Nr. 21.
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Gratisbellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberheffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Montag, den 26. Januar 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Jusertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Vfg. fonft 15 Vfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gieken Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Unabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Kailers Geburtstag.
RK. Jn Rußland herrscht ein Brauch an dem Geburtstage des Zaren, der pietätvoll gedacht ist und unverkennbar der äußeren Weihe nicht entbehrt. Auf ein bestimmtes Glockenzeichen kniet jeder einzelne Mensch, wo er auch sein mag, nieder und betet für das Leben, das Wohlergehen und das Wirken des Zaren. Ein zweites Glockenzeichen und jeder russische Untertan erhebt sich wieder. In einem Zimmer seines Palastes aber fniet in diesem Augenblicke, nur mit wenigen Kleidungsstücken bekleidet, keinesfalls aber prunkvoll geschmückt, der Zar nieder und betet für sein Volk. In diesem Augenblicke ist er nicht der mächtige Herrscher, sondern der demütige Mensch, der über sich die höhere Gewalt anerkennt und die Hilfe dessen, der die Geschicke des einzelnen wie der Völker lenkt, in treuer Liebe für das zu ihm emporblickende Volk ansleht.
Tieser Brauch als Symbol und als völlig willensfreier Akt ausgeführt, ist wirklich ergreifend. Aber eines nimmt ihm die innere Weihe: der Zwang. Ar des Zaren Geburtstag begeben sich die meisten Menschen ins Freie, damit die Behörden sich von ihrer Loralität überzeugen, und wer dies nicht aus eigenem Antriebe tut, wird in den weitaus meisten Fällen von der Polizei gewaltsam aus dem Hause getrieben.
Glücklich das Land, glücklich der Herrscher, den die Liebe und Zuneigung des Volkes aus einem inneren Drange heraus umgibt. Glücklich darum unser Kaiser, dem an seinem 44. Geburtstage ebenso warm die Herzen entgegenschlagen, wie in früheren Jahren. Nicht blos, weil er der Herrscher ist, der Loyalität und Ergebenheit von seinem Volfe zu fördern hat, sondern weil seine stets wachsende Fürsorge für des Volkes Wohl und Herrlichkeit und sein unermüdlicher Eifer im Dienste des Volkes ihm die Liebe und das Vertrauen aller Schichten der Bevölkerung erworben haben. Kaiser Wilhelm, wie überhaupt jeder deutsche Monarch, wird nicht mit dem Mystizismus des Russen verehrt, der in dem Zaren ein höheres und von menschlichen Irrtümern befreites Wesen erblickt, sondern mit der bewußten Erfenntnis eines gebildeten Volkes, daß ein Herrscher mit einem so ausgesprochenen Pflichtgefühle und einer so unverkennbaren Aufrichtigkeit des Willens der größten Liebe wert ist. Welche Zeiten immer auch dem deutschen Volke beschieden sein mögen, ob Sonnenschein, ob trübe Zeit und Sturm, stets wird der Deutsche sich um des Kaisers Panier scharen, bereit, ihm treu zu bienen, wie er ebenfalls in Treue dem Volke seine Kräfte weiht. Heil dem Kaiser!
Die Vergeltung an San Carlos.
Die Bermutungen, die an amtlicher Stelle unserm Berliner CB.- Mitarbeiter gegenüber über die Gründe der Reschießung des Forts Can Carlos geäußert wurden, haben sich bestätigt. Nicht der Panther" hat das venezolanische Fort zuerst beschossen, sondern umgekehrt hat das Fort plößlich auf den ,, Panther" gefeuert. Von dem Kommandanten des deutschen Geschwaders, Nommɔ dore Scheder, ist die erste amtliche Meldung über die Gründe des Bombardements eingegangen, er telegra phiert: Am 17. wurde beim Passagieren der Maras caibo- Barre der ,, Panther" von Fort San Carlos unerwartet mit lebhaftem Feuer angegriffen. Der ,, Panther" führte eine Stunde lang Geschüßfeuer durch, brach dann aber den Kampf wegen navigativer Schwierigkeiten ab. Um sofort Strafe für den Angriff folgen zu lassen, habe ich, zumal die venezolanische Regierung denselben als Erfolg proklamiert hat, mit der ,, Vineta" am 21. Fe bruar Fort San Carlos bombardiert und zerstört." Die Venezolaner waren also wieder die Schuldigen, und niemand hat sich darüber zu entrüsten, daß die deutschen Schiffe sich diese freche Herausforderung nicht ge fallen ließen. Ueber die Beschießung selbst wird noch ge meldet: Dic ,, Vineta" traf am 21. in der Bucht von Maracaibo ein, Lotete sich auf eine Entfernung von 6700 Meter heran und begann alsdann um 11 Uhr Vormittags das Bombardement, um es mit 1 Stunde Gefechtspause bis 3 Uhr nachmittags fortzusehen. Der ,, Panther", der seitlich stand, beobachtete 44 Treffer. Int ganzen hat die ,, Vineta" etwa 100 Echuß abgegeben, nicht 1000, wie die BVenezolaner prahlerisch behauptet hatten. Die deutschen Kriegsschiffe haben weder Verluste Mannschaften noch Sachschaden erlitten. Dem Komman danten des Forts muß man zugeben, daß er sich als tapferer Mann erwiesen hat. Das Fort hat, obwohl es nur noch ein Trümmerhaufen ist, doch nicht fapituliert. Angeblich soll das Bombardement noch fortdauern. Das niederländische Panzerschiff de Ruyter", das am 21. d. M. von der Insel Los Roques in La Guaira eintraf, berichtet, es habe auf der Insel 17 Menschen tot voros
an
funden, welche durch den infolge der Blockade enta standenen Mangel an Lebensmitteln berhungert bezw. verdurftet waren.- Ueber die Friedensverhandlungen wird aus Washington berichtet: Deutschland, England und Italien haben wegen der Verschiedenheit ihrer Interessen ihre Vertreter in Washington beauftragt, mit dem Gesandten Bowen einzeln über ihre Forderungen zu verhandeln. Die Vorbesprechungen haben schon begɔna nen. Eine formelle Konferenz wird zwischen den Vertretern nicht stattfinden. Was die Aufhebung der Blockade betrifft, so sind die Mächte übereingekommen, daß kein Schritt in dieser Richtung getan werden bann, ehe nicht Venezuela Beweise für seine Absicht gegeben hat, jeder einzelnen Macht ohne Bevorzugung vollständige Genugtuung zu geben.
Die Politik.
Heimkehr des etschen Kronprinzen. Petersburg, 24. Januar. Kronprinz Wilhelm hat seine Heimreise angetreten. Hute Morgen verabschiedeta er sich vom Zarenpaar aus das herzlichste. Um 9 Uhr reiste der Kronprinz in Begleitung des Großfürst- Thron folgers, des russischen Ehrendienstes und seines Gefolges nach Nowgorod ab. Am Moskauer Bahnhof hatten sich zur Verabschiedung die hier anwesenden Großfürsten in der Uniform ihrer preußischen Regimenter, der Minister des Aeußeren Graf Lamsdorff, zahlreiche Hof-, Militärund Zivilwürdenträger, der deutsche Botschafter und alle Mitglieder der deutschen Botschaft eingefunden. Dem Zaren und dem Großfürsten Wladimir hatten die Aerzte das Ausgehen noch nicht gestattet. Von der Zarin- Mutter hatte sich der Kronprinz mit seinem Gefolge bereits gestern Nachmittag verabschiedet. Bei dem Empfange des Grafen Lamsdorff durch den Kronprinzen, welcher nahezu eine halbe Stunde währte, überreichte der Prinz dem Minister sein Bildnis mit eigenhändiger Widmung. Gestern Abend fand noch ein Ball zu Ehren des Kronprinzen bei dem Großfürsten und der Großfürstin Georg Michailowitsch statt. Kronprinz zwilhelm tanzte mit der Zarin Alexandra, den Großfürstinnen Xenia Alexandrowna und Maria Georgiewna und mehreren anderen Damen.
Wirballen, 25. Januar. Der deutsche Kronprinz traf heute Nachmittag gleich nach 5 Uhr hier ein. Nach turzem Aufenthalt sezte er die Reise über Eydtkuhnen nach Berlin fort.
Zur Reichstags- Präsidentenkrisis.
mb. In den Wandelgängen des Abgeordnetenhaufes erzählte man sich, daß der bisherige Reichstagspräsident Graf Ballestrem eine etwaige Wiederwahl nur unter der Bedingung annehmen würde, wenn für die Frage, ob und in wie weit des Kaisers Aussprüche oder Handlungen in den Verhandlungen des Plenums erwähnt werden dürfen, feste Normen geschaffen werden. Nach unseren Erkundigungen haben die leßten Vorgänge im Reichstage diesen Wunsch in den Mehrheitsparteien allerdings reifen lassen, doch ist die Angelegenheit von der Spruchreife noch erheblich entfernt, jedenfalls weiter, als daß sie bereits mit der Präsidentenwahl in Verbindung gebracht werden könnte. Der Reichskanzler hat dem Grafen Ballestrem, nachdem er gehört hatte, daß dieser sein Amt als Reichstagspräsident niedergelegt habe, einen Besuch abgestattet.
Spende des Zaren an die Bretagne.
Der Präsident der französischen Republik hat ein Telegramm des Zaren erhalten, in welchem dieser 25 000 Francs der französischen Regierung für die notleidende Bevölkerung der Bretagne zur Verfügung stellt. In dem Telegramm bittet der Kaiser von Rußland den Präsidenten Loubet, die Summe anzunehmen als ein Zeichen seiner Hochachtung und seiner lebhaften und unveränderlichen Sympathie für das befreundete und verbündete Frankreich." Präsident Loubet sprach in einem Telegramm seinen Dank für das hochherzige Anerbieten aus.
Ein politisches Todesurteil.
D In London fand dieser Tage ein Hochverratsprozeß gegen ein Parlamentsmitglied, den Jren Lynch, statt. Lynch hatte zuerst als Berichterstatter eines französischen Blattes am füdafrikanischen Kriege teilgenommen, hatte sich dann in Transvaal naturalisieren lassen und dort gegen die Engländer gefochten. Er fehrte nach Beendigung des Krieges nach England zurück, wo ihm der Prozeß gemacht wurde. Der Spruch der Geschworenen lautete auf schuldig des Hochverrats, und der Gerichtshof verurteilte Lynch zum Tode. Um die Jren nicht noch mehr zu erbittern, wird das Urteil aber wohl nicht vollstrect werden; man nimmt an, daß Lynch zu einer längeren Freiheitsstrafe begnadigt wird.
Kurze volitische Nachrichten.
* Berlin, 24. Januar.( ofbericht.) Der Ratser machte heute Vormittag den gewohnten Spaziergang im Tiergarten, stattete darauf dem Reichskanzler Grafen v. Bülow einen Besuch ab und hörte von 10 Uhr ab im Schloß Vorträge. Mittags fand die Vorstellung der zur
Ginellung in die Armee und Marine anstehenden Ka detten im Weißen Saale statt.
* Ter frühere deutsche Botschafter in Washington b. Holleben ist in Berlin eingetroffen.
Ter zur Sicherung des Wahlgeheimnisses im Bundesrat eingebrachte Antrag des Reichskanzlers schreibt vor: Die Stimmzettel müssen 9 Quadratzentimeter und die Umschläge 12 Quadratzentimeter groß sein. Den bereitgestellten Nebentisch oder Nebenraum muß je der Wähler benußen, wenn sein Stimmzettel gültig sein soll.
* Der Bundesrat hat es abgelehnt, die Bestimmung zu beseitigen, wonach den Angestellten in Gast- und Schankwirtschaften in jeder dritten Woche, in Gemeinden mit mehr als 20 000 Einwohner in jeder zweiten Woche eine ununterbrochene Ruhezeit von 24 Stunden zu gewähren ist.
* Der Vizeadmiral des rumänischen öffentlichen Schuldienstes Parisiano und der Bureauchef dieses Amtes Dimitresco wurden verhaftet, weil sie von 1899 bis 1901 Veruntreuungen bei den Losziehungen der vierprozentigen rumänischen Rente begangen haben.
Preussischer Landtag.
5. Gigung.
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Haus der Abgeordneten.
CB. Berlin, 24. Januar. Zweite Beratung des Etats.-
Der erste Punkt der Tagesordnung wurde rasch erledigt. Er betraf die Abänderung des Gesetzes über die Gewährung von Wohnungsgeldzuschüssen an die unmittel baren Staatsbeamten. Es soll danach bei Wegfall der Servisklasse V vom 1. Ottober 1902 ab bei Bemessung der Pension der Durchschnittssag des Wohnungsgeld- Buschusses für die Servistlassen I- IV in Anrechnung gebracht werden. Das Gesez wurde nach kurzer zustimmender Debatte in zweiter Lesung angenommen.
Die zweite Beratung des Etats nahm längere Zeit in Anspruch. Sie begann mit dem Domänen- und Forst- Etat, wobei es kleine Auseinandersetzungen über die Lage der Landwirtschaft zwischen den Konservativen v. Arnim und Gamp einerseits und den Freisinnigen Gothein und Trüger andrerseits gab.
Auf die letzte Ostmarkenvorlage ging der Abg. Müller- Sagan( frs. Blisp.) ein; er hielt es für verkehrt, Güter anzukaufen und die bisherigen Besizer als Bächter einzuseßen. Nach diesen Rednern nahm der Landwirtschaftsminister v. Podbielski das Wort. Er erFlärte, die Verbesserung der Domäneneinrichtungen und der Verkehrsverhältnisse, nicht die Einführung höherer Zölle habe steigend auf die Güterpreise und Bachten gewirkt. Nur in Zuckergegenden seien die Preise gestiegen. In den Gegenden aber, welche für den Zuckerrübenbau nicht gea eignet sind, wie z. B. bei Danzig, seien die Erträge auf das Jahr 1865 zurückgegangen. Nach unwesentlicher Debatte wurde dann schließlich der ganze Etat bewilligt.
Beim Forstetat, dessen Einnahmen aus Holz aus 81 Millionen veranschlagt sind, teilte Oberland o stmeister Wesener mit, daß die Holzpreise um 20-25 Prozent ge stiegen seien. Das sei eine Folge der verminderten Einfuhr aus Desterreich und Rußland. Die schwere Krisie im Holzhandel dürfte troßdem etwas gemilbert sin Voraussichtlich würde in diesem Jahre die Hölzein uhr aus Rußland wieder steigen. Abg. Gamp( srk.) empfahl dringend, mehr Dedländereien aufzuforsten. Oberland forstmeister Wesener versprach, sein Möglichstes in dieser Beziehung zu tun. Dann vertagte sich das Haus.
Die beiden freisinnigen Parteien des Abgeordneten hauses wollen ihren Antrag auf eine Neueinteilung der Wahlkreise wieder einbringen. Auch besteht die Absicht, mit Rücksicht auf die bevorstehende Aenderung des Wahlgesetes im Reichstage zugleich mit der New einteilung der Wahlkreise die Einführung der geheimer Abstimmung für die Landtagswahlen zu fordern
Nab und Fern.
Eine Totenerwedung. In München sanden am 16 November früh 4 Uhr Passanten der Sonnenstraß einen Mann quer über dem Trottoir liegend, der fein Lebens. zeichen von sich gab. Gleich den Passanten hielten auch ein Schußmann und herbeigerufene Leute der freiwil ligen Rettungsgesellschaft den Mann für tot. Als der Schußmann den ,, Toten" aufzuheben versuchte, sprang legterer plößlich auf und lachte die besorgten Umste henden herzlich aus. Der Totgeglaubte, ein Techniker aus Frankfurt, mourbe megen groben Unfugs burch Straf befehl zur Gelbftrafe von 60 ml. verurteilt.
£ Abnormale Fröste herrschen in ganz Desterreich und sind noch immer im Zunehmen begriffen. Im Wienerwald, in der Umgebung von Baden, wurden 24 und 25 Grad Kälte beobachtet. Wien hatte 17 Kältegrade. An
Mädchen beobachtete jie traumbefangen, bis die Dame ten nur die zarten Spißen der Hauve ſehen. über die Arbeit gebeugt und Barbaras nackte Augen foun das Bild fomfortabler Häuslichkeit. Sie hielt den Kopf auf fie geri Das junge
einer feinen Handarbeit beschäftigt, und vervollständigte
dale
solche Zuneigung zu
er wird ihn gar nicht wieder von sich lassen." furz danach äußerte sie, daß sie gern aufstehen möchte, Antlitz trat jeßt der Ausdruck beglüdenden Friedens, und An die Stelle des verwirrten Zuges, auf Barbaras ihm erfaßt, baß ich glaube,
Novelle von A. Belot.
Die drei Lilien.
( Nachdruck verboten.)
die
zu ihm: Sie können too die Raufbolde ihre Opfer fanden. als gewöhnlich, es ist ia heute Königs Geburtstag." Es Eines Tages fagte Roberts Prinzipal um sechs Uhr gehen, ich schließe heute früher
öffentlichen Gärten, kurz, er besuchte nicht die Stätten,


