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Grattebellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberhefftfche Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).
Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Freitag, den 27. Februar 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Insertionsprei di Die einfpaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Weslar und Marburg 10 Pfo fenit 16 Vfg.; Reklamen bie Petitjeile 30 refp. 40 Bfg.
Boftzeitungslifte No. 8969.
Redaktion und Expedition: Gießen Nexenweg 38. fernsprechanlal Rt. 368.
Neuelle Nachrichten
( siehener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Seifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Der ,, Bund der Kaufleute".
CB. Die Mahnung, die der preußische Handelsminister bei der Bremer Schaffermahlzeit an den deutschen Hanbelssiand richtete, ist auf fruchtbaren Boden gefallen:
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Raufleute ins Leben gerufen worden, die genau nach dem Muster des Bundes der Landwirte organisiert ein Gegengewicht gegen diesen in unserem öffentlichen Leben sein soll: In Berlin hat sich am Mittwoch ein Bund der Kaufleute" konstituiert, dem sofort mehr als und Verbände mit nicht weniger als 220 000 Mitgliedern beigetreten sind.
Tas scheint auf den ersten Blick ein ganz außerordent
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kann man sich doch starker Zweifel an dem Erfolg dieses
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Zunächst ist die Gründung des Bundes sozusagen etwas Sals über Stopf vollzogen worden. Die Urheber der Grün
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bundes, mit einem scharf umrissenen Programm hervorgetreten, sie haben nicht, wie jene, eine Losung ausgegeben, bie einer begeisterten Ausnahme in den Kreisen der Beteiligten sicher Gewesen wäre. Der Bund ist vielmehr allzu geschäftsmäßig und fühl ins Leben gerufen worden, es fehlte der begeisterte und begeisternde Schwung, ohne den nun einmal große und dauernd wirkende Bewegungen nicht denkbar sind.
Tieser Mangel an einem zündenden Kampfruf hat freilich seinen guten Grund: Die Interessen der Kauf leute der verschiedenen Branchen sind zu vielgestaltig und widersprechen einander stellenweise so sehr, als daß sich so leicht eine Parole finden ließe, auf die alle Kaufleute schwören müßten.
Auch die Zusammensetzung des neuen Bundes scheint nicht sehr glücklich: Die Zahl der Handlungsgehilfen, Bantbeamten, Reisenden u. s. w., die mit ihren Verbänden dem Bunde beigetreten sind, ist unverhältnismäßig groß gegenüber der Zahl der selbständigen Kaufleute. Im Bunde der Landwirte ist es umgekehrt. Für die Geschlossenheit des Vorgehens des Handelsbundes liegt darin eine große und vielleicht nicht zu überwindende Schwierigkeit und Gefahr. Man darf nicht vergessen, daß schon unter den selbständigen Kaufleuten die verschiedensten politischen Anschauungen herrschen. Noch mehr gilt das von den Handlungsgehilfen, und gar mancher von diesen, die dem Bunde ja nicht durch eigenen Entschluß eingegliedert sind, sondern durch die Beitrittserklärung der Vorsitzenden der Verbände, denen sie angel ören gar manche von diesen werden bei den Wahlen, also bet der Hauptbetätigung des benhaus, 5. Zimmer Bundes, für die Kandidaten des Bundes nicht zu haben sein. Beim Bund de: Landn iric, de en Mi gi deciu chan ruhige Leute ve er später zu vermieten weg derselben politischen Grundanschauung huldigen, lag arl Eichmann, diese Gefahr nicht vor: Daber seine Erfolge. Es wäre um so beklagensiverter, wenn diese ungünstige Entwicketung einträte, als es dringend zu wünschen ist, daß die deutsche Kaufmannschaft ähnlich wie die Landwirtschaft eine kraftvolle Vertretung im politischen Leben finde.
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Die Politik.
Vorgehen gegen die Streiks in Holland.
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Anarchistenkomplott in Newyork.
)-( Das drakonische Strafgesetz zum Schazze des Präidenten, welches von dem amerikanischen Repräsentanenhaus jüngst angenommen worden ist, hat auf die Anarchisten, auf die es in erster Linie gemünzt war, feineswegs eine abschreckende Wirkung ausgeübt. Eben jetzt wird aus Newyork von neuen Anschlägen berichtet, deren Ziel der Präsident Roosevelt und verschiedene Staatsoberhäupter in Europa wären. Unter diesen Umständen hat die amerikanische Polizei ganz Recht, den Präsidenten Roosevelt mit besonderen Sicherheitsmaßcegeln zu umgeben. Im Zusammenhange hiermit er folgten mehrere Verhaftungen, darunter diejenige eines gewissen François Hirzel, eines siebzehnjährigen Burschen. Hirtel selbst soll sich seiner Verbindung mit Anarchisten gerühmt haben, die sich zur Ermordung gewisser Staatsoberhäupter verschworen hätten, und er klärt haben, er sei im Begriff gewesen, sich im Auftrage seines Klubs nach Frankreich zu begeben. Angesichts der, wie es scheint, durch nichts zu beseitigenden Befahr ist die unablässige, sorgfältige Ueberwachung der vahnwizzigen Fanatiker dringend geboten.
$ In der holländischen zweiten Kammer hat der Ministerpräsident Kuyper drei wichtige Gesetzvorlagen gegen die Auswüchse von Streitbewegungen eingebracht. Es wird darin u. a. bestimmt, daß Staatsbeamte und alle in einem öffentlichen Dienstzweige oder im öffentlichen Eisenbahndienste beschäftigten Personen, die sich weibenen sie verpflichtet sind, auszuführen, mit 6 Monaten oder, falls eine Zusammenvattung vorliegt, bis 3: 1 sechs Jahren bestraft werden können. Die jeßige EisenbahnCompagnie des Heeres soll so organisiert und verstärkt werden, daß sie den Dienst auf einigen Strecken, wenn auch in beschränktem Maße, ausführen kann. Die Vorlagen haben unter den Eisenbahnangestellten eine große Erregung hervorgerufen und mit dem Ausbruch eines neuen Eisenbahnerstreiks wird zu rechnen sein. Er würde indes die Regierung gerüstet finden.
Nene Alarmnachrichten vom Balkan.
Chamberlains Heimkehr.
):( Einem Telegramm aus Kapstadt zufolge hat der eng lische Kolonialminister Chamberlain die Rückreise nach England nunmehr angetreten. Bei seiner Einschiffung wurden ihm enthusiastische Kundgebungen dargebracht, sagt ein offiziöses Telegramm. Wir fürchten, daß der Cham terlain- Enthusiasmus in furzem völlig verflogen sein wird. Freunde hat der Kolonialminister überhaupt wohl nur in der englischen Bevölkerung von Südafrifa und unter denjenigen Buren gefunden, die sich schon während des Krieges auf die Seite Englands gestellt haben. Dagegen steht die weit überwiegende Mehrheit der Burenbevölkerung Herrn Chamberlain und England nach wie vor direkt feindselig oder mindestens gleichgültig gegenüber. Zwar die Generale Botha, Delarey und Smuts haben sich dem britischen Staatsmanne genähert und zugesagt, mit den Engländern freundnachbarlich zusammen zu wirken, aber auch sie haben rund den Eintritt in die zu schaffende gesetzgebende Versammlung abgelehnt. General Dewet aber hält sich mit den Seinen grollend abseits. Auch der holländische Afrikanerbund im Kapland verharrt in mißtrauischer Haltung. Im Hinblick auf diese Sachlage erscheint der von Chamberlain zur Schau getragene Optimismus wenig verständlich.
::: Die Berichte aus den Balkanländern lauten förtgesetzt besorgniserregend: Gährung, Proteste, Gewalttalen, Zusammenstöße und Rivalitäten überall! Nach einem Telegramm aus Sofia traf daselbst der Oberst Kussef aus Kostendil ein. Er ist Träger eines geschriebenen und versiegelten Protestes, der den in Sofia beglaubigton diplomatischen Vertretern von Rußland, Oesterreich- Ungarn, England und Frankreich überreicht werden soll. Las Schriftstück ist unterzeichnet von den Vorstehern der Bemeinderäte von acht mazedonischen Dörfern und enthält genaue Einzelheiten über Mordtaten, Vergewalti gungen, Räubereien und Entweihungen von Kirchen, welche oon Türken in einer Reihe von namhaft gemachten Dörjern verübt worden sind.
Kurze politische Nachrichten.
Der von dem Eisenbahnminister Budde im preußischen Abgeordnetenhause angekündigte Gesezentwurf betr. die Ergänzung der Eisenbahnlinien, das sog. Sefundärbahngesetz, ist jetzt dem Hause zugegangen. Es werden darin im ganzen 83 Millionen Mark gefordert.
* Der preußische General Bernhard v. Werder feiert in voller Rüstigkeit und geistiger Frische seinen achtzigsten Geburtstag.
* Zum Regierungspräsidenten in Köslin an Stelle v. Tepper- Laskis ist nach der Kösliner Zeitung" der vortragende Rat im Ministerium v. Knebel- Doeberiz ernannt worden.
* In Neubreisach wurde ein im Fortifikationsbureau angestellter Zeichner namens Müller unter dem Verdachte des Landesverrats zu gunsten Frankreichs verhaftet.
Hus der Reichshauptstadt.
Wandelbilder von Spectator.
Bhilharmonie und großen Restaurants, wurde, wie jedes Jahr, auch diese Fastnacht in der bei uns üblichen Weise markiert. Freilich fehlt dabei jene ausgelassene und dabei polizeilich konzessionierte Lustigkeit, wie in stöln, wo es Stüsse wie Konfetti egnet, und in München, wo jeder Bürger die Konfetti im Bier herumschwimmen sieht oder was noch schlimmer ist nicht sieht und mit lachendem Gesicht die nicht gerade wohlschmeckende Einlage mit herunterschluckt.
Fehlt es hier also an einem offiziellen Karneval mit seinen Narrheiten, so entbehren wir ihn doch nicht ganz. Jeder, der durch die Oberfläche des trotz aller Lebha tigfeit auf die Dauer etwas einförmigen Straßenlebens sieht, oder auch nur die Lokalnachrichten mit einiger Gewissenhastigkeit studiert, findet andauernd neue Ereignisse, die es mit den besten Fastnachtsscherzen aufnehmen können und einen ganz netten Narrenzug darstellen. Eine kleine Blütenlese aus den letzten Tagen mag dies beweisen, ein: Nachrichtensammlung, die jeder Faschingszeitung zur Ehre gereichen würde.
( Nachdruck verboten.) Rosenmontag! Faschingdienstag! Aschermittwoch! Auch für den Berliner finden sich diese Worte zur rechten Zeit im Kalender ein, wenn ihm auch die Begriffe dafür fehlen. Was ist ihm Fastnacht, was ist ihm Aschermittwoch! Wie es in dem protestantischen Berlin teinen echten Karneval gibt, so gibt es auch nicht jenen plößlichen Abschluß in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch. Hier tanzt man ruhig weiter. Der Salonlöwe muß noch einige Wochen warten, bis er das freundschaftliche, geordnete Verhäl nis zu seinem Bett wieder herstellen fann. Sein Magen, von den übernatürlichen Anforderungen der legten Zeit geschwächt, sieht, bis ins Innerste verstimmt, die ersehnte Fastenzeit in weiter Ferne.
Unter die Rubrik ,, Gerichtliches" zum Beispiel rangiert die Geschichte von dem gestohlener Menschen. Ein paar Langsinger, die sich mit kleinigteifen nicht abgeben, steh fen einige Säde voll Lumpen und werden dabei ertappt. As man ihnen die Säcke wieder abnimmt, entwickelt sich aus den Lumpen des einen Sackes ein lebender, der sich in eigentümlicher Seelenverwandtschaft darin ein Nachtquartier gesucht hatte. Da diesem armen Stert, der sich dies seltsame Asyl für Obdachlose ausgesucht hatte, die ..Olle" beim Abschied zugerufen haben soll: ,, Du kannst mir gestohlen werden, du Lump," ist natürlich nur ein Scherz eines jener bekannten Rückwärtspropheten.
Einen Fastnachtstaumel auf den Straßen gibt es natürlich auch nicht, und wenn hier jemand auf die Idee fäme, sich beim hellem Tageslichte im Pierrottoſtüm in der Leipzigerstraße zu zeigen und die eintaufenden Damen aus dem vornehmen oder sagen wir lieber reichen Westen mit bunten Konfettis und nicht minder bunten Papierschlangen zu bewerfen, so würde er weniger Heiterteit als Entrüstung hervorrufen; bald würde die empörte Hand des Gesezes sich an seinem Halstragen be schäftigt machen und er im günstigsten Falle einer Jrrenanstalt zur Beobachtung seines Geisteszustandes überwiesen werden. Aber in einigen öffentlichen Lokalen, in der
Beiträge zu der Abteilung ,, Unglücksfälle und Verbrechen" liefert auch der leistungsfähige Chemiker, der sich mit zwei Damen aus demselben Hause gleichzeitig heimlich verlobte, was erst heraustam, als er vor dieser Fülle von Liebe und Treue flüchtete und auf diese Weise die beiden chemischen Verbindungen auflöste. Ferner auch der Versicherungsagent, der eine Anzahl seiner Versicherten durch ein paar Federstriche in ein besseres Jenseits be sörderte und dann die Versicherungsprämien abhob. Daß diese durch die harmlose Fälschung zu Tode attestierten Leute rücksichtslos genug sind, weiter im Lichte der Sonne ( soweit sie uns überhaupt jetzt gnädig ist) zu atmen und einer von ihnen sogar die Unberfrorenheit besaß, nach seinem Tode" der Gesellschaft persönlich seinen Woh nungswechsel anzuzeigen, ist natürlich dazu angetan, die größte Verwirrung hervorzuri, n.
Auf dem Gebiete der schönen Künste finden wir eine Festvorstellung der Rettungsgesellschaft, für die ein boshaster Mensch ein Drama mit dem Titel„ König Tod" heraussuchte. Das Drama, das als die Anfängerarbeit eines wenn auch ziemlich talentierten jungen Mädchens von zweifelhafter Güte ist, wurde von dem Parkett von Aerzten beifällig aufgenommen und dieser Umstand beweist, in welch freundlichem Verhältnis die Retter unserer Gesundheit zu dem König Tod stehen.
Spielt hier der Zufall die Rolle des Schaltsnarren, so ist es im nachstehenden Falle jene große Kraft, gegen die selbst Götter vergebens kämpfen. In dem Gebäude, in dem bisher die königliche Hochschule für Musik zum Segen der Kunst und zum Entseßen der Nachbarschaft ihr Domizil hatte, befindet sich jetzt eine Kunstausstellung ganz besonderer Art. Es sind Malereien, deren Wert nicht in den künstlerischen Qualitäten, sondern in ihrer crhabenen Abstammung beruht. Diese neuen Kunstwerte rühren nämlich von einem ganz alten Meister her, der sich durch Vermittelung der vierten Dimension und eines biede ren Handwerksmannes seiner späteren Nachwelt offenbart. Diese Ausstellung wirkt zweifellos als er reuli he Atwechselung unter den zahlreichen Kunstausstellungen, die Berlin W. jezt aufweist. Es gibt fast noch mehr Kunsthandlungen und Bilderausstellungen, als Kneipen und wenn die Separierungen und Sezessionen unter der deutschen Künstlerschaft noch weiter überhand nehmen, wird bald jeder Künstler eine Gruppe" für sich bilden und eine Ausstellung für sich veranstalten. An Lokalen wird es nicht fehlen, da ja schon jedes Rahmengeschäft und jedes Warenhaus dem Kunsthandel dient.
Speziell die Warenhäuser stellen sich immer mehr in den Dienst der Kunst und es ist garnicht abzusehen, was wir von dieser Verbindung noch alles zu erwarten haben. Jetzt begnügen sie sich nicht mehr mit dem Verkauf von Theaterbillets: eines von ihnen hat, wie man hört, ein Borstadt- Theater für bestimmte Tage gepachtet, um seiner Kurdschaft neben Schuhen, Gemüse, Möbeln und Hemden auch ,, den Bedarf an dramatischer Litteratur zu liefern". Ta dies natürlich zu viel billigeren Preisen geschehen wird, als es der Konfurrenz möglich ist, tann man erwarten, daß sich auch auf diesem Gebiete des ,, Kunsthandels" der Umsatz erheblich steigern wird.
Nab und fern.
)-( Seutsche Sardinen werden den Liebhabern dieser schmackhaften Fische dies Jahr aufgetischt werden fönnen. Die Fischer der Elbemündung an der Westküste


