Ausgabe 
19.3.1904 Erstes Blatt
 
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Hessischer Landtag.

Darmstadt, 18. März 1903. Erster Präsident Haas eröffnet die Sizung. Es werden zunächst die noch ausstehenden Artikel 4 und 30 des Feldstrafgesetzes und des Forststrafgesetzes erledigt. Artikel 4 ruft eine längere Erörterung hervor, an der sich die Abgg. Neh. Köhler, Justizminister Dr. Dittmar, die Abgg. Weidner, Dr. David, Senßfelder, Dr. Heidenreich, v. Brentano, Schönberger, Wolf und Seelinger beteiligten. Schließlich wird der Antrag der Ausschußmehrheit abgelehnt, der auf Annahme der Regierungsvorlage lautet, unter Hin­zufügung eines Absatzes 2, der eine Einschränkung der Haft­barfeit der Dienstherren für durch ihre Dienstboten verur­sachte Schäden vorsicht. Der Minderheitsantrag, der Annahme des Artikels unter Streichung der Worte der Aufsicht oder im Dienste" vorsieht, wird mit Mehrheit angenommen.

Ohne Debatte wird hierauf artikel 4 des Forststrafge= setzes mit derselben Streichung angenommen.

Artikel 30 des Feldstrafgesetzes wird entgegen dem auf Streichung lautenden Ausschußantrag angenommen, ebenso Artikel 30 des Forststrafgesezes.

Es folgt die Beratung der Regierungsvorlage, betreffend. Entwurf eines Gesetzes zur Abänderung des Beseges über das Verfahren in Forst- und Feldrügesachen. In der Ge­neraldebatte sprechen die Abgg. Weidner, Wolf, Seelinger, Köhler und Dr. Buff, sowie Justizminister Dr. Dittmar Artikel I, 1 findet Annahme. Bei I, 2 entsteht eine Debatte über die Uebertragung der Berufung in Forst- und Feldrüge­sachen an die Schöffengerichte, die von der Ausschußmehrheit beantragt wird, während die Minderheit für Beibehaltung der in der Regierungsvorlage vorgesehenen Zuständigkeit der Amtsgerichte ist.

Die Debatte wird nicht zu Ende geführt und auf Dienstag vertagt.

Lokales.

19. März 1904.

** Stadttheater Gießen. Nochmals sei auf das morgige Benefiz von Frl. Margarete Hohl( Heimat) hin­gewiesen. Frl. Hohl darf die Rolle der Magda zu ihren Glanzpartien zählen und nach allen Anzeichen wird ein volles Haus der beliebten Künstlerin die Sympathie des Gießener Publikums zum Ausdruck bringen. Es sei noch mals daran erinnert, daß bei Benefizen etwa noch aus­stehende Block- Abonnementsbillets an der Abendkasse gegen Aufzahlung von 50 Pfg. für Logen und Sperrsiz und 30 Pfg. für die anderen Pläße angenommen werden.

*

Der Bauer'sche Besangverein in Gießen feiert heute Aben und morgen im Neuen Saalbau sein 40jähriges Stiftungsfest. Der Verein versteht es bekanntlich vorzüglich Feste zu feiern und ist zu erwarten, daß Freunden und Gästen genußreiche Stunden in Aussicht stehen.

Die Heilsarmee hält in Gießen im Lokale Lonys Bierkeller kommenden Montag, abends 8 Uhr eine große öffentliche Evangelisations- Versammlung ab, wozu alle Freunde und Interessenten herzlich eingeladen werden. Der Vortrag über: Wie erreiche ich das höchste Glück" wird ausgeführt von Fräulein Kapitänin S. Salliel und wie wir vernehmen,

wird es für Jedermann ein intereſſanter Abend werden.

( Siehe Inserat).

+ Sweineversicherungs- Verein Gießen. Heute Abend findet im Lofal des Herrn Sauer, Neustadt, eine Generalversammlung statt, worauf wir die Mitglieder, da eine wichtige Tagesordnung vorliegt, besonders aufmert­sam machen mögten.

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** Berichtigung. Zu unserer gestrigeu Notiz ,, Ueberfahren" wird uns heute mitgeteilt, daß der Unglücks­fall nicht durch Außerachtlassung von bestimmten Vorschriften entstanden ist, vielmehr ist der Verunglückte mit einem Fuß im Gleis hängen geblieben.

X Großen- Linden, 19. März. Die Firma Haas jun., in deren Sandgrube der gestern gemeldete Unglücksfall sich zutrug, teilt uns mit, daß die Grube erst vor einigen Tagen einer Besichtigung unterzogen und alles in bester Ordnung befunden wurde. Der Firma trifft also keinerlei Schuld an dem bedauerlichen Unglücksfall.

A Leihgestern, 19. März. Eine shaurige Bluttat, wie sie glücklicherweise selten in unserem Ort vorkommt, hat sich gestern hier in der frühen Morgenstunde( etwa 6 Uhr) abgespielt. In dem Hausflur ihrer Wohnung fand die auf Hilferufe von Kindern herbeigeeilte Frau Karl Belden II. die Frau Johs. Heß XXIII. schwer berlegt und blutüberströmt auf. Der Heilgehilfe Heuser und später Dr. Plaz aus Großen- Linden stellten eine 4 3tm. tiefe Verlegung der

Schädeldecke fest die durch einen Artschlag, den der seit einem Jahr bei der Frau Heß in Logis wohnende Arbeiter Karl Müller aus Dutenhofen geführt hatte. Der Vorgang wird wie folgt geschildert: Müller kam im betrunkenen Zustand nach Hause, fand die Tür verschlossen und hat diese dann mit einer Art zertrümmert, die auf die Artschläge hin aus ihrem Zimmer auf den Flur geeilte Frau Heß traf dort auf den inzwischen in das Haus gedrungenen Müller und wurde dann durch einen Artschlag von Müller zu Boden gestreckt. Müller ist dann in den Wald geflüchtet und wird von der Gendarmerie verfolgt. Frau Heß liegt schwer danieder.

+ Ober- Widdershain, 18. März. Heute vormittag ereignete sich im Berstädter Walde ein folgenschwerer Un glücksfall. In einem Steinbruch fam eine Felswand ins rutschen und verschüttete zwei Arbeiter von Berstadt. Der eine von den Bedauernswerten, namens Bommershain,( ledig) war sofort tot, während der andere, namens Schneider, ( verheiratet) mit einem Beinbruch davonkam.

Stadttheater Gießen.

Jugend von heute.

Dito Ernst

Eine deutsche Komödie in 4 Akten von Otto Ernst. Wir sind arm an wirklichen Komödien und Otto Ernst's " Jugend von heute" gehört zweifellos zu den Besten. Dr. Herm. Kröger hat den Scharlach bazillus erfunden und bereitet seinen ehrsamen Eltern eitel Freude und Stolz bis er seinen Studiengenossen Erich Goßler mit in ihr Haus bringt, ein Mensch der am Leben" leidet, voll krassen Neides, ein Uebermensch der sich auf seinen wurmstichigen Pessimis= mus etwas einbildet und der seinen Freund Hermann haßt, weil er ihn bewundern muß. Er spielt die einsame Größe und verliert sich in Nichtigkeiten, und doch vermag er seine ganze Umgebung durch seinen giftigen mitunter beißenden Spott zu täuschen, bis ihn Hermann durchschaut; es kommt zum Bruch und Goßler reist ab. Später, nachdem sich der Bazillenforscher inzwischen mit einer jungen Malerin, Clara, verlobt hat, erscheint er wieder und bittet mit einem rücksichtslosen Bekenntnis seiner Schuld um Verzeihung, die ihm der dumme" Kröger gerne gewährt. hat keine einseitige Satire schreiben wollen, ein Stück Leben beabsichtigte er zu bieten und vieles davon ist ihm auch ge­lungen. Fast stets bleibt er geistreich, ohne daß er geistreichelt und sein Witz ist durchweg scharf und treffend. Kur in dem Literaten Wolff, einem wahren Schiller-( und noch vollendeteren Nahrungsmittel-) Fresser zeigt er bereits, daß er auch zu einer ungerechten Gerechtigkeit" fähig ist. Herr Achterberg hatte sich die Rolle des Hermann zu seinem Ehrenabend gewählt und darin von Neuem gezeigt, daß er ein reichtalentierter Künstler ist, der eine sehr schöne Be­gabung mit ehrlichem Streben in selten glücklicher Weise ver­einbart. Seine stets von sympathischer Wärme getragene Sprache nimmt sofort für ihn ein, sein Spiel ist lebhaft und wohl­durchdacht wir erinnern uns an seinen famosen Jürgen Teßmann und der junge Künstler wird bei nicht erlahmen­dem Efer seinen Weg sicher machen. Reicher Beifall und herrliche Bouquets von Bewunderer und auch Bewunderinnen lieferten dem Benefizianten einen lauten resp. duftenden Be­weis seiner Beliebtheit. Von den übrigen Darstellern möchten wir noch Herrn Bichler erwähnen, der den Erich Goßler welche die Clara in ihrer frischen, ungezwungenen Weise herzig darstellte. Herr Knabe mimte den Knaben Hans ganz drollig und vorwißig nur freute er sich bei dem großen Mittagsmahle etwas allzusehr; wie leicht fonnte sich Den Literaten Herr K. an einer Gräte verschlucken

äußerst feinsinnig und wirkungsvoll spielte, wie auch Grl. Hobi

verförperte Herr Haag nach altem Muster ziemlich unmög­lich, aber drastisch und Frl. Lembach, das Stubenmädchen ,, mit' 8 Saitenstechen" war wieder recht gut. Herr Con­radi's Vater Kröger wäre besser gewesen, wenn er sich nicht so absichtlich komisch gezeigt und seine Stimme mehr im Baß gehalten hätte. Frau Jenny gefiel sehr, während Herr Tamte sein Gesicht zu stark bemalt hatte. So schmierige Komponisten haben sich gewöhnlich gewaschen und Kunstmäcen lassen die Finger davon. Frau Kellermann als Mutter Kröger ist zu loben, auch die kleineren Rollen waren ent­sprechend besetzt und das gut besetzte Haus zeigte sich sehr beifallsfreudig.

H. H.

Standesamt- Nachrichten der Stadt Gießen.

Aufgebote.

Am 10. März Ernst Gottlob Krämer, Gefreiter dahier mit Christiane Luise Hablizel in Renningen. Am 12. Reinh. Gust. Johs. Stübs, Sergeant dah. m. Kathar. Schmitt in Günterod. Am 14. Albrecht Karl Christ. Ludw. Hahn, Reisender dab. m. Emil. Henriette Charl. Harnickel biers.

Radfahrerverein Grünberg 1904. Freibank.

Sonntag, den 20. März, nachmittags 3 Uhr, im Gasthof 3ur Pinn"

Haupt- Bersammlung

Tagesordnung: 1. Durchberatung der ausgearbeiteten Statuten. 2. Verschiedenes. Unsere Mitglieder und alle Sportsfreunde sind hierzu höft. eingeladen.

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Am 16. März Ludw. Hofmann, Fuhrmann dahier mit Anna Marie Zinkel, geb. Lauckel hiers.

Beborene.

Am 9. März Der Taglöhner Karl Albert ein Sohn, Eduard. Dem Tagl. Aug. Schaumburg ein Sohn, Will

Dem Hilfsbremser Karl Bauer eine Tocht, Paula Eli Emilie. Dem Eisendreher Elias Schön eine Tocht. An 10. Dem Friseur Herm. Kuhl ein Sohn, Max Konr. Adam Kari Dem Bizefeldwebel Josephat Brähler ein Sohn, Hrch. Ernst. Dem Institutevorsteher Dr. Franz Kübel ein Sohn, Franz Alexander. Am 12. Dem Wirt Friedrich Teigler eine Tocht., Minna Emilie Anna. Am 13. Dem Straßenwärter Kaspar Becker eine Tocht. Am 15. Dem Schuhmachermstr. Ludw. Bernhardt eine Tochter. Geborbene.

Am 13. März Lina Flocke, 9 Jahre alt, Tochter des Wagenmftes. Philipp Flocke dehier.

Marktberigte.

Gleben, 19 März. Auf dem beutigen Wochenmarit fosteten Butter per Pfd 090-1.00 wt., Hühnereler 2 Stüd 12-14 Pfg., Entene St. 8 fg., Räse per St. 6-8 Pfg.. Käsematte 2 St. 5-6 Bf Erbsen per Liter 21 Bfg., Linien per 2tter 32 Bfg., Tauben per Pam . 0.80-1.00, Hühner per Stid Mt. 1.30-1.40, Hahnen, per Stüd 0.80-1.70, Enten per Stüd 1.70-2.20, Gänse per Pfd. 65-70 fg., Ochsenfleisch per Pfd. 68-78 fg., Rindfleisch per fb. 62-68 Pfg. Schweinefleisch per fb. 60-72 a. Schweine­fletsch gesalzen per fund 0.76 fa., Kalbfleisch per Bfd. 62-74 Bfg., Hammelfleisch per Pfd. 50-74 Pfa.. Kartoffeln pro 100 Kello 6.00 mf., Zwiebeln per 3t. Mt. 7.00-10.00, lepfel per Centner 20-25 Mr. Milch per Liter 18 Vfa. Dauer der Marktzeit bon 8 Uhr morgens bis 2 Uhr Nachmittags. Gegenstände des Wochenmarktverkehrs dürfen vor Beginn der Marktzeit übeerhanp nicht, und während der ersten drei Stunden der Marktzeit im Um herziehen feilgeboten werden.

Hamburger Futtermittelmartt. Originalbericht von G.& D. Läders, Futtermittelgroß­handlung, Reis- und Delkuchenmühle, Hamburg. In der verflossenen Berichtswoche war der Markt sehr ruhig bei unveränderten Preisen und guten Nachfrage. Tendenz: abwschwächend.

Jeisfuttermehl 24-28 Proz. Fett und Protein Mt. 4.00-4.20 pr. 50 Kilo ab Hamburg, Mt. 4.20-4.35 ab Hamburg, ohne Ge­

haltsgarantie Mf. 3.50-3.85, ab Hamburg Reiskleie 2.10-250, Weizenfleie, grobe 4.30-4.50, Roggenkleie 4.10-4 20, Gerſtekleie 4.75-5.00, Erdnußkleie( gemahlene Erdnusschalen) 1.75-2.00, Erdnußkuchen und Erdnußmehl 52-54 Broz. 6.00-6.35,- 53 Proz. 6.40-7.25, Baumwollfaatkuchen und Baumwollsaatmehl 52 bis 58 Proz. 6.40-6.55, 58-62 Broz. 6.50-6.75 Cocusnußfuchen und Mehl 28-34 Proz. Fett und Protein 5.40-6.20, Balmfern­kuchen und Mehl 22-26 Proz. 4.90-5.10, Rapskuchen und-Mehl 38-44 Broz. 4.40-4.60, Leinkuchen und Mehl 38-42 Broz. 6.20 bis 6.50, Maisölkuchen und-Mehl 18-14 roz. 5,20-5.50 Ge trocknete Schlempe 33-45 Proz. 5.20--5.40, Getrocknete Treber 24-30 roz. 4.95-5.15, Malzkeime Mr. 4 65-5.00, alles pro 50 Kilo ab Hamburg.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei( vorm. Wilh. Keller), Gießen Berantwortlich: für den politischen und Insecatenteil: Albin Klein für das Lokale, den Gerichts." und" Deffentlichen Sprechsaa!": Fr. Oppermann

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