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Sperre der

Schon gut! rief der böse Tanzfuß. Er warf die Reisige über die Schulter, nahm den gefloch­tenen Korb unter den Arm und erhob sich. Unverzagt stand auch auf, blickte auf den Kameraden und trat leise an das Pferd heran. Tanzfuß sah, wie er sich beim Pferde schaffen machte und seine Schnurrbartspitzen bebten.

Gehst du mit? fragte er.

Ich komme, antwortete Unverzagt.

Und sich Bahn zwischen den Sträuchern brechend, gingen sie die Schlucht entlang durch die nächtliche Finsternis.

Das Pferdchen trabte hinter ihnen her.

bald versanten sie im Schmuz. Unverzagt atmete schwer und Der Weg war sehr mühselig; ihre Füße glitten bald aus, in seiner Brust röchelte es als ob darin ein ungereinigtes Uhrwerk versteckt wäre.

Geh nun! sagte er plötzlich mürrisch und beleidigt. Und wohin soll man gehen? was soll man suchen?!

Es ist mir übel, Bruder, sagte leise Unverzagt. So? rief ironisch Tanzfuß.

Das Atmen fällt mir schwer, antwortete der kranke Dicb. Wovon denn?

Von der Krankheit... wahrscheinlich Du lügst! Von deiner Dummheit.

Er wollte etwas erwidern, aber er begann zu husten, stützte sich mit zitternden Händen an den Stamm eines Baumes, hustete lange, mit den Füßen stampfend und öffnete weit den Mund.

Tanzfuß ſah aufmerksam in das aschgraue Gesicht seines Freundes.

Alle Geister scheuchst du mit deinem Husten auf, sagte er

endlich düster.

Als der Husten etwas nachließ, und Unverzagt frei auf­atmete, sagte er im befehlenden Ton:

Erhol' dich! setzen wir uns!

Sie setzten sich auf die feuchte Erde.

Wenn wir zu Hause etwas zu essen hätten, könnten wir nach Hause umkehren.

Ja, das ist wahr, nickte Unverzagt. Nach einer Weile erhob

sich Tanzfuß.

Komm, sagte er, ich kann es nicht mehr aushalten. Ich habe furchtbaren Hunger.

Geh du allein, sagte Unverzagt, ich will hier bleiben. Ich

kann nicht mehr, ich ersticke.

Na, was ist das? sagte unzufrieden Tanzfuß.

Ich bin ganz schwach geworden.

Das glaube ich! Den ganzen Tag nichts gegessen. Nein, das nicht. Aber ich sehe, es geht zu Ende mit mir. Und Unverzagt hielt ihm die Hand hin, welche mit etwas Dunkelrotem bedeckt war. Tanzfuß blickte auf die Hand und fragte kleinlaut:

Was ist da zu machen?

Geh du... ich bleibe. vielleicht geht es vorüber. Wohin soll ich gehen? Ins Dorf? Ich werde ihnen sagen, einem Menschen geht es schlecht.

Nein, sie werden dich schlagen.

Ja, du hast recht. Man soll nur in ihre Hände fallen. Unverzagt fiel dumpf hustend auf den Rücken und spie ganze Blutstücke heraus.

Immer noch? fragte Tanzfuß, über ihn stehend und zur

Seite blickend.

husten. Ja, sehr, sagte kaum hörbar Unverzagt und begann zu Wenn man doch jemand rufen könnte, sagte ärgerlich Tanzfuß.

Wen? wiederholte mit einem traurigen Echo Unverzagt. Vielleicht kannst du aufstehen und langsam gehen. Nein, es geht nicht.

Tanzfuß setzte sich zu Häupten des Kameraden und die Hände auf die Kniee geſtüßt, begann er in sein Gesicht zu jehen.

Die Brust von Unverzagt hob sich ungleichmäßig mit einem dumpfen Röcheln, die Augen waren tief eingefallen und die Lippen seltsam auseinandergezerrt. Aus dem linken Mund­winkel rieselte ein dunkler Streifen.

zusammen.

Kommt es noch immer? fragte Tanzfuß und in seinem Ton lag etwas wie Ehrfurcht. Das Gesicht von Unverzagt zuckte Es kommt noch immer, ertönte es schwach. Tanzfuß senkte einen Kopf und schwieg. Und die Schlucht übergossen vom Mondlicht. ähnelte einem Traum, dem die Farben des Lebens

fehlen; und das leise Murmeln des Baches erhöhte noch meh die Leblosigkeit rings herum.

Ich sterbe flüsterte kaum hörbar Unverzagt, und dann wiederholte er laut und deutlich:

Ich sterbe, Stepan!

Tanzfuß erzitterte am ganzen Leib, erhob den Kopf uni sagte verwirrt, leise, als ob er fürchtete, den Freund zu stören: Du... fürchte nichts! Es ist nichts, wirklich nichts, Bruder

Bei Gott!

Mein Herr Gott, seufzte schwer Unverzagt.

Es ist nichts! flüsterte Tanzfuß, sich über ihn beugend Halte dich noch ein wenig aufrecht... vielleicht vergeht e wieder.

Aber Unverzagt begann laut und abgebrochen zu atmen. Dann sagte er:

Vergib, Stepan... wenn ich etwas... wegen des Pfer des... aber vergib Bruder!

Vergib du mir, unterbrach ihn Tanzfuß und fügte dann nach einer Weile hinzu:

Und ich... wohin gehe ich jetzt? was mache ich nun? Wird sich schon finden. Der Herr wird dich nicht Er seufzte auf und schwieg. Dann begann er zu ſtöhnen... Dann streckte er den einen Fuß aus... dann die Hand... Tanzfuß blickte ihn an, ohne das Auge von ihm zu wenden. Die Minuten krochen hin, langsam wie Stunden.

Unverzagt erhob den Kopf, aber er fiel sogleich kraftlos zurück.

Was ist, Bruder? Tanzfuß beugte sich zu ihm herab. Aber jener antwortete nicht mehr; still und unbeweglich lag er da

Noch eine Weile saß der finstere Tanzfuß bei seinem Kame raden, dann stand er auf, nahm die Müße ab, bekreuzte sid und ging langsam die Schlucht entlang. Er trat so fest auf, als ob er der Erde Schmerzen bereiten wollte.

Der Morgen graute: über der Schlucht herrschte ein düstere Stille. Dann und wann ertönte die Stimme eines erwachenden Vogels. In der feuchten, falten Luft klinger die Töne nicht lange nach... wie sie erwachen, verschwinden sie

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Dachkrankheiten bei Masern. Eine jede Mutter ist wohl darauf bedacht, die Kinder vor Infektionskrankheiten nach Möglichkeit zu schützen. Zu leicht werden aber gewöhnlich die Masern genommen, die ja auch wirklich an und für sich eine ziemlich harmlose Infektionskrant­heit sind. Dennoch ist aber der Rekonvaleszenz sehr viel Auf­merksamkeit zu schenken, da nach Masern leicht eine Lungen tuberkulose entstehen kann. Wenn also der Arzt, in Erwägung dieser Gefahr, auch bei ganz normalem Verlaufe dringend rät, das Kind im Sommer drei, im Winter vier Wochen das Zimmer hüten zu lassen, so widerspreche man ihm nicht, wie dies leider oft geschieht. Zu frühes Ausgehen bei Masern hat sich später oft bitter gerächt. Von anderen Nachkrankheiten der Masern wären zu nennen: Affektionen der äußeren Haut, wie Ekzem, Gangrän, Entzündung der Bronchien, Bindehaut- und Hornhaut­entzündungen des Auges, Mittelohrkatarrh, Abszesse der Kehlkopf­schleimhaut 2c.

Auch Nierenentzündung kommt nach Masern vor, wenn auch nicht so häufig und nicht in dem Grade wie nach Scharlach. Im allgemeinen sind die Nachkrankheiten der Masern nichts weiter als die einen chronischen Verlauf nehmenden Komplikationen. Am wichtigsten ist aber, wie gesagt, die Tatsache, daß gerade die Masern eine besondere Tendenz haben, Tuberkulose zu erzeugen. Wie schützt man nun die Kinder vor diesen bösen Folgen der an und für sich so harm­losen Masern? Durch genaue Befolgung der Anordnungen des Arztes, Schutz vor Erkältung, vor Diätfehlern 2c. Weil in vielen Fällen die Masern ganz harmlos verlaufen, so daß man eigent­lich gar keinen Arzt braucht, darf man sich nicht in allzugroße Sicherheit wiegen. Auch die Masern können unter Umständen

recht heimtückisch werden.

dr. 101

Freitag, den 6. Mai.

1904.

Oberbessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

der

Gießener Neueste Nachrichten.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); verantwortlich: Albin Klein.

( 10. Fortsetzung.)

Iwan der Schreckliche.

Original- Roman von Hans Hoffmann.

Sie guckte durchs Schlüsselloch. Er saß ihr gerade gegen­über regungslos, ganz mit Rosenblättern bestreut, wie im Traum.

,, Herrgott, was er für ein Gesicht macht!" flüsterte sie. ,, Ganz- ganz incommensurabel!"

Da machte er eine leichte Handbewegung; sie entfloh, wie von Erinnyen gejagt, und barg sich im Saal in dem Gewühl der Tanzenden. Sie sah hier ihre Mutter im Gespräch mit Herrn von Bodungen.

Etsch, Mama," dachte sie, ich heirat' ihn doch! Wir werden die Gleichung schon lösen!"

Inzwischen hatte Gotthold Belling seine Gleichung schon lange gelöst und fand sie überraschend commensurabel.

Jett begriff er, welcher geheimen Kraft er seine pädago­gischen Siege über dies wilde Kind zu verdanken hatte. Aber er begriff auch noch mehr; vor allem, daß er selbst leiden­ſchaftlich in das entzückende Wesen verliebt war und daß er sich unerhört tölpelhaft benommen hatte. Sie in solchem Augenblick entschlüpfen zu lassen! Ihr nicht zu Füßen zu fallen! Sie nicht an sich zu pressen und festzuhalten für alle Ewigkeit! Es war einfach unglaublich! Er schlug sich vor die Stirn und murmelte:

Ich bin ein Frosch! Ein Frosch in Klammern zum Quadrat!"

Nach dieser harten Selbstkritik ward er etwas ruhiger und überlegte, wie er das Versäumte nachholen könne. Daß die Entflohene wiederfäme, war schwerlich zu hoffen- kein entschwundenes Glück kehrt zum zweitenmal von selbst wieder! Er mußte sie also suchen dort im Saal- richtig, beim Cotillon hatte er sie ja für sich, da konnte er ihr mitten im Gewühl so vieler Menschen unbemerkt seine Gefühle offen­baren.

Und doch sträubte sich etwas in ihm dagegen. Ein heiliger Treueschwur mitten im leichtsinnigen Festjubel, unter Lachen und Schwaßen und übermütiger Tanzmusik nein, das war einer nicht würdig, das war nicht die rechte Art für einen ernsten Mann. Im Grund war es auch das Richtige ge­mesen, daß er nicht im heißen Taumel der ersten auflodern­den Leidenschaft sie an sich gerissen hatte. Mit voller Be­sonnenheit und klarem Bewußtsein den größten Schritt des Lebens zu tun, war das allein Geziemende. Heute war nicht der Tag für eine weihevolle Entscheidung, der Rausch des Festes mußte erst verklingen, Vertiefung und Sammlung die Leidenschaft klären. Ueberdies, was war durch den Auf­schub zu verlieren? Seiner Liebe war er sicher, und an der ihrigen zweifeln, hieße sie einer häßlichen Koketterie beschul­digen. Hier war alles wie bei einer mathematischen Auf­gabe: ist das Prinzip der Lösung einmal entdeckt, so ist alles durchsichtig, einfach und unumstößlich.

Er beschloß, das Fest möglichst unbemerkt zu verlassen und sich in seine stille Behausung zurückzuziehen.

Als er den Saal betrat, entdeckte er mit einigem Schrecken, daß der Cotillon schon im Gang war; er hatte also eine Tänzerpflicht versäumt! Sein Auge suchte unruhig Ilma; er sah, daß sie sich getröstet hatte. Der Premier­

( Nachdruck verboten.) leutnant von Bodungen saß an ihrer Seite und wandte sicht. lich all seine Liebenswürdigkeit auf, sie zu unterhalten.

In Gottholds Bruſt wollte die Eifersucht aufkochen; dock er bemerkte bald, daß sie den Eifer ihres Tänzers schlecht belohnte; sie erschien verstimmt und hielt den Kopf tropig in den Nacken geworfen. Er weidete lange seine Augen an ihrem Reiz, bis auch sie ihn zufällig entdeckte und ihm einer Blick demütiger Abbitte zuwarf. Da fühlte er sich getröste und schob sich langsam aus dem Saal.

Als er im Eingangsflur seinen Klapphut öffnete und auffezte, ergoß sich aus demselben ein Regen von Veilchen und Vergißmeinnicht über seinen Kopf. Er lachte ſtill in sich hinein und schwankte einen Augenblick, ob er nicht doch wieder umfehren und sein Glück noch heute mit feckem Wage mut ergreifen sollte. Wer weiß, ob morgen die Welt noch am gleichen Plaze ſteht! Eine Stunde des Glücks verträumt, ist Unendliches versäumt! Auch der Rausch der Leidenschaft hat sein Recht im Leben, auch er kann heilig sein, was braucht er nach der Zufälligkeit seiner Umgebung zu fragen? Vor­wärts mit dreiſtem Manneswort das ist's, was sie ver­langt, keine Schulmeiſterehrbarkeit!

Sein Blut geriet in heiße Wallung, und der Kopf schwin­delte ihm in süßem Taumel. Er wandte sich hastig zurück, dem Tanzsaal zu.

Da klang von drinnen die überlustige Weise: Vorwärts mit frischem Mut!

Lieb' ist mein Panier!"

Nein," sagte er entschlossen, Operettenliebe ist mein Fall nicht." Und er verließ ungesehen das Haus.

Es war heiteres Frostwetter. Der dunkle Winterhimmel glühte von Sternen. Ihm kam es vor, als ob auch sie sich drehten in ausgelassenem Wirbel, und mit wahrem Erstaunen wollte er bemerken, daß sie sämtlich die ihnen von der Wissen­schaft angewiesenen Stellen am Himmel verlassen hätten; er hatte trotz aller astronomischen Kenntnis vergessen, daß die himmlischen Lichter keine Straßenlaternen sind, sondern um Mitternacht einen anderen Platz einzunehmen berechtigt sind als um sieben Uhr abends, zu welcher Stunde er sie sonst zum letztenmal zu begrüßen pflegte. Denn er war ein solider Mann und nächtlicher Ausschweifungen unkundig.

Heute jedoch lockte ihn auch zu dieser Stunde noch nichts nach Hause. Ein Unbehagen beschlich ihn bei dem Gedanken an die dürftige Einsamkeit seines Stübchens; der berauschende Duft des Reichstums prickelte noch durch seine Nerven. Zugleich erkannte er plötzlich, daß er sich durch seine Flucht um etwas Wesentliches betrogen hatte, nämlich um das Abendessen. Er hätte zu Hause ein genügendes Stück Zwie­belleberwurst und Brot die Fülle gefunden, aber dieses sein tägliches Freudenmahl reizte ihn heute gar nicht. Er fand die Weinstube des ersten Gasthauses offen; er trat hinein mit dem unsicheren Blick des hier völlig remden.

Doch er fühlte sich bald behaglich; ein Eckstübchen er­innerte ihn durch die vornehme Art seiner Ausstattung an das Rauchzimmer bei Kommerzienrats. Er bestellte ein Stück Putenbraten und ein Moselweinchen. Doch das letztere

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