelle 30 refp. 40 Bfg.

Rebattion u. Haupterpebliton: teßen, Seltersweg 88. Sernsprechanschluk Nr. 862.

Dienstag, den 4. April 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfs., in's Hand gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Steßener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Sonderfchulen für Begabte.

Man hat in neuerer Zeit mit Nachdruck und mit Erfolg dafür plädiert, daß für minder begabte, für geistig rück­ständige Kinder besondere Schulen oder wenigstens Schul­tlassen eingerichtet werden sollen. Es wurde gesagt, daß diese rückständigen Kinder eine Plage für die Schule bil­deten. Nicht bloß, daß sie die Kräfte des Lehrers über Ge­bühr in Anspruch nehmen, hemmen sie den unterrichtlichen Fortschritt der Mitschüler, ohne daß sie selbst zu einem er­

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wie in der Mitschüler und der Lehrer Interesse, daß sie von einer Gemeinschaft getrennt würden, mit der sie doch nicht Schritt halten können, in der sie andere aufhalten, ohne selbst vorwärts zu kommen. Würden sie abgesondert, so wäre die Schule von einem hinderlichen Ballast befreit, und für sie eröffne sich die Aussicht, mit Nußen einen Unterricht zu genießen, der ganz und gar auf ihr schwächeres Auf­fassungsvermögen berechnet sei.

Wir sind mit diesen Darlegungen vollkommen einver= standen und wünschen den auf die Einführung von Schul­lassen für geistig rückständige Kinder gerichteten Bestrebun­gen besten Erfolg. Wir möchten aber zugleich die allgemeine Aufmerksamkeit darauf lenken, daß mit genau den gleichen Gründen die Forderung aufgestellt und verteidigt werden fann, besondere Schulen oder Schulklassen für begabte siin­der zu schaffen, deren Auffassungsvermögen den guten Durchschnitt übersteigt.

Wie das Gros der Schulkinder unter der unterrichtlichen Ver gesellschaftung mit geistig rückständigen Kindern ohne Vorteil für diese leidet, so leiden die begabteren Kinder unter der Unterrichtsgemeinschaft mit den Kindern, deren Be­gabung einen mäßigen Durchschnitt nicht übersteigt; und der Schaden, den sie nehmen, drückt sich nicht bloß im Zeit­derlust aus. Vielmehr sind sie in Gefahr, dauernd die besten Eigenschaften zu verlieren, die es ihnen unmöglich machen, die Früchte ihrer Begabung für sich und die Welt zur Reife zu bringen.

Die öffentlichen Schulen alle, die Volksschulen wie die mittleren und höheren Lehranstalten, haben ihre unterricht­lichen Veranstaltungen sämtlich, ihr ganzes Pensum einem Normalschüler" angepaßt, der nach keiner Seite durch Be­gabung hervorragt. Die mäßigste Begabung muß im Verein mit schicklichem Fleiß dahin gelangen können, innerhalb der vorgeschriebenen Zeit das vorgeschriebene Pensum in sich aufzunehmen.

Ein solcher Normalschüler" hat von dem Schulunter­richt den vollen Gewinn. Die Schule gibt ihm alles, was er aufzufassen vermag, und überdies gewöhnt er sich durch die Schuldisziplin an die Aufwendung des erforderlichen Fleißes, der einen genügenden Teil der schulfreien Stun­den nüßlich ausfüllt.

Tem begabteren Schüler aber bleibt die Schule viel schuldig, die sich überdies an ihm- ohne Absicht natürlich, aber ganz unausweichlich schwer versündigt. Der be­gabtere Schüler könnte in der Schulzeit weit mehr lernen, und die Schule könnte ihm auch weit mehr geben, als tat­sächlich der Fall ist. Doch beides darf nicht sein, weil die Schule auf den Normalschüler", auf die mäßige Durch­schnittsbegabung zugeschnitten ist. Was bei solcher mäßigen Durchschnittsbegabung anhaltender Fleiß erreichen fann, das ist das Schulziel. Selbstverständlich faßt das be­gabte Kind das Pensum leichter und schneller auf, es bedarf nicht der häufigen Wiederholungen, und so erlahmt seine Aufmerksamkeit, der kein neuer Stoff geboten wird, Zer­treutheit stellt sich ein, und eine Anstrengung des Fleißes, die Uebung dieser nützlichsten Tugend, wird fortgesetzt überflüssig.

So muß das vorzugsweise begabte Kind nicht bloß län­gere Zeit, als nötig wäre, auf Bewältigung des Lehrstoffes bertvendenes entbehrt, was noch schlimmer ist, der Ge­wöhnung an rechtes Arbeiten und angestrengten Fleiß es verliert mit der Aufmerksamkeit die Konzentrationsfähig= teit und das Ende ist, daß seine Begabung in der Schule mur gerade das gewonnen hat, was es auch ohne Begabung gewonnen hätte, und daß es an seinen besten Eigenschaften Schaden genommen hat.

Man glaube nicht, daß wir übertreiben. Unsere Worte werden durch die tägliche Erfahrung belegt, der man nur deshalb keine Beachtung geschenkt oder eine fehlgehende Deutung gegeben hat, weil sie eben gar so häufig ist, daß man sie wie ein Sismet", wie eine Schicksalsfügung hin­nimmt. Wie oft kann man hören oder hört man, daß ein Anabe nicht gehalten, was er in der Schule versprochen, daß aus dem talentvollen Jungen ein untüchtiger Mann gewor­den. Man spricht dann von der Trüglichkeit der Schüler­begabung und hält die spätere Entwickelung für die allein maßgebende. Nein! In diesen Fällen allen hat die Schule an der unerfreulichen späteren Entwickelung die meiste Schuld, hat die Schule der vorhandenen Begabung nicht Rechnung getragen und auf den empfänglichen Boden einer angenährten, unbeschäftigten Veranlagung die bösen Keime der Anstrengungsentwöhnung übergeimpft. Der Knabe, der sich in der Schule niemals anstrengen mußte, dem alles gleich­

jam anflog, wie sollte der zum Fleiß kommen und zur Ar­beitsliebe? Ihn hat die Schule verderbt, gerade weil er be­gabt war, und weil die Schule nur für den Normalschüler" eingerichtet ist.

Darum möchten wir dafür plädieren, daß Klassen für besonders begabte Schüler eingerichtet werden. Geht es nicht an, diese Begabten zu einer schnelleren Absolvierung des Schulpensums zuzulassen, so soll man ihnen Ergänzungs­unterricht geben, damit ihre Aufmerksamkeit rege bleibe und sie Fleiß lernen, an Anstrengung sich gewöhnen. Was man den geistig rückständigen Kindern um ihrer selbst willen und wegen der Normalschüler" gewährt das sollte man den besten Köpfen nicht versagen.

Der Krieg in Oftalien.

Wie vorauszusehen war, wird es jetzt still vor dem nahe bevorstehenden Frieden. Die authentischen" Berichte über bereits eingeleitete Verhandlungen werden jetzt als verfrühi bezeichnet. Sie gründeten sich lediglich auf gewisse Sondie­rungen seitens der amerikanischen Regierung bei den beiden Kriegführenden. Präsident Roosevelt hat die Nutlosigkeit aller Friedensbestrebungen für den Augenblick bereits ein­gesehen und hat sich nach Colorado auf die Jagd begeben. Auf dem Kriegsschauplat selbst wird

die japanische Verfolgung

weiter energisch durchgeführt. Aus Tokio wird vom 3. April gemeldet:

Ein Teil der bei Kaiyuan stehenden Streitmacht ver­trieb die Russen von Mhenhuachih und besetzte dieses Dori und die nördlich davon gelegenen Höhen am 31. März. Nach den anderen Richtungen hin ist die Lage unverändert. Daß die Japaner darauf bedacht sind, ihre Fühlung mit den fliehenden russischen Truppen feinen Augenblick zu ver­lieren, geht aus der folgenden weiteren Meldung aus ihrer Hauptquartier hervor: Unsere Vorposten rückten gegen Hailung vor und stießen am 28. März morgens bei Schan­tschengtfu, 30 Meilen südwestlich von Hailung, auf 300 Mann russische Kavallerie. In Schantschengtfu haben die Russen 2000 Mann Reiterei zurückgelassen und sind in Stärke von etwa 4000 Mann auf Hailung zurückgegangen. Zwischen Schantschengtsu und Jingtscheng, einem Orte 35 Meilen nordwärts von Hiengtscheng. befinden sich an ver­schiedenen Punkten große Vorräte an Cerealien.

In Petersburg beschäftigt sich inzwischen die öffentliche Meinung lebhaft weiter mit den Gründen der Mißerfolge im ferner Osten. Vor allem ist es jetzt auch der Kriegs­minister Sacharom, den man dafür verantwortlich machen will. Man wirft ihm vor, nur Reservetruppen nad der Mandschurei geschickt und gegen Kuropatkin intriguiert zu haben. Ssacharom stellt das entschieden in Abrede. Doch glaubt man, daß seine Abberufung bereits beschlossene Sache ist und der Generalquartiermeister Poliwanow zu seinem Nachfolger ernannt werden wird. Auf den unbefangenen Beobachter macht der ewige Wechsel in den Personen der russischen militärischen Oberleitung den kläglichsten Eindruck. Auch der tüchtigste neue Mann" wird den verfahrenen Karren nicht von heut auf morgen ins rechte Gleis bringen fönnen.

Die Politik.

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Die Kaiserreden in Tanger haben, wie aus dem jetzt vorliegenden Wortlaut hervorgeht, einen Punft immer wieder betont: daß der Sultan von Marokko ein unabhän­ziger Herrscher sei und daß der Handel der europäischen Nationen in Marokko auf dem Boden völliger Gleichberech­tigung betrieben werden müsse. Es wird hiernach sehr schwer fein, die Bedeutung und den Zweck des marokkanischen Be­suches des Kaisers zu verkennen oder zu mißdeuten. gar der Geschicklichkeit des Herrn Delcassé wird es nicht ge­lingen, die Franzosen zu überzeugen, daß er nichts getan habe, was als eine Bedrohung der Gleichberechtigung der Mächte in Marokko und als eine Beeinträchtigung der Selb­ständigkeit Maroffos aufgefaßt werden konnte. Noch we­niger wird es ihm gelingen, den Anschein zu erwecken, als ob er nichi eine schwere diplomatische Niederlage durch seine Schuld erlitten hätte

Die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an Mi­nister v. Budde anläßlich der gesetzgeberischen Erledigung der Kanalvorlage wird lebhaft kommentiert. Die Kanal­borlage ist unter dent Ministerium v. Thielen zweimal ein­gebracht gewesen und zweimal zu Falle gekommen. Die Schwierigkeiten zu beseitigen, die ihr auch bei ihrer dritten Wiederkehr noch drohten, war wenigstens nicht tatsächlich Sache des Ministers der öffentlichen Arbeiten. Wenn gleich­wohl gerade Herr v. Budde die genannte höchste Auszeich­nung erhielt, so sollte damit wohl gesagt sein, daß die Vor­lage die Ergänzung finden werde, die Herr v. Budde für sie schon in Bereitschaft hat. Jedenfalls ist die Auszeichnung ganz ungewöhnlich für einen Minister, der so jung im Amte ist.

Der Rücktritt des bayerischen Kriegsministers v. Asch. den man schon länger als bevorstehend bezeichnete, ist nun perfekt geworden. Zu seinem Nachfolger ist der komman­dierende General des III. Armeckorps, Freiherr v. Horn­Nürnberg, bejiinit.

Das Bergwerksgeset, dessen Erledigung im Abgeord­netenhaus noch aussteht, wird erst nach den Osterferien, in der zweiten Maihälfte, zusammen mit dem Knappschafts­gesetz an das Herrenhaus kommen. Wie verlautet, besteht in Herrenhauskreisen die Absicht, die Kontraktbruchstrafen zu verschärfen, auch den Schutz der Arbeitswilligen schärfer zu betonen.

Am 26. März hat in Dents Südwestafrifa wieder ein Gefecht stattgefunden. An diesem Tage machten die Hotten­totten in Kransplatz nördlich Gibeon einen Ueberfall, bei dem sie 2 Reiter und 2 Vuren töteten und 60 Ochsen fort­führten Die Verfolgung war vergeblich, weil Regengüsse die Spuren verwischt hatten. An demselben Tage fand nahe bei Groß- Hausis, etwa 50 kilometer südwestlich Windhut, ein fünfstündiges Gefecht mit Sottentotten statt. Auf unserer Seite 1 Offizier, 2 Reiter, 3 eingeborene Soldaten vermißt. 1 Unteroffizier leicht verwindet. Von den Hottentotten fielen 20 Mann.

Balkan- Staaten.

Die Bewohner von Kreta müssen den Wunsch eines Anschlusses an Griechenland vertagen, da die Mächte von ciner Erfüllung dieses Wunsches einstweilen nichts wissen wollen. Damit kommt Griechenland um den Preis, den es aus den gegenwärtigen Wirren Mußlands davonzutragen schon ganz sicher war. Die Konsequenz davon ist eine schwere Mißstimmung, die sich so sehr gesteigert haben soll, daß die Griechen in Salonichi die Absicht begten und ihre Ausfüh­rung vorbereiteten, die Bulgaren in Salonicht umzubringen. Das kann wahr fein oder falsch sein jedenfalls haben die Bulgaren beschlossen, den in Bulgarien vereinzelt wohnenden mazedonischen Griechen gegenüber das Prävenire zu spielen und im voraus Vergeltung zu üben.

Ruisland.

Die russische fünfprozentige innere Anleihe ist 2½mal gezeichnet worden, so daß von den Zeichnungen nur 40 Pro­zent berücksichtigt werden können. Das ist ein sehr hübscher finanzieller Erfolg- wenn er echt ist, wenn nicht auf dem Wege sanften Zwanges manche Zeichnung von Belang heran­geholt worden ist, wovon man, wie zugestanden werden muß. nichts gehört hat. Weniger erfreulich sind nach wie vor die politischen Verhältnisse. In Moskau hotte der Schilfe des Ministers des Innern die Abhaltung des Acrzte, fongresses untersagt. Der Minister gab die Genehmi gung. Bei der Eröffnung des Kongresses am Sonntag gab es leidenschaftliche Reden über das unsinnige Verbot, das als Beweis für die Notwendigkeit einer Konstitution aus. genützt wurde. Ohne das Verbot hätten die Aerzte nicht an Politik gedacht.-- In Warschau hat am Sonntagabend ein Zusammenstoß zwischen Militär und einer Ansammlung von etwa 1000 Israeliten stattgefunden, die einem Sozia listen das letzte Geleit gaben. Die Menge griff, wie der amtliche Bericht sagt, mit Revolverschüssen das Militär an, das mit Salven antwortete. Ein Arbeiter soll gefallen sein. Um dieses Vorfalls willen ist im ganzen Generalgouverne ment der Verkauf von Feuerwaffen und Patronen verboten worden. Die Vorräte in den Waffenläden sind in Amts­verwahrung genommen worden.

Firina.

Wie aus Iohannesburg gemeldet wird, hat in der North Randfontein- Mine bei Krügersdorp ein Chinesen­streik stattgefunden, bei dem es zu Ruheſtörungen, zahlreichen Verwundungen und endlich zur Verhaftung von 53 Kulis fam. Die chinesischen Minenarbeiter waren mit ihren Löhnen nicht zufrieden und weigerten sich, mehr als 12 Zoli Gestein täglich zu bohren.-- Der Kuli wird bald aufhören, für den geduldigsten Arbeiter zu gelten.

Amerika.

Die Einwanderungsgesetze werden jezt in Kanada und den Vereinigten Staaten mit großer Strenge gehandhabt. Eine Frau Marguerite Nonington, eine eng­lische Untertanin, die von San Franzisko nach Victoria ( Vancouver) reiſte, hatte das Unglück, 2800 Mark, ihren ganzen Besitz, zu verlieren. Ihr wurde in Victoria die Lan­dung nicht gestattet. Man brachte sie nach San Franzisko zurück, wo sie die gleiche Ablehnung erfuhr. Sie wird nun nach einem Land gebracht werden, in dem man mittellose Fremde nicht zurückweist.

Hof und Gefellschaft.

Bei der Ankunft des Kaisers in Port Mahon auf Minorka fuhr ein kleiner spanischer Kreuzer in voller Flag= genparade den deutschen Schiffen entgegen, um diese in den Hafen zu geleiten. Der spanische Kreuzer und ein anderes bereitz im Hafen liegendes zweites spanisches Kriegsschiff feuerten Salut. Die lange und schmale Hafeneinfahrt war zu beiden Seiten von den Einwohnern Port Mahens dicht