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bonnementpreis: la Siefen, abgebot monatlich 50- Bfg., m's Saus gebracht 60 fg, burch die Boft bezogen tersel fahrlich Mt. 1.50.
Oratiobellagen: Oberhefftsche Familienzeitung( tagli Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Sbft- und Bastenbau, ſowie bie Gießener Geifenblasen( wöchentlich). Das Blatt riche en allen Mertingen nachmitagem
Mittwoch, den 23. Dezember 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Insertionsprei: Die einfaltige engelle far Sieben wie gang Oberbeffen, die Kreise Weblar und Warburg 10 Bfg. fon 15 Bfg.: Retimes bie Dettigelle 30 refp. 40 ie.
Boftzeitungsliste No. 3906.
Rebatten und Erbcbition: Gießen Nenenweg 98. Beristache, 303.
Neuelle Nachrichten
( Sichener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Peifung
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wezlar; Lokalanzeiger für Sießen und Umgebung Esthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen
Die Mittelstandsfrage.
CBB Bon verschiedenen Zeitungen wird der Reichsregierung ein Vorwurf daraus gemacht, daß sie sich nicht genügend fün die Mittelstandsfrage interessiere. Diese Behauptung ist in sofern zum Teil verfehlt, als sie nicht ganz an die richtige Adresse gerichtet ist, denn eine reichsgesetzliche Lösung der Mittelstandsfrage ist nicht durchführbar. Nach der modernen Staatsauffassung haben die öffentlichen Gewalten nicht da Recht, sich in den Gütererzeugungsprozeß einzumischen( Ge werbefreiheit). Es ist sonad) ein ganz aussichtsloses Beginmen, menn von der Regierung verlangt wird, daß sie der Betrieb eines Unternehmens von dem Befähigungsnachweis abhängig machen soll. Staatssekretär Graf Posadowsky ha hat im Vorjahre bereits mit großer Entschiedenheit erklärt daß derartige Forderungen keinerlei Gehör finden werden Andererseits aber hat er zugestanden, daß die öffentlicher Gewalten für einen Ausgleich der Lasten bei Groß- und Mittelbetrieben sorgen müsse.
Wenn nun das Hauptgewicht der Staatsfürsorge auf den Steuergebiete liegt, dann ist der geeignete Ort zum Vor trag für die Mittelstandsfrage das Bundesstaatenparlamen und nicht der Neichstag. Tatsächlich hat ja auch die preußische Lan desregierung durch das Warenhaussteuergesetz und durch Schaffung der Zentralgenossenschaftskasse die Lösung der Mittelstandsfrage in Angriff genommen. Die Warenhaus Steuer bringt in Berlin eine Einnahme von nahezu 3 Mil lionen Mart. Sie ist also fein zu unterschäßendes Re gulierungsmittel. Die Wirksamkeit der Zentralgenossen schaftstasse würde aber noch weit erfolgreicher sein, wenn die verschiedenen Mitglieder des Mittelstandes sich lebhafter für die Schaffung von Genossenschaftsverbänden, mögen sie nur den Ankauf von Rohstoffen, oder dem Absatz von fertiger Fahrifaten dienen, interessieren würden.
Allerdings stehen wir in Bezug auf die ständische Or gamifation vielleicht erst im Anfang einer gesunden Ent wicklung. Wir haben Handelskammern und Handwerks tammern und zwischen beiden pendelt der gewerbliche Mittelstand, der nicht recht in beide Organisationen eingereih werden kann. Hier könnte vielleicht in den Einzelparla menten durch Regelung der Ausführungsbestimmungen viel zur Besserung der Verhältnisse beigetragen werden. Nock wünschenswerter aber wäre es, wenn eine schärfere Dezen trallisation der Standesorganisationen ins Auge gefaß würde, die ja allerdings wieder zum Zuständigkeitskreis der Reichsregierung gehören würde. Es wäre vor aller Dingen notwendig, daß die Handelskammern zerlegt würder in Standesorganisationen für die Großgeschäfte, denen di Kontrolle der Aktiengründungen, die Beaufsichtigung der Börsen und großen aufgeschäfte, die Regelung des Makler wejjens, sowie die Information der Regierung über Groß handelsfragen überlassen bliebe. Für die Detailgeschäft aber müßte eine besondere Handelskammer gegründet wer dem, die als Informationsstelle der Regierung dient und sic den kleineren Geschäftsleuten durch Streditauskünfte und Nachweis von Absatzgelegenheiten, Gründung von Schuler und Beschaffung von Bildungsmitteln dienstbar macht. Das Dreitlassenwahlrecht der preußischen Handelskammern mach die unteren Erwerbsschichten förmlich mundtot. In ähn licher Weise sollte bei dem Gewerbebetrieb eine Organisation der Fabrikunternehmungen durch Gewerbekammern und für die maschinenlosen Unternehmungen die Einreihung in die Handwerkskammern straff durchgeführt werden. Nur in de Handwerkskammer haben wir im deutschen Reiche eine ein heitliche Organisation, während die Zustände im Handels gemperbe noch durchaus der einheitlichen Regelung entbehren es wäre deshalb wünschenswert, wenn Preußen als Prä fidialmacht für eine stärkere Dezentralisation der Standes organisation gewonnen würde. Hier würde sich also der politischen Parteien ein sehr dankbares Arbeitsfeld bieten.
Die Politik.
Im Berfolg der Reichstagsdebatte über den Crimmit chauer Streit tauchte s. 3t. die Meldung auf, mehreie hoh sächsische Beamte, darunter der Bundesratsbevollmächtigte Ministerialdirektor Fischer, der die Crimmitschauer im Reichs lag verteidigte, würden pensioniert oder in andere Stellunge: bersezt werden. Diese Meldung ist, wie aus guter Dresdenci melle versichert wird, durchaus unzutreffend.
A In Berliner politischen Kreisen verlautet, die gegen värtig im Reichsichasamt vorbereitete Novelle zum Stempel teuergesek werde namentlich im Arbingeverfehr Erleichte rungen bringen. Die Börsenfreise fordern außer der Er leichterung des Arbitrageverfehrs vor allem auch eine Ver timgerung des Eteftenstempels.
Einen Aufruf zur Begründung einer deutsch- franzö jochen Friedensliga erläßt jetzt der französische Deputierte Hubbard. Die Liga soll nach dem Muster des jüngst be gründeten englisch- französischen Bundes gebildet werden. Hubbard hofft auf den Beitritt der bedeutendsten deutschen Boarlamentarier. Diese Hoffnung ist nicht ungerechtfertigt. Allein wieviele Franzosen von Ruf und EinLuß würden der Liga beitreten?
Eine interessante Mitteilung bringt die christlich- soziale Wochenschrift Die Arbeit" über den Empfang der nichtfozialdemokratischen Arbeiter durch den Reichskanzler. Dort wird nämlich mitgeteilt, die Aussprache, die der Audienz folgte, sei für die Arbeiterschaft außerordentlich wertvoll gewesen. Näheres über den Inhalt der Aussprache teilt das Blatt nicht mit. Unsere Leser haben inzwischen schon erfahren, daß als einer der Erfolge der Konferenz die von der preußischen Regierung geplante Aufhebung des Verbots der Beteiligung weiblicher Personen an poli tischen Vereinen und Versammlungen anzusehen ist.
Italien.
* Papst Pius X. hat soeben ein Motuproprio über namentlich in das christliche Wirken zum Besten
Italien, erlassen. Er betont des Volkes, ich, daß die
,, christliche Demokratie" sich auf die Prinzipien des Glau bens und der katholischen Moral stüßen müsse, ohne irgend wie das unerschütterliche Recht des Privateigentums zu ver lezzen. Die christliche Demokratie dürfe sich weder in die Politik mischen, noch auch politische Zwecke verfolgen. Die christliche Demokratie und die katholische Presse müßten den Bischöfen gehorchen und auf ihren Rat hören. Das Motuproprio soll in allen katholischen Gesellschaften und Vereinen angeschlagen und von den katholischen Zeitungen veröffent licht werden; diese sollen erklären, daß sie dem Motupropric gehorsam sein wollen, sonst sollen sie verboten werden.
England.
Noch immer sind unsere lieben Vettern jenseits des Kanals ganz aus den Häuschen über die Ansprache Kaiser Wilhelms an die hannoverschen Regimenter. Vor allem: sträubt sich der Chauvinismus der Briten gegen die Aeuße rung des Kaisers, daß die Deutsche Legion und Blüchers rechtzeitiges Erscheinen das britische Heer bei Waterloc vor der Vernichtung bewahrt hätten. Sie wird stellen weise in gereiztem Ton zurückgewiesen. So sagt die „ Times", das Wort von der„ Vernichtung" flinge seltsam im Munde eines Enfels einer britischen Königin, eines bri tischen Feldmarschalls, eines ritterlichen Soldaten, eines eifrigen Forschers der Militärgeschichte. Es sei bedauerlich, daß der Kaiser Worte gewählt habe, die englischen Ohren nur verletzend klingen fönnten. Uns fann es gleichgültig sein, wie die Engländer von unserer Geschichtsauffassung berührt werden. Wir haben keine Veranlassung, unsere Geschichte mit englischen Augen anzusehen. Das Londoner Blatt wirft mit seiner Apostrophierung des Kaisers als des Enkels einer britischen Königin, eines britischen Feldmar schalls geradezu komisch. Zumeist ist der deutsche Kaiser doch wohl Deutscher und oberster Kriegsherr des deutschen Heeres und der deutschen Floite, und als Deutscher kann er über Waterloo nicht anders urteilen, wie jeder Deutsche tut und wie es der Engländer getan hat, der am besten wußte, was das Schicksal der Briten bei Belle Alliance gewesen wäre, wenn Blicher nicht gefommen wäre: Welling ton. Aber Wellingtons Denkwürdigkeiten nachzulesen, fäll! den heutigen Briten nicht ein.
Russland.
Die Veröffentlichung der Rede, die Sergej Julitsch Witte vor zwei Jahren zu Gunsten Finlands im russischen Reichsrat hielt, hai in Petersburg wie eine Bombe eingeschlagen. Die Träger der antifinischen Politik Rußlands sind aufs höchste bestürzt und ratlos, wie sie gegen diesen höchst gefährlichen Vorstoß Wittes parieren sollen. Herr b. Plehme insbesondere, der intimste Feind Wittes und der Urheber der Vergewaltigung Finlands, ist in höchster Be sorgnis vor der Wirkung der Veröffentlichung. Zweifels. ohne ist seine Stellung dadurch erschüttert, und Wittes Chancen, wieder aus Ruder zu kommen, sind außerordentlich gestiegen. Wir würden uns nicht wundern, wenn der Nach folger des Herrn v. Plehwe Witte hieße.
Balkan- Staaten.
Geradezu verblüffend ist die Unverfrorenheit, mit der Rußland den Dementierapparat handhabt. Rußland war es bekanntlich, das vor allen anderen Mächten auf die Ent fernung der serbischen Königsmörder vom Hofe und aus dem Heere drängte. Das steht vor ganz Europa fest. Aber das hindert die Russen nicht, jezt, wo sie ihren Willen durchgesezt haben, in aller Form und hochoffiziell zu erklären: Rußland habe offiziell niemals die Entfernung der Verschwörer aus der serbischen Armee verlangt, und die Gefühle des Kaisers Nikolaus für König Peter seien unverändert.
Alien.
+ Nach wie vor steht die Lage in Ostasien auf des Messers Schneide. Zwar wird auch heute sowohl von russischer wie von japanischer Seite bestritten, daß Japan an Rußland eir Ultimatum gerichtet habe. Indessen scheint die japanische Antwortnote doch eine verzweifelte Aehnlichkeit mit einen Ultimatum zu haben. Denn sie stellt den Russen eine be stimmte Frist zur Erteilung der Antwort, wenn sie im übriger auch nicht in dem gemessenen Ton des normalen Ultimatums sondern in freundschaftlichen Wendungen gehalten ist. Aber ob nun Ultimatum oder nicht: Jedenfalls werden die Kriegs rüstungen auf beiden Seiten, ja, man tann sagen, auch von England und China, fieberbaft betrieben. Die sa
his wil you panische Regierung hat eine Bekanntmachung er laffen, daß sie sämtliche Trockendocks des Landes für die Kriegsflotte brauche. Die Kriegsschiffe sind zum Teil bereits in die Docks zur Reinigung gegangen. Die Russen bauen in Port Arthur einen Wall, der die Neustadt umschließt. Die Altstadt wird zerstört, der Befehl dazu ist bereits erlassen. Die anfäßlich des Zwischenfalls nach Tschemulpo beorderten russischen Kriegsschiffe sind nach Port Arthur zurückgekehrt. Rußland läßt jede Unze Gold ausprägen, es kaufte Münz maschinen in England und prägt auch privatim in Brüssel. Rußland und Japan kaufen ferner große Quantitäten chirur gischer Instrumente in England. England seinerseits tonzentriert seine Flotte vor Weihaiwei. Auch China betreibt auf eine Depesche des chinesischen Gesandten in Tokio, die den Krieg als unmittelbar bevorstehend ankündigt, seine Süstungen mit großem Eifer, soweit das bei Chincsen inöglich ist. Wie werden die Würfel fallen?
Amerika.
Vor einiger Zeit berichteren, wir von einem englischen Geistlichen, der es unternehmen wollte, 20 000 Menscher in einem entlegenen Gebiete Kanadas anzusiedeln. Es ge lang ihm auch, 2000 Arbeiter zu werben. Die Europa müden erhielten jedoch die Ländereien in einer Gegend, we sie dem Hungertode ausgesetzt waren, so daß sie auf Staats fosten verpflegt und in andere Gebiete Stanadas gebracht werden mußten. Nun stellte es sich heraus, daß der Geist liche sich nur deshalb mit der Kolonisation befaßte, weil er von jedem einzelnen Auswanderer 3 Prozent von der Summe der Landkosten als Provision erhielt. Auch ein Wohl täter der Menschheit.
In Buenos Aires sind die Hafenarbeiter, die Angestellten im Schleppdampferbetrieb, die Straßenbahn schaffner, sowie zahlreiche andere Gewerkschaften in den Ausstand getreten. Der Ausbruch des allgemeinen Ausstandes gilt als bevorstehend. Für die internatio nale Schiffahrt, nicht zuletzt für die deutsche, bedeutet dieser Streit eine schwere Beeinträchtigung.
Deer und flotte.
Ueber das Tragen der Fahnen bei„ Gewehr über" hat der Kaiser folgendes bestimmt: Bei allen Ererzierbewegungen ohne Tritt und auf Märschen kann die Fahne nach Wahl des Fahnenträgers auf der rechten oder der linken Schulter getragen werden. Die enthüllte Fahne ist so zu tragen, daß fie mit dem Tuch mindestens eine halbe Handbreite von der Schulter des Fahnenträgers entfernt bleibt."
Vreänderungen im Forbacher Trainbataillon. Wie amtlich gemelder wird, sind in das Trainbataillon Nr. 16 in For bach folgende Offiziere versetzt worden: Hoffmann, bisher Leutnant im Feld- Artillerie- Regiment 11, Jansa, bisher Oberleutnant im Garde- Trainbataillon, Serneburg, bisher Oberleutnant im Trainbataillon 14, die Leutnants Bärwinkel vom Trainbataillon 4 und Schleg, bisher im Trainbataillon 3 unter Beförderung zu Oberleutnants. Daraus geht hervor, daß vier Offiziere des Bataillons ausgeschieden sind. Da dies aber amtlich nicht mitgeteilt wird, so ist mit Sicherheit anzunezmen, daß sie infolge der Affäre Bisse mit schlichtem Abschied entlassen sind. Es war gegen sämtliche Forbacher Trainoffiziere, die in den Prozeß irgendwie verwickelt waren, ein ehrengerichtliches Verfahren eingeleitet worden und alle Offiziere, bis auf drei, vom Dienst suspendiert. Der jegige Stellenwechsel ist als Folge dieser Unteruchung anzusehen. Bilje war natürlich ein Hauptzeuge, und zu diesem Zwecke wurde er im hiesigen Militär- Arresthause zurückbehelten; doch soll ihm die Zeit als Strafverbüßzung angerednet werden. Daß über das Bilieiche Gnadengefuc vor Beendigung dieses ehrengerichtlichen Verfahrens feine Entscheidung erfolgen konnte, versteht sich von selbit.
Aus dem Gerichtsfaal.
§ Das Urteil im Kischinewer Prozeß wegen der gegen di Juden gerichteten Unruhen ist gefällt worden. Die Ange flagten Gretichin und Marosjuk, gegen welche die Anklage auch auf Mord leutete, wurden zu 7 beziehungsweise ab ren Zwangsarbeit verurteilt. Gegen 22 weitere Angeklagte wurde auf Einreihung in eine Arrestantenfompagnie für ein bis zwei Jahre, gegen einen Angeklagten auf sechs Monate Gefärgnishaft erkannt, 12 wurden freigesprochen. Die anhängig gemad ten 48 3ibilflagen wurden sänttlich unberück sichtigt gelassen. Die Gerichtskosten wurden den Verurteilten auferlegt.
§ Die schriftstellernde Bettlerin. Vor dem Londoner Zucht polizeigericht hatte sich die unverbesserliche Bettlerin und Lagediebin Alice Mary Hunt zu verantworten und wurde ou 6 Monaten Zwangsarbeit verurteilt. Die Verhandlung mich insofern von den üblichen traurigen Londoner Sitten bildern gleichen Schlages ab, als Mary Hunt ihre täglichen Erfahrungen bei ihrem Handwerk in einem mit großer Ge nauigkeit geführten Tagebuch zu verzeichnen pflegte und dieses schriftstellerische Unikum als Beweisobjett verlesen wurde. Nachstehend einige charakteristische Eintragungen daraus:


