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nicht nur für sich, sondern auch für andere.
Schickte sie
Signora Philippi, Gemüse zu kaufen, so brachte sie oft die doppelte Anzahl Kohlköpfe nach Hause, und in diesem Falle tat die edle Signora, als bemerke sie nichts. Auch mit unrechtmäßig erworbenen Bonbons und Zigaretten ließ sich die Herrin von ihrer Sklavin beschenken.
Wie sich Topsy mir gegenüber beim Stehlen benahm, mag ein Beispiel zeigen.
Meine einfache Lagerstatt stand in der außer Gebrauch gesezen Backstube, einem niedrigen, von Lehmwänden eingefaßtem Raume. Die Tür war nicht zu verschließen, ich ließ sie stets offen stehen, auch während der Nacht, um nach dem heißen Tage die fühle Nachtluft genießen zu können. Eine hohe Mauer mit gutverschlossener Tür trennte uns von der Außenwelt, so konnte ich mich sorglos dem Schlummer hingegeben. Was ich mir erworben hatte, trug ich stets bei mir, und bevor ich schlafen ging, legte ich den ziemlich ſtraffen Geldbeutel, Silber und Kupfer enthaltend, nebst dem Tabaksvorrat auf den Backofen.
Obgleich das knauserige Geldzählen nicht meine Sache war, kam ich doch manchmal zu der Meinung, daß mir Kupfermünzen fehlten und ebenso, daß sich mein Tabak unheimlich schnell verminderte. Doch ich hatte keinen Argwohn, daß ich während der Nacht bestohlen würde.
Eines nachts lag ich ohne Schlaf, denn das Ungeziefer peinigte mich gar zu sehr, aber bewegungslos da. Der Vollmond schien, ich sah aus meiner dunklen Kammer durch die offene Tür in eine helle Nacht. Plötzlich verfinsterte sich mich, es war mir, als husche etwas auf dem Boden und dann die Türöffnung für einen Moment; ein Luftzug streifte ging es ganz leise hinter mir am Backofen kling- kling. Ich sprang auf, griff zu und faßte eine Gestalt, die ich mit einem Ruck ins Mondlicht beförderte. Ich war gar nicht erstaunt, als ich Topsy vor mir hatte, die noch meinen Geldbeutel in Händen hielt.
Was hast du hier zu suchen? Warum bestiehlst du mich? Weißt du nicht, daß du unrecht tust?" Alle diese Fragen wollte ich wohl stellen, zugleich mit der Absicht, Topsy ins Gewissen zu reden, ich kam aber nicht dazu. Unbefangen blickte mich Topsy an, und kaum waren die ersten Worte in dem gewöhnlichen Kauderwelsch über meine Lippen gekommen, als sie in ein furchtbares Gelächter ausbrach. Sie lachte, daß ihr die Tränen über die schwarzen Backen kugelten, und ich— ich mußte mitlachen und war entwaffnet.— Seit jenem Tage, da ich Topsy aus den Händen der wütenden Signora befreit, verdoppelte sie ihre Dienstwilligfeit gegen mich, die sie schon von vornherein gezeigt hatte. War sie schon früher dem„ Anglesi" behilflich gewesen, wo sie nur konnte, so wurde sie jetzt förmlich meine Sklavin, mein Schatten, der auf Schritt und Tritt zu folgen suchte. Für Philippis Hausstand eriſtierte sie überhaupt nicht mehr, Topsy widmete ſich einzig und allein meiner Bedienung.
Wo ich innerhalb des Dorfes auch ſtand, saß oder lag, immer befand sich Topsy in meiner unmittelbaren Nähe, die Augen unverwandt auf mich geheftet, diese großen, schönen Augen in dem häßlichen Gesicht. Kam ich des Abends vom Werkplay, so stand sie schon wartend am ersten Hause des Dorfes. Bei meinem Anblick lief sie mit einem unartikulierten, heiseren Schrei auf mich zu, führte meine Hand an Lippen und Stirn der arabische Willkommengruß rannte mir schnellfüßig voraus, und bei meinem Eintritt in den Hof fand ich schon warmes Waschwasser für mich bereit stehen. Topsy reichte mir Seife und Handtuch, sie holte frisches Wasser, eilte geschäftig hin und her, und konnte sie einmal meine Hand erwischen, so führte sie dieselbe schnell an ihre Stirn.
Dann brachte sie mir das Abendbrot, wischte den Stuhl, auf den ich mich setzte, ab, ebenso wie den Teller, von dem ich eſſen ſollte, und wollte mir Signora Philippi einen zur Topsy ihr denselben mit einem Zornesruf aus der Hand. vollständigen Tafel gehörigen Gegenstand bringen, so riß Während des Essens stand sie hinter mir und bediente mich. Nach dem letzten Bissen griff sie in meine Tasche, zog das Tabaketui hervor und drehte mir Zigaretten. Dabei nahm sie einen Anteil für sich selbst, als gehöre sich das so. Plauderte ich dann noch eine Zeitlang mit Signor Philippi, so nicht von mir. fauerte Topsy am Boden und wendete ihr glänzendes Auge ( Schluß folgt.))
WILDWALD
Tampes Brüderchen.
UND
WAIDWERK
Neben dem Schwarzwild ist das Kaninchen das einzige jagdbare Wild, für das die Jagdgeseze keine Schonzeit kennen. Dies hat es seinem großen Fortpflanzungstriebe in Berbindung mit dem Umstande zu verdanken, daß es zu den„ Höhlenbewohnern" gehört. Aus beiden Gründen sind alle Nachstellungen seiner zahlreichen Feinde kaum imstande, den Bestand an„ Karnickeln" auf einem gewissen Tiefstandsniveau zu halten. Das in Massen auftretende ,, Kanin" oder„ Lämpchen", wie es auch vielfach genannt wird, ist aber, besonders durch Unterminierung des Erdbodens, eine Landplage, wie es z. B. gerade in der sandigen Mark vielfach der Fall ist.
Sehr geschickt ist übrigens ein solcher Kaninchenbau angelegt, dessen Röhren an den Ausgängen durch die häufige Benutzung oft ziemlich breit erscheinen, so daß man glauben könnte, jeder Fuchs und jeder Marder könnte dem Kanin nach Belieben in seine Kammern folgen und sich dort einen„ Braten" holen. Dem ist aber nicht so, denn nach den Kammern zu, in denen die Kaninchen wohnen, verengen sich die Röhren im Bau derartig, daß der Fuchs überhaupt nicht hindurch kann, und auch dem schlan= feren Marder gelingt es nur mit Mühe, sich hindurchzuzwängen, sodaß sich das arme Karnickel gewöhnlich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen kann. Nur das Frettchen, dieses Albino des Iltis, vermag ihnen im Bau überallhin mühelos zu folgen. Des= halb haben sie auch vor diesem nur im gezähmten Zustande vorkommenden Raubtier eine heillose Angst, und sie fahren beim ,, Fettieren" wie der Blitz aus dem Bau ins Freie, wo sie das Blei des am Bau lauernden, schußbereiten Jägers zur Strecke bringt oder bisweilen auch nicht.
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Auf den großen Treibjagden sorgt das Lämpchen dafür, daß jeder eingeladene Nimrod auch zu Schuß kommnt, denn wo Kaninchen vorhanden sind, hebt gar bald im Walde eine lustige Knallerei an, da sich auf ein Karnickel meistens nicht nur ein, sondern mehrere Schüßen zu lösen" pflegen, und auch dann winkt es noch oft genug den ärgerlichen Nimroden mit der Blume einen letzten Abschiedsgruß zu, ehe es unversehrt in der nächsten Difung verschwindet. Wohl auf keiner anderen Jagd wird mehr d. h. öfters geschossen als auf einer gut bestar denen Kaninch n- jagd, und doch steht zum Schluß das Ergebnis meistens in keinem Verhältnis zur Zahl der abgegebenen Schüsse. Während der „ große Bruder", Freund Lampe, leicht umzulegen ist, gehört zum Kaninchenschießen schon eine große Fertigkeit im Schießen, und vor allem muß man sich gut auf die sogenannten„ Schnappschüsse" verstehen, wenn man auf ein über eine Waldschneise fligendes Kanin einen erfolgreichen Schuß abgeben will.
Das Wildbret des Lämpchens ist, richtig zubereitet, recht schmackhaft und etwa dem Hühnerfleische vergleichbar; merkwürdigerweise aber begegnet man ihm erst seit verhältnismäßig wenigen Jahren häufiger beim Wildhändler. Die Preise sind auch jetzt noch verhältnismäßig gering, sodaß auch der sogenannte ,, kleine Mann" sich öfters mal ein Kaninchenagout leisten kann, znmal sich der Balg des Tieres wieder verkaufen läßt. Er pflegt bekanntlich zur Hutfabrikation Verwendung zu finden, gibt aber auch als Rockfutter für den Winter einen brauchbaren Pelz ab.
Soll man Ricken auf der Treibjagd schießen? Gibt der Jagdgeber auf Treibjagden weibliches Rehwild frei, so öffnet er damit der Schießerei Tor und Tür, und es beginnt in solchen Fällen fast immer ein Schlachten, welches herzzerreißend ist. Blieben die Ricken stets gleich im Feuer liegen, so ließe sich noch nicht viel dagegen einwenden. Man kann aber ohne Uebertreibung behaupten, daß auf der Treibjagd ebensoviele Ricken, wie zur Strecke gebracht sind, auch krant geschossen werden. Einige von diesen mögen ja noch am nächsten Tage auf der Nachsuche ver endet gefunden werden, die meisten aber verludern elendiglich, besonders, weil es dem oben beschriebenen Treibjäger" fast nie einfält, es anzumelden, ob und wo er auf eine Ricke geschossen hat, wenn sie nicht im Feuer geblieben ist. Aus falscher Scham unterläßt er es, wenn er nur irgend kann, und tröstet sich selbst damit, daß er wohl gefehlt habe.
Nr. 15.
Dienstag, den 19. Januar
1904.
Oberbessische Familienzeitung.
Tägliche Unterhaltungs- Beilage
ber
Gießener Neueste Nachrichten.
Bend und Bering ber Olefoner Berlagsbrudorei, vorm Wilh. Roller'sche Buchdruckerei( gegs. 1788); serata: Ibix Riela
( 12. Fortsetzung.)
Der Beuge.
Roman von Marie Bernhard.
Der alte Koßmann konnte vor Rührung kein Wort hervor bringen, als er seinen Liebling, frisch und gesund und schöner und sonniger denn je, wiederzusehen bekam. Bei dem ersten Zusammentreffen zwischen Vater und Sohn war niemand vom Personal zugegen gewesen; es hatte keiner beobachten können, wie der stolze, kalte Mann fassungslos, überwältigt vom Glück dieses Wiedersehens, den Sohn in die Arme genommen und wie ein Kind geweint hatte!
Hellmuth war in Berlin gewesen, in Wien, in der Schweiz und Süd- Bayern, wo er das Grab seiner Mutter besucht hatte, er hatte einen Teil des Winters in Florenz und Rom zugebracht, zuletzt war er in Hamburg gewesen. Von allem wußte er viel zu erzählen, von Hamburg am meisten. Er hatte einen Empfehlungsbrief an das Haus Hendrichs& Kompagnie dort abzugeben, und es hatte sich zwischen dem zu Anfang der fünfziger stehenden Vertreter der Firma und dem so viel jüngeren Hellmuth Norden eine jener raschen, warmen Freundschaften entsponnen, die, sehr seltenen Blumen gleich, zuweilen auf dem sterilen Boden unseres abgeflachten Geſellſchaftslebens emporblühen und durch ihren Bestand beweisen, daß es denn doch nicht ganz so öde um unser Gefühlsdasein bestellt ist, wie die Pessimisten uns glauben machen wollen!- Hellmuth rühmte Herrn Hendrichs als das Muster eines Geschäftsmannes, zugleich als den humansten, edeldenkendsten, dabei gemüt- und humorvollsten Menschen, den man sich vorstellen könne,— er pries seine Gattin, eine Desterreicherin von Geburt, als eine wahre Perle, so einfach, schlicht, dabei geistreich und liebenswürdig und für ihre drei noch unerwachsenen Kinder die sorgsamste Mutter, er schilderte die Häuslichkeit des Ehepaares als das Ideal alles Schönen und lobte den feinen Geschmack in der Zusammenstellung aller Dinge so begeistert, daß sein Vater ihm vorschlug, einen Teil des eigenen Hauses nach Hamburger Muster umzuformen, auf welche Idee Hellmuth freu= dig einging und glücklich war, als er, soweit es mit Berück sichtigung der japanischen Verhältnisse und des Klimas tunlich war, eine Kopie der von ihm so sehr bewunderten Hendrichs'schen Häuslichkeit im eigenen Heim erlebte. Frisches Leben zog wieder in die stillen Räume ein,— Hellmuth_befleißigte sich mehr denn je, ein tüchtiger Geschäftsmann zu sein, aber er erholte sich auch gern, ritt viel spazieren, be= mirtete seine Freunde oft in seiner schönen Wohnung, las fleißig und verriet in seinen Gesprächen mit dem Vater unbewußt oft eine so deutliche Vorliebe für deutsche Verhältnisse, einen ſo ausgesprochenen Zug nach der Heimat, daß dieſer sich mit zuckendem Herzen an den Gedanken zu gewöhnen suchte, den Sohn nach einiger Zeit ganz und für immer nach Europa zurückzuschicken und die letzten Jahre an der allmählichen Auflösung des Geschäftes allein zu arbeiten, zumal er es vor Augen hatte, wie vortrefflich der Gesundheit Hellmuths das europäische Klima zusagte, und die Aerzte es, auf sein ernstliches Befragen, nicht leugnen konnten, daß auf die Dauer die im ganzen zarte Konstitution des jungen Mannes den Anforderungen, die das japanische Klima an die Gesundheit stellt, kaum gewachsen sei. Hellmuth wollte, als
( Nachdruck verboten.))
sein Vater ihm mit seinem Vorschlag kam, zu Anfang nichts davon hören: er wäre, wenn er überhaupt jemals ein wenig leidend gewesen sei, jetzt vollkommen wiederhergestellt, er werde entschieden bei seinem Vater hier in Yokohama bleiben, bis man hier mit Ehren liquidieren könne, und dann wollten sie beide nach Europa hinübergehen, damit basta! Aber Frizz Norden hatte einmal die Einsicht gewonnen, es sei am besten so, wie er es sich ausgedacht, nach seinen eigenen Gefühlen wollte er nicht fragen, und Hellmuth mußte ja, von seinem Vater in die Enge getrieben, gestehen, daß es ihm allerdings unendlich nach der Rückkehr in deutsche Verhältnisse, die ihm namentlich durch den Hamburger Verkehr lockender denn je erschienen, verlange. Der Junior hatte nichts von seines Vaters Wohlgefallen an fremder Art und fremden Sitten, er war in seinem Herzen ein Deutscher ge= blieben und auch hierin ganz und gar seiner Mutter echter Sohn.
Es galt nun, für Hellmuth, der zum kommenden Herbst ausscheiden und für immer nach Europa übersiedeln, dort ein überseeisches Geschäft gründen und seinem einstweilen zurückbleibenden Vater die Stätte bereiten sollte, einen tüchtigen Ersatzmann zu stellen, denn der junge Norden war ein sehr begabter Mann und war, wie sich das wohl von selbst versteht, im Geschäft seines Vaters dessen erste Vertrauensperson; somit war es ein verantwortlicher Posten, der auszufüllen war, und Friß Norden stimmte seinem Sohn bei, daß niemand so berufen war, hier Rat zu schaffen, als William Hendrichs in Hamburg, der in Deutschland die weitverzweigtesten Verbindungen unterhielt, denn nur ein Deutscher sollte die Stelle neben dem Chef des Handelshauses in Yokohama einnehmen.
Der wichtige Brief, der hierüber entscheiden sollte, wurde heute von Hamburg her erwartet, und Hellmuth Norden war selbst gegangen, um ihn vom Postdampfer abzuholen.
Eine kleine Stehuhr auf dem Spiegelkonsole tat einen silbertönigen Schlag. Frizz Norden fuhr am Schreibtisch auf, welche Zeit fonnte das sein? Wie lange hatte er hier ge= sessen? Seit wann war sein Sohn fort?
Er erhob sich schwerfällig von seinem Sitz. Seine sonst so elastischen Glieder wollten ihm nicht recht gehorchen, sein straffer Gang war schleppend. Es war die brütende japanische Hitze, aber war er an die nicht ſeit Jahren ſchon gewöhnt?
Er trat zum Fenster und schlug einen Vorhang zurück,- draußen sengte die Sonne unbarmherzig. Hätte er nur Hellmuth nicht gehn lassen! Ueber diesen großen Pflichteifer! Als ob die Nachricht aus Hamburg dadurch früher kam oder anders lautete, daß sein einziger Sohn sich der Gefahr eines Sonnenstichs aussette!!
Endlich! Ein paar hellgekleidete Männer mit großen, leichten Sonnenschirmen kamen langsam im Schatten der wilden Kirschbäume heran; der eine von ihnen winkte schon von weitem dem am Fenster Stehenden zu, er solle sich aus
51.
1904.
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Lexikon
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