Nr. 15.
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Montag, den 19. Januar 1903.
Gießener
12. Jahrgang.
Insertionsprei 8s Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 fg. fonft 15 Pfg.: Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Vfg.
Foftzeitungsliste No. 3269.
Redaktion und Expedition: Gießen Reuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr. 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Unabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Deutfcher Reichstag.
Was ist Malzgerste?
240. Sigung. CB. Berlin, 17. Januar. Während im Plenarsaale des deutschen Reichstags heute eine gähnende Leere herrschte, waren die Tribünen mit jenen vollgewichtigen Persönlichkeiten besetzt, die man im Brauerstande so oft vorfindet. Die Herren waren erschienen, um zu hören, wie die Regierung in Beantwortung der Interpellation Röside den Begriff Malz gerste auslegt und wie sie beim Verzollungsgeschäft die Unterscheidung zwischen Malz- und Futtergerste durchführen will. Die einleitende Rede hielt der Interpellant Abg. Röside selbst, der als Brauereidirektor Sachver tändiger ist. Er betonte, daß in der ,, berüchtigten Nacht bom 13. zum 14. Dezember v. J." der Reichskanzler ausbrüdlich einen Unterschied zwischen Malz- und Futtergerste gemacht habe, und er frage nun, nach w lchen Merkmalen die Unterscheidung zwischen beiden Arten durchgeführt werden solle. Staatssekr. Fehr. v. Thielmann erwiderte, daß in dem Zolltarisgesez le iglich die Bestimmung aufgenommen sei, daß Malzgerste feinesfalls unter 4 Mark verzollt werden dürfe; das schließe aber nicht ein, daß zwischen Malz- und Futtergerste unterschieden werde. Diese Frage werde erst atut, wenn ein Vertrag schließender Staat die nach dem Wortlaute des§ 1 allerdings zu lässige Ermäßigung der Futtergerste verlang. Vorläu ig seien aber Handelsvertrags- Verhandlungen überhaupt noch nicht eingeleitet.
Abg. Graf Stolberg war mit dieser Erilärung, die eine Bertagung der endgiltigen Begriffs feststeilung bedeute, einverstanden, während der Abg. Müller- Meiningen absolut eine bindende Erklärung des verantwortlichen Reichskanzlers verlangte. Scharf wurde die Tela te nach einer Rede des bayer. Bauerubündlers Nißler, als der Führer der freisinnigen Vereinigung Dr. Barth sich Furch die Beniertung, der Zolltaris sei durch einen Rechtsbruch zustande gekommen, nach einem heftigen Angriff auf den Reichstanzler einen Ordnungsruf holte. Hierauf tam die Interpellation Herold, welche die Durchführung eines ausreichenden Schuzes der Landwirtschaft und Mindestsätze für Vieh fordert. Nach einer kurzen Befürwortung durch den Abg. Herold verlagte sich das yaus auf Montag 2 Uhr. Am Montag beginnt die Etatseratung, die noch heiße Kämpfe bringen wird.
Der Kronprinz am Zarenbof.
RK. Am Tag. der Ankunft des deutschen Kconprinzen in Petersburg fand im Winterpalast ein Galadiner statt. Der Kronprinz, der rechts von der Zarin saß und die Uniform des ihm neu verliehenen russischen Regiments trug, hatte die Zarin- Mutter zu Tisch geführt. Gegenüber saß der Zar. Während des Mahls hieß der Herrscher aller Reußen seinen jugendlichen Gaft in einem fran zösisch gesprochenen Trinkspruch willkommen; er dankte dem Kronprinzen für seinen liebenswürdigen Besuch und trank auf das Wohl des deutschen Kaiserpaares und des Kronprinzen. Der Kronprinz sprach im Namen seines Baters und in seinem eigenen Namen seinen warmen Dant aus für den so herzlichen Empfang, an den er eine unauslöschliche Erinnerung bewahren werde." Er trank auf das Wohl des Zarenpaares, der Zarin Mutter und der ganzen Zarenfamilie. Nach dem Festmahl hielt das Zarenpaar und der Kronprinz Cercle. Der Kronprinz unterhielt sich längere Zeit mit dem Grafen Lamsdorff, dem Finanzminister, dem Kriegsminister, dem Minister des Innern, dem Baron Fredericks und dem Admival Højestwenski, welcher die Flottenmanöver bei Reval vor dem deutschen Kaiser tommandiert hatte. Die Großfürsten waren wiederum in ihren preußischen Unisormen erschienen. Die Blätter widmen dem Kronprinzen sympathi sche Begrüßungen. Die ,, St. Petersburgskija Wjedomosti" schreiben an leitender Stelle: Der herzliche Empfang des deutschen Kronprinzen bildet das Ereignis des Tages. Die hochsympathische Persönlichkeit des jugendlichen Thronerben, über dessen Bescheidenheit und glänzende Eigenschaften ein günstiges Urteil herrscht, zieht schon jeßt die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Mit dem Deutschland der Zukunft müssen wir leben und ernstlich, der Vernunft entsprechend, uns verständigen. In der Reihe von Festen, die dem deutschen Kron. prinzen in Petersburg bevorstehen, ist die Parade am 19. Jan.( 6. Jan. russischen Stils) von besonderem Interesse. Sie findet alle Jahre am Epiphaniasseste statt. Dieses Fest wird in besonders feierlicher Weise begangen und ist verbunden mit dem Fest der Wassertaufe". Es wird über all in Rußland in derselben Weise unter Teilnahme aller Militär- und Zivilbehörden begangen, die sich in feierlichem Zuge von der Kirche zu dem nächstgelegenen Wasser begeben. Da das Wasser um diese Zeit in Rußland stets zugefroren ist, so führt auf dem Eise ein besonders gebauter Steg zu einer aufgehackten Stelle. Hier wird unter feierlichen Gesängen, dem Donner der Geschütze und dem Schmettern der Trompeten das Kreuz Chrifti wiederholt
von dem amtierenden open in das Wasser getaucht und hierdurch dieses getauft". Diese Feier soll jährlich an die erste christliche Taufe der Russen im Jahre 988 erinnern, die der Großfürst Wladimir, ein Urenkel Ruriks, im Dnjepr vornahm. In Petersburg wird die Wassertause vom Winterpalais aus vorgenommen, von welchem direkt auf das Eis der Newa eine prächtige, besonders gebaute Estrade führt.
Die Politik.
Zum Dresdener Ehekonflikt.
Tie Verhandlungen zwischen den Anwälten des Aronprinzen und der Kronprinzessin sollen zu dem Ergebnis geführt haben, daß die kronprinzessin auf sämtliche ihr aus ihrer Ehe zustehenden Titel, Recht: und Würden verzichtet und fortan ihren ursprünglichen Fa miliennamen wieder annimmt, während der Kronprinz sich bereit erklärt, der Prinzessin jährlich 30 000 r. zu überweisen. Tas von der Kronprinzessin seinerzeit mitgebrachte Heiratsgut von einer halben Million Mart dürfte der Kronprinzessin voll zurückgezahlt werden. Demnach wäre also die Scheidung des Kronprinzenpaares beschlossen.
Beschränkung der Arbeitszeit in Konfektionsbetrieben. ) Die Regierung plant die Beschränkung der Arbeitszeit in den Maßgeschäften, die sich mit der Anfertigung von men- und Kinderkleidern beschäftigen. Es soll eine kaiserliche Verordnung erlassen werden, die die Ausdehnung des Paragraphen 135 ff. der Gewerbeordnung auch auf diese konfektionsbetriebe anordnet. Vorher aber sollen die Regierungspräsidenten die Gewerbeaufsichts beamten über die Notwendigt.it einer solchen Maßveget hören.
Chinesische Reform- Pläne.
)-( Tie Chinesen haben die Herrschaft der KaiserinWitwe satt. Aus Peking wird gemeldet: Das Zensorenamt richtete an die Kaiserin- Witwe eine Denkschrift, worin es als ersten Schritt zu einer Reformpolitik die Akdankung der Kaiserin- Witive fordert. Die KaiserinWitwe hat den Vorschlag natürlich höchst ungnädig aufgenommen.
Kurze volitische Nachrichten.
Berlin, 17. Januar.( Hofbericht.) Bei der Audienz, die der Kaiser den Präsidien des Herrenhauses und Abgeordnetenhauses erteilte, unterhielt er sich mit dem Herrenhauspräsidenten Fürsten Wied über die vom Kaiser dem Herrenhause geschenkte Marmorgruppe: ,, Die Krone der Hort des Friedens". Mit dem Präsidium des Abgeordnetenhauses besprach der Kaiser die neuen Wandgemälde im Abgeordnetenhause. Politische Fragen wurden nicht erörtert.
* Das Befinden König Georgs von Sachsen bessert sich. Das neueste Bulletin besagt, daß die fatarrhalischen Erscheinungen noch nicht vollständig geschwunden sind und der Schlaf durch Husten noch öfter gestört ist, daß jedoch die Kräfte weiter zunehmen.
* Eine Städtekonferenz über den Zolltaris soll im September gelegentlich der Deutschen Städteansstellung" in Dresden veranstaltet werden. Es sollen di: durch Aufhebung des Oftrois berührten städtischen Interessen erörtert werden.
* Das Kriegsgericht des ersten Geschwaders verutteilte den Kapitän zur See Wallmann wegen f. 10lässigen Verschuldens bei der Strandung des Liniensauffes ,, Wittelsbach" zu dreiwöchigem Stubenarrest. Die Reparaturkosten werden auf 100 000 Mart geschäßt.
Wie uns aus Berlin geschrieben wird, verfügt eine Kabinettsordre die Unterstellung der dem ersten Geschwader zugehörigen Aufklärungsschiffe unter einen Befehlshaber, der für die Ausbildung und Schulung der Schiffe für den Aufklärungsdienst forgen soll. * Dem preußischen Abgeordnetenhause ist der Gesezentwurf über eine anderweite Vorbildung der höheren Verwaltungsbeamten zugegangen.
* Die Generalversammlung der MarienburgMlawfaer Bahn beschloß den Verkauf der Bahn m den preußischen Staat.
Die Konkurrenz der Gefängnis
Arbeit.
CB. In einer der letzten Sizungen des deutschen Reichsags wurde die Interpellation betr. Einschränkung der Ge fängnisarbeit beraten und hierbei trat bie merkwürdige Erscheinung hervor, daß die rechts stehenden Parteien, ehedem schon durch ihre Mittelstandspolitik heftige Gegner jeden Wettbewerbs durch Gefängnisarbeit, Gegner des Antrags Albrecht waren, während die Freisinnigen,
obgleich sonst Verteidiger s freien Spiels der Kräfte, für eine weitere Einschränkung der Gefängnistonkurrenz intraten. Dieser auffallende Umschwung ist dadurch zu erklären, daß die Bundesratsverordnung von 1893 be ceits ihre Wirkungen geäußert hat. Durch diese ist näm lich angeordnet, daß die Konkurrenz der Gefängnisarbeit nicht in einer ruinösen Art für Gewerbe und Industrie betrieben werde. Früher wurde die Arbeitsleistung der Gejangenen, deren Lebenshaltung ja, weil aller Luxus aus geschlossen ist und die Ernährung auf das Mindestmaß Des Notwendigen zurückgeschraubt wird, verhältnismä žig niedrig zu stehen kommt, weit unter dem Marktlohne des freien Arbeiters an die Unternehmer verpachtet. Ebenso warfen die in eigener Regie arbeitenden Strafanstalten, wie beispielsweise das Zuchthaus in Bruch sal, die Waren weit unter dem Preise der freien Gewerbeunternehmungen auf den Markt. Infolge des Drängens der interessierten Berufskreise sah sich nun die freilon servative Partei veranlaßt, eine Aenderung der Arbeitsbergebung und der Preispolitik der Strafanstalten vorzuschlagen und sie tonnten sich hierbei auf England be rufen, das bekanntlich im Anfang oder Mitte der neunziger Jahre die deutsche Gefängnisarbeit vom sollfreien Eingang nach England ausschloß. Die Anregung führte zu der gedachten Aenderung. Seitdem sind die Preise für die Gefangenenarbeit höher und die Strafanstalten sind mehr als früher darauf bedacht, schwere Kulturarbeiten ausführen zu lassen, zu denen sich die inländischen und gelernten Arbeiter nicht gern hergeben. Es sind dies Wald- und Haiderodungs- und Grundarbeiten und Austrocknen von Sümpfen und Moosgegenden. Immerhin hat die Gefängnistonturrenz noch nicht ausgehört und diejenigen Streise, die früher vielfach die Rußnießer der Gefängnisarbeit gewesen sind, haben sich allmählich in Gegner verwandelt. Man muß aber doch auch die Dinge von zwei Seiten ansehen. Für den Strafgefangeren giebt es nur einen Trost, die Arbeit, die zugleich auch das wirksamste Besserungsmittel ist. Dadurch wird er für seine Rückkehr ins Leben an Pünktlichkeit und Pflicht gefühl gewöhnt, und indem man ihm den lleberverdienst beläßt, ebnet man ihm auch den Weg zu einer neuen Existenz. Aber das wird man niemals erreichen, daß der Strafgefangene den gleichen Lohn erhält, wie der freie Arbeiter, weil unter solchen Bedingungen naturgemäß tein Unternehmer daran denkt, sich Arbeitskräfte zu mieten, die doch immerhin ohne eigenes Interesse ihre Dienste leisten. Ein Mindestmaß von Konkurrenz wird also immer bleiben, und die Gewerbetreibenden werden sich mit gutem Humor in diese unausweichlichen Verhältnisse schicken müssen. Aber es ist gut, wenn von Zeit zu Zeit durch eine Erörterung in den Parlamenten dafür gesorgt wird, daß die Behörden nicht langsam wieder in die alte Bragis bei der Lohn- und Preispolitik verfallen. Da die Resolution Albrecht und Gen. diese Aufgabe erfüllt hat, s tann man immerhin mit ihr einverstanden sein.
Vermischtes.
18[ Wie man in Großstädten wohnt.] Das Bremer statistische Amt hat eine Tabelle aufgestellt, in welcher berechnet worden ist, wieviel Bewohner in den 33 deutschen Großstädten, die über 100 000 Einwohner haben, auf ein bewohntes Wohnhaus kommen. Dabei stellt sich die Tatsache heraus, daß, wenn man den mittleren Durchschnitt in allen 33 Großstädten zieht, 24,9 Bewohner auf ein Wohnhaus treffen. Die größte durchschnittliche Zahl an Bewohnern hat ein Wohnhaus in Charlottenburg mit 52,5 Bewohnern aufzuweisen. Gleich nach Charlottenburg jolgt Berlin, wo ein Haus 50 Einwohner beherbergt. In München treffen 28,8, in Hamburg 24,3 Bewohner auf ein Haus. An lester Stelle steht Bremen, das mit 7,8 pausbewohnern eine Ausnahme unter allen deutschen Großstädten bildet. Leßtere Tatsache hängt mit dem Umstand zusammen, daß in Bremen das Einfamilienhaus sehr verbreitet ist.
(!)[ Einen boshaften Wih] hat sich ein Spaßvogel mit Berliner Blättern gemacht. In verschiedenen Zeitungen der Reichshauptstadt stand zu lesen, es sollten im städtischen Dienst weibliche Bibliotheisbeamte angestellt werden, wobei es auf Vorkenntnisse nicht ankomme. Das Kuratorium wurde auf diese Mitteilung hin mit Anträgen von stellenlosen Konfektioneusen, Puzmacherinnen, Büffetdamen, Kellnerinnen zc. überschwemmt, die alle um Beschäftigung im Bibliotheksdienst bitten da ja Vorkenntnisse nicht nötig seien.
8[ Der Kampf um die Anprobierdame".] In der Friedensstraße in Paris ist der Krieg ausgebrochen! Die elegantesten Schneider der Welt, die von allen zahlungsfähigen Damen Europas und der anderen Erdteile wie bie Götter verehrt werden, wohnen in der ., Rue de la Bair" zu Paris. Zwei dieser elegantesten Schneider der Welt der ein ist der ungeheuer berühmte Redfern führen gegenwärtig einen erbitterten Krieg, der vor den Gerichten ausgefochten wird. Augen
Lord Keith
Vorwürfe des eigenen Gewissens. Wenn diese sie nur nichts als die
Nun hatte sie nichts mehr zu fürchten in Darley Half batte alles, freigegeben. den Verlust des Lurus und Glanzes zu grä
Herzens und Heims herrschen. Sie brauchte sich nicht län
vermählen und als die Gebieterin seines
wollten.
dann hatte
,, Weshalb wollen Sie sich durch solche Erinnerungen
machen." betrüben?
O, das steht nicht zu befürchten! erklärte Lady Rose schaudernd und einen Moment die spreche, hört das Schredensbild auf, mich zu verfolgen," Sie fönnen sich möglicherweise wieder trant Wenn ich davon
Tür,
fühlte, wie durch
und
sah,
welche
der
Arm, Besuch
eingelassen wurde.
als diese die Schwelle des auf daß Barbaras Liplchen
Lady Rose
sie sich ſtüßte, bebte, böllig blutleer waren, schweren Seelen
chem sie vor einigen Stunden ers überschritt, in wel
tampf ausgefochten und
den
atte
notwendigen Formalitäten, und auch, als ihr Obmann für ihn blos einen weiteren Schritt in der Kette der hervor. Das Sichzurückziehen der Gschworenen bedeutete zu lassen, riefen nicht den geringsten Eindruck bei ihm was ihn vielleicht noch mehr belasten Tönnie, ungesagt


