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Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mt. 1.50.

Gratisbellagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Freitag, den 26. September 1902.

Gießener

11. Jahrgang.

Jusertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Poſtzeitungsliſte No. 3032.

Redaktion und Erpedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Unabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weylar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'ſche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Politische Nachrichten. Politische

Der Kaiser wird demnächst aus der Rominter Haide zurückkehren und bei der Heimfahrt den Offizieren des Leibhusarenregiments zu Langfuhr im Kasino einen Besuch abstatten. Ende Oktober finden die Leßlinger Hofjagden statt; Mitte November stattet der Monarch dann dem Grafen Tschirschfy- Renard in Großstreliß einen Jagdbesuch ab, nach deffen Beendigung er am 28. November der Einweihung der Ruhmeshalle zu Görlitz beiwohnt.

Kronprinz Friedrich August von Sachsen, Armeekorps, wurde zum General der Infanterie befördert.

General- Leutnant und tommandierender General des 12.

Graf Posadowsky erklärte in der Tarifkommis­sion, die verbündeten Regierungen seien einstimmig gegen jebe Erweiterung des Systems der Mindestzölle.

Die in mehreren Blättern aufgetretene Meldung, daß der Reichskanzler persönlich den Agrariern eine Er­höhung der Getreidezölle um 50 Pfg. über die Regierungs­Vorlage hinaus zugesagt, hierfür aber die Zustimmung des Raisers nicht erlangt habe, wird der National- Zeitung" von zuverlässiger Seite als völlig unbegründet bezeichnet.

Die Meldung, daß der deutsche Botschafter in Wien, Fürst Enlenburg, seine dienstlichen Funktionen Anfang November wieder aufnehmen werde, ist noch unbegründet. Vor Ablauf des ihm bewilligten Urlaubes von drei Monaten werde der Fürst selbst nicht in der Lage sein, über sein Verbleiben auf dem Wiener Posten eine Entscheidung zu treffen.

Ein Widerspruch in der Gesetzgebung? Gleiches Recht für alle, so schreibt man der Straßb. Post", ist die Grundlage unserer Gesetzgebung, und doch können Fälle vorkommen, wo das Gesetz einem Stande Vorteile gewährt, deren ein anderer Stand nicht teilhaftig wird. Erkrankt z. B. ein im Sinne des bürgerlichen Gesetzbuches Angestellter, so geht er nach§ 616 dieses Gesetzes dadurch des Anspruches auf die ihm zustehende Vergütung nicht verlustig, er bezieht also für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit sein Gehalt weiter, muß sich jedoch den Betrag anrechnen lassen, welcher ihm für die Zeit der Ver­hinderung an der Ausübung seines Dienstes aus einer auf Grund gesetzlicher Verpflichtung bestehenden Kranken­

18]

Entlarvt.

Roman von Moriz Lilie.

( Nachdruck verboten.)

G3 entging ihm nicht, daß Seraphinens Augen bei ihrem Auftreten suchend im Zimmer umherschweiften und daß sie ihm lächelnd zunickte, als sie ihn gewahrte. Aber erst als sie mit dem Teller herumging, um einzufasßeren, fand sie Gelegenheit, einige Worte mit ihm zu wechseln.

" Sie haben lange auf sich warten lassen, Herr Ancelot", fagte sie in vorwurfsvollem Tone.

" So haben Sie mich also vermißt, Emmy?" fragte der junge Mann geschmeichelt.

" Gewiß", versezte sie unbefangen. Wir werden doch nach­her ein paar Glas Bunsch zusammen trinfen, und wer hätte sie denn bezahlen sollen, wenn Sie nicht gefommen wären? Aber bitte, nennen Sie mich lieber Seraphine."

Ancelot machte ein Gesicht, als habe er mit dem hohlen Bahn auf einen Kieselstein gebissen, während Seraphine mit ihrem Teller zu den nächsten Tischen tänzelte.

" Sst sie erst meine Frau, dann will ich sie schon ziehen!" fagte er sich. Bis dahin freilich muß ich alles über mich er­gehen lassen. Das Frauenzimmer iſt entseßlich naiv; es wird schwer halten, ihr das abzugewöhnen."

Er war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er kaum bemerkte, daß die Vorstellung zu Ende war, und erst durch das Geräusch der aufbrechenden Gäste wurde er darauf auf­merfiam gemacht.

Wie am Abend zuvor trug auch heute wieder die Sängerin den rotschottischen Radmantel, als sie dicht neben Ancelot Blaz nahm. Als die beiden endlich aufbrachen, mußten ſie ſatirische Be­merfungen der noch im Lokale zurückgebliebenen Gäste hören; es waren sicherlich junge Männer dabei, deren Bewerbungen die Sängerin früher zurückgewiesen hatte.

Der Abend war schön und mild.

Arm in Arm schritt das junge Paar dahin.

" Sagen Sie mir doch, was Sie eigentlich damit bezwecken, mich aufzusuchen und bis an meine Wohnung zu begleiten?" sagte Seraphine plöglich. Wenn Sie mich etwa zum besten haben wollen, dann geben Sie nur lieber gleich Fersengeld. Sie wären nicht der erste, dem ich eine sehr fühlbare Lektion gegeben hätte."

Einige Augenblicke lang schwieg jener verblüfft; das Frauen­zimmer wurde ihm immer unheimlicher.

oder Unfallversicherung zukommt. Anders verhält sich die Sache bei Handlungsgehilfen und anderen im

Osten seien mit Leichtigkeit für die Antisemiten 6 Wahlkreise zu erobern. Auch werde er in Gegenden, wo sonst Agitatoren Handelsgeschäfte angestellten Personen. Für diese kommt nicht hinkommen, den Antisemitismus hintragen. Nach seiner Rede wurden auf Ahlwardt wiederholt Hochs ausgebracht. Die Versammlung nahm im übrigen einen ruhigen Verlauf. Stuttgart, 25. Sept. Der Gemeinderat hat heute weise Aufhebung der kommunalen Fleischsteuer abgelehnt.

nicht das bürgerliche Gesetzbuch in Betracht, sondern das Handelsgesetzbuch, und dieses verbietet in§ 63 die Anrechnung des Krankengeldes, welche§ 616 des bürger­lichen Gesetzbuches vorschreibt. Vielleicht giebt sich ein Rechtsgelehrter die Mühe, diesen Widerspruch auf einen von sozialistischer Seite eingebrachten Antrag auf zeit­zuklären.

-In der gestrigen Sißung der Zolltarif- Kommis sion wurde namentlich über die Zölle auf Cement, Petro­leum und chemische Erzeugnisse debattiert. Es blieb fast durchweg bei den Beschlüssen der ersten Lesung, nur die Seidenzölle wurden zum Teil erhöht. Frhr. von Wangen­heim stellte für die Plenarberatung eine Wiederholung seiner Anträge auf Bollfreiheit in Aussicht.

Der frühere nat.- lib. Reichstags- Abgeord­nete Dechelhäuser ist heute Vormittag auf seiner Be­sigung in Nieder- Walluf a. Rh. im Alter von 82 Jahren an Lungen- Entzündung gestorben.

München, 25. Sept. Wie die Münchener Zeitung aus guter Quelle erfährt, wird trotz der diesbezüglichen Ankündigung des Reichstags- Abgeordneten Schädler, in Tuntenhausen das Centrum im Reichstage eine Inter­pellation über die bekannte Kaiser- Depesche betreffend die Kunstabstriche nicht einbringen, da eine einheitliche Auffassung in dieser Sache innerhalb der Partei nicht vorhanden ist.

Der Abgeordnete Ahlwardt sprach am Mitt­woch Abend in Berlin in Kellers Festsälen vor zirka 1500 Per­sonen über das Thema: Das Judentum eine Weltmacht". Die Reichsbank nannte Ahlwardt eine Judenbank. Stark zog er gegen das Auskunftswesen zu Felde und fündigte an, daß er im Reichstage trasse Fälle über Mißbräuche dieses Auskur ftswesens zur Sprache bringen werde. Ueber die Gründe seines Wiederauftretens teilte Ahlwardt mit, daß es nach den vielen Bankkrachen und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Niedergang gewaltig in ihm rumort habe. Er mußte sich wieder in die Bewegung stürzen und zum Volke gegen das Judentum reden. Da sei er zu seiner ersten Liebe", den deutschen Antisemitenbund, znrückgekehrt. Ec werde sich von nun an mit einem wahren Feuereifer in die ant semitische Agitation stürzen. Bei den nächsten Reichs­tagswahlen sollten die Gegner wirkliche Wunder erleben. Im

" Ist Ihnen eine solche Artigkeit, eine derartige Huldigung, der Schönheit und Liebenswürdigkeit dargebracht, so sehr zuwider, Fräulein Seraphine?" fragte er dann in weichen Tönen.

" Ach was, das ist fades Geschwäg!" fiel sie rasch ein; " damit fangen Sie mich nicht. Es giebt weit schönere Mädchen als ich, und liebenswürdig mag ich garnicht sein; die Männer sind alle Heuchler."

" Glauben Sie nicht, das es Ausnahmen giebt?" " Meinetwegen, aber ich kenne feine."

" So wird es mir Ehrensache sein, Sie davon zu überzeugen", sagte Ancelot, indem er den Arm des Mädchens wieder in den getäuscht worden zu sein, schlimme Erfahrungen gemacht zu seinigen legte und mit ihr weiter ging. Sie scheinen schon haben..

" Ach bewahre", unterbrach jene ihn in entschiedenem Tone. Soweit kommt es bei mir garnicht. Wenn ich merke, daß mich ein junger Mann zum Narren machen will, wird er von mir bei der ersten besten Gelegenheit und vor allem Publikum ganz ge­gehörig abgefanzelt, und wenn er sich nicht bei Zeiten aus dem Staube macht, giebt es vielleicht auch noch zulage."

" Nun, dann bitte ich wenigstens unter den Bewerbern um Ihre Zuneigung einen Unterschied zu machen", sagte der junge fänftigen." Sehe ich aus wie ein Schurke, der darauf ausgeht, Mann ruhig und mild, um das erregte Mädchen wieder zu be­harmlose und vertrauende junge Mädchen zu bethören? Nein, nein, Seraphine heiße, innige Zuneigung ist es, die mich ver= anlaßte, Ihnen zu nahen, mich um Ihre Gegenliebe zu bewerben."

Bleiben Sie mir mit Liebe und Gegenliebe fern, das sind Faseleien, weiter nichts", versezte die Singspielhallendame in einem Tone, der gar feinen Widerspruch zu dulden schien. Wenn Sie sich wirklich zu mir hingezogen fühlen, dann heiraten Sie mich. Vorher aber weisen Sie mir nach, das Sie reich genug sind, um meine Ansprüche erfüllen zu können."

" Sie haben es ausgesprochen, das Wort, in welchem mein höchster Wunsch gipfelt", rief Ancelot mit erheuchelter Wärme aus. Ja, heiraten, den Bund fürs Leben fnüpfen wollen wir, untrennbar und unlöslich."

Wieder blieb Seraphine stehen.

" Ist das Ihr Ernst, Ancelot?" fragte sie, ihn mit ihren schwarzen Augen fest ins Antlig schauend.

,, Genügt Ihnen mein Wort noch immer nicht?" ich auch eine Dame werden, welcher stets eine volle Börse zur " But, ich will Ihnen glauben. Aber wenn ich heirate, will Verfügung steht."

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Wie die Hamburger Blätter erfahren, haben die in London gepflogenen Verhandlungen zu einer Verständigung zwischen der Hamburg- Amerika- Linie und der Hamburg­Südamerikanischen Dampfschifffahrts- Gesellschaft einerseits und der Booth- Linie andrerseits über den Verkehr mit Nordbrasilien geführt, durch welche dem Konkurrenz­tampf der genannten Rhedereien definitiv ein Ende gemacht worden ist.

Brüssel, 25. Sept. Die verstorbene Königin Hen­riette hat keinerlei Barvermögen hinterlassen, da sie seit Jahren Alles für die barmherzigen Schwestern herge­geben habe.

Der Trauergottesdienst für die ber= storbene Königin fand gestern in der St. Gudula­Kirche statt, welchem der König, sowie der gesamte Hof beiwohnten. Die Polizei hatte große Vorsichtsmaßregeln getroffen, weil man Unruhen befürchtete.

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Die Buren- Generale Botha und Delarey statteten gestern dem Präsidenten Krüger einen Besuch ab. Hierdurch werden die Gerüchte widerlegt, wonach zwischen Krüger und den Generalen ein gespanntes Verhältnis bestehe.

Der frühere Präsident des Oranjefreistaates Steijn ist in Begleitung Fischers vom Haag nach Clarens abgereist.

Paris. Ein Gerücht ist hier aufgetaucht, daß der Kaiser von Korea gestorben sei. Es seien ernste Verwicklungen zu befürchten. Die drei Elemente, die sich in Korea um den Einfluß reißen, das einheimische, das russische und das japanische Element, hätten in der That jedes einen eigenen Kandidaten für die Thronfolge.

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"

Nach einer Petersburger Times"-Meldung droht Finland ein neuer Staatsstreich. In den nächsten Tagen werde eine Reihe neuer staatlicher Geseze erlassen werden,

Ich finde das ganz in der Ordnung, und ich würde nimmer­mehr heiraten, wenn ich meiner fünftigen Gattin dies nicht zu bieten vermöchte. Ich bin reich, Seraphine; ich fann schon jett Ihre Wünsche, selbst wenn diefelben weitgehender Art sein sollten, befriedigen. Später aber kann ich noch auf sehr große Summen rechnen."

Wieviel nehmen Sie jekt jährlich ein?"

Ancelot hätte das Frauenzimmer bei dieser dreisten Frage erdrosseln mögen, aber er bezwang sich.

3wanzigtausend Gulden", log er.

" Das genügt zunächst für uns beide, später werden sich Ihre Einnahmen ja steigern. Wann gedenken Sie zu heiraten?"

Sobald als möglich vorausgesetzt, daß Sie mir Ihre Hand reichen, Seraphine!"

Na, das ist abgemacht, ich bin damit einverstanden, Ihre Frau zu werden und meinetwegen auch schon sehr bald; mir ist das einerlei."

" Sobald die nötigen Formalitäten erfüllt und die erforder= lichen Papiere beschafft sind, kann unsere Verbindung erfolgen also in etwa zwei Wochen. Von der Frist des Aufgebots laffen wir uns gegen Zahlung einer Summe zu einem milden 3weck dispensieren."

" Mit dem Direktor der Singspielhalle habe ich noch ein Jahr Kontraft, von dem er mich sicherlich nicht losläßt, da er recht wohl weiß, daß die meisten Gäste nur meinetwillen kommen. Aber das schadet nichts; ich fann auch ferner noch als Ihre Frau auftreten, wenn ich auch im Lokale in Zukunft Fräulein Seraphine heißen muß."

" Wenn Sie noch Kontrakt haben, dann wird es wohl nicht anders gehen", sagte der Franzose langsam und gedehnt. Dann darf aber niemand erfahren, daß wir Mann und Frau sind. Meine reichen Verwandten würden mich verstoßen, und wir fämen um das reiche Erbe."

" Das darf also nicht geschehen. Halten wir also unsere Vermählung so lange geheim, bis wir keine Nachteile mehr von deren Veröffentlichung zu fürchten haben. Ich kann verschwiegen sein, und ewig wird es ja doch nicht deuern."

Also in zwei Wochen, lassen wir es dabei!" sagte Ancelot. Aber da sind wir schon an Ihrer Wohnung. Wie schade, daß Der Weg so furz ist und ich Sie schon verlassen muß!"

Ich bedaure das durchaus nicht; denn ich bin sehr müde", erklärte Seraphine grob.

"

Sie reichte ihrem Verlobten die Hand, und mit einem kühlen Gute Nacht" verschwand sie im Hause.