Ausgabe 
23.4.1904 Zweites Blatt
 
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bindungen, bekommen und wußte auch, daß man fte nachher wieder einstellen würde.

Doch der ganze Vormittag verging, ohne daß sie sich entschließen konnte, in das Allerheiligsie hineinzugehen, wo der Chef saß.

Am Abend ging sie zu Gustav. Sie waren wie gewöhn­lich lieb und freundlich zu ihr, und Signe meinte, daß man ste so lange nicht gesehen hätte, dann aber fügte sie betrübt hinzu:

Uebrigens wundert mich das nicht, denn die Freude ist jetzt aus unserem Heim fortgezogen, wer weiß, ob uns die Sonne je wieder scheint!"

Dabei brach sie in Tränen aus. Olga hatte früher Immer verächtlich darüber gelächelt, daß ihre Schwägerin sich so leicht zu Tränen hinreißen ließ, doch in diesem Augenblic tat es ihr um Signe leid, sie war in den letzten Monaten so blaß und niedergeschlagen geworden.

Sie ging zeitig heim, kam aber doch nicht zur Ruhe. Sie setzte sich in den alten Schaukelstuhl, und bei dem ein­förmigen Hin und Her sammelten sich nach und nach ihre Gedanken. Sie sah klar und deutlich ihre Pflicht vor sich, sie mußte das Kind des Bruders retten, ihr erspartes Geld zu Elsens Reise hergeben und ihre eigene Reise aufgeben. Die Sache war so einfach wie das Schlußexempel einer Additionsreihe, und sie grübelte auch nicht länger darüber nach; sie wußte, daß sie so um ihres Bruders willen handeln mußte. Nein, andere seltsame Gedanken erhoben sich in ihr. Warum mußten Menschen wie sie überhaupt leben? Warum war gerade sie auf einen Wunsch verfallen, der kurz vor der Erfüllung in Nichts zerfloß? Sie hatte nie zu denen gehört, die freiwillig geben und aus eigenen Stücken verzichten; warum wurde gerade thr ein Opfer auferlegt, an dem sie ihr ganzes Leben hindurch leiden mußte?

Ein paar dicke, schwere Tränen flossen gleichsam eiskalt ihre Wangen herab. Sie wischte sie augenblicklich fort, als wenn sie sie überrumpelt hätten. Ihr Vater hatte oft zu ihr gesagt, wenn sie als Kind diese oder jene Sorge gehabt und erregt aufgefahren war:

Mein Kind, ich fürchte, du wirst einmal viel durch zumachen haben, denn so ist es in der Welt, daß das Auf­rechte gebeugt und das Harte weich gemacht wird."

Doch sie hatte das Leben nicht weich gemacht, das wußte sie.

Am nächsten Tage schrieb sie an Gustav, sie hätte die Mittel zu Elsens Reise, wünsche aber nicht, sich darüber auszusprechen und schicke ihm deshalb Vollmacht, das Geld zu erheben, damit Else und Signe sofort abreisen könnten. Sie fühlte selbst, wie herzlos diese wenigen Zeilen waren, doch sie konnte nicht anders schreiben.

Am Abend kam Signe zu ihr. " Ich weiß nicht, wie wir dir je danken sollen, Olga. Worte vermögen es nicht."

" Das ist auch nicht nötig," entgegnete Olga kurz, reist ihr?"

" In drei Tagen, Olga. Dank, herzlichen Dank!" ,, Laß es nur gut sein!"

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" Olga," sagte Signe, erhob sich von ihrem Stuhl, ging zur Schwägerin hin und legte den Arm um ihren Hals. Ich bin nie so zu dir gewesen, wie ich eigentlich hätte sein sollen, willst du mir das vergeben und eine Bitte anhören, die ich an dich richten möchte?- Liebe Olga, willst du nicht zu Guſtav ziehen, während ich fort bin? Ich weiß ja, wie sehr ihr an einander gehangen habt, und du bist die einzige, die ihn ein wenig aufmuntern kann, damit ihm das Haus weniger leer erscheint, wenn ich mit der kleinen Elſe fort bin,"

" Ist das wirklich dein Wunsch?"

" Ja, Olga!"

Olga saß lange still und stumm, zuletzt beugte sie lang­sam das Haupt; ein leichter, milder Schimmer lag auf ihrem Gesicht, und mit zitternder Stimme antwortete sie:

Ja, das will ich tun!"

Doch als Signe gegangen war, saß sie lange in ihrem Lehnstuhl, sah vor sich hin und sagte zuletzt demütig:

,, So war es also gemeint; ich sollte verstehen lernen, wie sehr ich mich innerlich nach einem Menschen sehnte, den ich lieben konnte. Jetzt bekomme ich vielleicht drei 1. Reichtum nach den harten Jahren der Armut!"

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Vogelwelt und Landwirtschaft. Es ist ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit, daß Land- und Forstwirtschaft ihr Interesse nunmehr auch dem Studium der Lebensweise der Vögel, deren Wert für den Wirtschaftsbetrieb zuwende, daß man erkennen lernt, einen wie wichtigen Bundes: genossen im Kampfe gegen Schädlinge man in der gefiederten Welt habe und nach Möglichkeit schüßen müsse. Leider ist in den letzten Jahrzenten ein erheblicher Rückgang der Zahl, be= sonders der nützlichen Vögel wahrnehmbar. Ursachen für diese bedauerliche Erscheinung hat man zu suchen in der immer weiter fortschreitenden Ausgestaltung des Verkehrs und seiner Hilfsmittel, der Industrie und deren für die Vögel so verderblichen Anlagen, Feuerschein und giftige Gase ausströmenden riesigen Essen, sowie in den weitverbreiteten Telegraphendrähten, den zum Schutz der Schiffahrt errichteten Leuchttürmen. Unser einheimischer Krammets­vögelfang ist wohl dem in Italien verübten Massenmord nüßlicher Vögel gleichzustellen. In dem zum Trocknen im Ufergebüsch auf­gehängten Fischreusen werden Tausende von Vögeln gefangen, welche ihre Nahrung suchten an den den Reusen anhaftenden Kerbtieren. Die Wissenschaft ist mit bestem Erfolg bestrebt ge­wesen und noch bei der Arbeit, zu ermitteln, welche Bedeutung die Vogelwelt für die Land- und Forstwirtschaft habe. Man Aus denselben hat sich ergeben, stellte Fütterungsversuche an. daß ein Meiſenpaar mit seiner Nachkommenschaft in einem Sommer nicht weniger als 75 Kilogramm Insekten vertilge. Ebenso hat sich ergeben, daß die Anzahl der vertilgten schädlichen Insekten die Zahl der aufgenommenen unschädlichen Insekten erheblich überwiegt. Die Vogelwelt wirkt großen Schäden gegenüber vor­beugend. Wo Vögel nisten, geschützt und gepflegt werden, können Kalamitäten, wie die Vernichtung von Waldbeständen durch die Nonnenraupe, den Kieferspanner, Mißernten an Obst infolge Frostes, schädlicher Raupen kaum jemals eintreten. Auch die großen Vögel, die Tag und Nacht- Raubvögel sind überwiegend als nützlich erkannt. Die vorgenommenen Magenuntersuchungen bei Raubvögeln, an verschiedenen Arten von Falken, Eulen usw. haben gezeigt, daß auch der Hauptbestandteil der Nahrung dieser Tiere in schädlichen kleineren Tieren, besonders Mäusen, besteht. Selbst der mit Vorliebe Flugwild schlagende Hühnerhabicht hat sich als wirksamer Schützer der Forsten erwiesen, in welchen Eich­hörnchen und Häher ihr Wesen treiben. Man hat alle Veran­lassung die großen Vögel zu schonen, für die kleineren Vögel Niststellen anzulegen und ihnen im Winter genügende Nahrung zu bieten. Man schone selbst die Krähen und sei mehr darauf bedacht, diese den Saaten unter Umständen schädlichen Vögel durch geeignete Mittel fernzuhalten, als sie, die auch immerhin durch Vertilgung von schädlichen Tieren großen Nuken gewähren, rücksichtslos zu töten. Der Landwirt wie der Forstwirt handele nicht nur im einseitigen Interesse, zu vernichten, was ihm zu schaden scheint, sondern bedenke, daß, was die gütige Natur auch nicht an allein nüßlichem biete, vielen anderen eine Freude be reite, daß es sich sehr wohl mit dem Zweckmäßigkeitsprinzig ver­trage, die Geschöpfe zu schonen, die durch ihre Lebensweise, ihren Gesang, ihr schönes Gefieder erfreuen, und wenn auch nicht ge­rade Nutzen schaffen, so doch auch nur geringen Schaden anzu­richten imstande sind.

."

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Ratte und Sperlinge. In einem sächsischen Dorfe beob achtete kürzlich ein Naturfreund einen interessanten Kampf zwischen einer Ratte und Sperlingen. An einem nassen Tage es hatte bis dahin fortwährend geregnet erschien auf der Dorfstraße eine feiste Ratte, die einen Ausflug in eine benachbarte Korn­scheune vorzuhaben schien. Plötzlich, wie auf ein gegebenes Signal, als ob sie schon auf die Ratte gelauert hätten, stürzten sich Sperlinge scharenweise auf das Tier und griffen es mutig an. Es entstand eine blutige Schlacht, bei welcher verschiedene Spatzen in den Staub beißen mußten; endlich aber wich der Vierfüßer, seine Verteidigung erlahmte und er hauchte unter den wütenden Schnabelhieben seiner erbitterten Gegner das Leben aus, worauf sich die heilgebliebenen Helden mit triumphierendem Gezwitscher in die Lüfte schwangen.

Nr. 90.

Samstag, den 23. April.

1904.

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Sand and Berlag bar biser Berlegebenderet, varm. File Reller'sche Buchbrucessi( gegs. 1783); stendo): Iba lela

( Schluß.)]

Gewissensqualen.

Kriminal Roman von Robert Buchanan.

,, Pater Antonius bat und drang in mich, mich selbst den Behörden zu stellen und meine Seele zu retten, aber, Gott steh' mir bei, ich fürchtete mich vor dem Galgen, und ich konnte es mir nicht denken, daß sie den Herrn Michael hängen würden."

Im höchsten Grade erschöpft, fiel er in sein Bett zurück. Kathleen, die auch recht bleich aussah, aber keine Furcht mehr zeigte, beugte sich über ihn und ſtrich ihm zärtlich über das Gesicht. Während sie dies tat, wandte er sich zu Ellen und streckte ihr seine zitternden Hände entgegen.

Es war ganz gewiß nicht meine Absicht", brachte er mühsam hervor.. ,, Und ich.... ich sterbe jetzt."

Ich sah auf Ellen. Sie saß noch immer auf dem Stuhle, zu dem Pater Johannes sie geführt hatte, als wir in das Zimmer traten. Die Hände in ihrem Schoß gefaltet, ihr blasses Antlik dem Kranken zugekehrt, sah sie wohl, wie er ihr bittend die Hand entgegenhielt, aber sie ergriff sie nicht. Mein Vater! Mein armer Vater!" rief sie und bedeckte das Gesicht mit ihren Händen.

Neben ihr stand Pater Johannes, in dessen ehrliche Augen ebenfalls die Thränen traten. Er beugte sich zu ihr hernieder, um ihr Worte des Trostes zu sagen. Meine Aufmerksamkeit wurde indeß durch Pater Antonius in Anspruch genommen. Er hatte bisher am Bette gestanden, auch sehr blaß, aber seine Haltung war während der ganzen Erzählung aufrecht geweſen, und jedes Wort des schrecklichen Bekenntnisses hatte er mit gespannteſter Aufmerksamkeit in sich aufgenommen. Jetzt streckte er plötzlich seine Arme aus, griff in die Luft, taumelte, und ehe ich ihm noch beiſpringen konnte, fiel er zu Boden, ohne einen Laut von sich zu geben.

Das Geheimnis, das uns so viel und so langes Kopf­zerbrechen gemacht hatte, war nun entdeckt. Ich zweifelte nicht im geringsten daran, daß der Sterbende die Wahrheit gesprochen hatte, und fand leider keine Veranlassung, mich selbst zu dem bewiesenen Scharfsinne zu beglückwünschen; jede Spur, die ich zu haben geglaubt, und jeder Verdacht, den ich geschöpft, war wie eitler Duft verflogen. Ich erkannte nun, was für ein schweres Unrecht ich dem jungen Geist­lichen angetan hatte, und ich versuchte mir die furchtbaren Kämpfe vorzustellen, die er durchzumachen gehabt, um sein Gelübde halten und dabei doch seinem so sehr geliebten Bruder helfen zu können. Seine Furcht vor einem Gange zu seinem Bruder, seine geheimen Besuche bei Bournes, seine große Verzweiflung, als die schreckliche Zeit immer näher kam, sein Bestreben, Ellen aus dem Wege zu gehen, alles hatte jetzt seine natürliche Erklärung gefunden. Mitleid zog mein Herz zu ihm, und mein Geist empfand Achtung und Ehrfurcht vor seinem reinen Charakter, der sich in schwerer Zeit so stark erwiesen hatte, daß ich ihn bewundern müßte. Er war in Ohnmacht gefallen und zwar mit dem Gesicht zu Boden. Behutsam hob ich ihn auf und legte seinen Kopf auf meinen Schoß; von Kathleen ließ ich mir eine Schüssel Wasser bringen, womit ich sein Gesicht besprengte. Seine Lippen bewegten sich und seine Augen, die weit aufgerissen

( Nachdruck verboten.))

waren, starrten ins Leere. Mit Hilfe von Pater Johannes brachte ich ihn ins vordere Zimmer, dessen Türe ich öffnete, damit die kühle Luft von draußen über sein Gesicht streichen konnte.

Fühlst Du Dich jetzt wohler, lieber Sohn?" fragte Pater Johannes besorgt.

Inzwischen war auch Ellen herausgekommen. Jetzt schreckte der Kaplan nicht mehr vor ihr zurück, sondern mut emporgerichteten Haupte sah er ihr ins Gesicht.

Und die ganze Zeit über," sprach sie zu ihm in ruhigem, aber doch fast bitter klingendem Tone, diese ganze lange Zeit über wußten Sie die Wahrheit? Sie wußten, daß Michael unschuldig war, und Sie wußten auch, daß dieser Mann der Mörder war, und dennoch haben Sie nicht gesprochen!"

Von diesem Vorwurfe schmerzlich berührt, fuhr der junge Geistliche ein wenig zurück, erwiderte dann aber, sie immer noch feſt anſehend:" Ich konnte nicht sprechen, ich war durch meinen Eid gebunden." Außer meiner Mutter ist nur Michael die einzige lebende Seele, die mir nahesteht, und Sie wissen recht gut, was mir mein Bruder ist. Dennoch habe ich mit ansehen müssen, wie meinem Bruder von Tag zu Tag der Galgen immer näher kam. Was ich durchgemacht habe, über­stieg fast menschliche Kräfte."

Nach dem kurzen Aufenthalte kehrte Fräulein Craig mit der frohen Kunde von Rory Bournes Geständnis nach Caſtlerea zurück. Bournes lebte aber noch bis zum folgenden Tage und konnte noch ein zu Papier gebrachtes Bekenntnis seiner Schuld vor Zeugen, zu denen auch ich gehörte, unter­zeichnen.

Mr. O'Flannigan, der Verteidiger, verlor keinen Augen­blick, um die nötigen Schritte zur Entlassung Michael Creenan's aus der Haft zu tun; immerhin waren einige Förmlichkeiten zu erledigen, bevor dem Schwergeprüften die Freiheit wieder. gegeben werden konnte.

In seinem einsamen Hause lag nun der Mörder des Herrn Craig still in seinem Sarge. War er auch der irdischen Gerechtigkeit entgangen, und konnte ihn auch das Gesetz nicht mehr belangen, so wurde doch, um der Form zu genügen, seine Leiche unter ständiger Bewachung gehalten. Während meines Aufenthaltes in Irland habe ich so manche Aufbarung gesehen, aber keine, die so schrecklich und so seltsam war wie diese hier.

Auf seinem Bett, in dem er so lange gekämpft hatte, war der Tote in seinen Sterbekleidern mit geschlossenen Augen und rein gewaschenem Gesicht gelegen, ehe er in den Sarg gelegt worden war. Sein Haar und Bart hatte ihm liebe­voll der Schwester Hand gefämmt. Auf seiner Brust stand der Landessitte gemäß eine Untertasse mit Tabak und auf dem Tische nahe am Bett waren Pfeifen, Gläser und eine Flasche Schnaps aufgestellt. Der einzige Leidtragende war Kathleen Bournes. Ab und zu trat wohl ein Landbewohner ins Zimmer, nahm seine Kopfbedeckung ab, warf einen Blick auf die Leiche und betete kurz, nickte dann Kathleen zu und