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20.5.1903 Erstes Blatt
 
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Na. 117.

Erstes Blatt

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mittage

Mittwoch, den 20. Mai 1903.

Gießener

12. Jahrgang

Inseritenspret 8: Die einfpaltige Petitzeile für Gießen wi ganz Oberbeffen, die Kreise Weylar und Starburg 10 fe senft 15 Big.; Reklamen die Betttselle 30 refp.

Boßzeitungsliste Ste. 2009.

Rebastien und Expebition: Gießen Remenweg Bernsprechanfchleh A, 863.

Neuelle Nachrichten

( Stehener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Chamberlains Programm. CB. Der englische Kolonialsekretär Chamberlain, der be­lanntlich zugleich Abgeordneter ist, hat in seinem Wahl­freis zu Birmingham eine Rede gehalten, die mit derje­nigen des Ministerpräsidenten Balfour vollständig im Widerspruch steht. Die Folge davon wird wahrscheinlich sein, daß in allernächster Zeit eine Ministerkrisis ein­tritt, bei der sich entscheiden muß, ob die alte frei­händlerische Richtung des Herrn Balfour oder die neuen Echuzzollgedanken von Joe Chamberlain die Richt­schnur der Regierungspolitik bilden werden. Chamber­lain ist ganz zweifellos der bedeutendste Mann in der englischen Regierung, aber er kann nach den dortigen Berfassungsverhältnissen nicht Ministerpräsident werden, weil er nicht ausgesprochener Parteiführer ist. Wäre dies der Fall, so würde voraussichtlich nach den künftigen Wahlen, die allem Anschein nach zugunsten der konser­vativen Partei ausfallen werden, Chamberlain Premier­minister werden. Aber auch wenn dies nicht der Fall ist, so dürfte er doch der eigentliche Lenker der britischen Politik werden, die auf nichts anderes abzielt, als auf die Aufrichtung des größerbritischen" Weltreichs. Denn bekanntlich führen die Kolonien Englands, sofern sie nicht Kronkolonien sind, ein vollständig selbständiges Dasein, und sind in ihrer Zollpolitik sogar dem Mutterlande gegenüber autonom. Infolgedessen ist auch der Wettbe­werb auf dem Markte der Kolonien der ganzen Welt of­fen und England hat dadurch bereits in manchen Ge­bieten ganz heftige Nackenschläge erhalten. Dazu kommt noch, daß in einzelnen Teilen des Reiches, z. B. in Austra­lien, auch politische Einflüsse zu Ungunsten Englands wirksam sind. Um nun das Staatsgefüge nach außen hin fest zuzuschließen, hat Chamberlain folgenden Plan gefaßt: 1. Abschließung des ganzen britischen Weltreiches gegen den Wettbewerb auf dem Markte durch einen Echutzzoll mit Vorzugsbedingungen für den Verkehr zwi­schen dem Mutterlande und den Kolonien; 2. Schaffung eines Reichsheeres und 3. Vereinigung der sämtlichen Flotten unter dem Oberbefehl des Mutterlandes. Soweit hierbei eine feindselige Absicht gegen andere Völker in Betracht kommt, kann sich diese nur naturgemäß gegen solche Nationen richten, die England in seiner Kolonial­politik in den Weg treten. Es sind dies vor allem Ame­rifa, das in Australien sich festzusetzen sucht, und Ruß-­land, das in Asien die englischen Wege freuzt. Es ist sonach eigentlich überraschend, daß der Kolonialsekre­tär sich nur Deutschland als Zielpunkt seiner feindseligen Aeußerungen gewählt hat. Man weiß ja schon lange, daß Herr Chamberlain unser Freund nicht ist, vor allen Dingen deshalb, weil sich das deutsche Rechtlichkeits­gefühl mit so elementarer Gewalt gegen die blutige Tragödie in Südafrika aufgelehnt hat. Aber Chamber­lain ist nicht so sehr Gemütsmensch, um hier lediglich seine Gefühle sprechen zu lassen. Er hat lediglich einen Echeinangriff gegen Deutschland unternommen, um nicht das eigentliche Endziel seiner Politik entwickeln zu müs­sen, und gewiß ist dies nichts anderes als die Stär­fung der nationalen Wehr gegen Rußland und Amerika auf der Grundlage der Selbsthilfe.

Chamberlains Schuzzollideen finden in den briti­schen Kolonien ebenso wie in England selbst eine ge­teilte Aufnahme. Der Premierminister von Natal er­Ilärte zu Chamberlains Birminghamer Rede, er sei für einen Vorzugstarif mit England und für Behandlung auf Gegenseitigkeit, aber der Reichs- Freihandel sei un­ter den gegenwärtigen Umständen unmöglich. Ebenso hat sich der Oberkommissar in Johannesburg Lord Mil­mer ausgelassen. Er glaubt, daß Chamberlains Rede die Stimmung in Südafrika für die Vorzugsbehandlung sehr günstig beeinflußt habe. In Australien dagegen will man von Chamberlains Plänen nicht viel wissen.

Gleiche Brüder, gleiche Kappen.

Die Mißerfolge der Engländer im Mullahkriege. Seit der Niederlage der Briten bei Gumburri hat man nur wenig über den weiteren Fortgang der briti en Expedition gegen den tollen Mullah gehört. Das hatte, wie sich jetzt herausstellt, seinen guten Grund: Die Engländer haben in der Zwischenzeit so gut wie gar nichts getan, weil sie nichts tun können. General Manning hatte mit Rücksicht auf die Terrainschwie­rigkeiten, die ein Vordringen ins Innere des Landes behindern, auf Weisung der britischen Regierung seine Truppen bei Bohotle zusammengezogen. Angeblich sollte er von dort aus operieren, und der Plaz sollte beson­bers günstig sein für eine gemeinsame Aktion der Bri­ten mit den Abessyniern gegen die Mullahhorden. Ein Blick auf die Karte läßt das nicht sehr plausibel er­scheinen. Man wird außerhalb Englands die Konzen­tration der britischen Truppen bei Bohotle ziemlich all­gemein als ein Bekenntnis der Ohnmacht Englands beuten, irgend etwas Entscheidendes gegen den Mullah zu unternehmen. Und das imso mehr, weil der Hinweis

auf die Möglichkeit eines gemeinsamen Vorgehens mit den Abessyniern von Bohotle aus angesichts der wirk­lichen Sachlage sich als eine faule Finte herausstellt. Die Abessynier zeigen gar keine Neigung, an einer eng­lischen Operation von Bohotle aus teilzunehmen; im Gegenteil, sie sind ganz zufrieden, daß sich die Eng­länder zur Untätigkeit verurteilt sehen. Sie wollen of­fenbar dem Mullah das Leben nicht allzu sauer gemacht sehen und sind zufrieden, daß er die Engländer in Atem hält, wenn er dafür nur ihr eigenes Gebiet nicht brand­schaßt. An einem endgiltigen Siege der Briten über den Mullah hat Abessynien, wie die schlauen Herren in Harrar sehr wohl einsehen, gar kein Interesse. Im Gegenteil, ihnen muß es erwünscht sein, daß er sie noch recht lange beschäftigt.

Danach ist denn auch die ganze Taktik des Negus Menelik gegenüber seinen britischen Verbündeten einer­seits und gegenüber den Mullah andererseits einge­richtet. Schon neulich wurde berichtet, daß die abessy­nischen Zollbehörden dem Mullah in aller Harmlɔsig­feit gegen einen Zoll" von 2000 Kamelen das Ueber­schreiten der abessynischen Grenze gestatteten, wo er vor allen Verfolgungen der Briten sicher war, wie in Abra­hams Schoß. Jetzt stellt sich heraus, daß die angeblich zur Bekämpfung des Mullah ausgesandten Truppen Me­neliks sicherlich nicht ohne des Negus Geheiß- mit den Mullahleuten gute Kameradschaft halten: Sie beob­achten dem Mullah gegenüber eine Art wohlwollender Neutralität; so lange er nicht in abessynisches Gebiet einfällt, lassen sie ihn treiben, was er will. Ja, es heißt, sie lieferten ihm für seinen Kampf gegen die Briten obenein natürlich gegen Bezahlung Was­fen und Munition. Das sind nette Verbündete, die sich die Briten da gewonnen haben. Aber man wird es ihnen gönnen; haben sie doch ihre Verbündeten nicht anders behandelt: Gleiche Brüder, gleiche Kappen.

Daß man in England über diesen Zustand sehr traurig ist, läßt sich begreifen. Natürlich sucht man nach einem Sündenbock, und der ist ja nicht schwer zu finden: Frankreich und Deutschland sind die Karnickel, die den Mullah heimlich unterstüßen. Eine Anzahl französischer und deutscher Offiziere sind, so melden englische Blät­ter, als Drillmeister und Truppenführer in dem Heere des Mullah tätig. Ihnen ist also der Mißerfolg der Engländer zuzuschreiben. Daß in dieser selbstverständlich aus der Luft gegriffenen Beschuldigung eine unbeabsich­tigte Anerkennung der Ueberlegenheit der deutschen und französischen Heeresausbildung über die englische liegt, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden.

Die Politik.

Neue Veränderungen in den Generalkommandos. () In militärischen Kreisen verlautet, nach dem gro­ßen Manöver würden der Generalstabschef Graf Schlieffen und der kommandierende General des 11. Armeekorps, General von Wittich, den Dienst quittieren. Als Nach­folger des Grafen Schlieffen wird General v. d. Gɔlzz, Kommandeur des 1. Armeekorps, genannt, der gleichzeitig dazu ausersehen ist, die geplante Reorganisation des Mi­ltiäringenieurwesens auszuführen. Die Beſegung des Schlesischen Generalkommandos soll noch in dieser Woche erfolgen. Dem verabschiedeten Kommandeur des 16. Ar­meekorps, Grafen Häfeler, hat der Kaiser außer den Brillanten zum Schwarzen Adlerorden ein huldvolles Handschreiben gewidmet, in dem er ihm für seine Dienste dankt und der Hoffnung Ausdruck gibt, im Ernstfalle diese Dienste in Anspruch nehmen zu können. Gleichzei­tig wird verfügt, daß Graf Häfeler weiter in der Rang­liste der aktiven Generäle zu führen ist.

Zwei neue deutsche Kardinäle!

(?) In vatikanischen Kreisen gilt es neuerdings als sicher, daß in kurzer Frist das Kardinalskollegium um zwei deutsche Purpurträger vermehrt werden wird. Zu­nächst wird in dem bevorstehenden Konsistorium nur ein einziger deutscher Kardinal( Fischer) kreiert werden. Die Ernennung eines zweiten deutschen Kardinals ist für das übernächste Konsistorium in Aussicht genommen.

Die Unruhen in Kroatien,

die sich gegen die Magyaren richten, dauern fort. Aus den bei Fiume gelegenen Ortschaften Draga und Porto Re wer­den Kundgebungen gemeldet, die sich gegen das ungarische Wappen auf öffentlichen Gebäuden richteten, wobei Schmährufe gegen den Banus( Landeshauptmann) ausge­stoßen wurden. Teilnehmer ähnlicher Kundgebungen zer­störten an mehreren andern Orten Telegraphen- und Te­lephonleitungen. Zwischen Plaze und Meja sperrten Ruhe­störer die Bahngeleise mit Steinen, so daß ein Laſtzug auf offener Strecke halten und, da er von der Menge mit Steinen beworfen wurde, nach Plaze zurückkehren mußte. Tie Gendarmerie zerstreute mit Hilfe von Militär die Ruhestörer überall, ohne Widerstand zu finden, worauf die Telegraphen- und Telephonleitungen wiederhergeſtellt wurden und das Bahngeleise freigemacht wurde.

Vom Balkan.

)-( Mit der Einnahme von Ipek glaubt die Pforte die Hauptaktion gegen die Albanesen beendet. Sie hat erklärt, jezt bleibe nur noch die Züchtigung der albanesi­schen oppositionellen Minorität übrig. Diese würde auch gegen jene durchgeführt werden, die erst im letzten Augen­blick Gnade erbeten haben. Auch beim Sultan scheint die Stimmung zuversichtlich zu sein. Ob mit Recht?- In Saloniki ist der Bulgare Marko, der die Minen in der Ottomanbant gelegt hat, verhaftet worden. Eine An­zahl von bulgarischen Offizieren und Studenten ist aus Philippopel und anderen Orten abgezogen, um an dem Bandenkriege in der Türkei teilzunehmen. Die Pforte vill gegen diese Offiziere und Studenten strenge Maß­geln ergreifen.

China Rußlands Eideshelfer.

( 2) China hat sich darin gefunden, die Mandschurei als eine russische Provinz anzusehen. Neulich wurde schon gemeldet, daß China den Mächten mitgeteilt habe, für die Mandschurei gälten nicht die Gebühren für Telegramme, die im übrigen China erhoben werden, sondern es wolle die Säge erheben, die für Telegramme nach Rußland festgesetzt sind. Jetzt hat China den amerikanischen und japanischen Vertretern mitgeteilt, es sei ,, wegen des Wider­spruchs Rußlands" unmöglich, die Oeffnung von Städten der Mandschurei als Bestimmung in die Handelsverträge aufzunehmen. Die Vereinigten Staaten schlagen vor, Mukden, Charbin und einen kleinen Hafen an der Mün­dung des Jaluflusses zu öffnen. Daraus wird also, wenn Rußland nicht will, nichts werden. Und Rußland wird nicht wollen.

Kurze politische Nachrichten.

* Das deutsche Geschwader unter dem Kommando des Prinzen Heinrich wird am Mitwoch im Hafen von Vigo erwartet, wo es Kohlen übernimmt. Zum Empfang des Prinzen sind Festlichkeiten vorbereitet.

* Der Oberpräsident von Schlesien, Fürst Haßfeldt, Herzog zu Trachenberg, wird demnächst in den Ruhestand treten. Die Ursachen des Rücktritts sind neben einem Augenleiden auch Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und der Regierung, die sich, wie unser Berliner CB.- Mit­arbeiter hört, hauptsächlich auf die Behandlung der ober­schlesischen Polen zu beziehen.

* In Triest ist ein teilweiser Tischlerausstand ausge­brochen. In 77 Betrieben haben 520 Gehilfen und 100 Lehrlinge wegen Streitigkeiten bezüglich des Lohnes und der Arbeitszeit die Arbeit eingestellt. In den übrigen 73 Betrieben der Stadt wird gearbeitet.

* Wegen der Vorfälle in den Pariser Kirchen am Sonn­tag hat der Ministerpräsident Combes den beteiligten Pfarrern das Gehalt gesperrt, weil sie unter Verlegung der Vorschriften des ministeriellen Rundschreibens die Kan­zeln ihrer Kirchen Mitgliedern nicht genehmigter Kongre­Jationen eingeräumt haben. In Zukunft sollen alle kir­Hen, deren Pfarrer ein Mitglied eines der verbotenen Orden predigen lassen, geschlossen werden.

* Der Gouverneur von Kischinew, Generalleutnant v. Raaben, ist wegen der jüngsten Judenverfolgungen ver­abschiedet worden.

* Das neue bulgarische Kabinett ist unter dem Vorsitz des Generals der Reserve Petrow zustande gekommen. Drei Mitglieder des Ministeriums, darunter der Präsident, sind Mitglieder der Stambulowpartei; die anderen sind Ver­trauensmänner des Fürſten.

Hof und Gesellschaft.

*** Der Kaiser unternahm gestern einen Spazierritt in die Umgegend des Schloſſes Urville und empfing ſpä­ter den Bezirkspräsidenten von Lothringen Grafen v. Zep­pelin- Aschhausen und den Regierungs- und Baurat Dom­baumeister Tornow zum Vortrage. Die Kaiserin ſtif­tete für die Trierer Krankenhauslotterie eine Anzahl wertvoller Gegenstände aus der fgl. Porzellanmanufaktur, sowie fünfzig Bücher und Bilder.

*** Prinz Eitel Friedrich von Preußen, sowie der Herzog Karl Eduard von Sachsen- Koburg und Gotha, un­ternahmen mit ihren militärischen Begleitern und dem Professor Dr. Clemen von Bonn aus einen Ausflug nach der Abtei Maria Laach. Nach eingehender Besichtigung der Kirche und Abtei wurde im Kloster das Frühstück einge­nommen, worauf der Prinz und der Herzog sich unter Dan­kesworten von ihren Gastgebern verabschiedeten.

*** Gegenüber Blättermeldungen, daß die Herzogin Karl Theodor von Baiern gefährlich krank sei, wird mitgeteilt, daß die Herzogin nur der Schonung bedürfe. Der eigentliche Diphtheritisanfall, den sie sich am Kranken­lager ihrer Nichte, der verstorbenen Prinzessin Irmgard, zuzog, sei bereits vorüber.

*** Prinz Andreas von Griechenland, der sich mit Prinzessin Alice von Battenberg verlobt hat, wird auf ein Jahr ins deutsche Heer eintreten, und zwar in Darmstadt, wo seine Braut, eine Nichte des Großher­zogs von Hessen, ihren ständigen Wohnsiz hat.

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