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Kenntnis de ngen gebragt

Abonnement& prete: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., n's Saus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertels fährlich Mr. 1.50.

Brattabellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nachmitags.

Mittwoch, den 30. September 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Insertionspret 8: Die einspaltige Betttzelle für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Bfg.: Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.

Boftzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Nenenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Wendung in der vatikanischen Politik?

Ein römisches Blatt, das zur italienischen Regierung in Beziehungen steht, bringt die Aufsehen erregende Nachricht, Papst Pius X. habe dem Benediktiner- Pater Amelli gesagt: Teilt Eurem Aht mit, daß wir uns bald in Monte Cassino sehen werden." Desgleichen habe der heilige Vater dem Abt von Cava di Tirreni ver. sprochen, dort der Jubelfeier des Dogmas von der un­befleckten Empfängnis bei zu wohnen.

Ob es sich hier um mehr als einen Versuchsballon handelt, läßt sich natürlich nicht so ohne weiteres fügen. Jedenfalls würde ein solcher Entschluß des Papstes von gewaltiger Bedeutung sein. Seit das königliche Italien den Kirchenstaat annektierte, residiëren die Päpste in selbst­gewählter Verbannung im Batikan und überschreiten nach ihrer Wahl dessen Grenzen niemals wieder. Es soll damit der Protest dokumentiert werden, den die Kirche noch hellte gegen das Unrecht erhebt, das ihr nach ihrer Auffassung geschehen ist. Want hat gesagt, daß diese Abgeschlossenheit der Päpste viel zu ihrer Macht über die Massen beigetragen habe. Der mystische Zauber, durch den die Kirche so manchen Sieg erſtritt, tut eben auch hier seine bannende Birkung: Es fehlt aber auch nicht an Stimmen innerhalb der katholischen Christenheit, die seit langeht schon bernehm lich fordern, daß mit der Tradition gebrochen werde. Man meint in diesen Kreisen, daß der Einfluß des heiligen Stuhles auf weltliche Dinge ein noch weit größerer werden würde, wenn der Nachfolger Petri, wie die Fürsten dieser Erde, Bewegungsfreiheit hätte, und durch die Macht seiner Persönlichkeit, den Glanz seines Hoses, durch Empfänge ausgelosten und Besuche in den Hauptstädten der Welt gewisser­r Rückzahlung maßen agitati risch wirken könnte. Ob aber heute schon der Augenblick gekommen ist, wo mit schon zut steinernen Nornt gewordenen Gebrauch als nicht mehr dem Geiste der Zeit entsprechend gebrochen werden kann und wird, das, wie gesagt, ist doch noch sehr die Frage Wir jedenfalls können uns nicht entschließen, die Nachricht des römischen Blattes init unbedingtem Vertrauen entgegen zu nehmen.

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Das Urteil im Prozess

gegen die Nifcher Offiziere

ist gestern( Dienstag) gesprochen worden. Die beiden Haupt­ingeflägten, Hauptleute Nowakowitsch und Lazarewitsch), wurden zu zwei Jahren Kerker und zum Verlust der Offi­ziercharge verurteilt. Oberleutnant Theodorowitscher­hielt a chi Monate; der ehemalige Leibarzt König Alexanders Velitschtowitsch und Rittmeister 2 e 6 n- tiewitsch einen Monat Kerker. Die übrigen 22 Angeklagten erhielten Kerkerstrafen von vier, acht und zwölf Monaten. Alle haben Berufung eingelegt.

Ueber den sensationellen Prozeß verzeichnen wir noch folgende Nachrichten aus Belgrad: Der Oberleutnant Aza Theodorowitsch), Neffe des Ex- Ministers Theodorowitsch, der neben seine Unterschrift auf die Sturmpetition schrieb: Alle Verschwörer müssen aus der Armee ausgerottet werden", interpretiert diesen Saz dahin, die Offiziere sollten nicht er­mordet, sondern aus dem Offiziekkorps entfernt werden: Ginige andere Angeklagte erffären, irregeführt worden zu jein. Die Tat vom 11. Juni sei ein erlösendes Werk für Serbien gewesen. Novakowitsch habe sich des Tricks be­dient, das Manifest inter nur von einem Offizier unter­fenen Gegenverschwörer fannte, der ihn zur Unterschrift auf­forderte. Die Liste mit den angeblich mitverschworenen Generalen erweist sich als agitatorischer Kniff.

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Der eine der sechs Verteidiger führte in schneidiger Rede folgendes aus: Was ich sage, gilt für alle Angeklagten, welche nach§ 53 angeklagt sind, jedoch nicht verurteilt wer= den können, denn nur die Absicht, ein Manifest dem König 31 überreichen, ist erwiesen; aber die Absicht ist nach ſer­bischen Gesetzen nicht strafbar. Das Verbrechen nach§ 53 ( Auflehnung gegen die Militärgewalt) ist von niemandem begangen worden. Die Handlungen der angeklagten Offi­ziere qualifizieren sich höchstens als Vergehen gegen das Dienstreglement und können nur disziplinariter, nicht kriegs­gerichtlich geahndet werden. Deshalb fordere ich die Frei­sprechung meines Klienten und aller mitangeklagten Offi­ziere.

Das Los der Verurteilten

wird der allgemeinen Meinung nach im Appellationsver­fahren wesentlich gemildert werden. Das Oberkriegsgericht wird seinen Urteilsspruch, wie verlautet, bereits nach drei Tagen verfündigen, spätestens aber am 5. Oktober. Man erivartet für alle Angeklagten, auch die Rädelsführer, be­

hat sehr billig deutende Strafherabsetzungen. Ihre Kameraden rechnen

xpedition.

sogar stark auf gänzliche Begnadigung seitens des Königs, der sich der Strömung, die gegen die Königsmörder herrscht, auf die Dauer nicht entziehen fönne. Von allen Seiten

regnet es Sympathiekundgebungen für die Angeklagten. So ethielt General Magdalenitsch angeblich auch eine Ansichts­karte aus Potsdam von Offizieren des ersten Garde- Regi­ments mit der Aufschrift: Hoch den unerschrockenen Ver­teidigern der Offiziersehre. Ein Pereat den Königs­mördern!" Bestimmt verlautet, daß außer Magdalenitsch auch die Generale Franassowitsch, Mischkowitsch, Boschko­witsch und Oberst Vassitsch die Sturmpetition der ange­flagten Offiziere gutgeheißen haben.

Die Juwelen König Alexanders

und Dragas sollen bekanntlich nach einer Erklärung der ſer­bischen Regierung demnächst versteigert werden. Sie hätten sich unberührt in Alexanders Nachtkästchen aufgefunden. Damit soll der Empörung gegen die Königsmörder, die von den Nischer Offizieren des Raubes und der Leichenschändung geziehen wurden, ein Damm gesezt werden. Nur traut man der Erklärung nicht recht, aus dem einfachen Grunde schon, weil erwiesenermaßen in Aleranders Zimmer gar kein Nachtkästchen" war. Auch zieht man die Versteigerung in berechtigten Zweifel, da die Pretiosen der Königin Natalie als Erbit zustehen. Die Beogradska Novine" behaupten allerdings, daß Königin Natalie nur jene Verlassenschaft nach dem König Alexander annimmt, welche aus dem Obreno­witsch- Bermögen stammt. Doch ist dieses nur unter Um­ständen auch ein sehr weiter Begriff. Denn König Peter schaltet und maltef in Wahrheit als Herr im Privateigentum des ermordeten Alexander und dessen Ahnherren. Soll doch Betét 1. Get seiner Ankunft in Belgrad nichts weiter als ein Bett in den donat mitgebracht haben.

Amerikanische ,, Bombenreklame".

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Zur Attentatsriecherei in Amerika.

Unser A Mitarbeiter schreibt uns: Die teuren Kabel­telegramme aus Amerika, die in deutschen Blättern all­mählich zur stehenden Rubrik geworden sind, haben ein pathologisches Nebeninteresse: Man kann mit einiger Ruhe behaupten, daß jedes dritte von ihnen die Nachricht von einem angeblichen Attentat gegen den Präsidenten Roosevelt bringt und jedes vierte diese Nachricht rückhaltlos dementiert. Eine Industrie für sich und dabei eine schöne Reklame. Auf Herrn Roosevelt könnte Marimilian Harden nicht mit Unrecht das bekannte Wort von einer Bombenreflame" münzen, durch das er seiner Zeit den zweiten Reichskanzler unter der Be­schuldigung, dieser suche sich durch Attentatsgerüchte populär zu machen, dem Spott der Menge preisgeben wollte.

Herr Roosevelt versteht es überhaupt, sich bei jedermann populär zu machen. Seine derbe Biedermannsart mag ein gut Stück Pose sein, jedenfalls wirkt sie nach Wunsch. Das Raubrettertum auf dem Präsidentensize gibt einen martialischen Anstrich. Auch jener Windstoß war sicherlich fein Zufall, der bei der kurzen Fahrt durch Jersey City seine Rockschöße in die Höhe hob und verriet, daß in einer der Seitentaschen auf der Hüfte ein Revolver stecke. Die New­yorker Presse sorgte willig für die Verbreitung dieser Ge­schichte und von Washington sus wurde geschäftig gemeldet, vorr jei ce längst kein Geheimnis mehr, daß der Präsident bewaffnet umhergehe. Damit aber auch ja der Menge der gewisse heroische Bug nicht entgehe, wurde gewichtig hinzu­gefügt, der Präsident habe geäußert, daß die Person, die etn Attentat auf sein Leben verüben wollte, gut daran täte, thn nicht beint ersten Schuß zu verfehlen, denn er würde ihr nicht Zeit lassen, einen zweiten zu wagen. Die Herren Anarchisten mögen sich also vorsehen!

Man kann sich des Gefühls als ernster Mensch nicht er­wehren, daß in einer Reklamie solcherart etwas unendlich Kindisches liegt. Und es hat etwas Beschäntendes, daß sich deutsche Blätter wieder und wieder dazu hergeben, diese Beilenfchinder- Geschwäße geschäftig zu folportieren. Dabei fostet die Sache allein an abelspesen ein kleines Ver­mögen. Statt daß man sich also wenigstens für diese Bombenreklame" bezahlen ließe, legt man oben drein noch Geld zu. Die Amerikaner sind uns an smartness denn doch bedenklich über.

Eine Ueberbrückung der Oft fee.

$ Warnemünde, 29. September. In festlichem Schmuck prangt Stadt und Hafen, um den Großherzog mit seinen Festgästen würdig zu empfangen, die morgen erwartet werden, um dem großen neuen Verkehrs­wege über die Ostsee, zu dessen einem Ausgangspunkt Warnemünde ausersehen ist, die Weihe zu geben. Am 1. Oktober wird dann der planmäßige Betrieb der großen Dampffähren zwischen dem dänischen Hafen Gjedser und Warnemünde eröffnet werden, die die zwischen Berlin und Kopenhagen verfehrenden Eisenbahnzüge über die Ostsee be­fördern sollen und gewissermaßen eine große Brücke vom Fest­lande nach Dänemark schlagen. Damit wird das dänische und in weiterer Linie das schwedische Eisenbahnnez und damit das Wirtschaftsleben dieser Länder wieder bedeutend enger mit dem Deutschlands verbunden. Gegenüben den schon bestehenden Transportwegen bedeutet die neue Fährstraße nach Skan dinavien eine Verkürzung um nahezu 100 Kilometer. Rela­tiv ebenso bedeutend ist die Annäherung an Dänemark ſelbſt.

Vier riesige Fährschiffe, zwei Doppelschraubenfähren und zwei Räderfähren werden den Verkehr vermitteln. Davon stellt Mecklenburg- Schwerin die Räderfähre Friedrich Franz IV" und die Doppelschraubenfähre ,, Mecklenburg", Dänemark die Räderfähre Princesse Alexandrine" und die Doppelschrauben­fähre Prinz Christian". Letztere iſt auf der Helsingörer Schiffswerft erbaut, während die drei erstgenannten auf den Schichauwersten in Elbing und Danzig hergestellt worden sind. Die Maße der Schiffe übertreffen bei weitem die Bodensee und die Rheinfähren, wie auch die Dampffähren zwischen Stralsund und Rügen. Für treffliche Anlegestellen ist sowohl hier wie in Gjedser in umsichtigster Weise gesorgt worden. Im hiesigen Hafen ist die Stromausfahrt gerade gelegt worden, was auf diese Weise der ganzen Schiffahrt zugute kommt. Mit der Einrichtung der Fähre geht die einer direkten Schlafwagen- Verbindung zwischen Berlin und Kopen­hagen Hand in Hand.

Welch große Bedeutung der neuen Ostseebrücke" inne­wohnt, ersieht man am besten daraus, daß der greise dänische König es sich nicht nehmen läßt, der Einweihung beizuwohnen und auf der Fähre Prinz Christian" deren erste Fahrt mitzumachen. Er trifft zu diesem Zweck heut Abend um 7% Uhr' in Gjedser ein. In seinem Gefolge befinden sich u. a. der Kronprinz, die Prinzen Waldemar bon Dänemark und Georg von Griechenland. Sie kommen bon Röskilde, wo sie anläßlich des Todestages der Königin Luise Kränze in der Domkirche niederlegten. Sie werden in der festlich geschmückten Fährhalle den mecklenburgischen Großherzog und seine Gäste empfangen und nach der Be­sichtigung der Anlagen und einem Frühstück die Fahrt nach Warnemünde antreten. Den Schluß der Feierlichkeiten bildet am 1. Oktober ein Festessen in Rostock.

Die Politik.

Unser CB- Mitarbeiter teilt uns mit, daß in leitenden militärischen Kreisen das Gerücht stark verbreitet sei, daß anläßlich der letzten Fälle schwerer Mißhandlung von Soldaten der Kaiser selbst demnächst wieder einmal das Wort ergreifen werde, um seiner Meinung unzweideutig Ausdruck zu verleihen. Bekanntlich hat der Monarch schon früher des öfteren Veranlassung ge­nommen, zu diesem Mißstande Stellung zu nehmen.

Die Einberufung des Reichstages wird warscheinlich ani 1. Dezember erfolgen. Es blieben somit vor Weihnachten im ganzen 15 Sigungstage. Man ist der Meinung, daß das genügen wird. Nach Neujahr wird man den Etat beraten und sich an die neue Militärvorlage machen, die nach den Feiertagen eingebracht werden wird. Die Han­delsverträge sind vor Ostern kaum zu erwarten, wenn überhaupt bis dahin eine Einigung mit den in Frage kom­menden Mächten erzielt ist. Mit der Schweiz werden die Verhandlungen am 9. Oktober beginnen; weitere Daten sind noch nicht bekannt.

Im Reichsjustizamt ist die Kommission für die Straf­prozeßrevision soeben zusammengetreten. Sie befindet sich noch in der ersten Lesung der ihr vorgelegten programma­tischen Fragen. Das wäre nicht so schlimm, da die zweite und endgültige Lesung allem Vermuten nach rasch verlaufen dürfte. Ernster ist es, daß sie bisher kaum ein Drittel des Programms durchgearbeitet hat und daß die wichtigsten Fragen, insbesondere die Gestaltung der Voruntersuchung, die Zusammensetzung der Strafkammern, die Berufung gegen Straffammerurteile und die Revision gegen Be­rufungsurteile noch der Entscheidung harren. In diesen Fragen liegt der Schwerpunkt der Reform.

Gelegentlich der Eröffnung der Landwirtschafts­Ausstellung in Durlach hat der badische Minister Schenkel eine Rede gehalten, in der er sich scharf gegen die So­zialdemokratie aussprach, die seit Dresden ihre Maske gelüftet habe. Er kündigte des weiteren die schon lange erörterte Vorlage betr. Einführung direkter Landtagswahlen an, die, wie es von anderer Seite heißt, an die Zensuswahl und die Verstärkung des Budget­rechts der ersten Kammer anknüpfen soll. Sollte diese lezz­tere Vermutung zutreffen, dürfte es in der badischen Kam­mer erregte Kämpfe geben.

In seiner Budgetrede gelegentlich der Eröffnung des bayrischen Landtags hat sich Finanzminister v. Riedel des längeren über das finanzielle Verhältnis des Reiches zu den Einzelstaaten ausgelassen. Eine Neuregelung sei dringend geboten, aber es sei vor der definitiven Gestaltung der Zoll­verhältnisse gar nicht daran zu denken, daß man an eine erschöpfende Reichsfinanzreform herangehen könnte. Jeden­falls bestehe die absolute Notwendigkeit, daß in nächster Zeit schon neue Reichseinnahmen geschaffen würden.

Im ungarischen Abgeordnetenhause hat man pater peccavi gesagt. Den Abgeordneten Perczel, Grafen An­drassy, Rakovsky und Kubinyi ist für ihre unerlaubten Zwischenrufe der gebührende Ordnungsruf erteilt worden. Und der tapfere Barabas, der Hauptkrafehler, hat sich zu einer demütigen Abbitte bereit finden lassen. Er erklärt: In der letzten Sitzung sei ihm der Ausdruck wir glauben dein königlichen Worte nicht" in höchstgradiger Erregung entschlüpff: er habe eigentlich sagen wollen, wir alauben