Ausgabe 
18.7.1903 Erstes Blatt
 
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Nr. 166,

Erstes Blatt.

Woquementopreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pf Saus gebracht 60 Bfg., durch die Poft bezogen viertel jährlich Mr. 1.50.

Gratiebellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) berbeffife Bettschrift für Landwirtschaft, Ob- und Datenbek, fowie bie Clebonee Getfenblasen( whentlich). Das Blatten en allen Burting

admitage.

Samstag, den 18. Juli 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Insertionsprei 0 Die eintaltige Betigelle for Cichen he gang Oberbeffen, die Kreise Wehlar und Marburg 10 to sonst 15 Pfg.; Reklamen die Betttzelle 30 resp. 40 g.

Boftzeitungsliste No. 3900.

Rebektion und Expedition: Gießen Rennwe

Servigoition: Gießen News 28.

Neuelle Nachrichten

( foner Tageblatt) mex

Unabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Bekanntmachung.

Wegen vorzunehmender Arbeiten an der städtischen Laswaage auf dem S. ltersberg wird dieselbe von Montag, dem 20. d. 8 ab bis auf We teres außer Betrieb gef Bt.

Ich bringe dies mit dem Bemerken zur allgemeinen Kenntnis, daß während dieser Zeit Verwiegungen auf den städtischen Waagen am Neustädtertor und bei der Margareten= hütte vorgenommen werden fönnen.

Der Oberbürgermeister.

J. V. Curschmann.

Vorausfagen und Berechnungen.

Rom, 17. Juli.

Da niemand etwas bestimmtes über den Verlauf de Krankheit des Papstes erfahren fann, so können die be allen hervorragenden Ereignissen obligaten Voraussager und Berechner so recht ihr Mütchen fühlen. So wi eine Nachricht aus dem Vatikan dringt, wird auf die Mi nute ausgerechnet, wie lange dem Papst noch beschieden sein wird, zu leben, wenn... ja menn. Denn ein Wenn' ist immer dabei. Sogar in den Voraussagen der Aerzte Lapponi erklärte heute, der Zustand sei unverändert, der Papst könne noch einige Tage leben, wenn... nicht eine Katastrophe eintritt. Die ärztliche Kunst, das sieht man ist am Rande ihres Könnens angelangt. Verzichteten die Aerzte doch sogar auf einen Bruststich, trotzdem sie dem Kranken dadurch sicher Erleichterung verschafft hätten. Sic fürchten, daß der greise Körper doch schon zu sehr geschwächt iſt. Inzwischen hat Mazzoni einen ruhigen Augenblick, dessen sich der Papst erfreute, benutzt, um diesen zu photo­graphieren. Er machte von dem Kranken, an dessen Bett der treue Centro fniet, zwölf wohlgelungene Aufnahmen. Abergläubische Römer bedauern, daß der Papst sich dazu verstanden habe, sich photographieren zu lassen. Ein Kran ker, der das täte, fönne sicher sein, so sagen sie voraus, ſein Lager nur tot zu verlassen. Auch dem treuen Centra be­rechnen sie schon ein nahes Lebensende.

Die Politiker machen inzwischen allerlei Voraussetzungen und Berechnungen über das Konklave und den künftigen Bapst. Man munkelt von geheimnisvollen Aufträgen, die Leo XIII. an Rampolla gegeben haben soll, der ihn abends spät besuchte. Die Tribuna" will sogar wissen, daß es sehr weitgehende Vollmachten gewesen seien. Man sagt, daß Gotti und Rampolla mit einander paktierten und berech­net im voraus genau die Chancen, die Gotti hat, gewählt zu werden, wenn Ramvolla und sein Anhang ihn unter: ſtützt. Sicherer als diese problematischen Voraussetzungen sind die statistischen Berechnungen über das Verhält nis der Stimmtenzahlen der katholischen Gläubigen, die die einzelnen Kardinale vertreten. Danach sind 32 Millioner italienische Katholiken in der Kirchenregierung durch 39, die 148 Millionen Katholiken des übrigen Europas durch 25, die Katholiken Amerifas und Australiens durch je einen Kardinal vertreten. Es entfallen nämlich auf Italien 39, Frankreich 7, Desterreich- Ungarn und Spanien je 5, Dentsch­land 3, England( mit Irland) 2 Kardinäle( der englische Vaughan ist vor einigen Wochen gestorben), Belgien, Portu­gal, die Vereinigten Staaten und Australien je einen Kor­dinal.

Die Politik.

Zur Unterstützung von Unterbeamtenwitwen

hat der preußische Minister des Innern eine interessant Verfügung erlassen. Es wird darin ausgeführt, daß an gesichts der starken Vermehrung von Unterstügungsanträgen für Hinterbliebene von Unterbeamten nur in ganz besonderen Ausnahmefällen die Bewilligung außerordentlicher Beihilfen erfolgen könne. Die Beamtenwitwen seien gegen früher erheblich besser gestellt. Allerdings seien damit auch die An­sprüche gewachsen. Insbesondere sei das Bestreben der Unter­beamtenwitwen, den Kindern eine weit über ihren Stand hinausgehende Bildung zu geben, insofern ein Uebelstand für die Witwen geworden, als dieses Streben in feinem Verhältnis zu den Mitteln stehe. Etwaige Unterſtüßungs­anträge sollen von diesen Gesichtspunkten aus seitens der Behörden geprüft und nötigenfalls von vornherein zurück­gewiesen, oder es soll doch auf die Bittsteller entsprechend ein­gewirkt werden.

Prozeßverschleppung in Deutschland.

Seit 1888 läßt die Reichsregierung amtliche Erhebungen über die Dauer der Civilprozesse anstellen. Aus dem bis­herigen Ergebnisse dieser Ermittelungen seien einige inter­essante Daten mitgeteilt. Zunächst ist festzustellen, daß bei der Anberaumung des ersten Termins in den letzten Jahren im allgemeinen eine Beschleunigung stattgefunden hat, so­wohl bei den amtsgerichtlichen, wie bei den land- und ober­landesgerichtlichen Sachen. Die Dauer der Prozesse selbst ist dagegen entschieden gestiegen. Bei den Amtsgerichten ist der Anteil der Prozesse, die weniger als drei Monate gedauert baben. feit 1888 von 68.7 auf 58,4 pct. zurückgegangen, der

der Prozesse von mehr als einem Jahr Dauer von 2,1 au 4,3 pCt. gestiegen. Bei den erstinstanzlichen landgerichtlichen Prozessen sind 1901 allerdings 28,2 pCt.( gegen 26,8 pЄt. im Jahre 1888) in weniger als drei Monaten entschieden, dagegen ist der Anteil der ein bis zwei Jahre dauernden von 11,5 auf 13,1 und der der länger als zwei Jahre dauernden ſeit 1890 von 2,9 auf 4,2 pCt. gestiegen. In der Berufungs­instanz hat sich die Dauer der Prozesse bei den Landgerichten infolge der Abkürzung der Einlassungsfrist etwas verfürzt, indem im Jahre 1901 39,6 vom Hundert der Prozesse in weniger als einem Monat entschieden sind gegen 35,1 vom Hundert im Jahre 1899. Dagegen ist bei den Oberlandes gerichten eher wieder eine Verschlechterung eingetreten, indem im Jahre 1901 15,8( 1899 14,7) vom Hundert ein bis zwei Jahre und 5,2( 5,1) über zwei Jahre dauerten. Wenn auch diese Statistik stellenweise eine Beschleunigung des Prozeßganges zeigt, sind die Klagen über zu lange Dauer der Brozesse doch nicht ungerechtfertigt.

Die Mandschureifrage gelöst!

Was wir gegenüber den Schwarzmalereien der bri tischen Presse über die Lage in Ostasien vorausgesagt haben ist eingetroffen: die Mandschureifrage ist in Ruhe und Frie den zu allseitiger Zufriedenheit nur nicht zu der Eng ' ands gelöst. Aus Washington kommt folgende amt­liche Mitteilung:

Die Mandschureifrage ist in befriedigender Weise gelöst worden durch die von der chinesischen Re­gierung gegebene Zusicherung, die Mandschurei in näch­ster Zeit dem Welthandel zu öffnen durch die Erklärung mehrerer Häfen zu Vertragshäfen. Die russische Re­gierung hat den Vereinigten Staaten offiziell erklärt, daß sie sich dieser Freigabe in feiner Weise widersetzen werde. Welche Häfen freigegeben werden sollen, ist noch nicht angegeben, doch verlautet, es sollten dies Mukden und Tatung- fao sein.

In Washington glaubt man, die Eröffnung von Ver­tragshäfen werde im Monat September erfolgen. Dagegen, daß Rußland sich nach diesem Zugeständnis in der Mand­schurei häuslich einrichtet, hat offenbar weder Amerika noch Japan etwas einzuwenden. Diese Erledigung der Frage be­deutet einen neuen Triumph der russischen Staatskunst über die britische, die von Niederlage zu Niederlage schreitet.

Englisches Militär in Südafrika.

Im Londoner Unterhause machte der englische Kriegs­minister Brodrick u. a. Mitteilungen über die Truppen, die in Südafrika garnisoniert werden sollen. Danach schlägt die englische Regierung vor, in Südafrika 25 000 Mann zu halten, und zwar 4 Kavallerieregimenter, 14 Batterien, 14 Linienbataillone und 4 Garnisonregimenter. Diese Truppen sollten zugleich auch für den Dienst in Indien in Notfällen bestimmt sein. Die indische Regierung werde aufgefordert werden, einen Teil der Mehrausgabe zu übernehmen. Truppentransporte würden zwischen Südafrika und Indien im Notfalle sofort verfügbar sein.

Amerika im Suluarchipel.

= Der neueste Streich der unternehmungslustigen Yankees, die Hissung des Sternenbanners auf einigen nördlich von Borneo in der Sulusee gelegenen und von England als bri­tischer Besitz betrachteten Inseln, hat in London große Ver­blüffung hervorgerufen. Um so mehr, als es sich offenbar nicht um ein voreiliges Vorgehen eines Schiffskomman­danten, sondern um eine von langer Hand geplante Maß­nahme der Washingtoner Regierung handelt. Die ameri­fanische Botschaft in London hat im Auftrage ihrer Regierung den britischen Ministern das erklärt und hinzugefügt: Die Inseln gehörten früher den Spaniern und gehören nach der Eroberung der Philippinen Amerika. Die Annettierung ist erfolgt, um eine Grenze zwischen dem amerikanischen Besitz in den Phlippinen und der Sulusee einerseits und der bri­tischen Nordborneo- Gesellschaft andererseits herzustellen. Das britische Kabinett will das natürlich nicht gelten lassen. Es betrachtet die Inseln als zu England gehörig und pro­testiert gegen ihre Annerion durch die Vereinigten Staaten. Die Inselgruppe besteht aus sieben Inseln, namens Taganac, Baguan, Baffungan, Lihiman, Sibaung, Boaan und Lan­favan. Taganac, Baguan und Baffungan beherrschen die Häfen von Sandakau, Sibaung, Boaan und Lihiman den Eingang zur Labukbay, sie sind deshalb strategisch höchst wichtig; ihr sonstiger Wert ist geringfügig. Selbstverständlich werden die Amerikaner die Inseln nicht wieder herausrücken. Yankeehumanität.

Neben der Kommission, die der Sklaverei in den Ver­einigten Staaten nachforscht, ist jetzt noch eine andere Kom­mission von Washington aus entsandt worden, die die Auf­gabe hat, die Gefängnisse zu untersuchen. Ihre Entsendung war die Folge eidlicher Aussagen, wonach die Behandlung der amerikanischen Gefangenen grausamer sei, als in Sibi­rien. Den Gefangenen wurde vor dem Prügeln der Rücken mit Fett bestrichen und dann Sand in die Wunden ein­gerieben. Dem Staatsgouverneur wurden Wunden von Peitschenhieben gezeigt. Und das ist das Land der Freiheit und der Menschenrechte!

Kurze politische Nachrichten.

* Das Reichsamt des Innern hat dem deutschen Fischereiverein in diesem Jahre 60 000 Mart über­

wiesen.

Der preußische Kultusminister Studt verweigerte wäh rend seines Aufenthaltes in Christiansfeld einer Abordnung von sechs dänischgesinnten Landleuten, die um Einführung ztveier dänischer Sprachstunden in den Schulen bitten wollten, die nachgesuchte Audienz.

* Das preußische Oberverwaltungsgericht hat im Gegen­satz zu dem nachgeordneten Gericht jetzt dahin entschieden daß Patentanwälte auch in Preußen zur Ge werbesteuer nicht herangezogen werden dürfen. In anderen Bundesstaaten sind die Patentanwälte schon bisher nicht gewerbesteuerpflichtig gewesen.

Die Dreyfuskampagne in Frankreich will kein Ende nehmen. Jetzt erklärt ein Blatt wieder eine Mitteilung, in der außer Esterhazy noch ein Offizier der Artillerieſchule in Fontainebleau beschuldigt wird, Dokumente an Deutschland geliefert zu haben.

Der Sultan ist erkrankt. Die Aerzte schrieben ihm ab­solute Ruhe vor und verordneten ihm warme Bäder.

* Ein englischer Händler Howard nebst seiner ganzen Schiffsmannschaft wurde, wie jetzt bekannt wird, auf seinem Fahrzeuge beim Tauschhandel von Eingeborenen der deut­schen Admiralitätsinseln ermordet. Die Ein­geborenen erbeuteten Gewehre und Patronen und ließen das Schiff dann auf Grund laufen. Die Bewohner der Admiralitätsinseln sind Kannibalen und haben schon mehr­fach Reisende meuchlings ermordet.

* Bei Capari in der Nähe von Monastir hat wieder ein Zusammenstoß zwischen türkischen Truppen und einer aus dreißig Köpfen bestehenden bulgarischer Bande stattgefunden. Die Bulgaren verloren zwölf Tote, die Tück a hatten vier Tote und Verwundete.

Nab und fern.

Die Kaiserin als Landwirtin. Während ihres Auf­enthaltes in Cadinen widmet die Kaiserin der Bewirtschaf tung des Gutes ein reges Interesse. Täglich unternimmt sie einen Gang durch die Felder, um sich von dem Stande der Feldfrüchte und dem Fortgang der Erntearbeiten persönlich zu überzeugen. Vielfach zeigt sie sich in den Ställen, über­wacht das Futtern des Viches, das Melken, sieht dem An- und Abschirren der Pferde zu und unterhält sich mit den Be­diensteten über die einschlägigen Fragen. Von Schlo bitten kommend, traf Prinz Adalbert von Schleswig- Hol­stein, ein Neffe der Kaiserin, zu kurzem Besuche in Cadinen ein. Neueren Dispositionen zufolge gedenkt die Kaiserin, ihren Besuch in Cadinen bis zum 6. Auguſt auszudehnen und dann mit ihren Kindern und dem größeren Hofstaate nach Schloß Wilhelmshöhe überzusiedeln.

Der Erste Deutsche Abstinenten- Tag" findet in Berlin vom 8. bis 10. August d. Is. statt. An ihm werden fast alle diejenigen Vereinigungen teilnehmen, welche die gänzliche Enthaltsamkeit vom Aikohol predigen. An ihrer Spizze steht der Guttempler- Orden, der gegenwärtig in Deutschland etwa 20 000 Mitglieder in rund 800 Logen zählt; dann die Landesgruppe Deutschland des Internationalen Alkohol­gegner- Bundes und der Deutsche Bund abſtinenter Frauen. Dazu kommen die abstinenten Fachvereine der Kaufleute, Lehrer, Lehrerinnen, Eisenbahner, Aerzte, Pastoren und Studenten. Die Gesamtzahl der Abstinenten in Deutsch­land wird zur Zeit auf etwa 35 000 geschätzt.

Ein Opfer des Spiritismus wurde in Berlin die Frau eines Portiers namens Jankowsky. Durch Teilnahme an spiritistischen Sitzungen, denen sie ohne Wissen ihres Man­nes beiwohnte, wurde sie tiefsinnig und sab fortgesetzt Geister, sogar die ihrer noch lebenden Brüder. Um die arme Frau von ihrem Wahn zu heilen, ließ man ihre Brüder nach Berlin kommen. Als die Kranke sie aber sah, verfiel sie in Tobsucht, indem sie fortwährend rief: Ihr seid ja tot, was wollt ihr hier?" Die Unglückliche mußte nach einer Anstalt gebracht werden.

Ihr 71jähriges Ghejubiläum können am 27. d. Mts. die Kapitän Arnoldschen Eheleute in Neßmersiel( Ostfries­land) feiern. Dem Jubelpaare verlich der Kaiser im vorigen Jahre anläßlich der 70, ährigen Hochzeitsfeier die bisher nur wenige Mal zur Verleihung gelangte Ehe- Jubiläums­medaille mit der Zahl 70. Der Jubelgreis ist 97, seine Battin 89 Jahre alt; beide sind noch ungemein rustig und lebensfroh.

Die Here"! zu Wasserburg im Elsaß erhängte sich ein Bauer aus einem Anlaß, der aus dem finstersten Mittel­alter zu stanunen scheint: Seine Frau war von einem weiſent Mann für eine Here erklärt worden, die den Bauern das Vieh verhert haben sollte. Die abergläubischen Leute mieden nun ängstlich jeden Verkehr mit der Familie der Here", und der Mann nahm sich, als er den Grund von diesem Verhalten erfuhr, die Schande" so zu Herzen, daß er es vorzog, aus dem Leben zu scheiden. Die Angelegenheit dürfte noch ein Nachspiel vor Gericht haben.

Die Berlon der Ohrenowitsch.

Ihr Beispiel spornte die Frauenwelt an, und weit über

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