Ausgabe 
20.5.1903 Zweites Blatt
 
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Vermischtes.

()[ Die Mailäferplage] ist in der badischen Boden­seegegend so start, daß die Stadt Ueberlingen an einem Vormittag 9 Zentner jener Echädlinge durch die Schul­jugend hat einfangen und dann zur Vernichtung brin gen lassen. Für das Kilo wurden 5 Pfg. bezahlt. Auch aus dem würitembergischen Donaukreis, von Tettnang, kommen ähnliche Klagen.

(!)] Ein fideles Gefängnis] soll nach Mitteilungen eines Hannoverschen Blaites das des Prinzen Prɔs­per von Arenberg sein, dessen Prozeß wegen Ermor­dung eines Negers in Kamerun, wie erinnerlich, wieder aufgenommen werden soll. Dem jezigen Direktor fiel es auf, daß der Brinz sich mit einem Aufseher duzte. Er forschte nach und kam dahinter, daß der Aufseher, wenn er Nachtdienst hatte, mit dem Prinzen Gelage feierte, wobei man sich ,, Lieber Schorse" und Lieber Prosper" nannte, woran auch einige Male eine zweifelhafte Da me teilnahm. Der Direktor veranlaßte sofort die Entfer nung des Beamten, und so mußte Schorse" gehen. Die Mitteilung klingt recht wenig glaubwürdig.

:::[ 3mmer tren fiskalisch] sind die Herren Kroa ten. Bei ihnen gibt es gegenwärtig allerlei Unruhen und Aufstände. Im Bezirk Kreuz, über den jetzt das Stand­recht verhängt ist, haben tausend kroatische Bauern das Schloß Ogacevo des Gutsherrn v. Fodroczy regelrecht gestürmi. Sie glaubten den Banus von Kroatien dort versteckt und durchstöberten zwei Stunden lang das Echloß, schlugen Fenster und Türen ein, stürmten den Turm des Kastells und schleppten die dort gefundenen Fahnen fort. Herr v. Fodroczy wurde aufgefordert, eine Hahne zu tragen und mußte in der Kirche schwören, daß er nicht mehr für die Regierung stimmen werde, den Banus nicht versteckt halte und keinen Schadener­satz verlangen werde. Codann mußte Herr v. Frɔdrɔczy diesen Schwur niederschreiben und auf das Dokument einen Stempel von einer Krone auffleben. Das ist echt kroatisch. Auch in der Revolte vergessen die Kroaten nicht, was sie nach ihrer Ueberlieferung- dem Stempelamte schuldig sind.

$[ Was die Frauen meiden sollen.] In einem New­Horker Frauenklub machte dieser Tage Miß Grace Noble auf drei Gefahren aufmerksam, die das einem ernſten Rebensberufe nachgehende Weib meiden soll, wie der ernste Mann ,, Wein, Weib und Gesang" flieht: der Mann, die Schmeichelei und- ,, Cocktail"! Die ,, Cocktails" sɔl­Ien in Amerika unter den Frauen der vornehmen Welt große Verheerungen anrichten. Das läßt tief blicken, aber was haben schließlich die Frauen der vornehmen Welt" mit den einem ernsten Lebensberufe nachgehenden Frauen zu tun?

(-)[ Das umgetanfte Petersburg.] Mit einem neuen Namen soll die Stadt Petersburg anläßlich ihres Ju­biläums beglückt werden, so will es wenigstens ein Mit­arbeiter der ,, Now. Wremja" wissen. Man soll die Stadt in Zukunft ,, Petrograd" nennen, das werde jeden Rus­sen an Peter erinnern, während Petersburg ebenso gut von irgend einem Peters abgeleitet sein könne.( Ein großer Sprachkenner scheint der Mitarbeiter der Nɔw. Wremja" nicht zu sein.) Petersburg klinge für ein rus­fisches Ohr geradezu barbarisch, deshalb haben die rus­sischen Dichter die Stadt immer Petropol" oder Be

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trograd" genannt. och sei Rußland fein deutsches ,, Kur­fürstentum", und die Stadt habe daher ein Recht auf einen rein russischen Namen. Und da man schon einmal beim Namenwechsel ist, soll gleich auch noch Schlüssel­burg den Namen Dreschet" erhalten, damit es nicht Jurjew( Dorpat) und Twinsk( Dünaburg) zu beneiden brauche.

|:[ Die wißbegierige Schulvorsteherin.] Die Vorsteherin eines Mädchengymnasiums in Kiew hat an die Eltern ihrer Schülerinnen ein Rundschreiben versandt, in wel­hem sie um gewissenhafte Beantwortung von 36 Fra­gen bittet. Einige dieser Fragen mögen als besonders harakteristisch hier angeführt werden: 11) Welches der Familienglieder übt einen sittlichen Einfluß auf die Schülerin aus? 12) Welches der Familienglieder übt einen ungünstigen Einfluß auf die Schülerin aus, und in welcher Weise? 22) Ist in der Schülerin das Gefühl der Anhänglichkeit für ihre Umgebung entwickelt? 32) Ist in der Schülerin das Gefühl einer sittlichen Pflicht der Familie, Schule und dem Vaterlande gegenüber ent­vickelt? Man darf neugierig sein, wie sich die geehrten Eltern aus der Affäre ziehen werden, um den Wissens­durst der Schulvorsteherin zu befriedigen.

Der falsche Gerichtsvollzieher. Das Opfer eines raffinierten Gaunerstreiches ist ein junger Buchhalter in Augsburg geworden. In seine Wohnung kam ein angeb­licher Gerichtsvollzieher, holte den Hausherrn herbei und ließ das Zimmer des Abwesenden durch einen herbei­gerufenen Schlosser aufsperren. Dann nahm er ein Spar­tassenbuch über 100 Mark, eine schwere goldene Kette, zwei goldene Ringe und fünf Mark bar an sich, ent­lohnte den Schlosser und ging. Erst als der Buchhalter abends heimkam, stellte es sich heraus, daß ein frecher Gauner den Hausherrn dupiert hatte.

)-( Der Beichtvater der Kaiserin Engeniet. In Paris verstarb im 74. Lebensjahr der ehemalige Beicht­bater der Kaiserin Eugenie von Frankreich, Maria Bern­hard Bauer. Er war als Sohn jüdischer reicher Eltern in Budapest geboren. Er studierte in Wien, Paris und Ber­lin und erwarb sich früh den Ruf als ausgezeichneter Kanzelredner. Erst in reiferen Jahren trat er zum Katho­lizismus über und wurde Geistlicher und eine bei der Aristokratie sehr beliebte Persönlichkeit. Nach dem Sturz des Kaiserreiches trat er aus dem geistlichen Stande und befaßte sich mit Finanzgeschäften. Mit dem Ablegen des Priesterrocks hatte Bauer auch seinen inneren Menschen böllig verändert. Aus dem würdevollen Kanzelredner wurde ein leichtlebiger Boulevardier, der durch seine Liai­sons mit Damen der Halbwelt selbst in Paris Aufsehen erregte. Im Jahre 1899 heiratete er noch und zwar eine Tänzerin der Großen Opér, mit der er seit langem Be­ziehungen unterhielt. Den Winter pflegte Bauer in Nizza zu verbringen, und es geschah wiederholt, daß ihm die greise Kaiserin auf ihren Promenaden dort begegnete; Boch niemals richtete sie ein Wort an ihn, und auch Bauer hatte stets den Tatt, ohne ein Zeichen des Erkennens borbeizugehen.

[ Die Augen des Generalpostmeisters.] Eine amü sante Anekdote wird aus Washington gemeldet: Bor eini ger Zeit gelangten Beschwerden an das Postministerium der Vereinigten Staaten, daß eine Frau in Chicago dia Post zu unerlaubten Zwecken mißbrauche. Die Sache wurde unterfucht. und der Befund ging dahin, daß die

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Beschwerden begründet seien. Daraufhin erfolgte der Gr laß einer Fraud Order" gegen die Dame, so daß ih feine Postsachen verabfolgt wurden. Die Frau schrieb einen pathetischen Brief an den Generalpostmeister, in welchem sie ihn beschwor, er möge ihr Gelegenheit geben, ihm ihre Sache mündlich darzulegen; wenn sie nur einmal ,, in seine schönen rehbraunen Augen blicken könnte" so schrieb sie überschwänglich, dann würde er ihr sichei Recht geben. Der Generalpostmeister war gerade gut ge launt, als er den Brief erhielt, und so schickte er ihn amtlich an den Kriegssekretär Root, mit scheinbarem Ernste anfragend, was er unter solchen Umständen tur jolle. Kriegssekretär Root versah ebenso formell wie fakonisch das Schreiben mit der Randbemerkung: ,, Ris lieren Sie ein Auge", und schickte es dem Generalpost meister zurück.

- Ein Passagier unter der Votomotive. Als der Ma­schinist eines von Reval nach Petersburg gehenden Zu­ges dieser Tage auf der Station Taps der Baltischen Bahn seine Lokomotive schmierte, entdeckte er auf dem Verstärkungskreuz des den Kessel der Lokomotive tra­genden Rahmens einen blinden Passagier. Es war ein Bauer aus dem Kreise Harrien, der auf diese Weise die Fahrt nach Petersburg mitmachen wollte. Er hatte, wie er sagte, seinen gefährlichen Eiz auf der Station Kasif eingenommen und behauptete, als Passagier un­ter der Lokomotive das ganze russische Eisenbahnnez fennen gelernt zu haben. Auf der Sibirischen Bahn habe er unter der Lokomotive eine Fahrt bis Tomsk gemacht und sei dann unter der Lokomotive nach der Heimat zurückgekehrt. Er treibe diesen billigen Reise­sport schon seit einigen Jahren und sei, worüber er sich selbst wundern müsse, jetzt zum ersten Male ertappt mor­den. Er habe diesmal die Reise nach China machen wollen, die er nun zu seinem Bedauern aufgeben müsse; er hoffe aber, seine Absicht doch noch verwirklichen und unter der Lokomotive zu der alten Kaiserin von China gelangen zu können. Der merkwürdige Weltrei­jende wurde dem Gerichte übergeben.

(!)[ Englischer Reiseverkehr.] Den gewaltigen Umfang des Reiseverkehrs in England zeigt ein soeben heraus­gegebener parlamentarischer Bericht. Im Jahre 1902 sind 1 188 568 000 Reisende von den Eisenbahnen des bereinigten Königreiches befördert worden. Das ist gegen 1901 eine Zunahme von 16 162 100 und gegen 1900 eina solche von 46 291 314.

Kunft und Wiffenfchaft.

VD Gin Riese der Vorwelt. Ein neues, ausnahmsweise gut erhaltenes Efelett eines Dinosaurus ist in Dakota ( Nordamerika), man schon viele Reste dieser Urwelt­bewohner ausgegraben hat, zum Vorschein gekommen. Es hat die Länge von 38 Fuß. Die ganze Bauart und das Mißverhältnis zwischen Vorder- und Hinterbeinen deuten darauf hin, daß das Tier sich durch Springen, ähnlich dem Kängeruh, fortbewegt hat. Es war mit einer Schuppenhaut überzogen und nährte sich von Pflanzen, wie die Anordnung der Zähne über zweitausend erkennen läßt, die das schnabelartige Maul des Riesen­tieres aufweist.

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