Ausgabe 
31.1.1903 Erstes Blatt
 
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Nr. 26.

Erstes Blatt.

Samstag, den 31. Jannar 1903.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 30 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel­jährlich Mr. 1.50.

Gratisbellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberheffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Gießener

12. Jahrgang.

Insertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wi gary Oberbeffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Vfg. fonft 15 Vfg.: Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Vfg.

Fostzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gieken Neuenweg 28. Fernsprechanschlus Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Unabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Deutscher Reichstag.

247. Sizung.

Nachdruck verboten.

Die Polenfrage. Polenfrage, die eigentlich eine innerpreußische

it Zubehör per Angelegenheit ift, wurde Freitag durch eine Auskunfts

bermieten.

mannstraße 14.

rftr. 16, part. merwohnung Neustadt, neben tunftsforderung sich auf die Entziehung des Einjährig cmstr. Kreuder, Freiwilligen- Zeugnisses, die gegen die Verurteilten des Thorner Geheimbundprozesses beschlossen worden war, tüßte. Der Abg. Dr. v. Dziembowsti, der die Aus­funftsforderung begründete, suchte die Verdeutschungsbe­trebuhgen ins Lächerliche zu ziehen mit der Behauptung, bemnächst werde sicher sich jemand finden, der selbst den altrömischen Berufsgenossen des Redners, den Advokaten Cicero, für einen Germanen ertläre. Die Polen seien in dieser ganzen Bewegung rein im Verteidigungszustande und fönnten sich auch auf die von den preußischen Köni­gen gemachten Versprechungen berufen, daß ihnen ihre Sprache und Sitten geschützt werden sollten.

forderung an den Reichstanzler, was er zur Abstellung der gegen die Polen verübten ungerechtigteiten zu tun gedente, auch an den Reichstag gebracht. Die Zuständigkeit des Reichstags wurde dadurch ermöglicht, daß die Aus

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r Mansarde und uf 1. April 1903 ermieten. Näheres esterei. Zimmer 15. festraße und Gr. 18 per 1. April erwohnungen ubehör zu verm. verke fönnen zu er getrennt ab. erden. Näheres s, Grürberger

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ermieten, desgleichen Zimmerwohn­

15. Fankfurterſtr. 29.

Staatssekretär Graf Posadowsty, der zunächst die Erwiderung übernahm, sprach sich unter dem Beifall der Rechten mit großer Entschiedenheit dahin aus, daß eine polnische Frage für das Reich nicht bestehe. Die ehemals poluischen Landesteile seien Teile der preußischen Mo

archie und daran werde sich nichts änd. rn, solange noch ein Soldat im Felde stehe. Ueber die Frage der Entziehung des Einjährigenzeugnisses äußerte sich der Kriegsminister v. Goßler, der zunächst auf den von den jungen Leuten geleisteter Schwur, für die Wiederausrichtung des pol nischen Reiches kämpfen zu wollen, hinwies und im Au schluß daran die gegen einige Verurteilte verfügte Eut­ziehung des Einjährigenzeugnisses als eine milde Strafe erklärte.

Hierauf begann die eigentliche Besprechung, an der sich zunächst der nat.- lib. Abg. Graßmann beteiligte. Dieser Redner war schwer verständlich. Man hörte nur joviel heraus, daß er mit den Maßnahmen der Regierung

einverstanden war. Mit besonderer Leidenschaft und in dem stockenden Tone, den ein mit der inneren Glut täm pfender Mann zu bestehen hat, sprach sich der Abg. Für ſt Radziwill für eine andere Behandlung der Polen und namentlich für den Schuß der polnischen Sprache aus. Der Pole size seit 1000 Jahren auf jenem Boden und ge­nieße nicht einmal die gleichen Rechte, wie die jüdische Be polterung. Mit erhobener, Stimme rief er dann aus: Bir glauben an eine Monarchie von Gottes Gnaden, aber auch an Volksrechte von Gottes Gnaden. Dieser Glaube sei das Band, das die Polen mit dem Zentrum verbinde. Der Widerschein dieser freundlichen Worte gab sich in der Sede des Zentrumsabg. Roeren zu erkennen, denn dieser trat vollständig auf den Boden des Interpellationsredners v. Dziembowski. Er fündigte zugleich eine ausführliche Besprechung des Falles Löhning an. Namentlich darüber müsse Klarheit geschaffen werden, wer die Unwahrheit in diesem Falle gesagt habe, denn es ständen sich die Aeußerungen des Finanzministers und des Geh. Rats Löhning gegenüber. Im übrigen aber rollte er die Ver Adolf Bieler, urteilung der Thorner Schüler wieder auf. Die Polen­riecherei führe zu den absonderlichsten Vorkommnissen, die uns vor dem Auslande lächerlich machen. Die Cut nationalisierungsversuche hätten keine Erfolge zu erwar­ten, denn noch fein Staat der Welt sei mit Gewalt eut­nationalisiert worden. Wenn die 200 000 Siebenbürger Sachsen diesen Versuchen widerstehen, um wie viel mehr werden die Polen dies vermögen. Alle diese Ausführungen des Abg. Roeren sind dem Vorfämpfer des Ostmarken­vereins Abg. v. Tiedemann ein Beweis dafür, das Roeren die Zustände im Osten nicht kennt. Vor allem müßte dem Polonisieren der Namen entgegengewirkt werden.

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Ter folgende Redner war der freisinnige Volkspar­let Lenzmann. Er polemisierte scharf gegen das Ur­teil im Thorner Schülerprozeß und ergeht sich in brei­ten Ausführungen über den Fall Löhning. Neues über die Affaire" bringt er jedoch nicht vor.

Die Politik.

Die schwarze Fahne im Reichstage.

Die Petitionsfommission des Reichstages hat der Geschäftsordnungskommission ein merkwürdiges Bittgesuch überwiesen. In dieser Petition fordert der Oberamtmann Spamer in Darmstadt vom Reichstag eine Verstärkung der Amtsgewalt des Reichstagspräsidenten. Bei stürmi­schen Sizungen soll der Reichstagspräsident durch Aus­stecken einer schwarzen Fahne auf dem Präsidium den Ausnahme- Zustand proflamieren dürsen. Während dies s Ausnahmezustandes sollen ein Polizeikommis, ac und zv.i Schußleute zur Leitung der Verhandlungen hinzugezogen werden. Auch die Immunität der Abgeordneten soll wäh­rend dieses Ausnahmezustandes als aufgehoben gelten. Es ist selbstverständlich ausgeschlossen, daß der Reichstag jemals einen derartigen Vorschlag gutheißen werde.

Kaiserliche Geschenke für Offizierkorps. )-( Der Kaiser hat dem 1. Armeekorps aus Anlaß feines Geburtstages 50 000 mt. als Stiftung geschenkt. Die Summe soll Offizieren des 1. Korps für bestimmte Zwecke, über die Näheres einstweilen noch nichts ver­lautet, zu gute kommen. Auch dem Leib- Grenadierregi­ment Fr. 8. in Frankfurt a. D. hat der Kaiser an jeinem Geburtstage 25 000 Mart mit der Bestimmung überwiesen, daß diese Summe als ,, Kaiser Wilhelm II. Stiftung" zinstragend angelegt und dem Interesse des Offizierstorps gewidmet werde,

Einschreiten der Mächte in Macedonien?

V Italienische Blätter wissen zu melden, Desterreich bereite sich auf größere militärische Ereignisse in Ma­cedonien vor. Schon neulich hieß es, Desterreich ziehe an der bosnischen und dalmatinischen Grenze Truppen zusammen, und jetzt kommt die Nachricht, die Wiener Regierung habe den österreichischen Lloyd beauftragt, für eine bevorstehende Einschiffung österreichischer Trup­pen in den dalmatinischen Häfen eine Anzahl Schiffe bereit zu halten, deren Ziel Saloniki sein soll. Auch würden bereits an den Hafenpläßen große Mengen Pro­viant für die Truppen aufgestapelt, und den Offizieren sei verboten worden, ihre Standorte zu verlassen. Der Zweck der Maßregel, die im Einverständnis mit Ruß­land erfolgen und bei dem Besuche des Grafen Lambs­dorff in Wien vereinbart sein soll, soll sein, durch Ver­jammlung eines großen internationalen Geschwaders, zu dem auch die anderen Mächte Schiffe stoßen lassen wür­den, im Hafen von Saloniki einer Kollektivnote der Mächte Nachdruck zu geben, die in Konstantinopel überreicht werden soll. Diese Note solle erklären, daß die türkischen Reformen in Macedonien und Altserbien ungenügend jeien, und fordere die Einberufung einer internationalen Konferenz, in der die zwischen den Kabinetten von Wien und Petersburg vereinbarten Reformvorschläge, die den übrigen Mächten schon mitgeteilt seien, beraten werden sollen. Was an der Meldung ist, entzieht sich einst­weilen noch der Beurteilung, in deutschen politischen Kreisen hält man, wie unser CB. Mitarbeiter uns aus Berlin mitteilt, die Nachricht von der Ueberreichung einer Kollektivnote in Stambul für nicht unwahrscheinlich, da­gegen hält man die Meldung von einer internationalen Flottendemonstration im Golf von Saloniki für schwach

begründet.

Kurze volitische Nachrichten.

* Kaiser Wilhelm ließ am Freitag, wie aus Wien gemeldet wird, als am Todestage des österreichischen Kronprinzen Rudolf, einen Kranz mit der Inschrift ,, Sei­nem teueren Freunde Kaiser Wilhelm II." auf weißer Atlasschleife am Sarge des Kronprinzen niederlegen.

* In Kopenhagen glaubt man, der angekündigte Besuch des deutschen Kronprinzen in der dänischen Hauptstadt werde unterbleiben, dagegen werde Kaiser Wilhelm wahrscheinlich mit dem Zaren und König Eduard von England zusammen- am 8. April, am 85. Geburtstage des Königs Christian den dänischen Hof besuchen.

* Die offiziöse ,, Nordd. Allg. Ztg." erklärt die Blätter­meldung für unbegründet, die Milderung des ehren­gerichtlichen Urteils gegen den Major a. D. Endell sei vom Kaiser auf die Verwendung des Ministers v. Podbielski hin erfolgt.

* Generalleutnant v. Liebert, Kommandeur der 6. Division in Brandenburg, früher Gouverneur von Deutsch; Ostafrika, gedenkt seinen Abschied einzureichen.

* Der bisherige Kommandeur der Schußtruppe für Kamerun, Oberst Pavel, scheidet am 31. d. Mts. aus der Schußtruppe aus und wird bei den Offizieren von der Armee mit dem Wohnsiße in Berlin wieder im yeere angestellt.

waltung wurde fortgeseßt. Das Kapitel Generalkom­missionen wurde nach kurzer Debatte bewilligt. Beim Kapitel ,, Landwirtschaftliche Unterrichtsanstalten" sprach sich Abg. Dr. Lotichius für Veranstaltung von Obst­bau- Ausstellungen aus. Beim stapitel Tierärztliche Hochschulen und Veterinärwesen" ersuchte Abg. v. Neu­mann( fons.) um Ausbesserung des Einkommens der ländlichen Tierärzte. Landwirtschaftsminister v. Pod bielsti erwiderie, er wolle den berechtigten Wünschen der Landlierärzte gern nachkommen, womöglich schon im nächsten Erat. Die Pensionsberechtigung fönne nur durch ein Gesetz erreicht werden. In der weiteren Deba.te er­widerte Abg. Dr. Müller( freis. Vp.), die Hauptsache sei, daß die Kreistierärzte ganz unabhängig von der Privat­praris gemacht wirden. Beim Titel Zur Bekämpfung von Tierkrankheiten 80 000 Rt." drückte Abg. Frhr. v. Wangenheim( tons.) den Wunsch nach einem siche ren Mittel gegen den Rotlauf und Sperrung der Gren zen gegen ausländische Viehseuchen aus. Landwirtschafts­minister v. Podbielski wies darauf hin, daß user­dings verschiedene Senchen von ihrer Gefährlichkei. et was eingebüßt tten. Das beste Verfahren, eine Such zu bekämpfen, sei zweifellos das englische: jedes infi­zierte Stück Bieh zu töten.

* Die in Washington verbreiteten Gerüchte, Deutschland suche die Unterzeichnung des Protokolls über die Präliminarverhandlungen zu verzögern, sind unbe­gründet. Ueber die französischen Ansprüche soll auf der­selben Grundlage verhandelt werden, wie über diejenigen der Verbündeten. Andernfalls will Frankreich sofort mit Gewalt gegen Venezuela vorgehen.

* In Yemen haben sich einige arabische Stämme gegen die türkische Herrschaft erhoben. Der Sultan hat angeordnet, den Aufstand zu unterdrücken.

Dreufsilcher Landtag.

Haus der Abgeordneten.

10. Situng.

Nachdruck verboten. Zweite Beratung des Etats.

Die Beratung des Etats der landwirtschaftlichen Ver­

Nur durch rigorose Maßregeln könne man erreichen, daß die Rinderseuchen im Inlande nach und nach erlöschen. Schwieriger liege es bei den Schweinesenchen, wo die Schweinezüchter selbst mit Hand anlegen müssen. Auf dem Gebiete der Tuberkulose seien wesentliche Fortschritte zu verzeichnen. Was die Maul- und Klauensenche betreffe, so habe Prof. Löffler ein Mittel gefunden, um Kinder dagegen auf einige Zeit zu immunisieren. Die Mant­und silauenseuche sowohl wie die Schweinesenchen kosteten bis jetzt der deutschen Landwirtschaft jährlich ungezählte Millionen.

Die Kap. 105, Förderung der Fischzucht" und För derung des Obstbaues" wurden nach unwesentlicher De batte bewilligt. Nächste Sizung Sonnabend, 11 Uhr. Fort­setzung der Etatsberatung.

Nab und fern.

- Der Tod des Jürst u Stolberg- Stolberg ist, wie die Gerichtstomision muumehr auf Grund des örtlichen Tatbestandes festgestellt hat, auf einen unglüc lichen Zufall zurückzusi hren. En egen den anfänglichen Gerüchten, wonach Fürst Stofberg in letter Zeit hoch gradig nervös gewesen sei ,,, so daß seine Gemahlin mehr­fach geörpert hätte sie fürchte, daß noch einmal ein Un glück passieren würde", wird öffentlic) festgestellt, daß der fürstlichen Familie alle positiven Unterlagen, die event. auf einen Selbstmord schließen ließen, gänzlich fehlen.

)-( Eisverge auf märtischen Seen. Turch den steisen Wind, der seit einigen Tagen über Berlin hinwegjegt, sind die Eisflächen der Seen in der Umgebung der Reichs­hauptstadt zertrümmert. Die Eisschollen werden durch den hohen Wellengang aufeinander getürmt, so daß sich förmliche Eisberge bilden, die der Schiffahrt nicht un­gefährlich sind. Auf der Spree, wo eine große Anzahl Lastkähne die Fahrt wieder aufgenommen haben, müssen die Schiffer eine ganz besondere Sorgfalt entwickeln, da bei einem Zusammenstoß mit einem Eisblock die Seiten­wände der Zillen leicht zerschnitten werden.

)-( Das falsche Grafentiud. An der Schuld der Gräsin Isabella Wesiersta- kwileda zu Berlin, die wegen Kin­desunterschiebung verhaftet wurde, soll nach dem vor­liegenden Material nicht zu zweifeln sein. Ihr ingeb­licher Sohn ist danach der Sohn einer österreichischen Bahnwärtertochter, die Frucht eines Liebesverhältnisses, das diese mit einem österreichischen Hauptmanni hatte. Die angestellten Ermittelungen brachten auf die Spur, daß zwei Frauen ihn von Posen nich Berlin gebracht hatten. Hier mußten ihn zwei vornehme Damen in Empfang genommen und mit einer Droschte nach der Geburtsstätte weiter gebracht haben. Ter Kutscher wurde ermittelt und nach seiner Beschreibung auch die beiden Tamen. Die eine ist inzwischen gestorben, die andere trat im Posener, Zivilprozeß als Zeugin auf.

Der

):( Eine Reminiscenz an die Kruppaffaire. neapolitanische Untersuchungsrichter Collenza hat den Steckbrief gegen den Maler Alters annulliert, diesem aber den Aufenthalt auf Capri während der Untersuchung ver­boten. Befann ch wurden gegen Allers, der auf der Insel Capri eine prächtige Villa besigt, schwere Antlagen er­hoben, gleichzeitig mit denen, die dem unglücklichen Krupp vorgeworfen wurden. Vielfach wurde seinerzeit auf die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit hingewiesen, daß die ganze Aruppaffaire" in der Angelegenheit Allers auf Brund von Personenverwechselungen ihren unseligen Ur­sprung gefunden hätte.

Ein Triumph der Maffia. Der Kajsationshof in Kom hat das Urteil des Schwurgerichtes in Bologna n dem bekannten Mordprozesse gegen den italienischen