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Nr. 249.

Abonnement& prets: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Bfg., durch die Post bezogen viertels fährlich Mr. 1.50.

Bratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberheffische Beitschrift für Landwirtschaft, Sbft- und Gartenban, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werttagen nachmitags.

Freitag, den 23. Oftober 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Jusertionspret 8s Die einspaltige Betitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Bfg. fonft 15 Pfg.; Reklamien die Petitzetle 30 refp. 40 Bfg.

Bofizettungsliste No. 3969.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Ferusprechauschlag Nr, 362.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Bekanntmachung.

Betr. Aenderung an Wegübergängen der Bahnstrecke

Gießen- Fulda.

Der landespolizeiliche Erörterungstermin für die in unserer Bekanntmachung vom 13. I. Mts., Kreisblatt Nr. 122, es wähnte Aenderung des Wegüberganges bei km 22.42 der Bahnstrecke Gießen- Fulda in der Nähe ber Station Grünberg findet.

Dienstag, den 27. 5. Mts., vormittags 10 Uhr 36 bet km 22,42 statt.

Die Beteiligten werden aufgefordert, in dem Termin an Ort und Stelle zu erscheinen und etwaige Einwend­

asfotungen, Anträge und Wünsche daselbst vorzubringen.

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Gießen, den 21. Oftober 1903.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. Dr. Breidert.

Bekanntmachung.

Die am 9. September I. Js. angeordnete Sperre des Selterswegs zwischen Wolkengasse und Süd­anlage wird hiermit aufgehoben.

Gießen, den 23. Oftober 1903.

Großh. Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Bekanntmachung.

Die am 6. August 1. Js. angeordnete Sperre Der Wolkengasse wird hiermit aufgehoben. Gießen, 23. Oftober 1903.

Großh. Polizeiamt Gießen. Hechler.

Bekanntmachung.

Samstag, den 24. de. Mts. nachmittags 5 Uhr soll in dem hiesigen Rathause das Herausfahren des in dem Stadtwald zur Fällung kommenden Stamm: holzes aus den Heegschlägen an den Wenigstnehmenden bergeben werden.

Grünberg, am 22. Oftober 1903.

Großherzogliche Bürgermeisterei Grünberg. Zimmer.

Bekanntmachung.

Die unter dem Schweinebestand des Bahnwärters Bloch in Gießen ausgebrochene Rotlauffeuche ist er­loschen. Die Gehöftsperre ist aufgehoben.

Gießen, 21. Oktober 1903.

Großh. Polizeiamt Gießen. Hechler.

Bayern und das Reich.

In der bayerischen Kammer der Abgeordneten hat Ministerpräsident Frhr. v. Podewils gestern ( Donnerstag) eine sehr lange und bedeutsame Rede über die Beziehungen Bayerns zum Reich gehalten. Sie sollte wohl als eine Abwehr der in letzter Zeit wieder ins Kraut geschossenen reichsverdrossenen Nörgeleien mit parti­fularistischem Hintergrunde gelten und lieferte den sprechend­sten und schönsten Beweis dafür, daß nicht ein Titelchen von jenem gegenseitigen Vertrauen abhanden gekommen ist, welches die Grundlage des Reiches bildet und zur Wohlfahrt der ganzen Nation dringend von Nöten ist.

Podewils führte das Hauptverdienst an dieser höchst befriedigenden Lage auf seinen Vorgänger, den Grafen Crailsheim, zurück, dessen ganze Persönlichkeit und dessen der vaterländischen Geschichte für alle Zeiten eingetragener Ehrenname hoch über die persiden Verdächtigungen erhaben sei, die in letzter Zeit ab und zu laut geworden seien. Es sei gänzlich irrig, anzunehmen, daß sich Bayern seiner zweiten Kormachtstellung im Reiche begeben habe. Aber die loyale Pflichterfüllung gegen das Reich und die loyale Pflicht­erfüllung gegen die engere Heimat müßten eben Hand in Hand gehen, sollte anders das Ganze gedeihen. Es würde ganz und gar falsch sein, wollte man Bayerns Aufgabe in einer unfruchtbaren Passivität oder gar Verneinung" suchen. Aktive Mitarbeit sei dringend von Nöten. Je ge­diegener, wirkungsvoller und einflußreicher diese Mitarbeit aber sei, um so angesehener werde sich auch Bayerns Stellung im Reiche gestalten. Es sei ein Wirken im Zirkel, der Teil für das Ganze und das Ganze für den Teil", von denen feiner den anderen entbehren könne, ieder den anderen not­hendig habe. Nur so könne Alldeutschland wirksam in den gewaltigen Konkurrenzkampf der Nationen treten, nur seinen vollen Anteil an der Weltwirtschaft gewinnen. Und immer wieder kam Herr v. Vodewils auf die Gerüchte von

unitarischen Bestrebungen zurück, auf Die reichsfeindliche Nörgelei, die den Sinn für das Ganze zu trüben versuche, immer wieder betonte er mit beredten und scharf geschliffenen Worten, daß an eine Ver­schiebung der Machtverhältnisse unter den Bundes­staaten nirgends gedacht werde". Die Reichsleitung selbst sei zu aller Zeit und auch heute noch von diesem Be­wußtsein durchdrungen. Das habe er erst wieder bei seinem Besuche in Berlin aus dem Munde des Reichskanzlers selbst erfahren, dessen loyale Aussprache er nur mit vollſtem Ver­trauen erwidern könne. Der Kaiser, so hat mir Graf Bülow als letztes noch beim Abschiednehmen gesagt, und er, der Reichskanzler, betrachten es als eine Ehrenpflicht, die Rechte der Bundesfürsten und Bundesstaaten auf das sorg­samste zu wahren und sie von keiner Seite antasten zu lassen."

Wenn es noch eines Beweises für die gegenseitige Wert­schätzung bedurft hätte, so sei die Berufung des früheren bayerischen Bevollmächtigten beim Bundesrate, Frhrn. von Stengel, an die Spitze des Reichsschazamtes wohl als solcher zu betrachten. Diese Auszeichnung für Bayern und die Tüchtigkeit seiner Beamtenschaft sei ja nicht zu unterschätzen. Es sei das ein Beweis für die Gesinnung und die An­schauungen des Kaisers und seines Kanzlers, eine Betäti­gung des föderalistischen Verhältnisses und eine ehrende Wertschätzung desselben. Graf Bülow teile gänzlich die An­schauungen des Fürſten Bismarck, die in der denkwürdigen Erklärung vom 5. Avril 1884 zutage traten, daß nämlich die erste Aufgabe der Reichsregierung dahin gehe, den bundesstaatlichen Charakter des Reiches und die Autonomie der Bundesglieder in keiner Weise beeinträchtigen zu lassen. Mit allen seinen Mitfürsten, so hat der jetzige Reichs­tanzler erst jüngst noch erklärt, ist der Kaiser davon durch­drungen, daß auf den vertrauensvollen Beziehungen zwischen den Bundesstaaten und Bundesfürsten eine glückliche Zu­kunft des Reiches beruht. Die sorgsame Pflege der födera­tiven Grundlage des Reiches ist eine conditio sine qua non für eine gedeihliche Entwickelung."

Man wird nicht umhin können, diese warmherzige Er­klärung des bayerischen Ministerpräsidenten als eine Art Pronunciamento zu betrachten, gerichtet an die Adresse der Unzufriedenen, die an allen Ecken unseres Vaterlandes Ab­sprechendes zu sagen wissen. Wenn Herr v. Podewils_noch einmal erklärt, daß die bayerischen Bostwertzeichen als baye­risches Reservatrecht bestehen bleiben würden, und seit den diesbezüglichen Erklärungen des Grafen Crailsheim auch niemals wieder von irgend einer Seite darauf zurückgekom­men sei, so wendet er sich damit direkt gegen gewisse Kreise, die dauernd und fortgeseßt völlig unnötigerweise darum be­sorgt sind, es könnte am Ende doch versucht werden, die einzelstaatlichen Rechte zu schmälern. Auch die besondere Betonung, daß in der Frage der Handelsverträge und der Reichstagsdiäten Bayern mit der Leitung der Reichsgeschäfte böllig einig gehe, zielt wohl nach jener Richtung. Jeden­falls ist die offene und rückhaltlose Erklärung des baye­rischen Ministerpräsidenten auf das lebhafteſte zu begrüßen. Ihr Ton ist so erfrischend und vertrauensvoll, daß sich nun wohl auch die Nörgler zufrieden geben werden.

Im Kampf gegen den Alkohol. CB. Es hieße das Geheimnis des Polichinell verraten, wollte man lang und breit den Nachweis führen, daß neben der Tuberkulose der Alkohol als der größte Volksfeind an­gesehen werden muß. Wie sehr man sich aber auch über die Gefahr des Alkohols einig ist, wirksame Maßnahmen gegen den Mißbrauch wohlgemerkt, den Mißbrauch geistiger Getränke zu treffen will man sich bei uns in Deutschland nicht entschließen. Es darf auch nicht verkannt werden, daß solche Maßregeln, so wohltätig sie auf der einen Seite sein würden, auf der anderen Seite etwas sehr Bedenkliches haben, weil sie leicht übers Ziel hinausschießen können. Und man kann es am Ende keiner Regierung ver­denken, wenn sie ein Volk, das sich mündig weiß und nicht bevormundet werden will, eben auf seine Mündigkeit hin­meist und an seine sittliche Kraft appelliert, um es zur frei­willigen Bekämpfung dieses dämonischen Uebels zu veran­lassen.

Mit Genugtuung ist es zu begrüßen, daß dieser Appell nicht ergebnislos verhallt ist. In weiten Kreisen macht sich eine Bewegung gegen den Alkohol geltend, eine Bewegung, die noch rascher an Umfang und Stärke zunehmen würde, wenn einzelne übereifrige Rämpfer gegen den Alkohol nicht übers Ziel hinausschössen und nicht nur dem Mißbrauch, sondern auch jedem Gebrauch des Alkohols den Krieg er­klärten. Maßhalten ist auch für Alkoholgegner das rechte.

Die gesunde Anti- Alkoholbewegung hat ihren Mittel­punkt in dem deutschen Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke". Alle Freunde dieses verdienten und mirklich gemeinnützigen Vereins, der gegenwärtig in Berlin seine 20. Jahresversammlung abhält, werden mit Genug­tuung die hohe Wertschätzung der Bestrebungen des Ver­eins vernehmen, die der Staatssekretär Graf Posa­dowsky in einer Begrüßungsansprache an den Tag legte. Der Vertreter der Regierung begann mit der Versicherung seiner regen Anteilnahme an den menschenfreundlichen Bestrebungen des Vereins"." Ich sehe", sagte er, in Ihnen nicht nur die unerschrockenen Vorfämpfer für eine ge=

läuterte und veredelte Volkssitte, sondern auch werftätige Hygienifer." Der Staatssekretär mies weiter darauf hin, daß es Sache jedes Volksfreundes sei, wenigstens seine Stimme zu erheben und seinen Einfluß ein­zusetzen gegen die Volksschäden, welche durch die eigene Willenskraft jedes einzelnen vermieden wer­den können. Die schwerste Belastung der körper­lichen, geistigen und sittlichen Entwickelung eines Volkes ist aber", so fuhr der Minister fort, unzweifelhaft über­mäßiger Genuß alkoholischer Getränke. Bei den ärmeren Volksschichten findet dieses Laster noch eine gewisse Ent­schuldigung darin, daß es ihnen wenigstens in Groß­städten meistens an einem wohnlichen Heim fehlt. Dazu kommt, daß durch unsere sozialpolitische Gesetzgebung für gewisse Berufs- und Betriebsarten die Arbeitszeiten vielfach verkürzt sind. Mit der Bekämpfung des übermäßigen Alko­holgenusses steht deshalb nicht nur die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der ärmeren Bevölkerung, sondern auch die Fürsorge für geeignete Erholungsstätten, namentlich der unverheirateten Arbeiter und Gewerbegehilfen, in engstem, untrennbarem Zusammenhange."

Zweifelsohne trifft der Minister mit diesen praktischen Vorschlägen zur wirksamen Bekämpfung des Alkoholmiß­brauchs den Nagel auf den Kopf. Die Belehrung und Auf­klärung des Volkes über die Gefahren des Alkohols wird allein nicht viel nügen: es gilt vielmehr, denen, die im Alkoholgenuß einen Trost für die Dede und Leere ihres Da­seins fuchen, einen Ersatz für dieses Betäubungsmittel zu bieten. Und das kann nur dadurch geschehen, daß man die Beklagenswerten, denen ein behagliches Heim fehlt, an eine edlere Gefelligkeit gewöhnt, als diejenige, die der Alkohol vermittelt. Auf dieſem Felde bietet sich sozial denkenden Männern und Frauen noch eine dankbare Aufgabe, eine Aufgabe, deren Lösung nicht nur eine christliche und humane, sondern auch eine patriotische Tat bedeutet. Der Minister hat am Schluß seiner Ansprache selbst darauf hingewiesen, wie Torenunderstand die Bestrebungen des Vereins mit Spott verfolgt. Aber dieser Spott wird keinen echten Patrioten abhalten, sich seines dem Alkohol und damit dem früheren oder späteren Untergange ausgelieferten Volks­genossen anzunehmen, in dem Bewußtsein, eine vaterländische Tat zu tun.

Die Politik.

In Ostpreußen steht wieder ein Wechsel im Oberpräsi­dium bevor. Uns wird soeben gemeldet, daß der dortige Oberpräsident v. Richthofen aus Gesundheitsrücksichten sein Abschiedsgesuch eingereicht habe.

Eine sonderbare Meldung verbreitet ein Hallenser Blatt. Es weiß etwas über geheime Konferenzen deutscher Männer zu berichten, die in Halle begannen und demnächst in Berlin fortgesetzt werden sollen. Der Zweck der Konferenzen sei, Mittel und Wege zur Einleitung eines nationalen Gesun­dungsprozesses zu suchen. Es seien Männer aus allen Kreisen dabei beteiligt, darunter auch Männer, die inmitten der nationalen Arbeiterbewegung stehen. Dem gegenüber teilt uns unser Berliner CB.- Mitarbeiter mit, daß in dor­tigen politischen Kreisen von diesen oder ähnlichen geheimen Konferenzen bislang nichts bekannt ist.

Die Professoren der neuen katholisch- theologischen Fa­kultät in Straßburg sind durch den Kurator der Universität Staatssekretär v. Köller in ihr Lehramt eingeführt. Der Kurator gab in seiner Begrüßungsrede der Hoffnung Aus­druck, daß es der Fakultät gelingen werde, einen Klerus heranzubilden, der echt vaterländische Gesinnung mit den für die Erfüllung der schweren Pflichten des priesterlichen Amtes erforderlichen Eigenschaften zu vereinigen wisse. Der Dekan der neugegründeten Fakultät, Prof. Dr. Schäfer, sprach sich in gleichem Sinne aus.

Als kleiner Nachklang zum Trierer Schulstreit ist es wohl zu betrachten, wenn jetzt eine evangelische Oberlehrerin an der Trierer paritätischen Töchterschule, welche Geschichte und Pädagogik unterrichtete, nach Berlin versetzt und durch eine Lehrerin des Ursulinenklosters ersetzt wird.

Die großen Streifs in Dünkirchen und in Bilbao sind als beendet zu betrachten. In beiden Städten sind die Ausständigen im Kampfe unterlegen.

Seltsame Gerüchte über Verschiebungen im europäischen Konzert kursieren in gewissen Kreisen Frankreichs und Italiens. Man behauptet in Paris mit großer Be­stimmtheit, daß der Besuch König Viktor Emanuels im Elysee zu mehreren praktischen Ergebnissen geführt habe, die für beide Länder von großem Intereſſe seien, da sie in greifbare und endgültige Form gefaßt werden würden. Ein vatikanisches Blatt geht noch biel weiter. Es behauptet allen Ernstes, daß die beiden großen Völkerbündnisse in der Auflösung begriffen wären und dafür zwei neue Dreibün de vorbereitet wür­den: Deutschland, Rußland, Desterreich- Ungarn und Eng­land, Frankreich, Italien. Daran ist natürlich nach Lage der Dinge im Augenblick gar nicht zu denken.