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Nr. 221.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 30 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mr. 1 50.

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Dienstag, den 23. September 1902.

Gießener

11. Jahrgang.

Insertionsprei 8: Die einspaltige Betitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfg. fonst 15 Pfg.: Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Erbedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluk Nr, 362.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Die Aufgaben des nächsten Landtages.

Der 31. Landtag ist geschlossen. Zehn große Foliobände geben Zeugnis von dem Fleiß der Zweiten Kammer und darunter vier von der unendlichen Rede­lust der Mitglieder. Und nicht zur Aufklärung einer vorliegenden Frage oder zur Belehrung der Mitglieder des Hauses wird gesprochen, sondern zum Fenster hinaus zur Wahrung der Parteiinteressen und um den Schein zu erwecken, als spiele die Person und ihre Partei eine gewaltige Rolle in der Mitregierung des

Landes.

Diese Sucht, der Parteiwirtschaft zu dienen, hat den Parlamentarismus von heute in eine ganz falsche Bahn getrieben.

Während früher die Stände es als ihre Haupt­aufgabe betrachteten, sparsam zu wirtschaften, der Re­gierung auf die Finger zu sehen, daß sie nicht mehr Beamte anstellte, als notwendig wären, und sie nicht höher bezahle, wie erforderlich, um solche zu erhalten, so ist jetzt die Sache gerade umgekehrt.

Als im Jahre 1897 die Regierung eine Vorlage über Besoldungserhöhung der Beamten machte, be­gnügte sie sich, rund 600 000 Mt. zu fordern; die Kammer erhöhte die Summe auf 900 000 Mt.

Ebenso ergab sich das gleiche Schauspiel bei der Vorlage über die Besoldungen der Volksschullehrer, wofür auch 200 000 Mt. mehr bewilligt wurden, als die Regierung verlangte.

Auch heute noch, wenn es sich um eine Anstellung oder erhöhten Gehalt der Petenten handelt, muß sich die Regierung förmlich wehren gegen das Aufdrängen von Summen Seitens der Kammer, welche sie für un­geeignet hält.

In ähnlicher Weise geht es mit der Errichtung von Gebäuden. Im Interesse der Wahlbezirke werden Gebäude verlangt und bewilligt, die zu erbauen ganz Sie sind viel zu teuer gut umgangen werden könnte. und bürden durch ihre Unterhaltung auf die Dauer dem Staat eine schwere Last auf.

Eine ganze Reihe von Budgetposten werden fort­während erhöht oder neu gebildet aus den gleichen Gründen, die bei den obigen Gegenständen maßgebend

waren.

Daß bei solcher Finanzwirtschaft das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben des Staates nicht ei halten werden konnte, ist doch wohl selbstverständlich.

9]

Entlarvt.

Roman von Morib Lilie.

( Nachdruck verboten.)

Es ist eine feine Truppe, die in einem noblen Lokal fest engagiert ist. Aber Sie sind ja ein Verwandter von ihr, gewiß ein reicher und vornehmer Herr, da wird es Ihnen freilich nicht angenehm sein, daß die junge Dame in einer öffentlichen Wirt­schaft singt."

Ancelot erhob sich.

Begleiten St mich in das Lokal, ich will das Mädchen sehen", sagte er in fast befehlendem Tone. Bald darauf rollten die beiden in einem Fiaker dem Ziele zu.

VII.

Eine Begegnung bei Donner und Blik.

Nur sehr langsam schritt die Besserung in dem Befinden Ernas fort, und endlich war sie soweit, daß sie es wagen durfte, ihre früheren Streifereien zu Pferde in die Umgegend wieder aufzunehmen. Freilich vermied sie sorgsam die Punkte, an welche sich für sie so schmerzliche Erinnerungen fnüpften.

Erna war jest ernüchtert; der süße Rausch der ersten Liebe hatte einer ruhigen Ueberlegung weichen müssen. Mehr und mehr fam sie zu der Erkenntnis, daß der Mann, welcher so leicht der Verführung zum Opfer fiel, sie schwerlich hätte auf die Dauer glücklich machen können.

An einem warmen Julitage wanderte Erna, diesmal zu Fuß, hinaus in den Wald, gefolgt von dem alten Josef. Sinnend schritt sie dahin, und sie und ihr Begleiter merkten nicht, daß sich der Himmel zu umziehen begann. Erst als die Spaziergänger aus dem Walde heraus auf die weite Lichtung traten, gewahrten sie an der zunehmenden Dunkelheit die drohende Veränderung des Wetters, und der erfahrene Diener mahnte dringend, ein Schüßendes Obdach aufzusuchen.

Auch Erna war ängstlich geworden.

" Wohin sollen wir uns wenden, um ein Unterkommen zu finden?" fragte sie.

Der Reittnecht rückte verlegen den Hut.

Wir sind zu weit vom Falkenhofe entfernt, um denselben noch vor Ausbruch des Wetters erreichen zu können", sagte er, die Wolfen prüfend betrachtend. Vielleicht erreichen wir aber noch vor Ausbruch des Gewitters eines der umliegenden Dörfer."

Trotzdem durch den glücklichen Ankauf der Ludwigs­bahn und den gemeinsamen Betrieb mit Preußen die Einnahmen um rund 3 Millionen Mark stiegen und durch die Steuerreform im Voranschlag für 1902 eben­falls 3 Millionen Mark mehr eingesetzt werden konnten, war in 1901 das Defizit 2 Miй. Mark und 1902 1,5 Millionen Mark.

Der Rest früherer Ueberschüsse hätte kaum aus­gereicht, diesen Fehlbetrag zu decken, allein die Regier­ung zog es vor, die Hälfte des Betrags durch eine Er­höhung der Vermögenssteuer zu decken.

Diese Steuererhöhung, noch dazu in der Zeit einer schweren wirtschaftlichen Krisis, wirfte etwas ernüchternd und der Finanzausschuß der Zweiten Kammer nahm einen mächtigen Anlauf zu sparen. Er brachte mühsam soviel zusammen, um den Fehlbetrag im Ganzen auf etwa 1 Million herabzumindern und aus den früheren Ueberschüssen zu decken, allein die Sucht zu sparen, hatte gegen das Ende zu im Ausschuß schon sehr ab­In der Kammer selbst stimmten vielfach genommen. die Ausschußmitglieder gegen ihre eigenen Anträge und so verminderte sich die Ersparnis auf 200 000 Mt. und darunter Posten, die nicht erspart werden können.

Anstatt dem Berg kam das winzige Mäuslein zum Vorschein und blieb nichts übrig, als eine Steuererhöh­ung.

Dabei hat man den ersten Eingriff in die anderen Gelegenheit Veranlassung zur Besprechung Grundsätze der Steuerreform gethan, die wohl bei einer

bieten können.

Bei dieser finanziellen Lage des Landes kann man begierig darauf sein, wie der Voranschlag für 1903 ausfallen wird, um so mehr, als das Neich ihn durch größere Beiträge noch sehr verschlechtern kann. Wenn das Zolltarifgesetz nicht zu Stande kommt, wenn eine weitere Einnahme das Reich sich nicht verschafft, so bleibt eine Erhöhung der Matrikularbeiträge nicht aus. Dies ist für uns gleichbedeutend mit weiterer Steuererhöhung.

Für den nächsten Landtag ist die Finanzwirtschaft in Ordnung zu halten wohl die schwierigste Frage, ob­schon auch andere Fragen genug auf der Tagesordnung stehen werden, die späterer Behandlung vorläufig über­lassen werden können.

Politische Nachrichten.

Brüssel, 22. Sept. Der Zug mit der Leiche der Eine Königin traf gestern furz vor 4 Uhr in Laeken ein.

Auf denn suchen wir den Weg zu gewinnen!" rief Erna und schritt, so rasch es das dichte Haidekraut erlaubte, über die Waldblöße dahin.

Blöglich bemerkte sie ein kleines aus Baumstämmen ge­zimniertes Häuschen, dessen Schornstein leichte Rauchwolfen ent­stiegen. Es lag etwa fünfzig Schritte von der Straße entfernt dicht am Walde. Eine furze Strecke davon erblickte man mehrere Kohlenmeiler und vor denselben einen rußgeschwärzten Mann,

zweifellos der Köhler.

Das Unwetter war unterdessen in seiner ganzen Stärke aus­gebrochen.

Wir haben uns verirrt; wollt Ihr uns Obdach gewähren, bis das Wetter vorüber ist?" fragte Erna, nachdem sie in die Hütte des Kohlenbrenners eingetreten war.

Ei, gewiß", verfekte der Mann gutmütig. Das ist tein Wetter für ein so feines Jungferchen wie Ihr seid. Macht es Euch bequem und trocknet Guren Mantel dort am Feuer." Draußen stürmte und wetterte es ärger als zuvor."

Josef war an das kleine Fenster getreten und schaute in die aufgeregte Natur hinaus. Da bemerkte er, wie ein Reiter vor dem Köhlerhause abstieg, sein Pferd festband und dann ohne Umstände raschen Schrittes ins Zimmer trat.

Es war eine hohe, vornehm aussehende Gestalt, ganz durch­näßt, aber in eleganter Neiterkleidung, blond und blauäugig, und seine Bewegungen verrieten den Mann von Welt und guter Er­ziehung.

Der Fremde trat zu dem Köhler heran und bat ebenfalls um die Erlaubnis, das Gewitter hier abwarten zu dürfen, was der Kohlenbrenner gern gewährte.

Erst iezt gewahrte der neue Gast Erna, welche in einer Ecke des Gemaches Platz genommen hatte. Seine stumme ehr­erbietige Verbeugung erwiderte sie mit einem verbindlichen Meigen des Hauptes.

" Wir sind Schicksalsgefährten, wie es scheint, gnädiges Fräulein", sagte er mit wohllautender Stimme. Das Unwetter tobt in der That ganz entseglich, und man muß sich glücklich preisen, wenigstens ein Obdach gefunden zu haben."

Wer gezwungen ist, bei diesem Sturm und Regen im Freien zu bleiben, ist zu beflagen", bestätigte die Angeredete.

Der Fremde warf bei dem Ton ihrer Stimme forschend, aber ohne aufdringlich zu erscheinen, seine Blicke auf die Sprecherin. Dann trat er einige Schritte näher.

" Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich die Ehre, das gnädige Fräulein bereits zu kennen", sagte er mit einer aber

ungeheure Menschenmenge hatte sich am Bahnhofe ange­sammelt. Hinter dem Leichenwagen schritten der König, Infolge des Prinz Albert und Graf von Flandern. großen Menschenandranges sind bei der Ankunft und während der Ueberführung der Leiche einige Unfälle von geringerer Nach einer anderen Brüsseler Bedeutung vorgekommen. Meldung der Neuen Freie Presse" zufolge hat sich die Gräfin Lonyay mit ihrem Vater ausgeföhnt.

"

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Brüssel, 22. Sept. Die Prinzessin Lonyay, welche sofort nach Brüssel zurückkehrte, wurde bei ihrem Eintreffen von der Bevölkerung sympathisch begrüßt. Auf ihrer Fahrt zum Hotel Bellevue wurde sie von einem heftigen Wein­Wie die Chronit" meldet, soll König krampfe befallen. Leopold geäußert haben, er mißbillige den Schritt der Gräfin Lonyah nicht, derselbe ändere aber auch nichts an dem Fa­milienzwist.

Berlin, 22 Sept. Der preußische Hof legte für die verstorbene Königin von Belgien eine Trauer auf 3 Wochen an und zwar bis einschließlich den 10. Oktober.

Berlin, 22. Sept. Stadtrat Kauffmann hat definitiv auf sein Amt verzichtet und dies Dr. Langerhans schriftlich mitgeteilt.

Berlin, 22. Sept. Die Meldung, der Reichstags­fefretärs im Reichsamt des Innern in Aussicht genommen, Abgeordnete Spahn sei für den Posten des Unterstaats­

wird der Nat. 3tg." von unterrichteter Stelle als unrichtig bezeichnet. Auch die andern Angaben bezüglich der Ernen­nung für dieſen Poſten ſeien nicht zutreffend.

Die Zolltarif- Kommiffion des Reichstages be­schloß bei ihrem gestrigen Wiederzusammentritt zunächst über die Bölle auf pflanzliche Erzeugnisse eine gemeinsame General. Diskussion vorzunehmen. Ueber die weiteren Vorschläge der Kommission soll morgen entschieden werden. Die Anträge des Abg. Wangenheim auf Bindung einer Reihe neuer Minimalzölle sind erneuert worden.

Koblenz, 22. Sept. Von zuständiger Stelle erfährt die Franff. Btg.", daß die Kandidatenliste für die Cölner Erzbischofswahl aus dem Kabinett des Raisers noch nicht herausgekommen ist.

Wie verlautet, soll die den einzelnen Behörden ge­währte Portofreiheit von Postsendungen, für welche

| maligen leichten Verbeugung, vorausgeseßt, daß sie dem Hause Falkenhof angehören." Erna erhob sich, und auch ihre Augen ruhten forschend auf dem Sprechenden.

" Ihre Vermutung ist richtig, mein Herr", versezte sie, nicht ohne eine gewisse Befangenheit, und auch ich glaube mich jest Ihrer zu erinnern, obgleich seit unserer legten Begegnung faft zehn Jahre vergangen sein mögen. Wir waren einst Jugend­gespielen, Herr von Fries, und gern denke ich noch an jene Tage der Kindheit zurüd.

Wir lernten uns in jenem steierischen Gebirgsstädtchen fennen, welches Ihre Frau Mutter auf Anordnung des Arztes aufgesucht hatte, um in der stärkenden Alpenluft Genesung von schwerem Leiden zu finden", warf Herr von Fries ein, nachdem beide Platz genommen hatten. Die gleiche Hoffnung führte meinen Vater nach dem stillen idyllisch gelegenen Ort."

,, Leider erreichten die Kranken ihren Zweck nicht", ergänzte Erna mit einem leichten Seufzer. Mit beginnendem Herbste fehrten wir nach dem Faltenhofe zurüd, wo bald darauf meine arme Mutter starb, und dasselbe Schicksal ereilte auch Ihren Vater den Herrn Obersten, von dessen Ableben wir Kenntnis erhielten."

Herr von Fries nickte.

" Wir fahen uns seitdem nicht wieder, gnädiges Fräulein", sagte er mit seltsam weich und innig flingendem Tone, aber die in jenem einsamen steierischen Gebirgsorte verlebten Stunden werden mir ewig unvergeßlich bleiben.

Eine leichte Röte stieg in Ernas Antlig.

" Ich möchte dem Gewitter dankbar sein, daß es mich in diese Hütte geführt hat", fuhr iener fort. Ich hatte die Absicht, nach dem Falkenhofe zu reiten, um Ihrem Herrn Vater einen Besuch abzustatten, als mich das Unwetter zwang, hier Unterkunft zu suchen. Nimmermehr aber hätte ich an das Glüd geglaubt, Sie hier zu finden."

" Ich bitte Sie, Ihre Absicht auszuführen. Papa wird sich freuen, den Sohn eines lieben Bekannten begrüßen zu können erwiderte sie leise. Haben Sie sich in unserer Gegend angekauft " Das nicht, gnädiges Fräulein", entgegnete der Gefragte. " Ich bin bei einem Studiengenossen zum Besuch, dessen Vater das Rittergut im Nachbardorfe befitt."

Mehr und mehr vertieften sich die jungen Leute in Erinnerungen an die fröhliche Kinderzeit. Jede Befangenheit war von ihnen gewichen, es schien, als hätten sie nie aufgehört, in freundschaft licher Weise zu verkehren.