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Nr. 250
Zweites Blatt.
Abonnementspreis: in Gießen, abgebolt monatlich 50- Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel fährlich Mr. 1.50.
Gratisbeilagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmitage.
Samstag, den 24. Oftober 1903.
Gießener
12. Jabrgang.
Insertiondpret 68: Die einspaltige Petitzeile für Sießen wir ganz Oberheffen, die Kreise Wehlar und Marburg 10 Pfa. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.
Boftzeitungsliste No. 3869.
Redaktion und Erbedition: Gießen Neuenweg 98. Fernsprechenschluß Ar, 363.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Hus der Reichsbauptstadt.
-Wandelbilder von Spectator.
Die herrlichen Zierblumen in den Vorgärten der Vororts Villen bieten jetzt einen bejammernswerten Anblick am frühen Morgen. Vom Herbstreif, der Avantgarde des Winterschnees, bedeckt, zittern sie vor Kälte und frümmen sich blaß und ängstlich zusammen und neiden ihren Genossen im Blumenladen das warme behagliche Plätzchen. Ja, es ist teine Zeit mehr für Blumen und selbst der- Rosenstiel, dem man draußen in Moabit einiges wegen seines Geschäftes Wucher en gros zu erinnern hatte, kann seine Tätigkeit vor der Oeffentlichkeit als Angeklagter in
dent Wucherprozeß noch nicht ausüben, da er wegen Ver
tagung der Verhandlung vorderhand noch in dem Dunkel des Moabiter für derartige Gewächse bestimmten Hauses zu über vintern hat.
Während er vermutlich den Aufenthalt im Freien seinem jezigen vorzieht, zieht es die anderen in normaler Position befindlichen Menschen mehr zum häuslichen Herd oder zur Zentralheizung der öffentlichen Unterhaltungsfabriken. Ausgenommen die leidenschaftlichen Jäger und Autler. Die ersteren benußen jeßt fleißig die Gelegenheit, allerlei Wild durch drohende Schüsse nervös zu machen und, wenn nichts anderes, ein junges Mädchen als Jagdbeute nach Berlin zu bringen; freilich nicht zu„ Muttern". Man hat ja Beispiele dafür; das vermißte junge Mädchen, das von den Zeitungen als Jagdbeute eines ollen ehrlichen" Berliner Nimrods bezeichnet wird, ist ja bis heute noch nicht ermittelt. Und wenn man auch nicht zu befürchten hat, daß das arme Ding als falscher Hasenbraten" Verwendung gefunden hat, so ist es doch zu bedauern, daß man weder den Jäger noch seine Beute bisher entdeckt hat..
Die Auto- Brüder aber ließen es sich nicht nehmen, der Hauptstadt noch nachträglich ein Sommer- Ereignis zuzufügen. An dem Tage, da zur Enthüllung der Kaiser und Kaiserin Friedrich- Denkmäler Militär und Himmel ihre grauen Mäntel angelegt hatten, fuhren sie draußen auf der Westender Trabrennbahn um die Wette. Es ist gewiß schon viel über den Automobilsport geschimpft worden; aber so, wie hier, wurden die Töff- Töffs sicherlich noch nie in dert Schmitz gezogen. Von diesent Material gab es nämlich reichliche Massen bei dent Dauer- Landregen, und so fam es, daß die rauchenden Fahrzeuge bald aussahen, wie eine Spottgeburt ven Dreck und Feuer". Und sicherlich hätte das bei dent Feste" verbrauchte Benzin nicht hingereicht, alle die Flecken zu reinigen, die dieses Festfahren" verurfacht hat. Und als ich wieder in die Stadt zurückkehrte, begriff ich erst die eigentümliche Stellung der Tänzerin Saharet auf dem Plakat der Anschlagsäulen, von dem aus sie den harmlosen Wanderer mit der großen Zehe in den Wintergarten" winkt. Daß sie so ängstlich das eine Füßchen bis über den Kopf erhebt, kann nur die Furcht vor dem Straßenschmutze sein.
Das fast sprichwörtlich gewordene Pech, das den Automobilsport verfolgt, wie der Benzinduft das einzelne Fahrzeug, zeigte sich aber eigentlich erst nach dem Rennen; denn jeit diesem vom Regen verpfuschten Unternehmen lacht die Sonne mit faltem Hohn auf die Arrangeure herab. Freilich ist es ein sehr kaltes Lachen und die Gesichter der Erdgeborenen sind fast so blau, wie das des Himmels. Und feiner, der nicht gerade eins der neunundneunzig Denkmäler ist, die Berlin jetzt zählt, bleibt überflüssigerweise auf der Straße stehen. Mit den armen Denkmals- Figuren aber bat man hier fein Mitleid, sonst hätte man nicht die arme heilige Gertrud, die an sehr zugiger Stelle auf der Gertraudtenbrücke steht, gerade jetzt der immerhin wärmenden
Schmußkruste, die statt des erhofften Edelrostes ihre Figur umkleidete, beraubt. Und wer bedauert sie, die gute Schutzpatronin der Mäuse? Nicht einmal die ,, süßen Mäuschen", die die Brücke mit ihren Verehrern passieren, von denen sie am Geschäft oder an der Normaluhr erwartet worden sind.
ne jegliche No nicht wundern; denn sie steht in jenem Viertel, das sich
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Wenn es wahr ist, daß es das Geschäft so mit sich bringt", daß es das Mitgefühl mit sich nimmt, dann darf die arme Heilige sich über die Gefühllosigkeit der Passanten immer mehr zur reinen Geschäftsstadt entwickelt. Der Oftober- Umzug soll wieder erheblich dazu beigetragen haben, daß die Berliner Bevölkerung nach dieser Richtung„ berrückt" ist. Noch mehr, als bisher, machte sich nach der vor. läufigen Statistik bei dem letzten Umzugstermin die Erfahrung geltend, daß das Wohngebiet sich immer mehr nach
der Peripherie und den Vororten ausdehnt, und die Häuser im Zentrum sich mehr und mehr zu wohnungsreinen Geschäftshäusern umwandeln.
Kunft und Wiffenfchaft.
DP. Professor Kuno Fischer amtsmüde. Der berühmte Heidelberger Philosoph Kuno Fischer hat an das schwarze Brett der Universität folgenden Anschlag anheften lassen: „ Nach leidvollsten Schicksalen fühle ich mich bei meinem hohen Alter nicht mehr fräftig genug, um akademische Amtsund Lehrpflichten zu erfüllen. Ich habe daher das großherzogliche Ministerium des Unterrichts gebeten, mich zu beurlauben." Kuno Fischer, der zu Sandewalde in Schlesien geboren ist, steht jetzt im 80. Lebensjahre. Seit 1872 wirft er in Heidelberg als Nachfolger Zellers.
Der Landwirt.
rn. Gegen die Ackerschnecken muß der Landwirt dieses Jahr ganz energisch vorgehen, da sie allenthalben starf auftreten. Es ist sehr zu empfehlen, das Kartoffelfraut, welches den Schädlingen Unterschlupf bietet. möglichst gleich nach der Ernte zu entfernen. Das ist in dieser Jayce um so mehr am Plate, als das Kraut an manchen Sorten, wie z. B. an Magnum bonum, vielfach krank ist. Auf einem derart abgeräumten Felde lassen die Schnecken sich mittels ausgelegten Kürbisschnitten oder Möhren födern und massenhaft fangen. Ein brauchbarer Köder ist ferner das Ausstreuen von Weizenkleie, die von den Schnecken gerne gefressen wird. Die vielfach verbreitete Meinung dagegen, daß Weizenkleie die Schnecken töte, ist irrig. Wo Enten und Hühner bei der Ernte mit auf den Acker genommen werden können, werden diese schon zum Teil unter den Schnecken aufräumen. Besonders sind aber diejenigen Tiere zu schonen, welche mit Vorliebe sich der Vertilgung der Schnecken hingeben: Spitzmaus, Igel, Maulwurf, Kröten, Stare, Krähen, Lauffäfer u. f. w.
Vermischtes.
[ Das gelobte Land der Antler"] scheint Irland zu sein. Dort machte jüngst ein Herr Mecredy Versuchsfahrten mit einer neuen Maschine, als er oder die Maschine sich plötzlich in den Kopf setzte, rückwärts zu fahren. Der Versuch gelang, aber plötzlich gab's einen Ruck, und die Maschine prallte gegen einen Körper; Herr Mecredy stoppte, sprang ab, hielt gewissenhaft Umschau und entdeckte unter den Rädern seiner Maschine einen Radler in bejammernswertem Zustande. Er wollte, wie es sich in solchen Fällen ziemi, einige Entschuldigungen stammeln, als der zerschmetterte Radler ihm das Wort abschnitt und ihm seine Karte überreichte, mit den höflich, aber energisch gesprochenen Worten: Bitte, sehen Sie lieber nach Ihrer Maschine und fahren Sie weiter; als ,, sportsman" sollten Sie doch wissen, daß man einen ,, sportsman" nie aufhalten soll!" Nach dieser heroischen Ansprache suchte der Radler seine Glieder zusammen, stieg wimmernd und ächzend aufs Rad, grüßte und verschwand. Am nächsten Morgen erhielt Herr Mecredy einen Brief: der Radler entschuldigte sich wegen der Störung", die er dem Autler verursacht, und erkundigte sich nach dem Befinden des Automobils. Ich werde," so fuhr er fort, infolge des Unfalls, den ich allein verschuldet habe, wahrscheinlich das Leben einbüßen und erlaube mir daher, Ihnen den dritten Teil meines allerdings nur kleinen Vermögens zu vermachen, damit Sie Ihre Maschine ausbessern können." Herr Mecredy war ob dieser Sportfreudigkeit des Zerschmetterten" so gerührt, daß er sich vornahm, in Zukunft Radler nur im äußersten Notfalle zu überfahren!
†[ Die naiven Bauern.] Pilgerten da kürzlich, so erzählt ein russisches Blatt, sechs Bäuerlein friedlich und gemütlich auf dem Bahndamm der von Jaroßlaw nach Moskau führenden Bahnlinie. Plötzlich taucht hinter ihnen der Jaroßlawer Personenzug auf. Wie wahnsinnig pfeift die Maschine ihr ganzes Register von Warnsignalen herunter, aber die Bäuerlein kümmern sich nicht darum, denken:„ Pfeif' du nur, bis dir die Puste ausgeht" und schreiten seelenruhig fürbaß. Der Klügste gibt nach," kalkuliert die Maschine und bleibt stehen, mit ihr der ganze Zug. Der Zugführer und die Schaffner herunter von den Wagen und mit einem Satze hin zu den Mushiks. Warum sie auf die Signale nicht ge ichtet hätten, ob sie denn taub wären, oder was ihnen sonst n die Dickschädel gefahren sei?! O, sie hätten die Signale
in der
sehr gut gehört, antworten sie, aber sie hätten sich gedacht, daß der Zug ja ebenso gut ausweichen und auf den anderen Schienenstrang übergehen könnte. Einen Augenblick lang ist alles paff! Dann aber eins, zwei, drei hat man die Bäuerlein gepackt und in den Zug geworfen, und fort geht's nach Moskau, wo die naiven Sechs jetzt mit sehr gemischten Gefühlen ihrer Bestrafung entgegensehen.
[ Gine moderne Amazone.] Die 18 Jahre alte Lucille Mulhall hat in South Mc Allister, Ver. Staaten, bei einem ,, Wett- Stierbändigen" den Sieg und den ersten Preis von 1000 Dollars davongetragen. Es gelang ihr von allen Wettbewerbern am schnellsten, drei Stiere mit dem Lasso einzufangen, zu Fall zu bringen und zu fesseln. Die fühne Stierbändigerin rühmt sich, eine Freundin des Präsidenten Roosevelt zu sein, der sie auf seiner Reise durch den wilden Westen kennen lernte und ein Bewunderer ihrer Reiterſtückchen war.
[ Das verkannte Ständchen.] Ein Mißverständnis hat in Iserlohn große Heiterfeit hervorgerufen. Die Kammersängerin X. hatte dort ein Konzert gegeben und übernachtete im Hotel Sander. In demselben Gasthof logierten auch die Ausschußmidtglieder des westfälischen Feuerwehrverbandes. Diesen wurde num am Morgen ein Ständchen gebracht, das die Sängerin auf sich bezog. Sie fühlte sich durch die Aufmerksamkeit angenehm überrascht und spendete der Kapelle ihren Dank in klingender Münze, der gern in Empfang genommen und entsprechend angelegt wurde.
[ Eine Polizei, die keinen Spaß versteht, I gibt es in Chersson. In einem dortigen Zirkus trat vor einiger Zeit der musikalische Klown und Verwandlungskünstler Trabelli auf. Eines Abends erbot er sich, das Publikum„ amerifanisch" zu photographieren und jedem Zuschauer die Momentaufnahme gleich mitzugeben; wer sein Bild nicht ähn lich finde, könne sich an der Kasse das Eintrittsgeld zurückgeben lassen. Jeder Besucher der Vorstellung erhielt dann einen kleinen Spiegel, in dem er sich betrachten konnte. Das war die amerikanische Photographie! Das Publikum nahm den billigen Scherz nicht übel und lachte herzlich darüber. Nicht so die Polizei. Sie glaubte, in der Anfündigung Travellis alle Kriterien des Betruges zu erkennen, und brachte die Sache zur Anzeige. Umsonst beteuerte der Klown unter feierlichen Schwüren seine Unschuld und wies auf den humoristischen Charakter der ganzen Veranstaltung hinder Friedensrichter ließ sich nicht überzeugen und verurteilte Travelli zu einem Monat Gefängnis!
[ Die erste Zivilehe in Finnland.] Auf Grund der in Finnland geltenden Geseze wurde vor dem Rathausgericht in Wiborg zwischen dem Fräulein Etna Selin und dem Dr. Rolf Lagerborg eine Zivilehe eingegangen, die erste in Finnland. Dr. Lagerborg hatte vorher eine Abhandlung veröffentlicht, in der er aus den finnländischen Gesezen nachweist, daß eine solche Ehe in Finnland gestattet ist. So lautet 3. B. ein Gesetzesparagraph:„ Wenn ein Mann seine Braut entehrt, so handelt es sich um eine Che, die durch eine Trauung bestätigt werden muß. Weigert sich der Mann, die Trauung vollziehen zu lassen, und beharrt er bei dieser Weigerung, so wird die Betreffende für seine Ehefrau mit allen Rechten einer solchen erklärt." Dazu bemerkt Dr. Lagerborg: Hiermit bietet sich also allen denen, die sich weigern, eine kirchliche Trauung über sich ergehen zu lassen, die volle gesetzliche Möglichkeit, sie zu vermeiden."
Berantwortlich: für ben politischen und Inseratenteil Ibin Qlein: bas Botale, ben„ Gerichts." und„ Deffentlichen Sprechsaal": Fr. Oppermany Drud unb Berlag ber Gießener Berlagsbruderei( vorm. Wilh. Keller), Gießen.
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